Missbrauch und Institution

Der langjährige Zen-Praktizierende und Religionswissenschaftler Eberhard Kügler ist Redakteur beim NDR-Fernsehen. Persönlich wie beruflich setzt er sich immer wieder mit dem Thema sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch in religiösen Einrichtungen auseinander. Der erste Teil unseres Gesprächs mit ihm.

Eberhard Kügler, Foto: @ Yudo J. Seggelke

Ein Interview mit Eberhard Kügler geführt von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2022/2 Nahrung unter der Rubrik Buddhismus Heute

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BUDDHISMUS aktuell: Warum sind sexualisierte Gewalt und Missbrauch in religiösen und säkularen Institutionen erst jetzt zu einem großen öffentlichen Thema geworden? 

Eberhard Kügler: In den 1950er-Jahren herrschte beim Thema Sex in der katholischen Kirche, aber auch weit darüber hinaus, biologisches und begriffliches Analphabetentum. Das zeigen die ersten Zwischenergebnisse einer Studie, die derzeit an der Universität Münster zum Missbrauch an Minderjährigen im Bistum Münster entsteht. In älteren Dokumenten, die sich in den Personalakten des Bistumsarchivs finden, sind Aufzeichnungen nachzulesen über Befragungen von Missbrauchsopfern: Einige der Überlebenden1konnten nicht einmal richtig beschreiben, was sie mit Priestern erleben mussten, weil sie dafür keine Worte und eine zu geringe Kenntnis des eigenen Körpers hatten. 

 

Dazu kommt: In den Gesellschaften der Nachkriegszeit und bis in die 1960er-Jahre gab es eine Hierarchie- und Autoritätsfixierung, die auf Machtmissbrauch und Übergriffe mit Schweigen oder sogar mit Täter-Opfer-Umkehr reagierte. Nicht unterschätzen darf man auch die institutionalisierte Kungelei von Politik, Kirche und Justiz. Die Münsteraner Forscher:innen haben in einer Pressekonferenz von „Elitenverschmelzung“ gesprochen: Da hatten Männer jahrelang in zahlenmäßig überschaubaren Gymnasien und Universitäten gemeinsam ihre Ausbildung durchlaufen und teils in Burschenschaften ihre Karrieren vorbereitet. Später ließ sich dadurch manches „Problem“ unauffällig durch ein Telefonat zwischen Staatsanwaltschaft und Bistumsverwaltung regeln.

 

Die 1960er-Jahre brachten aber dann eine Wende.

Ja, spätestens in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts. Stichworte Autoritätskritik, sexuelle Befreiung, Frauenbewegung. Aber alte Autoritätsstrukturen und Hierarchien sind zählebig. In den letzten Jahrzehnten ragen zwei Vorkommnisse heraus, die das Thema unumkehrbar in die Öffentlichkeit getragen haben: Vor rund zwanzig Jahren hat die Zeitung Boston Globe das Ausmaß von sexualisierter Gewalt in Teilen der katholischen Kirche der USA erstmals öffentlich gemacht. Seitdem weitet sich dieser Skandal kontinuierlich aus. Der zweite wichtige Faktor ist natürlich die MeToo-Bewegung. 

 

Was macht denn Institutionen generell – Sport, Kirche, Heim, Internat, buddhistische Sangha – anfällig für Missbrauch? 

Die sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen wird juristisch und aus guten Gründen nicht mit dem spirituellen und sexuellen Missbrauch von Erwachsenen gleichgesetzt, das ist festzuhalten. Außerdem ist der Missbrauch von Heranwachsenden nicht nur in den genannten Institutionen zu finden. Tatsächlich belegen Studien, dass die meisten Fälle in der Familie vorkommen. Grundsätzlich passiert Missbrauch immer dann, wenn ein Machtgefälle besteht, das von den „Machthabern“ im wahrsten Sinn des Wortes schamlos ausgenutzt wird. 

 

Dazu kommt bei vielen Institutionen ein gern gepflegter Distinktionsmechanismus, nämlich als Gruppe etwas Besonderes zu sein. Dafür sind die Gruppenmitglieder nach innen oft bereit, Regeln und Verhaltensweisen anzunehmen, ohne deren Sinnhaftigkeit zu überprüfen oder diese zu hinterfragen, und unangemessenes Sozialverhalten zu akzeptieren. 

