Aufbrechen im Bardo

Wenn wir Tod und Verlust erleben, wenn wir die Illusion der Kontrolle verlieren und besonders verletzlich und ungeschützt sind, können wir den Grund der Wirklichkeit erfahren, sagt Pema Khandro Rinpoche, Linienhalterin der Nyingma- und Kagyü-Traditionen des tibetischen Buddhismus, im ersten Teil ihres Essays über die Kostbarkeit des Loslassens.

Ein Beitrag von Pema Khandro Rinpoche veröffentlicht in der Ausgabe 2022/4 Leben mit dem Tod unter der Rubrik SCHWERPUNKT Leben mit dem Tod

Ständig erleben wir Geburten und Tode. Den Tod geliebter Menschen empfinden wir wohl am intensivsten. In einer solchen Zeit erscheint uns die Veränderung unserer Wirklichkeit besonders radikal. Da gibt es keine Optionen mehr, wir haben keinen Verhandlungsspielraum und die Situation kann nicht wegrationalisiert oder durch Vorspiegelung anderer Tatsachen verschleiert werden. Es gibt einen totalen Bruch in unserer Vorstellung davon, wer wir sind. Wir sind gezwungen, uns einer großen und schwierigen Transformation zu unterziehen. Wir leben, können jedoch auf einer tief empfundenen Ebene genau ermessen, was es bedeutet zu sterben. 

 

Der tibetische Begriff bardo, auf Deutsch „Zwischenzustand“, bezieht sich nicht nur auf das Leben nach dem Tod, sondern auch ganz allgemein auf solche Momente, in denen eine Lücke entsteht und die Kontinuität unterbrochen wird, die wir sonst auf unser Leben projizieren. In der westlichen Kultur sprechen wir manchmal davon, uns würde der Boden unter den Füßen weggezogen oder wir fühlten uns nicht mehr geerdet. Diese Unterbrechungen unserer üblichen Gewissheit sind mit Bardo gemeint. 

 

Noch genauer bezeichnet Bardo jenen Zustand, in dem uns die alte Wirklichkeit verloren gegangen ist und nicht länger zur Verfügung steht. Bis jetzt haben wir an der Vorstellung festgehalten, unser Leben sei von Natur aus mit einer gewissen Kontinuität ausgestattet. Auf künstlichem Boden haben wir ein falsches Gefühl von Geborgenheit erzeugt – und das Gefühl für das, was wir eigentlich sind, verloren.

 

Kein Boden, keine Gewissheit

Jeder Mensch, der schon einmal einen schweren Verlust erlitten hat, weiß, was es bedeutet, zerrissen zu sein – als wären wir zwischen Tod und Wiedergeburt begraben. In solchen, oft als traumatisch bezeichneten Momenten verlieren wir den Bezug zu unserer alten Wirklichkeit und haben gleichzeitig keine Ahnung, wie eine neue Wirklichkeit aussehen könnte. Da gibt es keinen Boden unter den Füßen, keine Gewissheit, keinen Bezugspunk, keine Ruhe. Lebenssituationen wie diese sind für Menschen schon immer eine Eintrittspforte für Religiosität gewesen, denn in einem solchen radikalen Zustand von Unwirklichkeit brauchen wir ein Denken, das tief reicht – etwas jenseits von Logik, das uns auf zeitlose, nicht konzeptuelle Weise anspricht. Milarepa hat diesen Bruch als ein großes Wunder bezeichnet und aus seiner Höhle gesungen:  

Der kostbare Topf, der meine Reichtümer enthält, wird in dem Moment, in dem er zerbricht, zu meinem Lehrer.

 

Die Erläuterungen des Vajrayana über aufeinanderfolgende Tode und Wiedergeburten sind der erste wesentliche Punkt, den es zu verstehen gilt: Da ist dieser Bruch, und je mehr wir lernen, Gefühle von Aufbrechen und Unterbrechung zu erkennen, desto eher werden wir bereit und in der Lage sein, die Vorstellung einer allem innewohnenden Wirklichkeit loszulassen und stattdessen hinzunehmen, dass uns dieser kostbare Topf aus den Händen gleitet. Eigentlich findet der Bruch ständig statt, Tag für Tag, Moment für Moment. Wenn wir unser Leben im Licht aufeinanderfolgender Tode und Wiedergeburten sehen, lösen wir die Vorstellung eines festen Selbst und eines uns innewohnenden wirklichen Lebens auf und beginnen zu sehen: Eine solche Vorstellung gibt uns keinen verlässlichen Boden, auf dem wir noch stehen könnten.

 

 

Uns dem Sein zuwenden

So von unserem Standardmodus befreit, können wir uns endlich dem Sein zuwenden. Bis jetzt haben wir an der Vorstellung festgehalten, unser Leben sei von Natur aus mit einer gewissen Kontinuität ausgestattet. Auf diesem künstlichen Boden haben wir ein falsches Gefühl von Geborgenheit erzeugt. Doch das Gefühl für das, was wir eigentlich sind, haben wir dadurch verloren. 

