Trauernde brauchen radikale Akzeptanz

Elvira Sandkühler hat vor 13 Jahren begonnen, die Trauerwegbegleitung der Stiftung Evangelisches Diakoniewerk Königin-Elisabeth in Berlin-Lichtenberg aufzubauen, und leitet diese Arbeit seitdem. Was trägt, wenn Menschen einen massiven Verlust erleiden? Einfache Antworten gibt es nicht.

Ein Interview mit Elvira Sandkühler geführt von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2021/3 „Was trägt?“ unter der Rubrik SCHWERPUNKT „Was trägt?“

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BUDDHISMUS aktuell: Was ist Trauer? Warum weinen wir, wenn wir einen Menschen verloren haben? Was geht da in uns vor?

Elvira Sandkühler: Trauer ist die normale Reaktion auf einen bedeutenden Verlust, genauer gesagt: auf den Verlust eines Menschen oder einer Sache, zu der eine sinnerfüllte Bindung oder Beziehung bestand. Es gibt im Gehirn eine Region, in der wir Bindungserfahrung speichern, darum ist es für uns ein Schock, wenn ein Mensch, mit dem wir uns so stark verbunden fühlen, plötzlich nicht mehr da ist. Wenn wir trauern, reagieren wir tatsächlich mit unserem ganzen System – emotional, körperlich, sozial, handlungsorientiert, kognitiv. 

 

Trauer kommt dann, wenn sie gebraucht wird – sie hilft mir zu spüren, was ich so betrauere. Sie hilft mir, Fragen zu stellen: Wo geht es jetzt lang? Wie kann ich weiterleben? In der Trauer steckt eine Verlustorientierung, aber auch eine Wiederherstellungsorientierung.

 

 

Brauchen alle Menschen in Trauer eine Begleitung?

Wenn Menschen durch ein tragfähiges familiäres oder anderes soziales System wirklich angenommen werden, so, wie sie sind – egal ob sie jetzt schweigen, unter Schock stehen, permanent weinen oder reden wollen–, wenn sie durch Akzeptanz und liebende Wertschätzung gehalten werden, dann kann es gut sein, dass sie keine Hilfe brauchen. 

 

Es kann aber auch sein, dass sie trotzdem an einem bestimmten Punkt ihres Trauerprozesses merken: Es gibt da einen Aspekt in meiner Trauer, mit dem brauche ich doch Hilfe. Wichtig ist: Die Betroffenen entscheiden darüber selbst.

 

 

Ist das so etwas wie eine Regel in den Trauergruppen, die Sie anbieten: Die Teilnehmenden können sich so verhalten, wie ihnen zumute ist?

Zu den Gruppenregeln gehört, dass hier alle so, wie sie sind, willkommen sind. Meine Mitarbeiter:innen und ich, aber auch die Menschen in den Trauergruppen, sind Übende darin, nicht zu bewerten, nicht zu kritisieren, nicht zu kommentieren, nicht zu diskutieren.

 

Jeder Verlust, von dem jemand erzählen möchte, hat einhundert Prozent Schmerz verdient. Deshalb bemühen wir uns auch darum, uns in unserer Trauer nicht untereinander zu vergleichen.

 

Die Trauerbegleitung ist ein Schutzraum, in dem ich den Menschen mit radikaler Akzeptanz begegne. Dazu gehört meine Schweigepflicht. Dazu gehört, dass Mensch mir im Einzelgespräch so gegenübersitzen darf, wie er oder sie ist. Wenn wir eine Stunde schweigen, schweigen wir eine Stunde. Dieser Raum ist ganz für den trauernden Menschen da, um vielleicht herausfinden kann, was dabei helfen könnte, mit schwierigen Gefühlen umzugehen und sich zu stabilisieren. 

 

 

Was genau geschieht in den Trauergruppen, wie laufen sie ab?