 

Besondere Risiken für Missbrauch jeder Art bestehen in solchen religiösen Gemeinschaften, in denen es in besonderer Weise um vorgeblich geheime und uralte Rituale geht, weil scheinbar nur die jeweilige Gruppe dieses besondere Angebot macht. Diese Gruppen zu verlassen ist manchen kaum möglich, so sehr sind ihre Anhänger:innen darin eingebunden. Außerhalb der Gruppe reduzieren oder ersetzen die Mitglieder zudem die vorher gepflegten sozialen Kontakte und Beziehungen, auch weil sie meist in das Gruppenziel rigoros eingebunden sind: sportliche Erfolge, pädagogische Exzellenz, herausgehobene spirituelle Erkenntnis.

  

Gibt es noch mehr, was insbesondere religiöse Gruppen anfällig macht?

Nun, es ist die Möglichkeit, sich auf Traditionen und besondere „höhere“ Wahrheiten zu berufen, um ein gruppeninternes Machtgefälle zu begründen. Nicht alle Leitenden können damit umgehen. Der Hindumönch, Tantriker und Anthropologe Agehenanda Bharati hat deshalb gewarnt: „Der Mystiker, der vor seinem Erwachen ein Widerling war, bleibt auch danach ein Widerling.“ Als begleitende Lektüre dazu kann ich auch das Kapitel Daigo in Dogens Shobogenzo oder „Die lebendige Liebesflamme“ (3, 30-62) von Johannes vom Kreuz empfehlen.

Auf der anderen Seite fehlen den Neumitgliedern einer Sangha in der emotionalen Intensität ihrer „neuen Liebe“ noch die Kriterien für, banal gesprochen, einen Qualitätscheck. Eine denkbar schlechte Ausgangssituation.

Dazu kommt: Leitende Geistliche, auch buddhistische Lehrer, sind in der Mehrzahl Männer. Zu denen blicken dann Schülerinnen auf, die Orientierung suchen, auch Bindung, vielleicht Liebe. Besonders unsicher-verletzliche Frauen werden als Geliebte „auserwählt“ – und merken erst später, dass sie nicht auserwählt, sondern ausgebeutet worden sind. Wenn der Missbrauch nicht von vornherein in der Abgeschiedenheit eines entlegenen Zentrums oder privater Wohnräume als klar gewaltsamer Übergriff gestartet wird.

 

Sind Sie persönlich Missbrauch im religiösen Kontext begegnet? 

Viele Jahre nach meiner Schulzeit habe ich erfahren, dass mehrere Mitschüler meiner katholischen Internatsklasse in unterschiedlicher Weise missbraucht worden sind. Vom unangenehm empfundenen Griff ans Knie im Beichtgespräch über das Abtrocknen durch einen Erzieher nach dem Duschen im Krankentrakt bis zu noch schwereren Formen. Ich selbst war – als Verantwortlicher für die Schülerzeitung, die zumindest den Anspruch hatte, alles kritisch zu kommentieren, was an der Schule und rundherum passierte – offenkundig nicht die passende Zielperson für solche Übergriffe, zu meinem Glück. Meines Wissens ist bisher keiner dieser Vorfälle aktenkundig geworden, mangels Anzeigen.

 

Was haben Sie – mit dem Abstand von heute – daraus gelernt?

Besonders erschreckend finde ich, dass manche Betroffene auch fünfzig Jahre später bestenfalls in Andeutungen über ihre Erlebnisse berichten können. Selbst nach langer psychotherapeutischer Begleitung. Dass wirklich enge Freunde Jahre brauchen, um von Grenzüberschreitungen durch Geistliche zu erzählen, die unsere gemeinsamen Erzieher waren. Darum ist die Verjährung bei Missbrauch ja auch so entsetzlich täterfreundlich.

Dann empfinde ich ein ungläubiges Staunen darüber, wie selektiv und verschleiernd meine eigene Wahrnehmung war. Noch vor zehn Jahren hätte ich jederzeit versichert, dass es während meiner Zeit im Internat keinen Missbrauch gab. Dabei gab es immer wieder brutale Demonstrationen der Macht, die manche Erzieher:innen an uns exekutierten. Wegerklärt, weggeschoben, „vergessen“ ...

