Exil und Mitgefühl

Das Buch „Exile and Otherness“ vergleicht Leben und Denken des japanischen buddhistischen Gelehrten der Reine-Land-Schule Shinran und des ebenfalls im Mittelalter lebenden jüdischen Philosophen Maimonides. Beide mussten im Exil leben, was deutliche Spuren in ihrer Philosophie hinterlassen hat. Ein Gespräch mit der Autorin Ilana Maymind, Professorin für Religionswissenschaft in den USA.

Maimonides-Statue in Córdoba, Spanien

Ein Interview mit Ilana Maymind geführt von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2022/3 Heimat unter der Rubrik SCHWERPUNKT Heimat

Susanne Billig: Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben?

Ilana Maymind: In meiner Arbeit vergleiche ich östliches und westliches Denken miteinander. Hier haben mich insbesondere die normativen Ansprüche und Erwartungen interessiert, die an die Anhängerinnen und Anhänger einer bestimmten Religion gestellt werden. In den USA gibt es die weit verbreitete Vorstellung, der Buddhismus stelle im Gegensatz zum Judentum keine besonderen Ansprüche. Zum Beispiel werde es nicht gefordert, dass man die buddhistischen Sutras sorgfältig erlerne. Dieses Bild eines „lockeren“ Buddhismus wollte ich mit Vorstellungen über die jüdische Religion vergleichen, wonach es sich bei ihr um eine streng gesetzestreue Tradition handele, durchdrungen von der starren Einhaltung von Geboten. 

 

Sie widmen sich Shinran und Maimonides. Warum gerade diesen beiden?

Wir haben hier einen Buddhisten, der die Sutras sehr schätzte, und einen Juden, dem die jüdischen Gesetze viel bedeuteten. Wie spiegelt ihr Denken wider, was ihre jeweilige Religion erwartete? Mit dieser Frage wollte ich mich beschäftigen.

 

Außerdem repräsentieren diese beiden Denker für mich ein Thema, das über die Zeiten hinweg nicht an Aktualität verliert: Sie mussten ihre Identität neu erfinden, weil sie ins Exil und damit zur Anpassung an eine neue Umgebung gezwungen worden waren. Damit meine ich nicht nur einen geografischen Neuanfang, wie ihn Maimonides mit seiner Flucht aus al-Andalus im heutigen Spanien nach Marokko und Ägypten machen musste, was natürlich sehr herausfordernd ist. Ich meine damit auch die Notwendigkeit, sich an ein neues sozioökonomisches Umfeld anzupassen, selbst wenn dies in ein- und demselben Land geschieht wie bei Shinran, der innerhalb Japans verbannt wurde. 

 

 

Shinran-Statue am Shitennoji-Tempel in Osaka

Welche Folgen hatten Heimatverlust und Exil für Shinran und Maimonides?

Das Exil führte zunächst einmal dazu, dass Shinran seinen gehobenen Status als Mönch verlor, dessen einzige Aufgabe darin bestanden hätte, Sutras zu studieren und ein Anhänger des Buddhismus zu sein. Als er aus Kyoto weggehen und sich in Echigo niederlassen musste, verlor er also die Sicherheit und Unterstützung der klösterlichen Gemeinschaft. In Echigo musste er für seinen Lebensunterhalt selbst sorgen und tat das nicht selten, indem er sich buddhistischen Erwartungen widersetzte – beispielsweise der Erwartung, niemals einen schädlichen Beruf wie Metzger, Jäger oder Krieger auszuüben. Er heiratete auch, gründete eine eigene Familie und begann, das Leben aus einem völlig anderen Blickwinkel zu betrachten. Trotzdem gab er das Studium der Sutras nie auf und verfasste weiterhin Schriften mit eigenen Gedanken und Interpretationen. Tatsächlich war er „weder Laie noch Mönch“, sondern nahm die Grenzpersönlichkeit eines Menschen „dazwischen“ an. Damit vertiefte er sein Verständnis und auch seine Wertschätzung für Unterschiede und „Andersartigkeit“.

 

 

Shinran, 1173–1263, Stifter der Jodo-Shin-Schule, die zur Reine-Land-Tradition des japanischen Buddhismus gehört.

Warum stand Shinran der klösterlichen Elite seiner Zeit so kritisch gegenüber?

Er kritisierte vor allem ihre Heuchelei; vielleicht sogar mehr als sein Mentor Honen. Seiner Ansicht nach predigten Mönche Inklusion, erfüllten sie aber nicht. Für ihn ging ihre Art zu unterrichten nicht weit genug, wenn es darum ging, die Gleichheit aller Menschen ohne jede Diskriminierung zu respektieren. Er betrachtete das Laienleben auch nicht als Hindernis für die religiöse Verwirklichung eines Menschen, anders als die Regeln des Mönchslebens.

 

Ist seine Kritik möglicherweise der Kritik ähnlich, die einige säkulare Buddhistinnen und Buddhisten heute gegenüber den etablierten buddhistischen Traditionen formulieren?