Unsere Trauergruppen sind ritualisiert. Es gibt viele Elemente, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann. Wichtig ist zum Beispiel das Erinnerungsritual. Wir zünden Kerzen an. Die Trauernden können den Namen des Verstorbenen laut aussprechen oder still für sich. Mit jeder angezündeten Kerze und mit jedem ausgesprochenen Namen gibt es einen Zimbelklang. In diesem Erinnerungsritual wird es oft sehr still, viele Emotionen kommen hoch. Aber wir reichen nicht gleich ein Taschentuch; wir wollen Gefühle weder künstlich hervorrufen noch unterbrechen. Alle, die möchten, können etwas sagen – oder in der Herzsteinrunde den Stein weitergeben, wenn sie nicht sprechen möchten. Alles ist freiwillig, auch das Anzünden der Kerze im Erinnerungsritual. Es gibt Übungen zum Selbstmitgefühl, Visualisierungen, Gedichte. Dazu sage ich immer: „Wenn Sie das seltsam finden, müssen Sie nicht mitmachen. Steigen Sie gerne ab und zu innerlich aus, wenn Ihnen das lieber ist.“ Am Ende gibt es ein sozial verbindendes Ritual, zum Beispiel, indem wir einander die Hände reichen. So können wir spüren: Wir sind nicht allein. Auch andere Menschen machen Erfahrungen des Leids. Wenn wir uns im Alltag an diesen Kreis erinnern, fühlen wir uns vielleicht weniger isoliert.

 

 

Gibt es so etwas wie ein Ziel der Begleitung? 

Was am Ende dabei herauskommt, ist absolut offen. Schön ist es, wenn ich mit den Menschen in Resonanz gehen kann und sie selbst spüren können, was ihnen guttun könnte. Ich habe Vertrauen in die Autonomie der Trauernden und traue ihnen, egal wie zerbrochen sie wirken mögen, viel zu, manchmal mehr, als von außen sichtbar ist. Vor allen Dingen löse ich mich von der Rolle der Helferin; ich möchte nicht reparieren oder heilen. Dann bin ich, das ist meine tiefe Erfahrung, auf einer guten Seite, um gemeinsam zu entdecken: Worum geht es? Was braucht dieser Mensch und wie kann ich unterstützen?

 

Eines signalisiere ich immer wieder: „Sie haben allen Grund so untröstlich zu sein. Ich bezeuge gerne immer wieder Ihren Schmerz.“ Denn der Mensch hat ein Recht, so verzweifelt und so untröstlich zu sein. Wenn es überhaupt ein Ziel gibt, dann ist es die Integration der Trauererfahrung. 

 

 

Was bedeutet Integration in diesem Zusammenhang? 

Wenn ich integriert habe, dann habe ich vielleicht gelernt, mit meinen schwierigen Gefühlen umzugehen. Ich habe auf meine eigene Art herausgefunden, wie ich Trauer leben kann. Wenn Trauer integriert worden ist, dann akzeptiere ich auch, dass es immer wieder wehtun kann. Geburtstage, Weihnachtsfeste, Gerüche, bestimmte Orte können etwas in mir auslösen, und Schmerz und Sehnsucht kommen wieder hoch. Wenn ich die Trauer integriert habe, habe ich vielleicht auch herausgefunden, was mir so wichtig war an dem Menschen, den ich verloren habe, und wie ich jetzt weiterleben kann. Und ich habe vielleicht gelernt, damit umzugehen, dass sich Menschen, die ich für meine Freundinnen und Freunde hielt, von mir zurückgezogen haben oder nur noch den billigsten Trost geben, „Wird schon wieder“ oder „Die Zeit heilt alle Wunden“. 

 

 

Wie kommt es zu solchen Distanzierungen? 

Je tragischer der Vorfall, etwa Suizid oder Mord, umso wahrscheinlicher ist das leider. Das hat mit Abwehr zu tun. Doch auch darüber dürfen wir nicht urteilen, denn viele von uns haben nicht gelernt, mit Gefühlen von Hilflosigkeit umzugehen; wir können uns nicht mit der Vorstellung verbinden, dass ein Leben so tragisch enden kann. Doch wenn wir uns distanzieren, ist es für die Betroffenen natürlich eine Qual.

