Das Jetzt ist nicht das Ziel

Der gegenwärtige Moment ist nicht einfach gegeben, sondern konstruiert. Das zu erkennen und vollständig zu überschreiten bedeutet Befreiung, betont der US-amerikanische Theravada-Mönch Thanissaro Bhikkhu und setzt damit unsere Serie über Achtsamkeit in der Lehre des Buddha fort. Die Fotografien dazu stammen von dem Fotografen Christoph Mohr. Er hat die Wirkungsstätten des Buddha mit der Kamera besucht.

(c) Christoph Mohr, Foto aus dem Buch "Heiligen Stätten des Buddhismus"

Ein Beitrag von Thanissaro Bhikkhu übersetzt von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2021/2 Freude unter der Rubrik SCHWERPUNKT Freude

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Wir mögen denken, dass der gegenwärtige Moment beginnt, wenn die Sinne Kontakt zu ihm aufnehmen. Aber wenn wir uns mit dem Leiden und seinen Ursachen befassen, entdecken wir: Der gegenwärtige Moment umfasst mehrere Schritte vor den Sinneskontakten – Schritte, die darüber bestimmen, ob diese Kontakte zu Leiden führen werden oder nicht. 

Einer der wichtigsten dieser Schritte ist die Fabrikation oder Konstruktion (sankhara): der Prozess, der gestaltet, wie wir unseren Körper und alle anderen Aktivitäten des Geistes wahrnehmen. Davon hängt unsere Erfahrung des gegenwärtigen Moments ab. Der gegenwärtige Moment wird ständig konstruiert und gemacht: Wenn Sie möchten, dass eine Aktivität von einem Moment zum nächsten fortbesteht, müssen Sie sie weiter tun. Sonst hört sie auf.    

Der Geist ist also nicht einfach ein passiver Empfänger von Sinneskontakten. Stattdessen ist er proaktiv – auf der Suche nach Sinneskontakten, von denen er sich ernähren kann. Wir sehen dies, wenn Menschen ihre persönlichen technischen Geräte einschalten, um nach Dingen zu suchen, die ihre Gier, Lust oder Wut anheizen: Online-Shopping, Internetpornos oder Hassradio. Noch bevor ein Mensch ein Bild sieht oder einen Ton hört, hat er in Bewusstsein, Absicht, Aufmerksamkeit und Wahrnehmung bereits Aktivitäten vollzogen, die darüber bestimmen, was er mit den Sinnen wahrnehmen wird und aus diesem Moment herausziehen möchte.

 

Vorübergehender Ruheplatz

Der gegenwärtige Moment ist niemals einfach so zu akzeptieren, wie er ist. Bestenfalls ist er ein vorübergehender Ruheplatz, weil er konstruiert und fabriziert wird und weil diese Fabrikation immer einen Zweck in sich trägt. Der Zweck ist normalerweise Glück, entweder jetzt oder in der Zukunft.

Das ist der Grund, warum Sie nicht wirklich aus der Zeit treten, wenn Sie vollständig in den gegenwärtigen Moment eintauchen. Selbst wenn Ihre Konstruktion der Gegenwart ausschließlich auf Ihr jetziges Glück abzielt, ohne an die Zukunft zu denken, erzeugt dies immer Karma, und dieses Karma hat sowohl gegenwärtige wie zukünftige Auswirkungen. 

Die Art und Weise, wie Sie Ihr Zuhause in der Gegenwart bauen, erzeugt den Rohstoff, aus dem Sie gegenwärtige Momente in der Zukunft gestalten, und die Gewohnheiten, mit denen Sie diese zukünftigen Momente konstruieren werden. 

Die Hedonisten und Meditierenden, die stolz darauf sind, den gegenwärtigen Moment nicht für ein zukünftiges Glück zu opfern, blenden einfach einen wichtigen Aspekt ihres Handelns aus: die langfristigen karmischen Konsequenzen der Art und Weise, wie sie im Jetzt nach Glück suchen. So bereiten sie sich darauf vor, mehr zu leiden.    

 

 

Unzufriedenheit gehört zum Weg

Wenn der Buddha über die Wichtigkeit des gegenwärtigen Augenblicks spricht, porträtiert er ihn oft als einen Ort, an dem Arbeit geleistet werden muss. Denn man lernt nichts über die eigenen Fabrikationen, wenn man sie einfach von allein kommen und gehen sieht, weil sie nicht von allein kommen und gehen. Sie werden von zielgerichteten Wünschen angetrieben. Und der beste Weg, etwas über diese Wünsche zu lernen, besteht darin, geschickte Wünsche zu entwickeln, um alle ungeschickten Zwecke zu vereiteln, die hinter ihnen lauern. 

Sogar die scheinbar passiven und akzeptierenden Eigenschaften, die der Buddha als Teil des Weges empfiehlt – Gleichmut, Geduld, Zufriedenheit – sind Arten von Karma und müssen ihre Rolle in einem vorwiegend proaktiven Zusammenhang spielen. 

