Den Geist befreien

Buddhistische Gefängnisseelsorge

Ein Interview mit Lama Droupgyu Karma geführt von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2022/1 fürsorglich unter der Rubrik SCHWERPUNKT fürsorglich

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Seit 2012 gibt es Frankreich eine buddhistische Gefängnisseelsorge, staatlich anerkannt und organisiert von der Buddhistischen Union Frankreichs. Derzeit gehen rund zwanzig buddhistische Seelsorgerinnen und Seelsorger in fünfzig unterschiedliche Gefängnisse. Lama Droupgyu Karma war die erste von ihnen. Ein Gespräch über Zuwendung, Klarheit und Freiheit.

 

Sie treffen viele Inhaftierte. Worunter leiden diese Menschen am meisten?

Lama Droupgyu Karma: Es gibt Wut, Hilflosigkeit und das Gefühl der Ohnmacht, die Situation nicht ändern zu können. Das alles erzeugt Abwehr und die Angst, mit dem Geschehen nicht umgehen zu können. Und das führt oft zu Traurigkeit und Depressionen. Es gibt Menschen, die bereits verurteilt worden sind, und solche, die noch auf ihren Prozess warten. Letztere wissen noch nicht, was auf sie zukommen wird: ein Jahr, drei Jahre, zehn Jahre – das ist ein großer Unterschied! Sie befinden sich in einer sehr unangenehmen Lage, die viele Ängste auslöst.

 

Nach dem Schock der Verurteilung – die immer eine sehr schlimme Nachricht ist, verglichen mit den Hoffnungen, die der oder die Inhaftierte hatte – gibt es eine Zeit des Akzeptierens und der Eingewöhnung in die Gegebenheiten. Ab jetzt kann etwas anderes vorstellbar werden. Der oder die Betroffene kennt die Länge und Dauer der Inhaftierung und kann sinnvolle Aktivitäten ins Auge fassen, um sich auf die Entlassung vorzubereiten. Es gibt Studienmöglichkeiten und Berufsausbildungen zur besseren sozialen Wiedereingliederung. Wir bieten ein buddhistisches Lernen, Reflexionen und Meditationen an. Sie laden dazu ein, tiefer nachzudenken, sich der eigenen Innenwelt zuzuwenden.

 

Selbst wenn die Strafe zehn oder fünfzehn Jahre oder sogar lebenslänglich beträgt, können wir über die Zeit danach sprechen. Aber wir können auch über das Jetzt sprechen, über die Bedeutung von Aufmerksamkeit und Wachsamkeit, die sich von Augenblick zu Augenblick entwickeln lassen. Wir können über die Qualität des Wohlwollens in unseren Handlungen sprechen und wie daraus eine Quelle von Entspannung und Weisheit wird. So lässt sich auch in einem schwierigen Umfeld Lebensqualität entwickeln. 

 

Haben die Inhaftierten ein anderes Verhältnis zu Zeit? Wie erleben sie Langeweile und Untätigkeit?

Die Antwort kommt auch darauf an, was wir als „freie Zeit“ bezeichnen. Es ist fast ein Paradox, im Gefängnis von „freier Zeit“ zu sprechen, denn wir befinden uns an einem Ort des Freiheitsentzugs. Die einzige Freiheit, die Menschen hier haben, ist, das zu tun oder nicht zu tun, was ihnen vorgegeben wird. Viele Aktivitäten sind möglich – Sport, kreative Beschäftigungen, Studium, Bibliothek, Werkstattarbeit, Berufsausbildung. Aber die Plätze sind wegen der Überbelegung und der Sicherheitsvorschriften begrenzt. Manche der Inhaftierten helfen bei der Verteilung der Mahlzeiten, beim Putzen, in der Küche und so weiter. In ihren Zellen haben sie Zugang zu Fernsehen, Radio und jetzt auch zu Telefonen, die von der Gefängnisverwaltung überwacht werden. 

