Editorial der neuen Ausgabe von "BUDDHISMUS aktuell"

„Was trägt?“ ist der Schwerpunkt der neuen Ausgabe von BUDDHISMUS aktuell, und bei der Annäherung an das Thema stellt Susanne Billig zunächst einmal fest, dass es so vieles gibt, das uns trägt: die materielle Welt um uns herum, der eigene Körper und die Lebenserfahrung, die Lehren und Gemeinschaften des Buddha, die anderen Menschen, das Gemeinwesen. So natürlich gehört das alles zu unserem Leben, dass wir kaum jemals darüber nachdenken. Erst wenn das so Selbstverständliche in Frage gestellt wird, wird es zum Thema.

Farb-Drohnenfoto zweier Flüsse, die in den Arktischen Ozean fließen, Foto: USGS-FGKiJElG-QI auf unsplash.com

Ein Beitrag von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2021/3 „Was trägt?“ unter der Rubrik Editorial SCHWERPUNKT „Was trägt?“

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wenn ich die Frage „Was trägt?“ eine Zeitlang auf mich wirken lasse, verkehrt sie sich in ihr Gegenteil. Was trägt denn nicht?

 

Mich trägt das Bett, aus dem ich morgens aufstehe. Meine Beine tragen mich. Mich trägt der Wohlstand, der es mir erlaubt, einen vollen Kühlschrank zu öffnen, Teller, Messer und Gabel in den Schränken zu finden, einen Tisch zu haben, an den ich mich setzen kann. Mich trägt die Gesundheit, die es mir möglich macht, zu kauen, zu schlucken, zuverdauen, mich zur Meditation hinzusetzen, meinen Geist auszurichten, mich an die Arbeit zu machen, täglich Kontakt zu Menschen aufzunehmen und Klarheit, guten Rat, Entgegenkommen von ihnen zu erfahren.

 

Mich tragen die Lehren und Gemeinschaften des Buddha, die Weisheit spiritueller Traditionen, weil sie mir eine Form eingeprägt haben und mich weiter bilden und so auf einen Weg schicken, den ich entlanggehen kann. Mich tragen die Bäume in den Straßen, der Sauerstoff in der Luft, die neunhundertmal in der Stunde atmende Lunge, die Felder, auf denen mein Essen wächst, der Regen, solange er noch vom Himmel fällt, und die bedrängte, überlebenswichtige Natur.

 

Die Arbeit der vielen Menschen trägt mich, die unser Gemeinwesen lebenswert bleiben lassen. Die Ausdauer und das Engagement derer, die wissen, dass nichts von dem selbstverständlich ist – nicht für alle, nicht für immer. Dass es kostbar ist und mit einer Haltung von Dankbarkeit und Maßhalten gepflegt werden will: Natur, Gemeinwesen, bezahlbare Gesundheit und Auskommen aller, spirituelle Traditionen, Mitmenschlichkeit.

 

Meine Lebenserfahrung trägt mich, all der Schmerz und die Freude, die sie hervorgebracht haben. Was von den zehntausend Dingen trägt denn nicht?

 

Die Frage, was letztlich trage, werde im Alltag häufig vergessen und dränge sich erst in den Grenzbereichen des Lebens auf, schreibt der Zen-Lehrer Stefan Matthias in seinem Beitrag. „Wie komme ich klar mit Sinnlosigkeit, Verlust, Krankheit, Tod, Verzweiflung, Angst oder Hoffnungslosigkeit? Was trägt im Leid und darüber hinaus?“

 

Es sind diese Fragen, über die Elvira Sandkühler täglich mit Menschen spricht, die nahe Angehörige verloren haben. Patentrezepte, um tragenden Grund wiederzufinden, gebe es nicht, betont die Trauerbegleiterin im Interview – aber einen Weg des Annehmens und Fühlens.

 

Fühlen, wahrnehmen, Körper-Geist sein: Kum Nye ist ein Yoga für Heilung und Energie aus der tibetischen Tradition. Fünf Praktizierende erzählen von dem heilenden und tragenden Potenzial der Methode. Auf einem ähnlichen Weg befinden sich Stefan Laeng und Patrick Ho Kai Damschen, die klassisches Zen in Verbindung mit dem körperbewussten Sensory Awareness lehren. Im Gespräch miteinander erkunden sie, was es bedeutet, wenn Menschen einen lebendig-körperlichen Dialog aufnehmen zwischen dem, was sie vorfinden, und dem, was sie selbsterfahren.

 

Die Deutsche Buddhistische Union hat die umfassende wirtschaftliche, soziale und geistige Transformation hin zu einer zukunftsfähigen Zivilisation zu einem ihrer vorrangigen Anliegen gemacht. Jenseits des Schwerpunktes sprechen wir darum mit der Wirtschaftsingenieurin Jessica Böhme über die Frage, warum unser Beziehungsverhalten auf den Prüfstand gehört. „Nachhaltigkeit im Kontext unserer Beziehungen zu betrachten, hat einen großen Vorteil“, betont die Wissenschaftlerin. „Wir verknüpfen das Thema mit etwas, das wir alle sowieso schon gern möchten: guten Beziehungen.“

 

Zum Abschluss sei der Beitrag „Erkenntnisgewinn im Ozean des Nichtwissens“ erwähnt, den uns Bhikkhu Sujata aus Sri Lanka zugesandt hat. Er vergleicht die naturwissenschaftliche und die spirituelle Erforschung des Geistes und schickt dazu Fotografien, in denen die Ernsthaftigkeit und Hingabe der Theravada-Mönche ohne Worte spürbar werden.

 

Es grüßen Sie herzlich das Team von BUDDHISMUS aktuell und Ihre

 

 

 

Unterschrift Susanne Billig

Susanne Billig,

Chefredakteurin

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Susanne Billig

Susanne Billig ist Biologin, Buchautorin, Rundfunkjournalistin (Wissenschaft, Gesellschaft) und Sachbuchkritikerin. Sie ist seit 1988 in Praxis und Theorie mit Buddhismus und interreligiösem Dialog befasst, Kuratoriumsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell.
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