Ich denke, das lässt sich angesichts des eben Gesagten bejahen. Wir müssen jedoch bedenken, dass Shinran keineswegs außer Acht ließ, wie wichtig es ist, die Sutras zu studieren und mit der Tradition vertraut zu sein. In seinen Augen ist die Kenntnis der Sutras und die Fähigkeit einer tiefen Selbstbeobachtung für einen buddhistischen Praktizierenden unabdingbar. Und wenn es manchen Menschen an der Kenntnis der Sutras mangelt, ist doch mindestens eine tiefe Selbstbeobachtung und die Kenntnis der eigenen Schwächen eine Voraussetzung. Ich frage mich immer gern: Was spricht einen Menschen an einer bestimmten religiösen Tradition an, wenn er oder sie nicht viel über deren theoretische Grundlagen weiß? Beim Reine-Land-Buddhismus geht es keineswegs darum, sich mit sich selbst einfach nur „gut“ zu fühlen. Ja, diese buddhistische Tradition akzeptiert unterschiedslos und ohne Vorurteile jeden Menschen, aber sie fordert eine gründliche Selbstbeobachtung.

 

Die Erfahrung des Exils macht uns sensibler für die Situation anderer Menschen, führen Sie in Ihrem Buch aus. Wie geht das vor sich?

Das Exil konfrontiert uns mit dem Gefühl des Andersseins. Wir begreifen, dass wir nicht automatisch zu unserem neuen Zuhause gehören. Die Neuerfindung der eigenen Identität ist psychologisch herausfordernd, und darum verstehen wir, dass es auch für andere herausfordernd ist, „anders“ zu sein. So entwickeln wir ein Gefühl der Empathie für alle Menschen, die aus dem einen oder anderen Grund nicht automatisch hineinpassen.

 

Bei Shinran zeigte sich das in seiner Bereitschaft, unterschiedslos mit allen Menschen in Kontakt zu treten, sich für alle um ihn herum zu interessieren und allen Menschen die wichtigsten Prinzipien des Reine-Land-Buddhismus beizubringen. So wie Shinran ihn formuliert, ist der Reine-Land-Buddhismus egalitär, urteilt nicht und verzeiht alle menschlichen Schwächen, weil niemand davon frei ist.

 

Auch Maimonides musste innerlich Brücken schlagen, was ohne Sensibilität nicht möglich ist. Um nur ein Beispiel zu nennen: Er war Vorsteher der jüdischen Gemeinde von Kairo und hatte gleichzeitig die herausfordernde Aufgabe, Sultan Saladin als Leibarzt zu dienen.

 

 

Moses Maimonides, hebräisch Mosche ben Maimon; geboren zwischen 1135 und 1138 in Córdoba, gestorben 1204 in Kairo.

Maimonides gehörte in seiner Zeit in al-Andalus der großen jüdischen Gemeinde von Córdoba an und war mit dem Islam sehr vertraut. In Ägypten gehörte er als Jude auf einmal zu einer kleinen Minderheit. Gibt es neben dem Fremdsein weitere typische Merkmale einer Exilerfahrung?

Exil ist ein sehr weit gefasster Begriff, und es gehören unter anderem geografische, sozioökonomische, kulturelle und religiöse Aspekte dazu. Es ist aber vielleicht immer Teil der Erfahrung, über die wir anfangs schon gesprochen haben: die Neuerfindung der eigenen Identität, um sich in die neue Umgebung einzufügen.

 

Dieses Bedürfnis nach Neuerfindung ist mit etlichen psychischen und emotionalen Herausforderungen verbunden. Im besten Fall führt die Fremdheit zur Integration, ohne dass ein Mensch seine unverwechselbare Einzigartigkeit verliert. Sowohl Shinran als auch Maimonides taten genau das: Sie integrierten sich in ihr neues Umfeld, indem sie respektvoll mit ihm umgingen, ohne ihre eigene kulturelle und religiöse Besonderheit preiszugeben. Shinran musste verstehen lernen, wie die Laien, unter denen er nun lebte, die buddhistische Tradition sahen. Er musste ihre Bedenken, ihre Sorgen kennenlernen, bevor er versuchen konnte, von dieser neuen Gemeinschaft angenommen zu werden. 

 

Für Maimonides war es etwas komplizierter, weil er im Exil nicht nur als Jude unter Muslimen lebte, seine religiöse Zugehörigkeit also nicht der Religion der Mehrheitsgesellschaft entsprach, sondern auch in einem Land, in dem er nicht geboren war. Doch bei beiden standen Respekt und echte Lernbereitschaft im Mittelpunkt ihrer Suche nach neuer Gemeinschaft.

 

Beide Denker forderten die bestehende Ordnung heraus und kritisierten sie. Sie waren radikale Denker. Warum war das für sie so wichtig, und was trug das Exil dazu bei?

Ja, das radikale Denken zeichnet sie aus. Weil Shinran ein radikaler Denker war und den Lehren seines Mentors Honen folgte, wurde er ins Exil geschickt. Doch auch dort blieb er ein radikaler Denker und trat für eine buddhistische Lehre ein, die unterschiedslos alle Menschen akzeptiert.

