Warum ... traditionsgebundener und säkularer Buddhismus gut miteinander zurechtkommen könnten

Von Nils Clausen, traditionsübergreifender Buddhist und Vorsitzender der Deutschen Buddhistischen Union

Ein Beitrag von Nils Clausen veröffentlicht in der Ausgabe 2021/4 Verbundenheit unter der Rubrik Aktuell

„Im 19. Jahrhundert … trat der Buddhismus zunächst einmal als Philosophie auf, wurde als Philosophie rezipiert. Und zwar gerade als Gegenmodell zur christlichen Ritualistik und zur christlichen Religionskultur, was eine befreiende Funktion hatte. Das Christentum wurde als zerstritten, konfessionell rechthaberisch, in Mythen und Aberglauben befangen angeschaut, mit all seinen wunderlichen Geschichten von der Jungfrauengeburt bis zur leiblichen Auferstehung der Maria oder dergleichen. Wogegen der Buddhismus doch so rational war. Man las die entsprechenden Schriften aus dem Pali-Kanon und die buddhistische Logik. Bis hin ins marxistisch-leninistische Russland konnte der Buddhismus reüssieren. Lenin selbst stellte sicher, dass Papier für die Auflage von Stcherbatskys Buddhist Logic zur Verfügung gestellt wurde, weil hier doch endlich mal eine Religion auftrat, die keine Religion, sondern rationale Philosophie sei.“

Michael von Brück, Religionswissenschaftler, evangelischer Theologe, Zen- und Yoga-Lehrer

 

Seit seiner Ankunft im Westen wurde der buddhistische Dharma nicht ausschließlich als Religion wahrgenommen, sondern auch als Philosophie. Von Anfang an gab es im Westen also eine Art Dualität in den Erscheinungsformen des Dharma. Vor diesem Hintergrund das zu entwickeln, was heute als „säkularer Buddhismus“ bezeichnet wird, ist also weder abwegig noch illegitim. Der säkulare Buddhismus muss als Erscheinungsform des heutigen westlichen Buddhismus ernst genommen werden. 

 

Für eine zukünftige Aufnahme säkularer Buddhist:innen und ihrer Organisationen in die Deutsche Buddhistische Union (DBU) sind Wissen, Vertrauen und Respekt von besonderer Bedeutung. Sie bilden die Voraussetzungen dafür, dass die vielen Menschen und Gruppen in der DBU lernen, miteinander zu sprechen, gemeinsam zu handeln und sich, bei aller Unterschiedlichkeit, zu respektieren. 

 

Denn wie sich der säkulare Buddhismus selbst definiert, ist den meisten nicht säkularen Buddhistinnen und Buddhisten vermutlich bislang weitgehend unklar – wie auch viele Säkulare vermutlich keine tiefer gehenden Kenntnisse über Details der Vajrayana- oder der Dzogchen-Praxis haben werden, die sich erst nach langer persönlicher Praxis erschließen. 

 

Nur Gespräch und Austausch kann zu geteiltem Wissen und Vertrauen führen. Ein Weg dahin können zum Beispiel Dialogveranstaltungen und gemeinsame Projekte sein, wie sie unter dem Dach der DBU möglich sind. Am Ende eines solchen Kennenlernprozesses sollte gegenseitiger Respekt stehen, auch wenn sich das buddhistische Verständnis teils widersprechen mag – doch das ist schließlich auch unter den vielen traditionsgebundenen Schulen des Buddhismus der Fall.

 

 

Vielfalt bedeutet Reichtum

Es sind die Unterschiede, die die Vielgestaltigkeit und die Tiefe des Dharma hervorbringen. Die Vielfalt der buddhistischen Traditionen und auch neuer Formen des Buddhismus stellt in meinen Augen einen großen Reichtum dar, ohne den die Entwicklung eines lebendigen und kraftvollen Buddhismus im Westen nicht gelingen kann.