Ich bin jetzt aufmerksamer in Gesprächen. Ich frage inzwischen möglichst bei jedem blauen Flecken nach, den ich an jemandem sehe, und häufig auch, wenn ich bei Mitfahrenden in der S-Bahn unkontrollierte Tränenausbrüche erlebe. Ich mache gerne mal einen Scherz über die „wichtigen“ Leiter mancher Sanghas, bei denen ich ab und an mit sitze. Interessant finde ich: Viele reagieren selbstironisch und manche fast dankbar. Man sollte sich sowieso genau überlegen, ob man in einer Gemeinschaft gut aufgehoben ist, die sich selber zu ernst nimmt.

 

Die politische Demokratie kennt recht ausgetüftelte Mechanismen der Machtbegrenzung, auch wenn die immer noch besser sein könnten. Aber es gibt Wahlen und Ämter auf Zeit und einen öffentlichen Diskurs, der extreme Machtkonzentration als nicht legitim markiert. Wie sehen Sie den Stand solcher Kontrollmechanismen in Buddhismus und Christentum? 

In der katholischen Kirche gibt es die formale Trennung von „Forum externum“ und „Forum internum“. Vereinfacht gesagt ist das die Trennung zwischen der organisatorischen Leitung einer Gemeinschaft und dem „Seelenführer“. Beispiel Männerorden: Sofern sie sich an diese kirchenrechtlichen Vorgaben halten, gibt es einen Hausoberen sowie einen Novizenmeister auf der einen Seite, einen Beichtvater auf der anderen, letzteren vielleicht sogar von außerhalb der Gemeinschaft. Es gibt zwar keine „Qualitätssicherung“, aber zumindest eine ansatzweise gegenseitige Kontrolle und die Möglichkeit für die Novizen, bei Problemen mehrere Vertrauenspersonen anzusprechen oder auch eine „Zweitmeinung“ einzuholen. Allerdings: Auszuhebeln, auch völlig, ist das jederzeit.

 

Und in buddhistischen Gruppen?

Da erlebe ich häufig eine starke „Meister“-Orientierung. Die organisierenden Personen bleiben im Hintergrund. Sie sind mit der Regelung der Formalien beschäftigt und nicht unbedingt Ansprechpartner:innen bei Irritationen und Kritik.

Buddhistische Gruppen vertrauen meines Erachtens immer noch zu sehr auf charismatische Führerpersönlichkeiten. Als Begründung wird gerne angeführt, dass besondere Verhaltensregeln, die auch intern kontrolliert werden, „in diesem besonderen Fall“ ja nicht notwendig seien. Denn gerade dieser spezielle Meister, Guru, Seelenführer, Lama sei in einem besonderen Stand der Heiligkeit, Erleuchtung, Weltentsagung.

Ich mag mich täuschen, aber hier ist eine Schwachstelle, auch wenn die Deutsche Buddhistische Union (DBU) inzwischen zwei Ansprechpartnerinnen für Missbrauch im buddhistischen Kontext und eine Freiwillige Ethische Selbstverpflichtung, die aber von vielen Gemeinschaften meines Wissens bislang noch nicht unterzeichnet worden ist. 

 

ENDE DER LESEPROBE

 

Anmerkung

1 Anmerkung des Interviewpartners: Ich habe mich nach Gesprächen mit mir bekannten Menschen aus persönlicher Wertschätzung für den Begriff „Überlebende“ entschieden. Ich weiß um die Diskussion darum, bitte deshalb all diejenigen um Verständnis, die eher von Betroffenen oder Opfern sprechen wollen.

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Eberhard Kügler

ist Fachredakteur für Religionen beim NDR-Fernsehen und befasst sich in dieser Aufgabe immer wieder mit den Debatten um Missbrauch in der katholischen Kirche. 1956 in Hohenwart am Rand der Hallertau geboren, besuchte er bis zum Abitur ein katholisches Internat und leistete anschließend Zivildienst bei einer Organisation für Asylbewerber:innen. Er hat Religions- und Sprachwissenschaften studiert, Feldforschungen im indischen Karnataka durchgeführt und war mehrere Jahre im vertreibenden und herstellenden Buchhandel tätig. Seit seinem 16. Lebensjahr ist Eberhard Kügler Zen-Praktizierender.
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