 

Die Ursache allen Leidens lässt sich auf das Festhalten an einer fiktiven Existenz zurückführen. Aber was genau bedeutet das?

 

Wenn wir wirklich verstehen, gibt es nicht einmal mehr einen Container, der unsere normalen Konzepte zusammenhält, um sie kohärent zu machen. Der kostbare Topf zerspringt und all unsere Wertsachen rollen davon wie Murmeln auf einem Tisch. Die Wirklichkeit, wie wir sie zu kennen glaubten, ist gestört. Das Spiel, das wir gespielt haben – ein ideales Selbst zu erfinden –, ist plötzlich unbedeutend geworden.

 

Das ist shunyata, das auf verschiedene Weise übersetzt wird, am häufigsten als „Leerheit“, aber es gibt keine wirkliche Entsprechung in unserer Sprache, kein einziges Wort, keine Vorstellung, die den Grund der aufgebrochenen Wirklichkeit angemessen ausdrücken könnten. Da „Leere“ im Deutschen negative Konnotationen hat, wird Shunyata manchmal als „Leerheit“, „offene Weite“ und sogar „Grenzenlosigkeit“ übersetzt. Nyingma-Lehrer wie Longchenpa haben Leerheit durch positive Begriffe erläutert, untrennbar verbunden mit Präsenz, Klarheit und Mitgefühl. Doch im Zusammenhang mit Tod und Geburt bezieht sich Shunyata auf die direkte Erfahrung des Bruchs, der im Kern unseres Seins zu spüren ist, eben wenn es keinen Sinn mehr macht, sich eine künstliche Sicherheit zu fabrizieren. 

 

In den Bardo-Lehren geht es darum, zu erkennen, wie kostbar es ist, unsere Spiele aufzugeben, ohne auch nur einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden. Wir sprechen hier natürlich nicht davon, unser kostbares menschliches Leben aufzugeben, sondern jene subtilen Spielchen: Wir halten Bilder unseres idealen Selbst in einer idealen Welt aufrecht und halten an ihnen fest. Wir stellen uns vor, dass wir dieses ideale Selbst erreichen könnten, wenn wir nur unsere Umstände oder andere Menschen genug beeinflussen. In der Zwischenzeit versuchen wir, uns und anderen vorzumachen, wir hätten all das bereits erreicht. Dieses Spiel spielen wir die ganze Zeit: Immer wieder schieben wir es auf, den jetzigen Moment zu akzeptieren, um weiter einer fiktiven Wirklichkeit nachzujagen.

 

Das Spiel funktioniert nicht mehr

Doch wenn wir Brüche erleiden, stellen wir fest, dass wir dieses Spiel einfach nicht mehr spielen können. Deshalb geht es in den Bardo-Lehren darum, die Kostbarkeit des Bruchs und des Aufgebens zu erkennen; denn wenn wir schwer krank sind oder im Hospiz liegen und die Kontrolle über unsere eigenen Körperfunktionen an Fremde abgeben müssen, gibt es die Option, alles weiter aufrechtzuerhalten, einfach nicht mehr. Wir sind, wenn wir dem Tod gegenüberstehen – oder auch, wenn wir ein Kind gebären –, nicht mehr in der Lage, ein äußeres Bild zu verwalten oder uns auf die Suche nach dem idealen Selbst zu machen. Es ist einfach so, wie es ist – wir sind nur Menschen und haben in dieser Krisenzeit einfach nicht die Energie, alles zusammenzuhalten. Wenn die Dinge auseinanderfallen, können wir nur noch so sein, wie wir eben sind. Heuchelei und Ehrgeiz fallen weg. Das Leben wird sehr einfach.

 

Der Wert solcher Momente liegt vor allem auch darin, dass sie uns zeigen, wie wir das Spiel aufgeben können. Die Leere, die wir befürchtet hatten – die Leere des Vakuums – tut sich gar nicht auf. Wir erleben einfach nur die bloße Tatsache des Seins. Was bleibt, ist einfache Präsenz: ein- und ausatmen, aufwachen und einschlafen. Die Unausweichlichkeit der Umstände, in denen wir uns befinden, fühlt sich so überwältigend an, dass wir für einen Moment aufhören, kompliziert zu sein und zwanghaft ein gekünsteltes Leben zu fabrizieren. In diesem nicht geerdeten Raum trösten wir uns möglicherweise nicht mehr und sagen uns nicht einmal mehr, dass alles in Ordnung sei; vielleicht sind wir selbst dafür zu müde. Es ist einfach eine totale Kapitulation – wir sind gezwungen, nicht mehr nach einer innewohnenden Wirklichkeit zu greifen. Das gekünstelte Selbst, das gekünstelte Dasein sind wie leer gefegt; die ermüdende Tretmühle der Imagepflege kommt zum Stillstand. 

 

Was bleibt, ist ein frischer Moment, der uns spontan immer wieder neu begegnet. Eine erstaunliche Wirklichkeit tut sich auf, wenn wir den Bruch nicht ablehnen – und wenn wir eine verlässliche Vorstellung davon haben, was in diesem „grund-losen“ Zwischenzustand vor sich geht. Dann kann uns die Erfahrung des Bruchs in eine Begeisterung, ja sogar Verzückung führen. 

