Mehr sein, weniger brauchen

Nachhaltigkeit ist das große Sehnsuchtswort der Umwelt- und Klimaschutzbewegung. In ihrem Buch „Mehr sein, weniger brauchen“, beleuchten die Wirtschaftsingenieurin Jessica Böhme und der Physiker Thomas Bruhn, wie eng Nachhaltigkeit und die Beziehungen von Menschen zu sich selbst, anderen und der Natur zusammenhängen. Ein Gespräch mit der Autorin.

Ein Interview mit Jessica Böhme geführt von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2021/3 „Was trägt?“ unter der Rubrik Aktuell im Rahmen des Jahresthemas TRANSFORMATION

Dies ist eine Leseprobe. Möchten Sie mehr lesen?

Hier können Sie BUDDHISMUS aktuell als Magazin bestellen:

www.janando.de

BUDDHISMUS aktuell: Wie sind Sie zur Nachhaltigkeit gekommen?

Jessica Böhme: Eigentlich bin ich Wirtschaftsingenieurin, habe mich diesem Thema allerdings kurz nach meinem Studium zugewandt und das von Anfang an transdisziplinär. Das heißt, dass ich die Probleme, denen wir gesellschaftlich gegenüberstehen, fachunabhängig betrachte. Meine Erkenntnisse kommen aus den Sozialwissenschaften, aus der Psychologie und Philosophie, aber auch aus der Systemtheorie und Ökologie. 

 

Denn: Auf die Frage nach einer nachhaltigen Zukunft gibt es keine einfachen Antworten. Wir haben es hier mit einem komplexen Problem zu tun, das auch komplexe Lösungen braucht. Die Idee, dass wir das innerhalb einer Disziplin hinbekommen können, ohne die vielen verschiedenen Stränge miteinander zu verbinden, ist überholt. 

 

 

Wir haben als Gesellschaft inzwischen ein immenses Wissen darüber, wo und wie wir umsteuern müssten. Doch in der Umsetzung versagen wir. Wie kommt es zu diesem Widerspruch?

Das herauszufinden, ist tatsächlich ein Schwerpunkt meiner Forschung. Die Antwort ist vielfältig, denn die Barrieren liegen auf persönlicher, kultureller und struktureller Ebene.

 

Eine Ursache liegt beispielsweise darin, dass wir kurzfristig orientiert sind. Probleme, die erst in der Zukunft so richtig zum Tragen kommen, erscheinen uns nicht real oder nicht wichtig. So ist es mit dem Klimawandel: Er scheint räumlich und zeitlich noch immer sehr weit entfernt, obwohl sich dieser Eindruck mit den Dürresommern allmählich verschiebt.

 

Eine zweite Ursache liegt darin, dass wir soziale Wesen sind und uns an unserem Umfeld und den kulturellen Normen unseres Kontexts orientieren. Wenn andere nichts tun, tun wir also auch nichts. Strukturelle Barrieren zeigen sich beispielsweise in mangelnden finanziellen Ressourcen: Einzelne Menschen oder auch Kommunen entscheiden sich nicht für ökologische Alternativen, wenn diese teurer sind. 

 

 

Und genaueres Wissen über drängende Probleme spielt nun keine Rolle mehr?

Der Wissensstand zu Themen wie Erderwärmung, Artensterben oder wachsende gesellschaftliche Spaltung ist schon lange recht gut gesichert. Vor Jahren, als diese Debatte begann, gab es noch die Annahme, die Wissenschaft müsse Menschen lediglich aufklären und reichlich Informationen bereitstellen, um eine Änderung zu bewirken. Das hat sich geändert. 

 

Verhaltensänderungen sind unglaublich vielschichtig. In der Verhaltensforschung weiß man, dass wir nicht rein rational handeln, auch wenn wir das gerne von uns denken. Vereinfacht ausgedrückt verändern wir unser Verhalten dann, wenn a) unsere Motivation sehr groß ist und b) es einfach ist, dieses Verhalten zu ändern. 