 

Auf der spirituellen Ebene können sie darum bitten, an Gottesdiensten teilzunehmen oder den Besuch einer Seelsorgerin oder eines Seelsorgers in ihrer Zelle zu erhalten – ein Recht, das allen zusteht. Derzeit haben wir nicht genug buddhistische Seelsorgerinnen und Seelsorger, um allen Anfragen nachzukommen. Dazu kommen die Corona-Maßnahmen, die Besuche von Seelsorgerinnen und Seelsorgern zeitweise unmöglich gemacht haben. Deshalb haben wir eine buddhistische Seelsorge-Hotline eingerichtet, über die Häftlinge uns kostenlos und vertraulich anrufen können.

 

Es ist nicht so, dass die Zeit im Gefängnis grundsätzlich anders fließt. Sie kann einem Menschen zäh und langweilig erscheinen, weil er sein Leben mit den üblichen Ablenkungen nicht mehr selbst in der Hand hat. Menschen sind ja sehr gut darin, ihr Leben in zahlreiche Aktivitäten und Ablenkungen zu gliedern, unter anderem, um sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen. 

 

Deshalb ist es auch so schwer, sich in einer Situation wiederzufinden, in der man seiner Freiheit beraubt ist. Ein einfaches Beispiel: Wenn wir in einer Warteschlange oder in einem Stau stecken, neigen wir dazu, uns zu langweilen, zu ärgern und zu entrüsten. Wenn wir aber voll und ganz akzeptieren, dass wir uns in dieser Situation befinden, werden die Emotionen entschärft, sodass wir uns entspannen und die einzelnen Momente mit weniger Anstrengung, ja, sogar mit mehr Wohlbefinden erleben können. Solange wir uns in Ablehnung und Ärger befinden, ist das unmöglich, und stattdessen erzeugen wir Langeweile, Unruhe und Angst. Wenn ein Mensch die Situation, in der er sich befindet, also voll akzeptiert, sodass er im Rhythmus mit den ihn umgebenden Gegebenheiten lebt, dann kann er sich mit einem positiveren Grundgefühl auf die Situation einlassen.

 

 

Es entsteht dann die große Freude, den gegenwärtigen Moment anzunehmen, ungeachtet seiner Widersprüchlichkeit, seiner Härte, seiner Schwierigkeit. Man kann es schaffen, die eigene Kreativität in den Dienst der Situation zu stellen. Deshalb ermutigen wir Menschen im Gefängnis, ihre positiven Eigenschaften in den Dienst anderer zu stellen. Die Vorteile sind immens. Sich um andere zu kümmern, ist der beste Weg, sich um sich selbst zu kümmern; so kann jede Situation das Leben eines Menschen bereichern. Allerdings erfordert dies ein wenig Training und Urteilsvermögen, um nicht in die Falle unangebrachter Großzügigkeit zu tappen. 

 

Was kann buddhistische Seelsorge den Gefangenen geben? Was brauchen sie besonders? 

„Wichtiger als Worte ist die grundlegende Einstellung – der Wunsch, da zu sein und das Leiden des anderen Menschen zu lindern.“ Diese Unterweisung hat Trinlay Rinpoche auf einem Treffen mit buddhistischen Seelsorgerinnen und Seelsorgern gegeben. Es ist eine bestimmte Qualität der Präsenz, ein urteilsfreies und unbegrenztes Willkommenheißen. Die Seelsorgerin oder der Seelsorger reagiert auf die schriftliche Bitte eines Häftlings, sich persönlich treffen. Manchmal geht es einfach nur ums Zuhören. Ein anderes Mal hat die oder der Inhaftierte Fragen und die Seelsorgerin oder der Seelsorger ist da, um dabei zu helfen, Antworten zu finden. Das sind manchmal existenzielle Fragen, manchmal ist es eine einfache Neugier auf das Spirituelle, ein anderes Mal ein besonderes Interesse am Buddhismus. Einige derer, die Kontakt zu uns aufnehmen, kommen aus einem buddhistischen Hintergrund und sind an ihrer ursprünglichen Tradition interessiert. Andere praktizieren bereits einen buddhistischen Weg und suchen nach einer passenden Anleitung.

