Fragen an einen buddhistischen Mönch

Ein Interview mit Bhikkhu Dhammamuninda geführt von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2022/2 Nahrung unter der Rubrik Schwerpunkt Nahrung

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BUDDHISMUS aktuell: Die körperliche Ernährung eines buddhistischen Mönchs Ihrer Tradition unterliegt bestimmten Regeln. Können Sie uns einige nennen und ihren Sinn erläutern?

Dhammamuninda: Der Buddha erlaubte den Ordinierten die Nahrungsaufnahme nur zu einer Tageszeit, nämlich von Sonnenaufgang bis zum Mittag. Er überließ ihnen die Wahl, zweimal oder nur einmal zu speisen und lobte die Vorteile dieser Regel für die körperliche und geistige Gesundheit.1 Denn die Anzahl der Verdauungsprozesse wird dadurch reduziert, die Bauchspeicheldrüse erholt sich über 18 Stunden und der Tagesablauf vereinfacht sich. Der gänzliche Verzicht auf alkoholische Getränke garantiert zudem, dass der Geist unbeeinträchtigt und klar bleibt.

 

Können Sie an ein, zwei Beispielen veranschaulichen, welche Erfahrungen ein Mönch machen kann, der sich mit diesen Regeln auseinandersetzt und sie befolgt? Was lernt er vielleicht, was er auf andere Weise nicht lernen würde? 

Es geht nicht nur um Regeln, sondern vor allem um die Einstellung zum Essen. Dazu gehören die Wertschätzung der Nahrung und die Achtsamkeit beim Essen, damit sich keine Gier entfaltet, wir uns nicht überessen und dabei Körper und Geist beschweren. Achtsam zu schmecken und zu kauen verhindert, dass wir mehr essen als wir benötigen, dass wir uns von bestimmten Geschmäcken gefangen nehmen lassen oder betrübt sind, weil uns etwas nicht schmeckt. Wir betrachten die Nahrungsaufnahme nämlich als ein Kommen und Gehen von Gefühlen, möglichst ohne wählerisch zu sein. Wenn die Nahrungsaufnahme auf zwei Mahlzeiten beschränkt wird, lernen wir, besser abzuwägen, wie viel und welche körperliche Nahrung wir effektiv brauchen, und versuchen außerdem nicht, seelische Bedürfnisse durch Essen außerhalb der Mahlzeiten zu stillen.

 

Was können Sie zum Thema Fleischessen sagen – was ist Ihnen hier wichtig? 

Es gab im Orden einen Streit um die Einführung des strikten Vegetarismus. Der Buddha beschloss aber, die Annahme von Fleisch nur dann zu verbieten, wenn das Tier eigens für die Mönche geschlachtet worden ist.Er wollte die Spender nicht kränken, die den Ordinierten etwas von ihrem Fleisch abgaben, und die Extreme vermeiden. Zur Gesundheit von Fleisch und Fisch gibt es unterschiedliche Ansichten, zu denen ich mich nicht äußere. Aber es ist wichtig zu berücksichtigen, dass Fleischkonsum heute die Massentierhaltung und Fischkonsum die Überfischung der Meere fördert. Deshalb bitte ich nicht um solche Speisen, wenn ich gefragt werde, und würde grundsätzlich empfehlen, ihren Konsum wenigstens zu reduzieren, wenn nicht ganz darauf zu verzichten.

 

Wie würden Sie die ökologische, mitweltliche Dimension unserer körperlichen Ernährung beschreiben?

Wer sich einmal mit der Massentierhaltung für die Gewinnung von Fleisch, Eiern und Milch befasst hat und das Recht der Tiere bedenkt, ein möglichst natürliches Leben zu führen, der wird beim Einkauf und Essen auf solche Zusammenhänge Rücksicht nehmen und die Produkte ökologischer Betriebe bevorzugen. Ich denke, wir sollten das Essen weniger als ein Vergnügen sehen und Völlerei wieder als Laster verstehen. Zugleich kann man durch Achtsamkeit beim Essen die angenehmen Gefühle sogar verstärkt wahrnehmen. Mir tut es weh zuzusehen, wie gute Nahrung weggeworfen wird oder durch mangelhafte Planung verfällt. Eine Wertschätzung der Nahrungsmittel im spirituellen Sinn heißt, dass wir uns dafür verantwortlich fühlen, was wir von der Natur nehmen und konsumieren.

 

Die körperliche Ernährung ist nur ein Teil dessen, was ein Mensch in sich aufnimmt. Was gehört noch zur Nahrung eines Menschen? 

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, wir brauchen auch geistige und spirituelle Nahrung. Auf der Ebene des Geistes ernähren wir uns durch den Kontakt mit der Außenwelt, durch Interessen, Beziehungen und Freundschaften. Spirituelle Nahrung geht über die weltlichen Beziehungen und Interessen hinaus. Sie stillt unseren Durst nach einem höheren Sinn des Lebens und ermöglicht eine kosmische Verbundenheit mit dem Ganzen. Es gibt auch Menschen, die ohne spirituelle Nahrung leben. Aber früher oder später führt das zu seelischer Erkrankung.

 

Viele Menschen hier im Westen legen Wert auf eine gesunde körperliche Ernährung. Gleichzeitig nehmen sie geistige Einflüsse viele Stunden am Tag ungefiltert auf. Wie können wir uns in Hinsicht auf Nachrichten, Informationen, menschliche Beziehungen gut ernähren?

Man muss den Unterschied ermitteln: Was machen diese Dinge mit mir und wie ist es ohne sie? Was ist eine wertvolle Bereicherung und was eine Zerstreuung meiner geistigen Kräfte? Welche Freiheit gewinne ich, wenn ich nicht ständig aufs Smartphone schaue? Wenn wir den Unterschied nicht kennen, denken wir: Es ist heute so, alle machen das, es geht nicht mehr anders. 

 

Aber von wem oder was werden wir dabei gelebt, wer hat unser Leben in der Hand? Alles fängt damit an, dass wir unser Verhalten nicht als ein Resultat externer Strömungen verstehen, sondern Verantwortung übernehmen. Außerdem brauchen wir Werte und Prioritäten, anhand derer wir unterscheiden, was uns wichtig ist und guttut und was nicht. 

 

ENDE DER LESEPROBE

 

Fußnoten

1 Bhaddali Sutta, Majjhimanikaya, Majjhima Nikaya 65
2 Jivaka Sutta, Majjhima Nikaya 55 

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Bhikkhu Dhammamuninda

wurde 1969 in Bozen in Italien geboren und war von Kindheit an überzeugt vom christlichen Weg. Als dieser ihm später nicht weiterhalf, seine Gottesvorstellungen zu überschreiten, fand er im Theravada-Buddhismus nützliche Einsichten und Methoden zur Erlangung von Klarheit und Erkenntnis. Er trat im Jahr 2013 in den buddhistischen Orden der Waldmönche Sri Lankas ein. Seit er im Jahr 2017 in das Buddhistische Haus von Berlin eingeladen wurde, hat er sich in einigen Klöstern Mitteleuropas aufgehalten und damit begonnen, einzelne Menschen auf ihrem Weg zu begleiten.
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