 

Wissen kann zwar unsere Motivation erhöhen, aber wenn es dennoch sehr schwierig ist, unser Verhalten zu ändern, ändern wir es nicht. Zum Beispiel kann unsere Motivation noch so hoch sein, ausschließlich regionale und ökologische Produkte zu kaufen – wenn sie nicht verfügbar sind und wir dafür jedes Mal zwei Stunden fahren müssen, werden wir das vielleicht hin und wieder tun, aber selten dauerhaft. 

 

Hinzu kommt, dass wir dem Thema Nachhaltigkeit oft innerlich zwiespältig gegenüberstehen. Wir wollen zwar eine nachhaltige Zukunft, verbinden eine nachhaltige Lebensweise jedoch häufig mit Verzicht und Einschränkungen oder auf politischer und unternehmerischer Ebene mit hohen Kosten. Das heißt: So richtig wollen wir vielleicht gar nichts ändern. 

 

 

Geht es denn nicht auch um Verzicht? Und ist der nicht auch furchtbar schwierig?

Ich glaube, es ist genau andersherum: Weil wir zu viel verzichten, leben wir nicht nachhaltig. Die Idee, weniger sei auch schlechter, ist ein Trugschluss. Bewegungen wie Buen Vivir, Voluntary Simplicity oder Minimalism zeigen, dass weniger durchaus besser sein kann. 

 

Oder ich fasse es einmal ganz persönlich: Früher habe ich mich viel mit Kleidung beschäftigt. Was kaufe ich, was ziehe ich an? Das war mir wichtig und natürlich musste ich dafür auch Geld verdienen. Irgendwann habe ich mir ausgerechnet, dass ich fast 8 Jahre Lebenszeit mit dem Thema Kleidung verbringe, wenn ich so weitermache. Hätte das wirklich noch mit Lebensqualität zu tun gehabt? 

 

 

Es geht also nicht darum, dass wir verzichten …

… sondern darum, dass wir die Dinge mehr wertschätzen und mehr Genuss empfinden. Um meine Ukulele genießen zu können, muss ich damit Zeit verbringen – und auf einmal befinden wir uns in einem ganz anderen Bezugsrahmen.

 

Deshalb ist es mir ganz wichtig zu betonen, wie viel Freude ein nachhaltiges Leben mit sich bringt. Es macht bewusster, zufriedener, reflektierter und sogar gesünder. Um das glaubwürdig nach außen tragen zu können, ist meine Wissenschaft von Selbstexperimenten durchzogen. Weil ich davon überzeugt bin, dass ich die Herausforderungen auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft nur begreifen kann, wenn ich mich ihnen auch selber stelle: Also selber anstrebe, ausprobiere, erfahre, was es heißt nachhaltig zu leben. Das heißt keinesfalls, dass es nicht wichtig ist, dass sich auch systemisch etwas verändert. Aber wenn ich beispielsweise nie gelernt habe, was es bedeutet, mit weniger zu leben, dann kann ich das anderen auch nur schwer vermitteln.   

 

 

Jessica Böhme und Susanne Billig im Gespräch
Jessica Böhme und Susanne Billig im Gespräch

Und wie sehen Ihre Selbstexperimente aus?

Ich schreibe seit vielen Jahren einen Blog, auf dem täglich neue Beiträge erscheinen. Statt dort eine bestimmte moralische Gesinnung zu predigen, begeistere ich andere für Veränderungen, indem ich von der Veränderung meines eigenes Verhaltens erzähle. Etwa davon, wie ich meine Kleidung radikal reduziert habe – ich besitze genau zwei Kleider, und die sind identisch. Ich hatte ein und dasselbe Kleid also schon zu Präsentationen, beim Wandern, bei der Gartenarbeit, auf Hochzeiten und auf Partys an. Ich habe einen Monat nur das gegessen, was ich draußen finden konnte. Das Ergebnis waren sehr viele grüne Smoothies und am Ende des Monats ein paar Kilo weniger. Ich bin über Land bis nach Hongkong und bis nach Westafrika gereist, um auf das Fliegen zu verzichten. Ich kaufe ausschließlich Biolebensmittel. Als Teil einer Food-Coop – also einer Art selbstorganisierten Supermarkts – ist das auch kostengünstig möglich. 

