Myanmar: Haft und Tod im Bürgerkrieg

Im Juli dieses Jahres haben Myanmars Militärbehörden erstmals seit 1988 wieder Todesurteile vollstreckt. Vier Männer wurden hingerichtet. Mehr als hundert weitere Menschen halten ihr Todesurteil schon in Händen und müssen nun ebenfalls mit ihrer Hinrichtung rechnen.

Phyo Zeya Thaw, Kyaw Min Yu

Ein Beitrag von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2022/4 Leben mit dem Tod unter der Rubrik Buddhismus und Gesellschaft

Im Februar 2021 hat das Militär in Myanmar die demokratisch gewählte Regierung des Landes gestürzt. Seitdem sind laut Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen 2 000 Menschen ermordet und 14 000 in Haft genommen worden. Seit Juli gehören nun auch offizielle Hinrichtungen zur Kriegsführung gegen die eigene Bevölkerung. Angst vor Haft und Tod soll den Widerstand brechen.

 

Seit der Machtergreifung des Militärs im Februar 2021 hat Amnesty International laut eigenen Angaben „eine alarmierende Zunahme“ von Todesurteilen in Myanmar festgestellt. „Das Militär setzt die Todesstrafe ein, um all diejenigen, die sich gegen die Behörden auflehnen, einzuschüchtern, zu drangsalieren und zu verfolgen“, so die Menschenrechtsorganisation.

 

Eine Kriegsrechtsverordnung hat nach dem Putsch die Befugnis, Zivilpersonen vor Gericht zu stellen, auf Militärgerichte übertragen. Sie arbeiten im Schnellverfahren. Angeklagte haben weder das Recht noch die Möglichkeit, ein Urteil anzufechten – alles das schwere Verstöße gegen Völkerrecht und internationale Standards. 

 

Hla Myo Aung und Aung Thura Zaw

Wenig bekannt ist über die beiden Hinrichtungsopfer Hla Myo Aung und Aung Thura Zaw. Die Junta hat die beiden Männer verdächtigt, eine Militärinformantin ermordet zu haben. Laut Menschenrechtsorganisationen stammten die beiden Männer aus Yangon und waren seit Monaten an den Protesten beteiligt – so wie es derzeit trotz enormer persönlicher Risiken Menschen aus allen Berufen und Gesellschaftsschichten sind. 

 

 

Phyo Zeya Thaw

Phyo Zeya Thaw

Bis zuletzt war Thazin Nyunt Aung, Ehefrau des 41-jährigen Phyo Zeya Thaw, davon ausgegangen, das Todesurteil gegen ihren Mann würde nicht vollstreckt werden. Laut einem Bericht der BBC schöpfte sie aus dem Umstand Hoffnung, dass seit 1988 in Myanmar niemand mehr hingerichtet worden war. Während Phyo Zeya Thaw in Haft saß, hielt sie die Verbindung zu ihm von Herz zu Herz aufrecht. „Ich liebe es, in die Sterne zu schauen“, zitiert der Sender sie. „Und er weiß das sehr gut. Der Himmel ist für uns der einzige Weg, miteinander zu sprechen.“

 

Phyo Zeya Thaw war in Myanmar ein bekannter Hip-Hop-Sänger. Schon 2008 war er erstmals festgenommen und zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Das Regime hatte ihm seine Beteiligung an der Generation Wave vorgeworfen, einer prodemokratischen Jugendbewegung. Als Mitglied der populären Band ACID packte Phyo Zeya Thaw seine Kritik in Songs und veröffentlichte 2000 das erste Rap-Album des Landes, das großen Anklang bei jungen Menschen fand. 

 

Nach seiner Haftentlassung 2011 ging Phyo Zeya Thaw in die Politik, wurde für die National League for Democracy (NLD) Abgeordneter im Unterhaus und enger Vertrauter von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. 2020 stellte Phyo Zeya Thaw sich nicht erneut zur Wahl, um sich wieder mehr auf seine Musik zu konzentrieren. „Er wollte wieder auf der Bühne auftreten“, erklärte Thazin Nyunt Aung. „Wir hatten als Künstlerinnen und Künstler viele Träume, aber alle wurden durch den Putsch zerstört.“ 

 

Im November 2021 verhaftete das Regime Phyo Zeya Thaw erneut und verurteilte ihn im Januar dieses Jahres zum Tode. Nach der Hinrichtung durfte seine Familie die Leiche nicht beerdigen, nicht einmal der genaue Todeszeitpunkt wurde ihr mitgeteilt.

