Das, was du bist, ist unbegreifbar

Was trägt? In der Normalzone unseres Lebens stellt sich die Frage nicht ausdrücklich. Wir leben unser Leben und hinterfragen nicht grundsätzlich. Wir befinden uns entweder noch im Zustand der träumenden Unschuld, sozusagen vor der Entdeckung von Alter, Krankheit und Tod, oder wir haben die Infragestellung unseres Daseins im Getriebe des Alltags vergessen.

Bild: © Stefan Matthias

Ein Beitrag von Stefan Matthias veröffentlicht in der Ausgabe 2021/3 „Was trägt?“ unter der Rubrik SCHWERPUNKT „Was trägt?“

Die Frage, was letztlich trägt, wird in den extremen Grenzbereichen virulent. Wie komme ich klar mit Sinnlosigkeit, Verlust, Krankheit, Tod, Verzweiflung, Angst oder Hoffnungslosigkeit? Was trägt im Leid und durch das Leid und darüber hinaus?

 

Was trägt nach dem Tod Gottes? Nach Auschwitz? Nach der Katastrophe des 20. Jahrhunderts mit Millionen Toten in verheerenden Kriegen, nach Hiroshima, den Gulags und jetzt in der katastrophalen Welt- und Artenzerstörung als Folge eines ungebremsten Kapitalismus und unersättlicher Gier?

 

Meine Antwort wird eine persönliche sein: Was trägt mich? Was hat mich bis hierher getragen? Was wird mich in Zukunft tragen?

 

 

Suizid

„Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie.“ Der Schriftsteller Albert Camus stellte die Grundfrage unseres Menschseins mit aller Schärfe. Kann ich leben, will ich leben, lohnt es sich zu leben trotz und inmitten der Absurdität, der Gewalt und des Leids?

 

In der wohl heftigsten Krise meines Lebens stellte sich mir genau diese Frage ganz konkret: Suizid war eine ernsthafte Option. Die Frage, welche Rolle ich in dieser offensichtlich gewalttätigen Gesellschaft einnehmen werde und ob ich mich so nicht zwangsläufig zum Mitwirkenden am Unheil mache, führte mich in Verzweiflung und stellte mich vor die Frage nach dem Sinn meiner Existenz.

 

 

Staunen

Diese persönliche Krise führte mich an einen Punkt, an dem sich ein unerwarteter und plötzlicher Umschlag vollzog. Auf einem Spaziergang brach unvermittelt die Erkenntnis auf: Wie wunderbar und wie vollständig unwahrscheinlich ist es, diesen sich gerade ereignenden gegenwärtigen Augenblick zu erfahren: der Wind im Gesicht, das Blau des Himmels, die ziehenden Wolken, der Waldboden unter den Füßen, der Gesang des Vogels und der Duft des Frühlings. Warum? Warum dies alles? Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts?

 

In diesem Moment tiefen Staunens zeigte sich eine uneinholbare Positivität des Lebens. Was für ein unfassbares und unwahrscheinliches Glück, am Leben zu sein! Ein Glück, das nicht in erster Linie von den äußeren Lebensumständen abhängt, sondern in dem puren und schlichten „dass“ gründet: „Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist“, schrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein in seinem „Tractatus logico-philosophicus“, der teilweise während des Ersten Weltkriegs an der Front entstand.

 

In einem Brief aus dem Gefängnis von 1917 bringt Rosa Luxemburg die Überwältigung in eindringlichen Worten zum Ausdruck: „... dass ich allein soviel Schönheit genießen soll. Ich möchte laut über die Mauer hinausrufen: O, bitte beachten Sie doch diesen herrlichen Tag! Vergessen Sie nicht, wenn Sie noch so beschäftigt sind, wenn Sie auch nur in dringendem Tagewerk über den Hof eilen, vergessen Sie nicht den Kopf zu heben und einen Blick auf diese riesigen silbernen Wolken zu werfen und auf den stillen blauen Ozean, in dem sie schwimmen.“

 

 

Foto: Teich, Halme
Bild: © Stefan Matthias

 

