„Wir sind es, die anderen Nahrungsmittel wegnehmen“

Weltweit leiden 800 Millionen Menschen an Hunger. Die Corona-Pandemie hat die Not vermehrt. Ein Interview über Hunger und Hungerhilfe mit Raimund Hopf, Gründer der buddhistischen Hilfsorganisation Mitgefühl in Aktion.

Ein Interview mit Jinavaro R. Hopf geführt von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2022/2 Nahrung unter der Rubrik Schwerpunkt Nahrung im Rahmen des Jahresthemas TRANSFORMATION

BUDDHISMUS aktuell: Warum habt ihr von Mitgefühl in Aktion das Thema Hunger ins Zentrum eurer Arbeit gestellt?

Raimund Hopf: Wenn man sich in einer ungerechten Welt engagieren möchte, geht man am besten dahin, wo die Not am größten ist und es gleichzeitig einen Konsens gibt, dass Engagement hier sinnvoll ist: zu den Ärmsten der Armen, denen die wichtigste Grundlage des Lebens fehlt – Nahrungsmittel. Gleichzeitig ist es ein deutlicher Protest gegen die Überschussgesellschaft, der wir selbst angehören. 

 

Habt ihr in eurer Gründungsphase auch über ein anderes Schwerpunktthema nachgedacht?

Wir würden uns gern gegen alle Formen von Ungerechtigkeit stellen, besonders gegen die Ungerechtigkeit, die Frauen erfahren. Ihr Mangel an Ausbildungsmöglichkeiten hat auch etwas mit Hunger zu tun: Wenn der Hunger besiegt ist, können sie Schulen besuchen. Wenn sie ausgebildet sind, kann ihre Ermächtigung in der Gesellschaft und deren Umgestaltung erfolgen.

 

Auf eurer Webseite sprecht ihr von eurer „Mission“ – im buddhistischen Zusammenhang ein ungewöhnliches Wort. 

Das ist ein eine Einfärbung aus dem Amerikanischen: „Our mission is …“ Aber wir spüren tatsächlich eine Mission, im Sinne eines Auftrags. Auch wir als Buddhistinnen und Buddhisten haben ja einen Auftrag in der Welt, weil wir ein Teil davon sind. Es geht nicht darum, die buddhistische Lehre zu verbreiten, das haben wir so auch in unserer Satzung verankert, sondern darum, zum Wohl aller Wesen zu handeln.

 

In dem Wort „Welthunger“ werden Millionen von Schicksalen und ein gigantisches weltweites Problem zusammengefasst. Ist es nicht sehr mutig zu sagen: Wir als kleine Hilfsorganisation können dennoch etwas beitragen – und das ist auch mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein?

Gerade deshalb können wir helfen! Ein großer Player wie die UNESCO hätte die Mittel, den Welthunger zu beenden, schafft es aber nicht. Warum? Weil sie letztlich eine politische Organisation ist und in einem Gefüge vieler Interessen nicht mehr frei, immer gemäß der ursprünglichen Ziele zu entscheiden. 

 

Wenn es um Hunger geht, können viele kleine Lichter die Welt heller machen. Die Welt lebt schon immer von der humanitären Hilfe einzelner mitfühlender Menschen oder Gemeinschaften im eigenen Umfeld. Die beste Hilfe ist, wenn ein Nachbar dem anderen hilft, eine Familie der anderen, ein Dorf dem nächsten.

 

Viele Krisengebiete geraten nie in den Fokus großer Hilfsorganisationen, weil sie zu klein sind, es zu gefährlich dort ist oder politische Gründe dagegensprechen. Und dennoch sterben dort viele Menschen. Wir unterstützen bewusst kleine Organisationen vor Ort, die sonst nie Geld für ihre wertvolle Arbeit bekämen. Deshalb können wir kleinen Organisationen in der Kooperation miteinander weltweit Lücken füllen und viel bewirken. 

 

Was sind die wichtigsten Ursachen von Hunger?

Neben Naturkatastrophen ist es vor allem der westliche Mensch in seinem Konsum. Darum machen wir diese Arbeit: Wir, du und ich, sind indirekt beteiligt, weil unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftssystem auf hohen Verbrauch angelegt sind und wir täglich tatsächlich mehr Lebensmittel wegwerfen als verzehren. Damit du und ich morgen wieder knackig frischen Salat im Regal vorfinden, wird der Salat vom Vortrag weggeworfen. Deshalb liegen in Mülltonnen so unglaubliche viele Lebensmittel. Laut Bundeslandwirtschaftsministerium werden in Deutschland jährlich zwölf Millionen Tonnen entlang der Versorgungskette als Abfall entsorgt. Darum sind wir es, die anderen Nahrungsmittel wegnehmen. 

 

Unser Wirtschaftssystem geht auf Kosten der Erde, der Ökologie, der Agrarwirtschaft weltweit und der Preise. Die armen Länder leiden darunter am stärksten. Sie erleben nicht nur im Lebensmittelbereich, sondern auch auf dem Bekleidungssektor, dass ihre Selbstversorgungsstrukturen völlig zerstört werden. In der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass der Westen mit seinen Industrien beispielsweise nach Bangladesch besser nie gegangen wäre: Dann gäbe es dort jetzt noch Reisfelder, um die Ernährung zu sichern. Wir, die westliche Überflussgesellschaft, sind die Hauptursache des Hungers. Essen gibt es mehr als genug, aber es ist ungerecht verteilt.