 

Wie wichtig ist Vertrautheit?

In einer Beziehung von hoher Qualität kann sich ein wirkliches Vertrauen entwickeln; das ist mehr als bloße Vertrautheit. Die Seelsorgerin und der Seelsorger haben ja das Glück, von dem inhaftierten Menschen in dessen Zelle empfangen zu werden – dem einzigen fast privaten Ort während der Haft. Diese Privatsphäre schafft einen Raum der Begegnung und des authentischen Austauschs, in dem Worte frei werden, in Resonanz gehen und den Geist für neue Perspektiven öffnen können. 

 

Dass es Meditation gibt, ist heute überall bekannt. Auch Menschen im Gefängnis kommen zum Buddhismus und möchten sich in der Meditation üben, selbst wenn sie anderen Glaubensrichtungen angehören. Das können wir sie also lehren und stellen ihnen in Form eines buddhistischen Unterrichts auch das Leben des Buddha und seine Lehre vor – und jeder Mensch macht dann damit, was er möchte. 

 

Der Buddha selbst lud Menschen ein, ihm zuzuhören und über seine Lehre nachzudenken. Buddhistische Seelsorger:innen sind nicht dazu da, Menschen zu bekehren. Auf der Grundlage einer Ethik des Wohlwollens lehren sie die Vier Edlen Wahrheiten, die Vier Unermesslichen und die Meditation. Das hilft den Inhaftierten, emotionale Gelassenheit und geistige Stabilität zu entwickeln. Wer sich dem Pfad verpflichten möchte, kann Zuflucht zum Buddha nehmen und ethische Gelübde ablegen.  

 

Wie können Seelsorger:innen das Leid des Gegenübers annehmen, ohne sich darin zu verwickeln?

Ich bin immer wieder berührt von dem Leid anderer, manchmal schwingt es sehr stark in mir mit. Aber je mehr wir die Mechanismen verstehen, desto weniger lassen wir uns davon mitreißen. Der ganze Sinn der Lehre des Buddha besteht darin, uns zum Ende des Leids und seiner Ursachen zu führen, dank Methoden und Übungen, die eine Beruhigung der Emotionen und eine gewisse Anpassungsfähigkeit ermöglichen. Je mehr wir die Erfahrung gemacht haben, dass wir uns nicht von unserem eigenen Leiden mitreißen lassen, desto mehr werden wir in der Lage sein, die Werkzeuge, die uns nützlich gewesen sind, mit anderen zu teilen.

 

ENDE DER LESEPROBE

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Lama Droupgyu Karma

praktiziert in der Karma-Kagyü-Schule des tibetischen Buddhismus. Ihre Meister sind der 17. Karmapa Trinley Thaye Dorje und Shamar Rinpoche. Von 1994 bis 2001 absolvierte sie zwei traditionelle Dreijahres-Retreats in dem buddhistischen Zentrum Dhagpo Kundreul Ling in der Auvergne unter der Leitung von Gendun Rinpoche, wo sie später auch eine Lehrerlaubnis erhielt. Sie war von 2007 bis 2014 Vizepräsidentin der Buddhistischen Union Frankreichs, die sie zu ihrer Beauftragten für die landesweite Gefängnisseelsorge wählte. Damit hat sie die Aufgabe, Seelsorgerinnen und Seelsorger aus allen buddhistischen Traditionen zu gewinnen, deren Ausbildung zu organisieren und sie in ihrem Ehrenamt zu begleiten. Außerdem ist sie die Schnittstelle zwischen den zuständigen Ministerien, den Gefängnisverwaltungen und anderen Gefängnisseelsorger:innen vor Ort. 2014 hat das französische Innenministerium Lama Droupgyu als erste buddhistische Gefängnisseelsorgerin des Landes offiziell anerkannt.
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