 

Der Brite Stephen Batchelor gehört zu den theoretischen Vordenkern des säkularen Buddhismus im Westen. Gleichzeitig blickt er auf eine profunde traditionsgebundene persönliche Praxis zurück. Er betont: 

„Als kleine und verletzbare Gemeinschaft müssen wir dringend enger zusammenarbeiten und nicht in historisch sektiererischen Rivalitäten stecken bleiben. Wenn ich verschiedene buddhistische Gruppen in Europa treffe, finde ich es entmutigend festzustellen, wie wenig sie jeweils von anderen buddhistischen Bewegungen außer der eigenen wissen und dass sie noch nicht einmal interessiert sind, mehr zu erfahren … Damit der Buddhismus in Europa mit einer unverkennbaren und vitalen Stimme auftreten kann, müssen Buddhistinnen und Buddhisten mehr Gespräche miteinander führen und sich für den und im Dialog mit der nicht buddhistischen Welt um sie herum engagieren … Zur selben Zeit müssen wir die Themen und Konflikte in unserer eigenen Gemeinschaft ansprechen: die Rolle der Laien und der Frauen im Buddhismus, die Frage, worin spirituelle Autorität liegt, die Unterscheidung zwischen Dharma und asiatischer Kultur und wie wir trotz dogmatischer Unterschiede, die uns oft voneinander trennen, zusammenleben können.“

 

Diese Worte geben wieder, was eine große Mehrheit in unserem Dachverband über diese Thematik denkt, dessen bin ich mir nach vielen Gesprächen sicher. Wenn wir aufeinander zugehen und uns kennenlernen, werden sich Vertrauen und Respekt bilden – und damit das Fundament für eine allseits bereichernde Zusammenarbeit. 

 

 

Der Wert der achtsamen Rede 

Es versteht sich allerdings, dass Vertrauen nicht wachsen kann, wenn es an achtsamer Rede mangelt. Kritisches Denken und Mut zu eigenen Ansichten in allen Ehren – pauschale Verurteilungen sind unangemessen und untergraben die Vertrauensbildung. Wer Vajrayana-Praktizierende pauschal mit der Duldung oder gar Förderung von Machtmissbrauch in Zusammenhang bringt, wer westliche Praktizierende des Theravada pauschal verdächtigt, mit nationalistisch-aggressiven Bewegungen in Südostasien zu sympathisieren, wer säkularen Buddhistinnen und Buddhisten das Recht abspricht, sich dem Buddhismus zugehörig zu fühlen und deshalb auch so zu bezeichnen, handelt unachtsam und unweise, schürt Misstrauen und lässt es an Offenheit mangeln. In der Begegnung der verschiedenen buddhistischen Verständnis- und Praxisformen tut sich ein weites Übungsfeld auf, um Achtsamkeit, Toleranz und Wertschätzung zu kultivieren – genau so, wie es Stephen Batchelor in seinem Statement angeregt hat.

 

Weiter in die Zukunft gedacht, sollte der Prozess des Kennenlernens durchaus noch weitere Kreise ziehen, denn es gibt noch etliche buddhistische Gemeinschaften in Deutschland, zu denen sich der Kontakt intensivieren ließe, insbesondere solche, in denen Menschen aus Asien gemeinsam praktizieren. Ein offener, interessierter und freundlicher Dialog ist dazu immer der erste Schritt – damit der Baum der buddhistischen Vielfalt blüht, wächst und gedeiht.

 

 

Zitate aus:

Carola Roloff, Wolfram Weiße, Michael Zimmermann, „Buddhismus im Westen“, Waxmann 2011

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Nils Clausen

ist Fotograf und Inhaber einer Werbeagentur. Sein buddhistischer Weg begann bereits in der Jugend in einem Zen-Dojo bei Paris. Später war er in verschiedenen Schulen der Karma-Kagyü-Linie unterwegs. Heute ist er DBU-Delegierter der Karma-Kagyü-Gemeinschaft. Aktuell ist er DBU-Ratsmitglied und -Vorsitzender.
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