 

 

Wie gewährleistet ihr, dass eure Hilfe – wir stellen zwei Projekte in diesem Artikel beispielhaft vor – nachhaltig wirkt? 

Hilfe darf nicht abhängig vom Geberland machen, sondern muss Menschen und Gemeinschaften vor Ort ermächtigen, sich unabhängig etwas aufzubauen. Man geht nicht hin und baut einen Brunnen und verkauft das Wasser, sondern unterstützt ein Dorf, sich selbst einen Brunnen zu bauen und das Wasser zu verwalten. Das ist nachhaltig.

 

In einem unserer Projekte in Kambodscha bekommt eine Familie Reisspenden an dem Tag, an dem sie ihre Tochter zur Schule gehen lässt. Das Mädchen bringt dann die Lebensmittel mit nach Hause. Das hat schon viele Mädchen vor Menschenhandel bewahrt, und es verändert die ganze Familie, wenn sie erlebt: Die Ausbildung des Mädchens ist ein Weg aus dem Armutskreislauf. 

 

Wie findet ihr die Projekte, mit denen ihr kooperiert?

Interessierte Partner reichen bei uns Anträge ein. Sie müssen bestimmte Ansprüche erfüllen: gemeinnützig und offiziell anerkannt sein, transparent und nachhaltig arbeiten, Berichte schreiben. Wir kontrollieren das und können mitwirken, weil wir geben. Aber die Arbeit vor Ort machen die Einheimischen selbst, denn dafür sind sie kompetenter als alle anderen. 

 

Ansonsten geschieht Hilfe heute nicht mehr durch Schiffsladungen von Hamburg aus, sondern durch Geldüberweisungen – und das ist auch gut so, weil es die örtlichen Infrastrukturen stärkt. In manchen Ländern ist ein Euro zehnmal so viel wert wie bei uns, wenn er richtig eingesetzt wird, und zwar von den Projektpartnern selbst, ohne dass Regierungsstellen mitverdienen.

 

Wenn es um Hungerhilfe geht, sehen wir im Fernseher oft Lastwagenkolonnen, die Säcke mit Lebensmitteln abladen. Ist das eine nicht nachhaltige Hilfe?

Wenn ein Haus brennt, muss es gelöscht werden. Das ist Katastrophenhilfe, und die können nur große Organisationen wie zum Beispiel die UNESCO oder die Welthungerhilfe leisten, die über große Mittel verfügen. Unsere Arbeit sieht anders aus. Wir unterstützen kleine Schritte, die aber eine Region langfristig von den Wurzeln her verändern. 

 

Wir sprachen vorhin darüber, dass wir hier im globalen Norden den Welthunger mit zu verantworten haben. Wie kann ich als einzelne Person gegensteuern?

Bewusstes Konsumieren – bio, fairtrade – ist sicher sinnvoll. Keine Avocados, Mangos oder Fleisch zu kaufen, hilft Ressourcen zu sparen, nimmt den Leuten nicht die Plantagen weg und hilft den Regionen. Aber das ist ein sehr langfristiger Weg, und die ganze Gesellschaft müsste sich beteiligen, damit er funktioniert. Solange ich ein Produkt nicht kaufe, dann aber ein anderes mit ähnlichen Auswirkungen, hilft das niemandem, sondern stärkt nur das System.

 

Deshalb ist es tatsächlich so, dass man am besten durch eine direkte finanzielle Spende hilft. Finanzielle Mittel vor Ort einzusetzen, bewirkt mehr als eine veränderte Verbrauchermoral.

 

Kommen eure Spenderinnen und Spender vor allem aus dem Buddhismus? 

Zu 99 Prozent! Wir erfüllen damit das beste Kriterium, dass man sich für die Neugründung einer solchen Hilfsorganisation wünscht, dass nämlich eine bestimmte Gesellschaftsgruppe sich damit identifiziert. Wir helfen als Buddhistinnen und Buddhisten – so wird Mitgefühl in Aktion gesehen. Wir haben das Spendenaufkommen jetzt im zweiten Jahr fast verdreifacht, das ist ein sehr gutes Ergebnis. Es ermächtigt uns zu mehr Hilfe, aber wir haben auch einen hohen Anspruch, etwa dass wir alle Spenden für Hilfsprojekte zu einhundert Prozent an unserer Partnerprojekte weitereichen – es bleibt nichts in der Verwaltung hängen, weil wir alle ehrenamtlich arbeiten und die Kosten der Organisation und des Geldtransfers allein durch die Mitgliedsbeiträge der Vereinsmitglieder abdecken, eine große Ausnahme bei Hilfsorganisationen. 