Geheimnis

Im Staunen begegnet mir ein Umfassenderes, Tieferes, das mich hält und trägt: das Geheimnis unseres Hierseins. Ich finde in mir keinen Grund, sondern werde mir durch dieses Größere geschenkt – es ist voller Gnade. In der abendländischen Kultur können wir dieses Andere, Umfassendere, Seinsmächtige adressieren: Wir haben das Symbol von Gott als dem Schöpfer, der aus dem Nichts alles ins Dasein hält. Der protestantische Theologe und Religionsphilosoph Paul Tillich spricht von Gott als dem Sein selbst, aus dem jeder Mut zum Dasein hervortritt und in dem er gründet. Friedrich Schleiermacher spricht von dem Gefühl der schlechthinnigen, also absoluten Abhängigkeit als grundlegendem Wesenszug unseres spirituellen Lebens: das Bewusstsein, dass ich in mir selbst nichts bin und mir alles, was ich bin und habe, geschenkt wird.

 

 

Leerheit

Dass wir als Mensch unseren Grund nicht in uns selbst finden, wird im buddhistischen Kontext durch das bedingte Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit beschrieben: Ich bin Ich, weil ich Nicht-Ich bin. In dieser Sicht ändert sich die Identität vom „Ich bin Ich“ zum „das Universum ist Ich“. Alle Teile des Universums wirken in diesem Moment so zusammen, dass ich bin. Für den Zen-Buddhismus hat Dogen das klassisch formuliert: „Sich selbst vergessen heißt, von den 10 000 Dingen des Universums bestätigt zu werden.“ Erwachen ist, „wenn die 10 000 Dinge uns selbst auf natürliche Weise praktizieren und erfahren.“ In solcher Umkehr der Selbstgründung manifestiert sich unsere Buddhanatur und realisieren sich Nicht-Ich und Leerheit.

 

 

Verdunklung

Oft genug ist die tragende Dimension unseres Lebens verdunkelt oder unzugänglich. Sie kann auch so nachhaltig in Vergessenheit geraten, dass wir beginnen einen Mangel zu spüren. Dann erwacht in uns vielleicht ein Impuls, diesen tragenden Grund wiederzufinden, ihn freizulegen und erneut zur Basis unseres Lebens zu machen.

 

Der Verlust dieses Grundes beginnt möglicherweise schon früh in unserem Leben: Das ursprüngliche Vertrauen, dass es dieses Leben gut mit uns meint und wir geborgen sind, wird erschüttert oder sogar zerstört. Nur die wenigsten nehmen Geborgenheit so mit in ihr Erwachsensein, dass sie ihnen als Ressource zur Verfügung steht oder sogar die Basis ihres Lebens bildet. Im wahrscheinlicheren Fall legen sich über das Urvertrauen schmerzhafte Erfahrungen, Traumatisierungen, Angst, Gewalt, Vernachlässigung oder Verlust. Im extremen Fall spalten wir ab, was uns dann Schmerzen verursacht: unseren Körper. Im religiösen Kontext kann sich dies in einer welt- und körperfeindlichen Ausrichtung auf rein geistige oder jenseitige Ziele spiegeln – Nirvana als Gegensatz zu Samsara, das Reich Gottes nur nach dem Tod im Jenseits. 

 

 

Vertrauen

In unserem täglichen Leben zeigt sich die Verdunklung auch dadurch, dass die Angst und die Sorge und damit auch der Versuch der Kontrolle und Beherrschung immer stärker und schließlich sogar beherrschend werden. Angst und Sorge haben wichtige Funktionen für unser Leben. Aber nur, wenn sie begrenzt sind. In der Bergpredigt wird dies in bis heute gültigen Bildern zum Ausdruck gebracht:

Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?
Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?
Nach dem allen trachten die Völker. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.


Der Sorge um das eigene Leben setzt Jesus das Vertrauen entgegen: Dieses Universum, das euch hervorgebracht hat, ist zutiefst vertrauenswürdig. Vertraut darauf, dass das, was ihr braucht, euch von Tag zu Tag zukommen wird. 