 

Mandala der friedvollen und zornvollen Gottheiten im Bardo

Was bleibt von mir?

Karma Lingpa, der große tertön der Nyingma-Linie (ein Tertön ist jemand, der termas, von Padmasambhava verborgene Texte, gefunden hat; die Red.), lebte im 14. Jahrhundert. Innerhalb weniger Tage verlor er seine Frau und sein Kind. Kurz danach soll er, so wird erzählt, einen Schatz an Lehren aus einem Berghang hervorgeholt haben. Karma Lingpa blickte auf eine intensive spirituelle Praxis zurück, weshalb der Zusammenbruch eine Explosion, einen Vulkanausbruch der Weisheit in ihm auslöste. Der Text „Spontanes Erscheinen der friedvollen und zornvollen Gottheiten aus dem erwachten Gewahrsein“ ist daraus hervorgegangen – hier im Westen als „Das Tibetische Totenbuch“ bekannt.

 

Wenn ich meinen gesamten Besitz, meinen Beruf, all mein Geld verliere, was bleibt dann von mir? Die Erfahrung eines tiefgreifenden Bruchs kann so etwas wie eine Schlüsselunterweisung sein: Tod und Verlust werden zu großartigen Lehrern. So wie Karma Lingpa kann auch uns die Begegnung mit dem Tod einer grundlegenden Ebene des Seins öffnen – roh, unkontrolliert, nicht manipuliert. Auf diesen natürlichen, nicht bedingten Zustand weist Shunyata hin.

 

Was steckt hinter all unserer Erfahrung? Wenn es keine inhärente Existenz gibt, an der man sich festhalten kann, was ist dann die letztendliche Wirklichkeit? Selbst der oberflächlichste Mensch sehnt sich nach einer Antwort darauf, ist sie doch das, wonach wir alle stets suchen. Deshalb streiten wir uns mit Menschen, die wir lieben, über Kleinigkeiten – weil uns diese unbeantwortete Frage antreibt. Denn wenn wir den Kampf verlieren würden, was gäbe es dann noch? Was würde dann aus uns? Wenn wir diese Beziehung verlören, was bliebe übrig? Wer sind wir? Wenn ich meinen gesamten Besitz, meinen Beruf, all mein Geld verliere, was bleibt dann von mir? Für Menschen, die darauf keine Antwort wissen, wird aus der Frage eine Urangst, die den Hintergrund von allem bildet, was sie sagen, tun und denken.

 

Alles wird erträglich

Und so lautet das dritte Prinzip, das wir über Tod, Geburt und Reinkarnation lernen können: Das Ausmaß, in dem wir wissen, was allem zugrunde liegt – dem Guten, dem Schlechten, dem Schönen, dem Hässlichen, dem, was wir kontrollieren können, und dem, was wir nicht kontrollieren können –, entspricht dem Ausmaß, in dem wir uns entspannen können. In dem Maße, in dem wir die Präsenz unseres Gewahrseins als Wirklichkeit erkennen, wird alles erträglich.

 

Wenn wir mit dieser Grundlage innig vertraut werden, können wir sogar in einem harten Leben und wenn wir wissen, dass schmerzhafte Erfahrungen auf uns warten, bei Verstand bleiben. Denken wir nur daran, wie bereit wir sind, Schmerzen für jemanden zu ertragen, den wir wirklich lieben. Unser eigenes Leben hat mit unserer Mutter begonnen: Durch ihre Liebe hat sie die Schmerzen unserer Geburt ertragen. Warum sollten wir weniger bereit sein, den Schmerz von Tod, Verlust oder Veränderung zu ertragen? Wenn wir mit dem Grund des Seins in Kontakt sind, liegen im Sterben vielleicht sogar Leichtigkeit und Trost. Auf dieser Basis wird es uns möglich, mit einer Klarheit auf der Erde zu wandeln, die alles annimmt, was auftaucht. Wenn wir also verlieren müssen, können wir verlieren. Wenn wir in Zeiten großer Verluste loslassen müssen, gar diesen Körper verlassen müssen – dann öffnen wir uns für noch etwas anderes. Das ist es, was im Bardo zum Vorschein kommt: Präsenz als Grundlage des Seins.

 

 

Der Text wurde übersetzt von Doris Wolter. Der zweite Teil wird in der kommenden Ausgabe von BUDDHISMUS aktuell erscheinen.

 

Dieser Beitrag ist im englischen Original erstmals in der Zeitschrift Lion’s Roar erschienen:
lionsroar.com/four-points-for-letting-go-bardo.

 

Weitere Informationen 

pemakhandro.org

 

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Pema Khandro Rinpoche

ist Gelehrte der buddhistischen Philosophie sowie Linienhalterin der Nyingma- und Kagyü-Traditionen des tibetischen Buddhismus. Sie hat mehrere gemeinnützige Organisationen und Projekte gegründet und promoviert derzeit an der Universität von Virginia mit dem Schwerpunkt Tibetischer Buddhismus.
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