Tiefenökologie – Arbeit, die wieder verbindet

Die gegenwärtige Krise ist eine der Entfremdung – der Menschen von sich selbst, voneinander und von der Natur. Joanna Macy, die inzwischen über neunzigjährige Begründerin der Tiefenökologie, nennt ihren Ansatz darum auch „Arbeit, die wieder verbindet“. Gabi Bott über Tiefenökologie als Lebenshaltung.

Gabi Bott auf dem John Muir Trail, einem Fernwanderweg in Kalifornien

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„Ist es nicht wunderbar, in dieser Zeit zu leben? In dieser Zeit des großen Wandels, in der sich Veränderungen auf allen Ebenen sehr schnell ereignen – und wir sind mitten drin! Wir können mitkreieren, als Teil im Netz des Lebens.“

 

Diese Sätze hörte ich 1998 von meiner Lehrerin Joanna Macy. Sie irritierten und erstaunten mich – so hatte ich es noch nie betrachtet. Joannas Weise, sich mit der Welt zu verbinden und in ihr zu engagieren, führten für mich zu einem nachhaltigen Perspektivwechsel.

 

An welchem Punkt stehen wir?

Wir befinden uns derzeit im sechsten Massenaussterben in der Geschichte der Evolution. Das fünfte Massenaussterben liegt 66 Millionen Jahre zurück. Die Mehrzahl aller größeren Tierarten starb damals aus, am bekanntesten sind die Saurier. Die Ursache war der Einschlag eines Meteoriten. Die Ursache jetzt ist der Mensch.

 

Wir verändern Ökosysteme schnell und umfangreich, beuten natürliche Ressourcen über die Maßen aus, verdrängen andere Arten aus ihren Lebensräumen, lassen die Wildnis immer weiter schwinden, verschmutzen unsere Mitwelt und ändern das Erdklima.

 

Dabei ist bereits eine kritische Schwelle überschritten, wie das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung auf seiner Webseite schreibt:

Einige Teile des Erdsystems weisen ein Schwellenverhalten auf: Werden sie durch den menschgemachten Klimawandel über ihre jeweilige kritische Grenze hinaus belastet, kann es zu starken und teils unaufhaltsamen und unumkehrbaren Veränderungen kommen – sie kippen um, vereinfacht gesagt. Zu den Kippelementen im Klimasystem zählen etwa die Eisschilde auf Grönland und in der Antarktis, die große Umwälzströmung im Atlantik und die Permafrostböden. Bereits das Überschreiten einzelner Kipppunkte hätte Umweltauswirkungen, die die Lebensgrundlage vieler Menschen gefährdete. Zudem besteht das Risiko einer dominoartigen Kettenreaktion – eine solche „Kipp-Kaskade“ würde die Gesamtstabilität unseres Erdsystems beeinträchtigen.

 

Welches Weltbild zählt?

Bis zum Spätmittelalter wurde die Welt als lebendiges, organisches Weltganzes gesehen. Die „Welt als Maschine“ löste vom 16. bis 19. Jahrhundert diese Vorstellung ab – ein mechanistisches Weltbild, das den Menschen als Herrscher über die Natur sieht. Doch obwohl sich in Wissenschaften und Philosophie seit Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend ein systemisches Weltbild verbreitet, wirken die überholten, mechanistischen Ideen weiter fort. Das Denken und Handeln in dieser Tradition ist die Ursache unserer heutigen Situation auf der Erde: Alles ist machbar, der Fokus liegt auf einem ökonomischen Wachstum, und wenn etwas zerstört ist, lässt es sich mit unseren technologischen Errungenschaften wieder reparieren. So wendet man sich den Symptomen der Umweltverschmutzung zu, um sie zu beseitigen. Problem gelöst? Wir wissen längst, dass uns dieser Ansatz in eine Sackgasse geführt hat.

 

Diese Herangehensweise kann auch als „oberflächliche Ökologie“ bezeichnet werden ­­– im Gegensatz zur Tiefenökologie, die allem Leben einen Eigenwert zuschreibt und den Menschen nicht als Herrscher der Erde, sondern als einen Knoten im dynamischen Netz des Lebens sieht, der in wechselseitiger Verbundenheit mit allem anderen lebt.

 

Die Tiefenökologie ist weder eine Ideologie noch ein Dogma; man kann sie als eine Lebenshaltung beschreiben. Auf tiefgründige Weise fragend und nach Ursachen forschend tritt sie in Kontakt mit den Phänomenen des Lebens. Dabei geht es darum, die Ursachen der gegenwärtigen Situation im eigenen Verhalten ebenso zu ergründen wie in gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen.

 

Die Begründerin der Bewegung der Tiefenökologie, Joanna Macy, lehrte Religionswissenschaften und allgemeine Systemtheorie in der Bay Area in Kalifornien. Sie ist mittlerweile 92 Jahre alt, Aktivistin, buddhistische Lehrerin und engagiert sich seit über fünfzig Jahren für globale Gerechtigkeit. Sie hat diese besondere Form der Gruppenarbeit entwickelt, die sie mittlerweile „The Work That Reconnects“ nennt – eine Arbeit, die Menschen wieder verbindet: mit sich selbst, anderen Menschen, Tieren, Pflanzen, der Erde, dem gesamten Universum. 

