Warum ... Dharmalehrer keinen Sex mit ihren Schülerinnen haben sollten

… und warum eine angemessene Abstinenzzeit von mindestens einem Jahr zwischen einer Lehrer:in-Schüler:in-Beziehung und einer Liebesbeziehung eingehalten werden sollte

Ein Beitrag von Irmi Jeuther veröffentlicht in der Ausgabe 2022/1 fürsorglich unter der Rubrik Aktuell

 

Die Ethik-Arbeitsgruppe der DBU hat zwei Jahre lang an der Freiwilligen Ethischen Selbstverpflichtung gearbeitet und dabei auch diesen Punkt lange und kontrovers diskutiert. Wir haben uns gefragt: Handeln wir bevormundend, wenn wir eine solche Regel festlegen, obgleich erwachsene Menschen doch ihre eigenen Entscheidungen treffen können?

 

Uns ist dann klargeworden, dass diese Regel notwendig ist, denn in der Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden gibt es üblicherweise eine Dynamik, aus der sich in den meisten Fällen ein hierarchisches Gefälle ergibt. Wir waren uns in der Arbeitsgruppe auch einig darüber – und sind es wahrscheinlich auch weitgehend mit den Leserinnen und Lesern von BUDDHISMUS aktuell –, dass Liebesbeziehungen heute auf Augenhöhe gelebt werden sollten, und wir nicht bereit sind, diese Errungenschaft der Frauen aufzugeben.

 

Lernende müssen Vertrauen schenken und sich öffnen können

Wie kommt die besondere Beziehungsdynamik zustande? Zur Erläuterung möchte ich ein Beispiel geben, das von tibetischen Lamas oft verwendet wird, wenn sie darlegen möchten, mit welcher inneren Haltung wir Unterweisungen empfangen sollten: Die Praktizierenden werden mit einer Tasse verglichen, die im Idealfall nach oben geöffnet dasteht und so die Unterweisungen aufnehmen kann. Daneben steht eine Tasse, die umgedreht ist und nichts aufnehmen kann. Daneben wieder eine Tasse, nun mit Löchern, durch die alles hindurchfließt, sodass nichts darin bleibt. Schließlich gibt es noch die Tasse, die Gift enthält und damit die Unterweisungen unbrauchbar macht. 

 

 

Eine offene, empfangende Tasse ist eine sehr gute Voraussetzung, um in einer vertrauensvollen Beziehung zu einer Lehrerin oder einem Lehrer den Dharma aufzunehmen und zu verarbeiten – hier kann Inspiration geschehen. Wer den Dharma von einem geübteren und erfahreneren Menschen lernen möchte, muss bereit sein, Vertrauen zu schenken und sich zu öffnen, sonst kann nichts ankommen. In einer solchen Situation ist aber eine Beziehung auf Augenhöhe nicht mehr gegeben.

 

Damit die Ausgestaltung der Beziehung für beide Seiten gut gelingt, wird immer wieder dazu geraten, sich einen Lehrer oder eine Lehrerin über längere Zeit sehr genau anzuschauen, um zu prüfen, ob er oder sie authentisch und vertrauenswürdig ist, bevor man sich ganz auf diese Person einlässt.

 

Oft ist es auch so, dass Menschen aus einer persönlichen Krise heraus mit dem Dharma in Kontakt kommen und merken, dass sie hier Hilfe und eine neue Perspektive finden. In einer so verletzlichen Situation ist die Bereitschaft, sich für eine Lehrerin oder einen Lehrer zu öffnen, aus dem Bedürfnis nach Unterstützung heraus sehr groß. Eine Schülerin ist dann selbstverständlich viel anfälliger für mögliche Übergriffe durch den Lehrer, weil sie seine Handlungen vielleicht fälschlicherweise als Liebesbezeugungen interpretiert.

 

Nicht wenige betroffene Frauen haben auch schon in ihrer Kindheit sexualisierte Übergriffe und Gewalt erlebt, das heißt, sie haben diese Art der Annäherung durch einen Menschen, dem sie vertrauen, als etwas scheinbar Normales kennengelernt – oder zumindest als etwas, dem sie sich fügen müssen.

 

Und nicht zuletzt kann es von einer verletzlichen Schülerin als große Ehre und eine Art Auszeichnung erlebt werden, wenn der eigene Lehrer sie sexuell begehrt und sie ein Geheimnis mit ihm teilt. Das gibt ihr das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein.

 

Der Lehrer trägt die Verantwortung

Aus all diesen Punkten kann man nur schließen, dass die Verantwortung dafür, dass in eine Lehrer-Schülerin-Beziehung nicht die Bedürfnisse des Lehrers einfließen, ausschließlich bei ihm liegt. Er ist in dem Moment, in dem er diese Rolle einnimmt, nicht mehr einfach ein „normaler Mensch“, sondern seine Rolle bringt es mit sich, dass seine Schülerin ihn als ein Wesen ansieht, das ihr überlegen ist.