 

 

Foto Stefan Matthias, ineinanderfließende Formen, blaugrau
Bild: © Stefan Matthias

 

Heilung

Wie kann man das verlorene Vertrauen, den Mut zum Dasein, wiederfinden? Wir kann man sich aus der Herrschaft von Angst und Sorge, aus dukkha, befreien? 

 

Da frühe Bindungsstörungen und Traumatisierungen zu den prägendsten Leiderfahrungen gehören, ist jeder Heilungsweg nahezu unausweichlich von therapeutischer Qualität. Daher muss auch jeder verantwortungsvolle spirituelle Heilungsweg traumatherapeutische Aspekte berücksichtigen. Dies gilt insbesondere für die Meditationspraxis, die wesentlich eine psychoaktive, also aufdeckende Methode ist. Wird dieser Aspekt ausgeblendet, droht massives spirituelles Bypassing – die spirituelle Praxis wird genutzt, um Schmerzen zu verdrängen.

 

Für die Meditationspraxis verbieten sich daher grundsätzlich rigorose und rigide Settings, wie es sie im Zen oft gibt, und alle Praktiken, die den Körper und körperliche Empfindungen in irgendeiner Weise transzendieren wollen. Von Anfang an sollte eine integrative Meditationspraxis von bedingungsloser Selbstannahme und vollständiger Gewaltlosigkeit geprägt sein. Tragend und wesentlich ist das Vertrauen in die Selbstregulation meines körperlich-psychischen Systems, dem ich mich öffne und überlasse, indem ich eigene Kontrolle und Absicht zurücknehme. In der offenen Weite der Meditation gebe ich meiner innewohnenden Lebendigkeit Raum zur Entfaltung und Selbstheilung.

 

 

Unfassbar

Ich habe eine Geschichte, Eigenarten und einen Charakter, ich stelle mich in Rollen dar, und ich und andere haben ein Bild von mir. So, wie ich mir und anderen erscheine, bin ich begreifbar. 

 

Aber so sehr ich davon nicht zu trennen bin, so wenig gehe ich darin auf. Du sollst dir kein Bild machen von Gott und den Dingen und Menschen und Tieren, heißt es im zweiten Buch Mose. Denn das Bild verstellt das Geheimnis. Du wirst dir selbst immer Geheimnis sein und gleichzeitig ist dein aktuelles Hiersein unmittelbarer Ausdruck des Geheimnisses. Und doch: Das, was du bist, ist unbegreifbar. So unbegreifbar wie das Hiersein. Es entzieht sich auch aller Verfügbarkeit und schützt so auch vor denen, die über dich verfügen wollen.

 

Die Zen-Tradition erzählt die Legende der Begegnung Bodhidharmas mit dem Kaiser von China. Auf die Frage des Kaisers: „Was ist der Sinn der heiligen Wahrheit?“, lautete Bodhidharmas Antwort: „Offene Weite – nichts von heilig!“ Und auf die Frage des Kaisers: „Wer ist das, der vor mir steht?“, lautete die Antwort: „Ich weiß es nicht!“

 

In Bezug auf uns selbst ist das Nicht-Wissen präziser als das Wissen. Nicht-Wissen kommt dem, was wir sind, am nächsten. Der Mensch ist das nicht festgestellte Tier, formulierte es der Philosoph Friedrich Nietzsche. Und da, wo man wusste, was der Mensch ist oder sein soll und welchem Bild er zu entsprechen hat, erlebten wir die größten menschlichen Katastrophen des letzten Jahrhunderts: in den heroisierenden Menschenbildern der nationalsozialistischen und der kommunistischen Ideologie.

 

In der Gefängnishaft der Nazis hat Dietrich Bonhoeffer das Nichtfassbare unseres Hierseins und Ichseins so beschrieben: 

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und zu leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?

Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

 

 

 

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Stefan Matthias

ist Zen-Lehrer, evangelischer Pfarrer in Berlin-Kreuzberg und leitete acht Jahre das Haus der Stille in Berlin. Er hat Zen-Meditation bei buddhistischen und christlichen Lehrern praktiziert, ist Dharmanachfolger von Stefan Bauberger SJ und leitet eine eigene Zen-Meditationsgruppe in Berlin: offene-weite.org
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