Die acht Säulen der Freude

Inspiriert von „Das Buch der Freude“, das der Dalai Lama und Desmond Tutu vor einiger Zeit vorgelegt haben, befasst sich Noah Rasheta mit den Bedingungen, die Freude natürlich entstehen lassen. In Mexiko lebend, unterrichtet Noah Rasheta weltweit per Internet und in Workshops Achtsamkeit und säkularen Buddhismus.

Noah Rasheta mit Familie

Ein Beitrag von Noah Rasheta veröffentlicht in der Ausgabe 2021/2 Freude unter der Rubrik SCHWERPUNKT Freude

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Im Buddhismus lehren wir die Vier Unermesslichen: Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut. Wir bezeichnen sie als unermesslich, weil sie nicht ausgehen und keine Grenzen haben. Als ich mein erstes Kind bekam, einen Sohn, hatte ich das Gefühl: „Wie kann es nur sein, dass ich einen Menschen so sehr liebe?!“ Dann kam das zweite Kind – und meine Liebe hat sich noch vermehrt. Ich dachte: „Wow, jetzt ist es wirklich nicht möglich, dass ich eines Tages noch mehr liebe.“ Dann kam das dritte Kind und ich habe noch mehr geliebt. Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut sind unermessliche Eigenschaften. Sie gehen nicht aus.

Die acht Säulen der Freude, über die wir nun sprechen werden, lassen die Freude als Haltung ganz natürlich entstehen. Denn im Buddhismus gibt es keine Vorschrift, dass Sie Freude haben oder glücklich sein müssen. Freude muss nicht vorgetäuscht werden, sondern sie entwickelt sich, wenn wir gute Bedingungen schaffen.

 

Die erste Säule: Perspektive

Mit einer engen Perspektive sind wir der Auffassung: „Nur meine Perspektive ist gültig, weil nur meine richtig ist.“ Mit einer weiten Perspektive sind wir bereit, die Perspektiven anderer mit unserer Wahrnehmung der Realität zu kombinieren, denn dann sehen und verstehen wir mehr. Letztlich sind alle Perspektiven gleich richtig – weil sie alle unvollständig sind. 

Wenn Sie die Realität mit dem Auge der Weisheit betrachten, erkennen Sie, dass alle Dinge voneinander abhängig und ständiger Veränderung unterworfen sind. Wenn wir eine Blume betrachten, sehen wir die Blume nicht einfach allein, sondern die Sonne, die Wolken, den Regen, den Boden darin – all ihre Abhängigkeiten. 

Wenn wir verstehen, dass wir in Abhängigkeit von all den Dingen existieren, die es uns ermöglichen zu existieren, verschwindet das starke Gefühl unserer Unabhängigkeit. Wir verstehen: Genauso wie die Blume nicht ohne Sonne, Regen, Wolken, Erde existiert, existieren auch wir nicht allein. Wir sind auf alles andere angewiesen. „Ich bin, weil alles andere ist.“ Dies führt uns zur nächsten Säule. 

 

Die zweite Säule: Demut

Auch die Demut sollten wir nicht vortäuschen. Wir wollen nicht nur so tun, als wären wir demütig. Mit der richtigen Perspektive entsteht Demut auf natürliche Weise, weil wir erkennen: „O! Ich bin ja nur ein Teil von allem, was es gibt! Wie viel Glück ich habe, denn ohne all das gäbe es mich nicht.“ So verblasst die selbstverliebte Ansicht, ich sei das Zentrum der Welt.

Das Gegenteil von Demut ist Stolz – eine Überhöhung unserer Person. Stolz schließt die Tür zu jeder persönlichen Entwicklung, denn müssen wir nicht, um zu lernen, zunächst begreifen, dass wir etwas nicht wissen? Ein offener Geist beginnt mit Demut, wenn wir erkennen, dass wir von alldem, was es da draußen zu wissen gibt, kaum etwas wissen. Die Weisen sind demütig, nicht weil sie so tun, als wären sie demütig, sondern weil sie wirklich wissen, dass sie nicht alles wissen.

Oft haben wir die Tendenz zu denken, dass wir über etwas Bescheid wüssten, beispielsweise wenn wir über einen anderen Menschen urteilen. Wir mögen in der Vergangenheit etwas erlebt haben, das uns zu diesem Urteil gebracht hat. Aber kennen wir denn die ganze Zukunft? Schließlich könnte der andere Mensch sich ändern. Demut ermöglicht uns, den weiten Raum des Nichtwissens zu erfahren. Mit der richtigen Perspektive auf die Realität entsteht Demut auf natürliche Weise. Und weil wir demütig sind, ist es einfacher, Freude zu empfinden, weil wir – ohne uns auf etwas zu fixieren, das dauerhaft zu sein scheint – offen bleiben für das, was sich entfaltet.

 

 

Der Dalai Lama und Desmond Tutu
Der Dalai Lama und Desmond Tutu

Die dritte Säule: Humor

Nun tritt auch der Humor ganz natürlich hervor, denn wenn man sich nicht mehr so ​​ernst nimmt, wird alles lustig. Dabei geht es nicht um einen Humor, der andere herabsetzt, sondern der uns näher zusammenbringt. Wir alle nehmen die Dinge des Lebens so ernst und sind der festen Meinung, dass es etwas zu erreichen gäbe – doch in Wahrheit rennen wir alle in einem Hamsterrad, und wenn wir das erkennen würden, könnten wir über uns selbst lachen.