 

Natürlich kann es passieren, dass sich Lehrer und Schülerin ineinander verlieben. Daran ist nichts Falsches. Die Frage ist nur, wie die beiden damit umgehen. Oft wird die Liebesbeziehung umgehend aufgenommen und die Schülerin zur Geheimhaltung gezwungen, was eine sehr große Belastung darstellt, weil die Frau eine einschneidende emotionale Erfahrung nicht mit den Menschen teilen darf, die ihr nahestehen. Zudem gibt der Zwang zur Geheimhaltung der Situation auch einen Anstrich des Verbotenen, was für die Schülerin mit Scham und Angst und dem Verlust des Selbstwertgefühls verbunden ist. Was für eine Zumutung für die Schülerin! 

 

Die innere Verwirrung wird noch dadurch verstärkt, dass die Lehrer-Schülerin-Beziehung oft weiterbesteht oder nur sehr kurzfristig vor Beginn der Liebesbeziehung aufgelöst worden ist. So hat die Frau keine Zeit und keinen Raum, eine wirklich gleichberechtigte Beziehung zu ihrem neuen Liebespartner zu entwickeln.

 

 

Alte Muster auflösen braucht Zeit

Das menschliche Gehirn braucht eine gewisse Zeit, um alte Muster aufzulösen und neue zu bilden. Es muss auch etwas dafür getan werden, damit das passieren kann: Der Lehrer muss eine angemessene Zeit verstreichen lassen, bis er eine intime Beziehung mit einer Schülerin eingeht. In der Freiwilligen Ethischen Selbstverpflichtung der DBU schlagen wir einen Zeitraum von einem Jahr vor – je nach Länge und Intensität der Lehrer-Schülerin-Beziehung auch länger oder kürzer. Dabei haben wir uns grob an den ethischen Richtlinien verschiedener Berufsverbände aus der Psychologie und Psychotherapie orientiert, die Abstinenzzeiten von einem bis fünf Jahren festlegen. 

 

Ein Jahr also – diese Zeit kann sehr gut dafür genutzt werden, um einander auf einer gleichberechtigten Ebene neu kennenzulernen und so neue Eindrücke im Geist zu schaffen und zu festigen, die tatsächlich eine stabile Grundlage für eine Liebesbeziehung liefern. Beim neuen Kennenlernen geht es vor allem darum, dass beide den je anderen Menschen mit all seinen Schwächen und Fehlern erfahren und sich die Schülerin von ihren meist geschönten Bildern des geliebten und verehrten Lehrers lösen kann. Wenn diese Zeit des Umdenkens fehlt, besteht für die Partnerin die Gefahr, dass sie sich in der Beziehung dauerhaft unterlegen und abhängig fühlt.

 

Wenn der Lehrer es also wirklich ernst meint und nicht nur eine kurze Affäre zu seinem eigenen Vergnügen anstrebt, wird er der Schülerin und sich diese Zeit geben. Das verschafft auch ihm den Raum, sich zu prüfen, ob er hier vielleicht doch nur eine eigene Bedürftigkeit befriedigen möchte. Für einen Dharmalehrer ist schließlich eine Regel ganz besonders wichtig, weil er für seine Schülerinnen und Schüler ein Vorbild ist: dass seine Handlungen heilsam sein und keinerlei Leid zufügen sollen.

 

Eine sichere Beziehung schaffen

In den Beratungen, die wir als DBU-Ansprechpersonen für Missbrauchssituationen bisher erlebt haben, hat sich gezeigt, wie wenig dieser Grundsatz von den betreffenden Lehrern eingehalten wurde. Das hat zur Folge, dass die Schülerinnen einen mehrfachen Verlust und Schmerz erleben: Sie verlieren nicht nur ihren Dharmalehrer, sondern auch die Nähe und Unterstützung ihrer Sangha. Am Ende führt das meist dazu, dass sie das Vertrauen in den Dharma verlieren, was einen enormen Schaden bedeutet. 

 

Die Lehrer-Schülerin-Beziehung muss eine vertrauensvolle und für beide Seiten klar abgegrenzte und sichere Beziehung sein, die die spirituelle Entfaltung fördert und zu mehr Selbständigkeit, innerer Stärke und Selbstvertrauen führt. Hier eine sexuelle Komponente einzubringen, führt zu Verunsicherung und verstärkt die Abhängigkeit.

 

Dharmalehrer:in zu sein bedeutet eine immense Verantwortung, und es ist bekannt, dass die größte Falle in dieser Rolle die Arroganz ist. Hier wären Supervision und Fortbildung für Lehrende bezüglich ihrer Rolle und Verantwortung dringend vonnöten!

 

Weitere Informationen

Die im Text erwähnten Ansprechpersonen für Missbrauchsfälle im buddhistischen Kontext sind Dorothea Nett und Irmi Jeuther. Weitere Informationen: buddhismus-deutschland.de/ansprechpersonen

 

Freiwillige Ethische Selbstverpflichtung der DBU: tinyurl.com/fes-dbu

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Irmi Jeuther

Irmi Jeuther ist Diplompsychologin, selbständig tätig als Organisationsberaterin, Coach, Mediatorin und MBSRLehrerin. Seit 1985 Dharmastudium und -praxis in der Kagyü-Tradition des tibetischen Buddhismus, im Vorstand von Bodhicharya Berlin e.V. Sie hat eine erwachsene Tochter und ist verheiratet mit Arne Schaefer.
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