 

Genauso schwierig ist es für sie, wenn wir die Geduld verlieren. Es ist ja typisch für Trauernde, dass sie immer und immer wieder über ihren Verlust sprechen müssen. Das Sprechen ist wie eine Katharsis, eine innere Reinigung. Oft merken sie, dass es anderen zu viel wird, und halten sich zurück, damit sie niemandem zur Last fallen. Auch auf diese Weise geraten sie in eine Isolation.

 

Deshalb ist mein Rat an Freundinnen, Freunde und Angehörige, die an ihre Grenzen kommen, sich selbst einmal eine Beratung zu holen oder die eigenen Gefühle offen mitzuteilen. Echt zu sein und zu sagen: „Ich hoffe, ich bin dir noch eine gute Zuhörerin. Ich merke, dass ich an Grenzen komme. Andererseits weiß ich, du brauchst das viele Sprechen auch.“

 

Als Trauernde brauchen wir Zeit. Wir dürfen am Boden sein. Warum müssen wir uns immer gleich wieder aufrichten? Das Betrauern dient ja auch der Integration und Bewältigung. Eine Frau wurde einmal gefragt: “Was? Nach zwei Jahren trauen Sie immer noch um ihren Mann?“ Und sie hat geantwortet: „Ja, er ist ja auch immer noch tot.“

 

 

Sie arbeiten für die evangelische Diakonie, sind aber auch dem Buddhismus und seinen Praxisformen sehr verbunden. 

Das stimmt. Ich bin biografisch durch sehr positive Erlebnisse mit Pastorinnen und Pastoren der evangelischen Kirche geprägt. Eine intensivere spirituelle Praxis hat mit einer Ausbildung zur Yogalehrerin begonnen. Als solche habe ich lange mit Schwangeren und Müttern von Babys gearbeitet. Meine erste spirituelle Lehrerin wurde Ayya Khema; das buddhistische Theravada hat mich tief berührt. Im Rahmen einer Ausbildung zur Lehrerin für Stressbewältigung durch Achtsamkeit (MBSR) habe ich den Dharmalehrer Wilfried Reuter kennengelernt, einen Schüler Ayya Khemas, der mich anschließend begleitet hat. Seit einigen Jahren ist Annabelle Zinser meine spirituelle Lehrerin, in der Tradition Thich Nhat Hanhs und in der Gemeinschaft Quelle des Mitgefühls fühle ich mich sehr zu Hause. 

 

Wichtig ist mir auch das achtsame Selbstmitgefühl, das ein Schwerpunkt in der Trauerbegleitung geworden ist. 

 

 

Welche Rolle spielen spirituelle Fragen bei den Trauernden? Haben sie im Leiden Fragen nach Gott? Oder nach dem Sinn der Meditation?

Es gibt viele spirituelle Fragen! Wo ist mein geliebter Mensch jetzt? Ist er im Frieden? Was ist nach diesem Verlust überhaupt noch der Sinn meines Lebens? Was hält und trägt mich in diesem Schmerz? Wie soll ich weiterleben? Vielleicht war es für den sterbenden Menschen so schlimm zu sterben, dass er jedes Gespräch abgewehrt hat. Dann hatte der Trauernde keine Möglichkeit, noch einmal über wichtige Anliegen zu sprechen; das kann quälen und deshalb spielt das Thema Aussöhnung oft eine große Rolle.

 

ENDE DER LESEPROBE

 

Weitere Informationen

In 2022 bieten wir im Rahmen der Trauerwegbegleitung des Evangelischen Diakoniewerks eine kostenlose Basisqualifikation (80 Stunden) für eine ehrenamtliche, achtsame Trauerwegbegleitung an: edke.de/trauerwegbegleitung.

Weitere Informationen zur Autorin: elvira-sandkuehler.de

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Elvira Sandkühler

hat vor 13 Jahren begonnen, die Trauerwegbegleitung der Stiftung Evangelisches Diakoniewerk Königin-Elisabeth in Berlin-Lichtenberg aufzubauen, und leitet diese Arbeit seitdem; seit vielen Jahren praktiziert sie auch in buddhistischen Traditionen. Was trägt, wenn Menschen einen massiven Verlust erleiden? Einfache Antworten gibt es nicht.
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