Editorial der neuen Ausgabe von "BUDDHISMUS aktuell"

Verbundenheit ist der Schwerpunkt der neuen Ausgabe von BUDDHISMUS aktuell. Doch zunächst reflektiert Susanne Billig in ihrem Editorial darüber, was Leserinnen und Lesern zuzumuten und zuzutrauen ist. Bringen diese selbst genug an Erfahrungen und Kritikfähigkeit mit, können und wollen sich selbst mit den Texten auseinandersetzen, oder ist es die Aufgabe der Redakteurin, Beurteilungen vorzugeben? Anlass für diese Überlegungen ist das Interview mit Dzongsar Khyentse in der vorhergehenden Ausgabe der Zeitschrift, zu dem uns mehrere kritische Leser:innenbriefe erreichten. In der Vorschau auf den Schwerpunkt betont das Editorial die Vielfalt der Aspekte, die das Thema ausmachen – wie Wechselwirkung, Nachhaltigkeit, Solidarität, Weltwahrnehmung. Entsprechend vielfältig setzen die Autorinnen und Autoren ihre Akzente. Sie schreiben über die Verbundenheit zwischen Lehrer und Schüler, über die vielfältigen Verbindungslinien buddhistischer Traditionen zu Bäumen, über mitfühlende und über schmerzhafte Verbundenheit und über Tiefenökologie, mit deren Hilfe sich die Entfremdung der Menschen voneinander und von der Natur heilen ließe. Aus dem Zen kommt eine Einladung: Raum, Zeit und alles, was darin geschieht, auf neue Weise wahrzunehmen.

Ein Beitrag von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2021/4 Verbundenheit unter der Rubrik Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

vor einigen Wochen setzte sich der Religions- und Politikwissenschaftler Michael Blume in einem Podcast kritisch mit dem Höhlengleichnis auseinander. Der antike Philosoph Platon deute den Menschen darin als „erkenntnistheoretisch arm“, so Michael Blume. Wie Gefangene lebten wir in einer dunklen Höhle und verwechselten die Schattenspiele an der Höhlenwand mit dem realen Leben. Konsequenterweise stellt Platon sich den idealen Staat nicht als Demokratie vor. Dazu sind die verblendeten Menschen unfähig. Für ihn braucht es die Herrschaft der Philosophen. 

 

Diese Idee zieht sich in verschiedenen Ausformungen quer durch die Geschichte. Schafe und Hirten. Volk und Adel. Massen und intellektuelle Speerspitze.  

 

In der letzten Ausgabe plädierte Dzongsar Khyentse in einem Interview für eine „wohlwollende Diktatur“. Viele kritische Briefe haben uns dazu erreicht. Sie bemängelten unter anderem, der Gesprächspartner sei zu kritiklos interviewt worden. Doch wie die Reaktionen zeigen, findet die fragende und auch kritische Auseinandersetzung nun statt – in Köpfen und Gesprächen, auf der Briefeseite dieser Ausgabe, in der DBU-Arbeitsgruppe zum Thema Ethik. 

 

Mir geben Michael Blumes Reflexionen zu denken. Als Buddhistin halte ich viel von Herzens- und Geistesbildung, buddhistischer Praxis, spiritueller Literatur und davon, Menschen zuzuhören, die weiser, weiter, erfahrener sind. Doch wo kippt das buddhistische Streben, sich zu entwickeln, in ein Bild des Menschen als Mangelwesen? Wo fange ich an zu übersehen, was wir alle bereits an Gutem, Klugem, Erfahrenem in uns tragen? Und zwar auch ohne Buddhismus – weil wir Menschen sind und uns den Herausforderungen unseres Lebens stellen? Tendieren wir, so frage ich mich, im Buddhismus vielleicht ebenfalls dazu, den Menschen als „erkenntnistheoretisch arm“ zu begreifen – vielleicht wenn wir zu vereinfachend davon sprechen, dass wir den drei Giften Hass, Gier und Verblendung nur dann nicht ausgeliefert seien, wenn wir uns änderten, am besten mithilfe des Buddhismus?

 

Meines Erachtens ist es wichtig, über solche komplexen Themen ins Gespräch zu kommen. Deshalb bin ich Dzongsar Khyentse für die Offenheit dankbar, mit der er sich geäußert hat, denn dass wir ihn von Passagen seines Buches befremdet zum Interview gebeten haben, war ihm sicher klar. Dennoch hat er sofort zugesagt und seine Haltung beschrieben. Ein guter Anlass, beispielsweise über buddhistische Menschenbilder ins Gespräch zu kommen. Wie viel Leitung und Anleitung brauchen wir? Wie viel Weisheit bringen wir von uns aus mit? Nicht zuletzt um solche Reflexionen anzustoßen, ist, so meine ich, eine Zeitschrift in der Denk- und Traditionsvielfalt einer Weltreligion da. 

 

Ein ganz anderes Thema – die Verbundenheit – steht im Fokus dieser Ausgabe. Wechselwirkung, Nachhaltigkeit, Solidarität, Weltwahrnehmung: Viele Aspekte spielen in das große Thema hinein und entsprechend vielfältig setzen die Autorinnen und Autoren ihre Akzente. Sie schreiben über die Verbundenheit zwischen Lehrer und Schüler, über die vielfältigen Verbindungslinien buddhistischer Traditionen zu Bäumen, über mitfühlende und über schmerzhafte Verbundenheit und über Tiefenökologie, mit deren Hilfe sich die Entfremdung der Menschen voneinander und von der Natur heilen ließe. Eine Frage wird aufgeworfen: Inwiefern fordert die gegenwärtige Ära der Krisen den Buddhismus philosophisch heraus? Und aus dem Zen kommt eine Einladung: Raum, Zeit und alles, was darin geschieht, auf neue Weise wahrzunehmen. 

 

Das und mehr lesen Sie in dieser Ausgabe. Seien Sie herzlich dazu eingeladen! 

 

Es grüßen Sie das Team von BUDDHISMUS aktuell und Ihre

Unterschrift Susanne Billig

Susanne Billig,

Chefredakteurin

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Susanne Billig

Susanne Billig ist Biologin, Buchautorin, Rundfunkjournalistin (Wissenschaft, Gesellschaft) und Sachbuchkritikerin. Sie ist seit 1988 in Praxis und Theorie mit Buddhismus und interreligiösem Dialog befasst, Kuratoriumsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell.
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