 

 

Spannend. Eine Kernthese Ihres Buch ist, dass unsere nicht nachhaltige, diesen Planeten so massiv schädigende Lebensweise ein Abbild unserer Beziehungen sei. Erklären Sie das bitte mal.

Aus der Philosophie, der Psychologie, aber auch den indigenen Kulturen kommt die Erkenntnis, dass wir „relationale“ Wesen sind: Indem wir in Beziehung treten, werden wir zu uns selbst. Wir können nicht nicht in Beziehung sein, so formuliert es die Systemtheorie.

 

Wir alle verfügen über ein großes Netz von Beziehungen. Wir stehen in unmittelbarer Beziehung zu uns selbst. Zu unseren Eltern, Kolleginnen und Kollegen, dem Eisverkäufer, der Postbotin. Aber unser Beziehungsnetz ist noch viel größer: Über unsere Wohnung stehen wir in Beziehung zu den Treibhausgasemissionen unseres Stromanbieters. Über unsere Kleidung mit den Lebensbedingungen der Menschen, die diese gefertigt haben. Über unsere Nahrungsmittel mit dem Boden, auf dem sie gewachsen sind. 

 

Deshalb ist es sehr sinnvoll, wenn wir uns im Kontext der Nachhaltigkeit nicht nur mit der Beziehung zu anderen Menschen, sondern auch mit der Beziehung zu uns selbst und unserer nicht menschlichen Mitwelt befassen. Nachhaltigkeit im Kontext unserer Beziehungen zu betrachten, hat außerdem einen weiteren großen Vorteil: Wir verknüpfen das Thema mit etwas, das wir alle sowieso schon gern möchten: guten Beziehungen. Ich kenne keinen Menschen, der das nicht gern möchte.

 

 

Offenbar pflegen wir aber ein paar sehr schädliche Beziehungsmuster, sonst sähe es auf der Erde anders aus …

Das beginnt ja bereits mit der ungesunden Beziehung zu uns selbst. Wir sind chronisch gestresst, unter Zeit- oder Leistungsdruck und bemühen uns, durch Selbstoptimierung den inneren Kollaps zu verhindern. Die Folge sind steigende Raten von Burn-out, Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen. Wenn alle als gestresste Einzelkämpferinnen und -kämpfer unterwegs sind, kommt es natürlich auch zu einer Beziehungskrise unseres Miteinanders – die Folge sind Vereinsamung, Anonymisierung unserer Lebenswelt, auch schwindende Solidarität, gesellschaftliche Spaltung und politische Radikalisierung.

 

Wenn es doch zu einem Miteinander kommt, pflegen wir häufig rein funktionale Beziehungen. Die beruhen allein darauf, dass mein Gegenüber eine Funktion für mich erfüllt. Der Nachbar kann meine Blumen gießen. Im Garten kann ich Kartoffeln ernten. Das wilde Reh kann ich zu Mittag essen. 

Hier wird dann auch der Zusammenhang zur mangelnden Nachhaltigkeit offensichtlich: Wir beuten uns selbst, andere Menschen und unsere Ökosysteme aus, weil wir ihnen keinen Eigenwert zugestehen, sondern sie rein funktional und interessegeleitet behandeln. 

 

 

Und wie könnten wir unsere Beziehungen verändern?

Die Frage ist durchaus schwierig, weil Beziehungen nicht richtig greifbar sind. Beziehungen bezeichnen stets ein Dazwischen. Sie sind das Verbindende und entstehen dadurch, dass verschiedene Identitäten, von Zellen über Menschen bis hin zu Institutionen, Kontakt miteinander aufnehmen. Wenn wir nun die Muster unserer Beziehungen verändern möchten, können wir immer nur einen Anteil davon verändern, nämlich unseren eigenen Beitrag zu diesen Beziehungen. Wir können das Gegenüber nicht verändern.