 

Maimonides’ radikales Denken zeigt sich beispielsweise in der Furchtlosigkeit, mit der er die vorherrschenden Ansichten der Gemeindeleiter infrage stellte, wenn er mit ihnen nicht einer Meinung war. Und natürlich haben beide, Shinran und Maimonides, ihre radikalen Ansichten in ihren Schriften deutlich zum Ausdruck gebracht, wenn sie in Neuinterpretationen und scharfsinnigen Analysen kreativ neue Wege beschritten, ohne jedoch von der Tradition abzuweichen.

 

Warum war es ihnen bei aller Radikalität doch wichtig, die Tradition zu bewahren? 

Sowohl Shinran wie auch Maimonides fühlten sich ihrer Tradition zutiefst verbunden. Sie sahen zwar einige Probleme, wollten sie aber beide durch Umdeutung und Neuinterpretation lösen, anstatt die Tradition zu verwerfen. Shinran war vom Mönchtum frustriert und wandte sich den Sutras zu, um zu zeigen, dass sie von der Tradition teilweise falsch gelesen wurden. Seine Lesart zielte darauf ab, zu zeigen, dass es den Lehren des Reinen Landes eingeschrieben war, Menschen unterschiedslos zu akzeptieren. Maimonides wich, insbesondere in seinem philosophischen Hauptwerk, „Führer der Irrenden“, keineswegs von der Tradition ab, sondern blieb darin tief verwurzelt. Er bekräftigte, wie wichtig es war, die Gebote zu befolgen – und gleichzeitig wollte er mit diesem Buch helfen, Kompliziertheiten zu entwirren. In der Diaspora kümmerte er sich um Gefängnisinsassen, um Arme und gleichfalls Entwurzelte. Ihnen wollte er zugänglich sein und das prägte sein Schaffen.

 

Die Erfahrung von Heimatverlust, Exil und Verbannung hat auch Shinran dazu veranlasst, eine einfache Praxis zu betonen. Das ist wirklich eine deutliche Parallele!

Ja, Shinrans Wunsch nach einer einfachen Praxis vertiefte sich, als er im Exil mit einfachen Menschen aus den unteren Bevölkerungsschichten in engen Kontakt kam. Und sie beeindruckten ihn! Ihre Echtheit, ihre Freundlichkeit, ihre menschliche Tiefe. Shinran sah, wie schwierig es für diese Menschen war, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Alles das und die eben beschriebene Enttäuschung vom Mönchtum überzeugten ihn vom Wert einer einfachen, allen Menschen zugänglichen buddhistischen Praxis.

 

Ist also das Leben im Exil eine gute Voraussetzung dafür, sensibel zu werden und sich auf aktives Mitgefühl einzulassen?

Ich denke ja. Das Leben im Exil bringt Herausforderungen mit sich, die ein Menschen überwinden muss – und diese Herausforderung kann er zu schätzen lernen. Eine Herausforderung, über die wir bislang noch gar nicht gesprochen haben, ist die Sprache! Wir denken in unserer Muttersprache und müssen erst lernen, wie wir in einer anderen Sprache denken und uns ausdrücken können. „Eine Fremdsprache lernen“ – das klingt irreführend einfach. Tatsächlich ist es ungemein schwierig, denn die Sprache ist ein großer Teil unserer Identität. Ein Mensch, der sich in einer erlernten Sprache ausdrückt, macht viele negative Erfahrungen, wird überhört, missachtet oder sogar als weniger intelligent angesehen, weil er „fremd“ klingt. Wer das erlebt, kann sich besser einfühlen, wenn er anderen zuhört, die sich ebenfalls in einer neuen Sprache ausdrücken.

 

Auch Sie leben nicht in dem Land, in dem Sie geboren worden sind. Fließt ihr persönlicher Lebenshintergrund in Ihr wissenschaftliches Interesse ein, haben beide miteinander zu tun?

Ganz gewiss. Ich bin in Riga in Lettland geboren, lebe in den USA und mein Interesse an den Themen Vertreibung und Exil entspringt meiner eigenen Erfahrung sehr direkt. Vielleicht habe ich selbst nicht erleben müssen, dass andere mir das Gefühl gaben, es mangele mir an Intelligenz. Aber ich habe doch oft beobachtet, wie dies anderen Menschen geschah. Ich habe auch häufig sehen müssen, dass Menschen sich, aus dem einen oder anderen Grund, nicht wohl dabei fühlten, ihre Identität neu erfinden zu müssen, und ich verstehe ihren Widerwillen dagegen. Dieses Sich-neu-Erfinden kann sich tatsächlich anfühlen, als würde man einen Teil von sich selbst verlieren. Es ist nicht allein ihr eigener Fehler, wenn Immigrantinnen und Immigranten sich dieser Herausforderung verweigern.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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Ilana Maymind

ist Professorin für vergleichende Religionswissenschaft an der Ohio State University. In ihrer Arbeit befasst sie sich mit dem religiösen Denken in Ost und West und interessiert sich hier besonders für Fragen der Vertreibung und des Exils. Sie hat zahlreiche Texte veröffentlicht, darunter das Buch „Exile and Otherness – The Ethics of Shinran and Maimonides“, Rowman and Littlefield 2020.
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