 

Im Moment nehmen wir noch die meisten Spenden durch den „BuddhaTalk“ ein. Diese Veranstaltungsreihe habe ich ja ursprünglich mit meiner Gruppe für Interessierte in Hamburg organisiert. Seit der Talk durch Corona zur Online-Veranstaltung geworden ist, sagen wir: Alle Spenden des Abends gehen an Mitgefühl in Aktion. Das funktioniert sehr gut. Auch wenn ich den Vortragenden sage: „Wir können dir nichts zahlen, aber du unterstützt Hilfsprojekte “, sind die sehr begeistert. Wir bieten ihnen eine gute Plattform und sie helfen uns, Spenden zu sammeln. 

 

 

Flucht bei einem Angriff

Ihr befasst euch viel mit elementarer Not in der Welt. Hat euch das auch persönlich verändert? 

Man kann nicht anders, als davon berührt zu werden. Der Blick in die Welt macht mir bewusst, dass ich in einer Bedingungskette mit anderen stehe, selbst Leid mitverursache, nicht losgelöst bin. Der Blick in die Welt verändert, ja – und nach meiner Beobachtung haben Menschen umso mehr Segen in ihrer eigenen Praxis, je mehr sie sich engagieren. 

 

Weitere Informationen und Spenden

mia.eu.com

 

Spendenkonto:

Mitgefühl in Aktion e.V.
GLS Gemeinschaftsbank Bochum
IBAN: DE 85 4306 0967 1020 8948 00
BIC: GENODEM1GLS
Vermerk: Hilfsprojekte

 

 

 

Zwei Beispielprojekte

Rucksacksanitäter:innen beim Krankentransport

Bildung für Flüchtlingskinder aus Myanmar

Mitgefühl in Aktion unterstützt gemeinsam mit der Partnerorganisation Buddhist Global Relief das Backpack Medics Programm. Backpack Medics sind Rucksacksanitäter:innen, die bei Verletzungen, Krankheiten und Geburten helfen. Dreiviertel von ihnen sind Frauen. Sie sind in Regionen Myanmars aktiv, in denen es keine ausreichende medizinische Versorgung gibt, und gehören selbst der Minderheit an, der sie helfen. Für die Frauen ist diese – aus verschiedenen Gründen sehr gefährliche – Tätigkeit eine Chance, eine Berufsausbildung zu erhalten und auch in Zukunft berufstätig zu sein. Mitgefühl in Aktion hilft, indem die Kinder dieser Frauen ein Leben in Sicherheit führen können und eine Schulausbildung erhalten. Dafür ist in Zusammenarbeit mit der Mae Tao Clinic das Child Development Center in Thailand eingerichtet worden. Dort erhalten 50 bis 55 Kinder Schulunterricht; der Besuch der Schulen des Landes ist burmesischen Kindern verwehrt. Das Militär in Myanmar führt seit dem Putsch im Februar 2020 die aggressive Politik gegen Minderheiten fort, bombardiert Dörfer und lässt keine medizinische Hilfe von außen zu.

 

 

Kamerun: Frauen vor Armut und Ausgrenzung schützen

Gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen fördert Mitgefühl in Aktion die Ausbildung von Witwen und alleinerziehenden Frauen in Kamerun. Viele Frauen sind von sexueller und häuslicher Gewalt betroffen und traumatisiert. Früh verheiratet, schnell schwanger und nach wenigen Jahren wieder verlassen, sind sie dann auf sich gestellt, weil sie nicht zurück zu ihrer Familie können. Ungewollt schwanger werden sie verstoßen. Das Projekt schützt sie vor Armut und weiterer Ausgrenzung, indem sie Fähigkeiten erlernen, die ihnen die Eingliederung in die Gesellschaft sowie den Einstieg ins Arbeitsleben erleichtern. Mittlerweile können jährlich mehr als 600 Frauen und Mädchen ausgebildet werden. Sie erhalten eine kostenlose Berufsausbildung in unterschiedlichen Bereichen: Schneiderei, Design, Friseurhandwerk, Schönheitspflege, Weberei und Verarbeitung von Agrarlebensmitteln. Die Ausbildung dauert in der Regel mindestens sechs Monate und umfasst auch eine Alphabetisierung. Im Anschluss erhalten die Teilnehmerinnen einen Abschluss sowie ein Startkapital und alle weiteren notwendigen Unterstützungen, um ihr eigenes Kleinunternehmen gründen zu können.

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Jinavaro R. Hopf

Raimund Hopf (Jinavaro) praktizierte und studierte Zen und tibetischen Buddhismus, bevor er den ursprünglichen Buddhismus durch das Studium der alten Texte als seinen Weg entdeckte. Er studierte in Hamburg und am Karmapa International Buddhist Institut in New Delhi und war Mönch in der Waldklostertradition des Dhammayut-Nikaya in Thailand. Heute ist er Lehrer in der Suttanta-Gemeinschaft, hält Vorträge und übersetzt die Pali-Suttas, die für ihn die Richtschnur der buddhistischen Praxis sind. Zusammen mit Freunden hat er den Buddha-Talk ins Leben gerufen und ist der Initiator und war der erste Vorsitzende des Vereins 'Mitgefühl-in-Aktion e.V.'
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