 

Die Spirale als hilfreiche Landkarte 

Schauen wir uns die Arbeit der Tiefenökologie genauer an, die unter anderem von Ritualen und der Weisheit indigener Völker und Erkenntnissen der Komplexitätsforschung beeinflusst worden ist. Die sogenannte „Landkarte“ dieser Arbeit ist die Spirale.

 

Dankbarkeit. Wir beginnen auf der Spirale mit der Dankbarkeit. Wofür empfinde ich Dankbarkeit in meinem Herzen? Das Schöne ist, dass Dankbarkeit nicht von äußeren Faktoren abhängt. Immer wenn ich mich daran erinnere, kann ich mich ihr zuwenden. Sie erdet mich und ist eine Basis, um mich für starke Gefühle zu öffnen.

 

Würdigung des Schmerzes. Unseren Schmerz über den Zustand der Welt würdigen – darum geht es im zweiten Punkt auf der Spirale. Hier richten wir unsere Aufmerksamkeit auf unsere inneren Reaktionen, wenn wir uns der Zerstörung und dem Leid unserer Mitwelt zuwenden. Schmerz, Wut, Angst oder Trauer können aufsteigen. Diese starken Gefühle sind gesund und ein Zeichen unserer Offenheit dem Leben gegenüber. Unser Schmerz ist nur zum Teil individuell, der weitaus größere Teil ist kollektiv. Da wir im Netz des Lebens mit allem in Verbindung stehen, sind wir in der Lage, den Schmerz, die Wut, die Angst zu spüren, die beispielsweise dem Leben auf der Südhalbkugel widerfährt: Wir müssen uns „nur“ dafür öffnen.

 

Mit neuen Augen sehen. Der dritte Punkt lautet „mit neuen Augen sehen“ oder „Standortwechsel“. Indem ich erlebe, dass ich nicht zerbreche, wenn ich Verbundenheit und damit auch starke Gefühle zulasse und nicht verdränge, entstehen in mir Stärke und Mut. Das kann zu einem Wandel in meinem Bewusstsein führen, zu einer neuen Sichtweise auf das Leben.

 

Handeln. Daraus kann der nächste Schritt folgen: Es bleibt nicht beim Spüren, nicht bei der Erkenntnis, sondern führt auch zum Handeln – der vierten Etappe auf der Spirale. Einem Handeln, das aus einer Einheits- und Verbundenheitserfahrung mit allem Lebenden entspringt, einem mitfühlenden Herzen und einem klaren Geist, der die wechselseitige Abhängigkeit allen Lebens und aller Phänomene erkennt. 

Gabi Bott vor einem Mammutbaum im Norden Kaliforniens
Gabi Bott vor einem Mammutbaum im Norden Kaliforniens

Die Tiefenzeit

Mit neuen Augen sehen können wir auch, wenn wir uns den größeren Zeitabläufen öffnen, in denen unser gegenwärtiges Leben steht und die es erst ermöglichen. So viel menschliches und nicht menschliches Leben existierte vor uns auf der Erde, dafür können wir unseren Geist weiten – und auch für die vielen zukünftigen Generationen, die nach uns diese Erde bewohnen werden. Das kann zu einer erweiternden Perspektive unseres Bewusstseins führen sowie zu einem Gefühl der Erleichterung gegenüber den Herausforderungen, die vor uns stehen und die wir ja nicht allein bewältigen müssen. Mit den Gaben der Ahninnen und Ahnen für die zukünftigen Generationen zu denken und zu handeln lässt uns weit über unser individuelles Leben hinaus unsere Welt mitkreieren. In der Tiefenökologie sprechen wir von „Tiefenzeit“ – sie unterstützt uns, in der Zeit wieder heimisch zu werden.

 

In welcher Geschichte leben wir?

Wir leben in unserer Welt gleichzeitig in unterschiedlichen Wirklichkeiten; in der Tiefenökologie sprechen wir auch von unterschiedlichen Geschichten. Drei Geschichten lassen sich in diesem Zusammenhang unterscheiden:

 

„Business as usual“: Diese erste Geschichte erzählt von einem Weiter-so in alten Strukturen, die immer effektiver (weiter, höher, besser) gestaltet werden. An den Ursachen der Misere ändert sich nichts.

 

„Zerbröseln der Systeme“: Die zweite Geschichte lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Zerstörung und das Verschwinden der ökologischen, ökonomischen und sozialen Basis unserer Existenz, verursacht durch die erste Geschichte. 

 

„Der große Wandel“: So bezeichnen wir die dritte Geschichte, es ist der Wandel unserer industriellen Wachstumsgesellschaft hin zu einer zukunftsfähigen und lebensförderlichen Gesellschaftsform. 

 

ENDE DER LESEPROBE

Gabi Bott und Joanna Macy auf einer Konferenz in Sieben Linden
Gabi Bott und Joanna Macy auf einer Konferenz in Sieben Linden

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Gabi Bott

ist Diplom-Ingenieurin für Landespflege und war sieben Jahre Geschäftsführerin bei Bündnis 90/Die Grünen in Freiburg. Danach Ausbildung zur Yogalehrerin, seit 1988 buddhistische Meditation. Aus- und Weiterbildung zur Trainerin für Tiefenökologie in Deutschland und in den USA bei Joanna Macy. Sie arbeitet freiberuflich im Bildungsbereich und lebt seit 2001 in der Gemeinschaft Ökodorf Sieben Linden. gabibott. de, tiefenoekologie.de, siebenlinden.org
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