 

 

Kyaw Min Yu

Kyaw Min Yu

Kyaw Min Yu, Jahrgang 1969, war Schriftsteller, politischer Gefangener und langjähriger Aktivist der 88er-Bewegung. Die 8888 steht in Myanmar für den 8. August 1988. An diesem Tag begann der Widerstand gegen das Militär, ein Streik legte das gesamte Land lahm. Die Proteste wurden nach einigen Wochen im Anschluss an einen Militärputsch niedergeschlagen. Kyaw Min Yu, in Myanmar auch als „Ko Jimmy“ bekannt, wurde verhaftet und zu Zwangsarbeit verurteilt. Erst 1996 kam er wieder frei. 

 

Insgesamt verbrachte Kyaw Min Yu mehr als 20 Jahre im Gefängnis und nannte es oft sein „zweites Zuhause“. Während seiner Haftstrafen widmete er sich literarischen Projekten. „Die Kunst macht mir das Leben erträglich“, sagte er einmal bei einer Buchvorstellung. „Als das Leben im Gefängnis für mich hart war, habe ich gesungen und Gedichte geschrieben.“ Er verfasste auch eine Reihe von Erzählungen, oft mit politischen Themen und mit Helden, die für Freiheit und Menschenrechte kämpfen. Einige seiner Geschichten konnte er in Japan unter Pseudonym veröffentlichen. Zu einem überraschenden Bestseller wurde seine Übersetzung des Buches „Making Friends“ von Andrew Matthews. In einem Land der unnachgiebigen Unterdrückung las man im Subtext des Buches ein Lob der persönlichen Freiheit und Selbstermächtigung.

 

In Haft lernte Ko Jimmy auch seine spätere Frau Nilar Thein kennen. Er hörte von der großen Einsamkeit der jungen Aktivistin in ihrer Haftzelle und konnte einen Wachmann überreden, ihm ein Treffen mit ihr zu gestatten. Die beiden verliebten sich und heirateten nach ihrer Entlassung 2004. Während der Safran-Revolution 2007 – buddhistische Mönchen führten die Proteste an – schlossen sich Ko Jimmy und Nilar Thein den Märschen an. Er wurde festgenommen, sie versteckte sich mit der kleinen Tochter, wurde aber bald darauf ebenfalls aufgespürt und eingesperrt. Das Kind wuchs bei seiner Großmutter auf, bis Ko Jimmy und Nilar Thein 2012 im Zuge einer Amnestie begnadigt wurden.

 

Am 13. Februar dieses Jahres erließ das Militär erneut einen Haftbefehl gegen den inzwischen 53-jährigen Freiheitskämpfer und beschuldigte ihn, durch kritische Social-Media-Beiträge die öffentliche Ruhe bedroht zu haben. Ko Jimmy tauchte unter und wechselte ständig den Ort, um einer Verhaftung zu entgehen. Gleichzeitig unterstützte er die Aufstände im Land. Festgenommen wurde er schließlich bei einer Razzia in Yangon. Der Schriftsteller unternahm zunächst einen Fluchtversuch, verletzte sich aber beim Sprung von einem Stacheldrahtzaun, als ein zweiter Flüchtender auf ihn fiel. Ko Jimmy wurde zunächst auf die Intensivstation eines Krankenhauses gebracht. Seine Ehefrau Nilar Thein erhielt jedoch keine Auskunft über Art und Schwere seiner Verletzungen, was sie vermuten ließ, dass ihr Mann bei der Festnahme zusätzlich malträtiert worden war. 

 

Nach seiner Hinrichtung forderte die 50-Jährige die Bevölkerung des Landes auf, ihren Kampf für die Demokratie nicht einzustellen, sondern „mit Siegesgeist voranzugehen“. Die Ermordung ihres Mannes habe ihr das Herz gebrochen, aber die Menschen in Myanmar würden weiterkämpfen. „Wir können nicht aufhören, nur weil wir traurig sind. Und wir können nicht trauern. Wir müssen unseren Weg weitergehen und das Militärregime abschaffen.“

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Susanne Billig

Susanne Billig ist Biologin, Buchautorin, Rundfunkjournalistin (Wissenschaft, Gesellschaft) und Sachbuchkritikerin. Sie ist seit 1988 in Praxis und Theorie mit Buddhismus und interreligiösem Dialog befasst, Kuratoriumsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell.
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