Studien zeigen, dass Lachen unser Immunsystem stärk, den Körper entspannt, das Herz schützt, Stresshormone und Entzündungen vermindert. Außerdem fühlt es sich einfach gut an zu lachen. Wir machen eine Pause von Problemen und Schmerzen.

Auch hier geht es nicht darum vorzutäuschen, dass wir die Dinge lustig finden, sondern tatsächlich zu erkennen, dass sie in Wahrheit einfach nicht so ernst sind – nur dann entsteht der Humor auf natürliche Weise. In dem Buch, das mich zu diesem Beitrag inspiriert hat, zeigen sich sowohl der Dalai Lama als auch Desmond Tutu immer voller Freude. Ständig lachen sie. Ich denke, das liegt daran, dass sie sich selbst nicht so ernst nehmen. Wenn wir uns ebenfalls nicht so ernst nehmen, können wir denselben Humor als Säule der Freude erleben.

 

Die vierte Säule: Akzeptanz

Akzeptanz ist die Fähigkeit, unser Leben in all seinem Schmerz, seiner Unvollkommenheit und Schönheit so zu akzeptieren, wie es ist – ohne Resignation oder ein Gefühl von Niederlage. Akzeptanz ermöglicht uns, das Leben zu unseren eigenen Bedingungen zu führen, anstatt uns vergeblich zu wünschen, dass die Dinge anders wären, als sie sind, denn das lässt uns nur leiden. Akzeptanz hilft uns, uns selbst zu verändern, anstatt den Wunsch aufrecht zu halten, dass alles andere unseren Erwartungen entspricht. Eine der zentralen Praktiken des Buddhismus besteht darin, Konzepte, Erwartungen und verzerrte Realitätswahrnehmungen zu durchschneiden. 

Akzeptanz ist wie auf einem Feld zu sitzen, in den Himmel zu schauen und die Wolken vorbeiziehen zu sehen. Es gibt keinen Widerstand gegen die Erfahrung von Moment zu Moment, weil es nur Beobachtung und Akzeptanz gibt. Niemand schaut auf die Wolken und sagt: „Das ist aber eine unförmige Wolke.“ Weil es keine unförmigen Wolken gibt. Es gibt nur Realität. Auch unsere Emotionen sind einfach nur Phänomene, die auf natürliche Weise entstehen. Wie wäre es, wenn wir einfach nur glücklich sein könnten, wenn wir glücklich sind, und traurig, wenn wir traurig sind? Wie die Wolken werden unsere Emotionen nach einer Weile durch andere Emotionen ersetzt, wenn die Ursachen und Bedingungen sich verändert haben.

 

Die fünfte Säule: Vergebung

Zunächst haben wir die Gegenwart akzeptiert. Jetzt geben wir den Wunsch frei, die Vergangenheit zu ändern. An Missständen innerlich festzuhalten bedeutet, an dem Wunsch festzuhalten, die Vergangenheit hätte anders sein können. Wenn wir an negativen Emotionen, an Ärger, Trauer und Rachegelüsten festhalten, verletzen wir uns nur selbst. Möglicherweise treten wir sogar in einen Kreislauf der Vergeltung ein und werden darin zu Gefangenen.

Vergebung heißt nicht zu vergessen. Es heißt lediglich, nicht mit Negativität zu reagieren. Selbstverständlich können wir weiterhin dafür sorgen, dass wir nicht erneut verletzt werden oder dass Gerechtigkeit entsteht. Ein Täter kann immer noch bestraft werden. Es ist möglich, der Gerechtigkeit ohne Hass zu dienen.

Bevor wir einer Person vergeben, die uns Unrecht getan hat, geben wir dieser Person Macht über uns. Wir sind wie ein Mensch, der an einem Stück glühender Kohle festhält, um es auf jemanden zu werfen – aber in Wahrheit sich dabei nur selbst verletzt. 

Aus buddhistischer Sicht ist das Vergeben allerdings keine Vorschrift! Der Buddhismus ermutigt uns dazu, weil das Vergeben uns hilft, unser Leiden zu beenden. Wir haben die Wahlfreiheit, sagt der Buddhismus. Niemand befiehlt uns, die heiße Kohle fallen zu lassen. Wenn Sie bereit sind, das Brennen und den Schmerz des Festhaltens am Ärger nicht mehr zu erleben, dann lassen Sie ihn los. Jetzt kann die Wunde heilen. 

 

ENDE DER LESEPROBE

Weitere Informationen

Der sehr viel längere englische Originalbeitrag ist als Text zu lesen und als Podcast zu hören unter: secularbuddhism.com/the-pillars-of-joy;

Dalai Lama, Desmond Tutu, Douglas Abrams: „Das Buch der Freude“, übersetzt von Helmut Dierlamm und Friedrich Pflüger, Lotos Verlag 2016

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Noah Rasheta

lebt in Utah, USA und unterrichtet weltweit per Internet und in Workshops Achtsamkeit und säkularen Buddhismus.
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