 

Um Beziehungen so zu gestalten, dass sie eine nachhaltige Zukunft ermöglichen, können wir uns von Ökosystemen inspirieren lassen – denn Beziehungen in Ökosystemen sind ein Vorbild an Nachhaltigkeit. In unserem Buch erklären wir, wie das im täglichen Leben sehr konkret und persönlich umgesetzt werden kann. Es gibt Beziehungsmuster, die für eine nachhaltige Zukunft eine wesentliche Rolle spielen und mit denen wir experimentieren können: Kooperation ist wichtig. Die eigene Kreativität bewusst entdecken und fördern, weil sie ein mächtiges Werkzeug ist, wenn es darum geht, in ungewissen Situationen spannende neue Lösungen hervorzubringen – und das macht mutiger. Auch Authentizität spielt eine wichtige Rolle: den eigenen Sinn erleben, sich auch zeigen können mit Stärken und Schwächen. In unserem Buch betonen wir, wie wichtig es ist, das eigene Sein zu erkennen. Wie erleben, verstehen und interpretieren wir die Welt? Was erscheint uns bedeutsam, welche tieferen Einstellungen verbergen sich dahinter? Die Beschaffenheit unseres eigenen Seins ist Teil des Wandels. Die Welt kann sich nicht verändern, ohne dass unsere eigene geistige Welt sich mit verändert.

 

 

Ist Spiritualität in Ihren Augen dabei eine sinnvolle Ressource?

Vieles deutet darauf hin, dass wir für eine nachhaltige Zukunft eine Vielzahl neuer Denk- und Verhaltensweisen entwickeln müssen. Dabei geht es um unsere kognitiven und emotionalen Fähigkeiten, um Empathie und darum, mit Komplexität und Ambivalenzen besser umzugehen.

 

Hier sehe ich tatsächlich ein großes Potenzial, Spiritualität einfließen zu lassen, allerdings gibt es natürlich nicht den einen Weg. Für manche ist es das Meditationskissen, für andere der Garten, für die dritten die Kunst. Diese unterschiedlichen Wege sind eine große Herausforderung, denn bislang suchen die meisten für sich allein, in den eigenen vier Wänden, in selbst organisierten Gruppen oder bei kommerziellen Angeboten wie Yogastudios. Ich wünsche mir tatsächlich auch hier mehr Gemeinschaftlichkeit, natürlich ohne dass Menschen in ihren individuellen Wege behindert werden. Aber es könnte uns nicht schaden, wenn es im öffentlichen und politischen Raum mehr Möglichkeiten gäbe, solche Themen einfließen zu lassen, die einerseits extrem persönlich und andererseits doch auch von kollektiver Bedeutung sind.

 

ENDE DER LESEPROBE

 

 

Buchcover: Mehr sein, weniger brauchen

Literaturhinweise

Thomas Bruhn, Jessica Böhme: „Mehr sein, weniger brauchen. Was Nachhaltigkeit mit unseren Beziehungen zu tun hat“, Beltz Verlag 2021, 256 Seiten, 19,95 Euro

Transformative education: towards a relational, justice-oriented approach to sustainability: tinyurl.com/boehme-transformative

Towards a relational paradigm in sustainability research, practice, and education: tinyurl.com/boehme-relational

Twitter Off Image Facebook Off Image0 Google Plus Off Image

Jessica Böhme

forscht und schreibt zu nachhaltigen Lebensstilen. Durch teils radikale Selbstexperimente zeigt sie Wege zu regenerativer und intersektioneller (umfassend diskriminierungsfreier) Nachhaltigkeit auf. Derzeit ist sie Doktorandin an der Leuphana Universität Lüneburg, arbeitet am Potsdamer Nachhaltigkeitsinstitut IASS in der Forschungsgruppe „Mindsets für das Anthropozän“ und unterstützt als Tutorin einzelne Menschen dabei, ihren Weg in eine nachhaltige Lebensweise zu finden.
Weitere Artikel in dieser Ausgabe