Warum ... beim Krieg gegen die Ukraine niemand wegschauen darf!

Mit dem Einmarsch der russischen Soldaten in ihr Nachbarland wurden wir in eine neue Realität geworfen. In dieser Realität wird bombardiert, Panzerkolonnen bewegen sich auf Großstädte zu und greifen sie an, wehrlose Menschen sind zu Hunderttausenden auf der Flucht. Ich persönlich kannte diese Realität bislang nur aus alten Dokumentationen über den Zweiten Weltkrieg, aber nicht in dieser Nähe, nicht in meiner eigenen Lebenszeit.

Stop War in Ukraine, Bild: Asar Studios from Chicago, USA, CC BY-SA 2.0

Ein Beitrag von Nils Clausen veröffentlicht in der Ausgabe 2022/2 Nahrung unter der Rubrik Aktuell

Diese neue Realität musste ich erst verarbeiten. So viele Fragen dazu bewegten mich: Wie kann jemand so handeln wie Wladimir Putin? Warum machen die russischen Soldaten das mit? Was bedeutet dieser Krieg für unsere Zukunft? Welche neuen Gefahren bringt die massive Aufrüstung mit sich, die jetzt überall erfolgt? Wie konnte es nur dazu kommen? 

 

Ein Vortrag des weltweit bekannten israelischen Universalhistorikers Yuval Noah Harari half mir, zu einem klareren Verständnis zu kommen. Ich erfuhr, dass das Verhältnis der Ukraine zu Russland viel komplexer ist, als Putin es darstellt. Dass er dieses Land vermutlich nie wird regieren können, auch wenn er es erobert. Dass die Samen des Hasses und der Gewalt das Klima zwischen Ukrainern und Russen für lange Zeit vergiften werden – so, wie die Saat, die im Zweiten Weltkrieg gesät wurde, heute noch die politische Gegenwart Russlands vergiftet. 

 

Yuval Noah Hararis Voraussagen haben mir eingeleuchtet: Das Leiden wird nicht auf die Ukraine beschränkt bleiben, sondern weltweit unheilvolle Auswirkungen haben. Allein die Erhöhung der Militäretats in so vielen Ländern wird zu Mängeln in der Gesundheitsfürsorge, der Bildung und dem Kampf gegen den Klimawandel führen. Die Welt wird unsicherer werden, denn das Vertrauen in Institutionen, Wahlen und Demokratie wird erschüttert werden. Damit geraten die Fundamente der freien Gesellschaft in Gefahr.

 

Doch muss das alles zwangsläufig passieren? 

 

Der Krieg in der Ukraine ist keine Naturkatastrophe. Er ist von Menschen gemacht – genauer gesagt von Waldimir Putin und einer kleinen Gruppe Getreuer um ihn. Es ist nicht das russische Volk, das diesen Krieg will. Wenn es gelingt, Wladimir Putin zu stoppen, endet auch dieser Krieg.

 

Neben den verhängten Sanktionen gibt es weitere Wege, die Putin-Kriegsmaschinerie langfristig zu bekämpfen, zieht sie doch ihre Kraft aus unserer Abhängigkeit von Öl und Gas. Wenn Europa die Energiewende noch entschiedener vorantreibt und neue Energiequellen erschließt, wird das die Macht der russischen Militärmaschinerie untergraben und Putin und seine Regierung – oder die Russinnen und Russen selbst – zwingen, ihr Regime zu ändern.

 

Als Buddhist ist für mich auch das Wirken der drei Geistesgifte unübersehbar: Die Gier, das russische Imperium auf Kosten der Ukraine zu vergrößern. Der Hass auf die ukrainischen Menschen, die nach Freiheit, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit streben. Und die Verblendung, die Ukraine sei keine eigenständige Nation, sondern nur ein Teil Russlands, der heimgeholt werden müsse.

 

Es ist sicherlich gut, für die Ukraine zu meditieren und das auch öffentlich zu tun. Das allein wird vermutlich jedoch nicht ausreichen, um zum Ende des Krieges beizutragen. Wir dürfen nicht wegschauen, auch wenn die schrecklichen Kriegsmeldungen uns belasten. Wir sollten unseren Anteil beitragen, den Druck auf Moskau so lange zu erhöhen, bis die Kriegskosten für die russische Regierung nicht mehr tragbar sind. Und wir sollten unseren Protest auf die Straße tragen, wo bereits Hunderttausende demonstrieren.

 

Der Frieden ist es wert, dass wir jetzt aufstehen und uns für ihn engagieren.

 

Weitere Informationen

TED-Talk Yuval Noah Harari:
„The war in Ukraine could change everything“

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Nils Clausen

ist Fotograf und Inhaber einer Werbeagentur. Sein buddhistischer Weg begann bereits in der Jugend in einem Zen-Dojo bei Paris. Später war er in verschiedenen Schulen der Karma-Kagyü-Linie unterwegs. Heute ist er DBU-Delegierter der Karma-Kagyü-Gemeinschaft. Aktuell ist er DBU-Ratsmitglied und -Vorsitzender.
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