Gleichmut zum Beispiel wird niemals als positiver Wert an sich gelehrt. Wie der Buddha bemerkt, kann Gleichmut entweder geschickt oder ungeschickt sein. Wenn ein Mensch sich ausschließlich um Gleichmut gemüht, kann dies zu einer Stagnation auf dem Weg führen. Deshalb lehrt der Buddha Gleichmut im Zusammenhang mit anderen Qualitäten, um sicherzustellen, dass er eine positive Rolle spielt, wie der Gleichmut eines Arztes: Der ideale Arzt, der von liebender Güte für seine Patientinnen und Patienten motiviert ist, ist mitfühlend, wenn sie leiden, und freut sich über ihre Genesung. Er braucht aber auch Gleichmut angesichts von Krankheiten, die er nicht heilen kann. Darum lernt der Arzt, in den Bereichen gleichmütig zu sein, wo er nicht helfen kann, um sein Mitgefühl auf die Bereiche zu lenken, wo er helfen kann.

In ähnlicher Weise unterscheidet der Buddha zwischen geschickter und ungeschickter Geduld. Er rät, geduldig mit schmerzhaften Gefühlen und harschen, verletzenden Worten zu sein, aber ungeduldig mit ungeschickten Eigenschaften, die im Geist auftauchen. Die Geduld des Buddha ist nicht die Geduld eines Wasserbüffels, der die ihm auferlegten Arbeiten und Strafen einfach nur erträgt. Stattdessen geht es ihm um die Geduld eines Kriegers, der trotz Wunden und Rückschlägen niemals den Wunsch aufgibt, als Sieger hervorzugehen. 

Ebenso lehrt der Buddha Zufriedenheit mit einigen Dingen und Unzufriedenheit mit anderen. Man begnügt sich nicht mit den ungeschickten Eigenschaften des Geistes und auch nicht mit dem Grad an Geschicklichkeit, den man bereits erreicht hat. Tatsächlich hat der Buddha einmal festgestellt, dass Unzufriedenheit selbst mit geschickten Eigenschaften einer der entscheidenden Faktoren war, die zu seinem Erwachen geführt haben (Anguttara Nikaya 2,5).  

Dieses Element der Unzufriedenheit treibt den Weg an. Am Anfang inspiriert es Sie, die richtige Konzentration zu Ihrem Zuhause zu machen, damit Sie die Freude und Stabilität nutzen können, die dieses Zuhause Ihnen bietet, wenn Sie sich daraus lösen, ungeschickte geistige Heimaten zu bauen, die zu offensichtlichem Leiden und Stress führen. Sie erkennen, dass die normalen Sinnesfreuden „in Flammen stehen“ – denn ein sehr großer Teil der vielen sinnlichen Freuden rührt nicht aus den tatsächlichen Sinneskontakten, sondern aus all den geistigen Erfindungen, die sie zu mehr machen, als sie sind. Deshalb schätzen Sie die Freude der Konzentration nun umso mehr.

 

 

Eine andere Dimension

Doch wenn Sie die Fähigkeit der Konzentration besser beherrschen, werden Sie empfindlicher gegenüber subtileren Belastungen und Störungen im Geist. Schließlich gelangen Sie an einen Punkt, an dem Sie spüren, dass selbst die Konzentration, weil auch sie konstruiert und fabriziert ist, keinen Ort der Ruhe bietet. Tatsächlich erfordert sie ständige Pflege und Verwaltung und steht darum auf subtile Weise in Flammen. 

Wenn diese Erkenntnis tief in Ihr Herz eindringt, möchten Sie alle Arten von Fabrikation und Konstruktion aufgeben. Wenn diese dann aufhören, verschwindet der gegenwärtige Moment, ebenso wie Raum und Zeit insgesamt, da die Fabrikation des gegenwärtigen Moments der Erfahrung der Gegenwart zugrunde liegt. Nun bekommen Sie einen ersten Geschmack der Entbindung (nibbana).

Da das Entbinden nicht konstruiert ist, existiert es nicht für irgendetwas. Deshalb ist es ein Ort der Zuflucht und der Ruhe. Das Entbinden hat „weder Kommen noch Gehen noch Bleiben an Ort und Stelle“. Es ist eine völlig andere Dimension (Udana 8,1).   

Nachdem sich der Geist aus dieser Dimension zurückgezogen hat, kehrt er zur Konstruktion des gegenwärtigen Moments zurück, jedoch mit einem großen Unterschied. Es weiß jetzt, dass er etwas erlebt hat, das die Zeit und der gegenwärtige Moment nicht antasten können. Diese Erkenntnis wird von nun an Ihre Praxis prägen. Sie haben keine Zweifel mehr an dem Buddha, weil Sie gesehen haben, dass wahr ist, was er lehrte: Es gibt ein unsterbliches Glück. 

 

ENDE DER LESEPROBE 

 

Christoph Mohr arbeitet als Porträt-, Dokumentar- und Landschaftsfotograf. Der Schwerpunkt seiner fotografischen Arbeit liegt im asiatischen, aber auch im afrikanischen Raum, wo er Land und Leute in eindrucksvollen Momentaufnahmen festhält und immer auf der Suche nach besonderen Lichtstimmungen und Farben ist. Weitere Informationen: christophmohr-fotografie.de

 

 

Die Fotos in diesem Artikel werden in dem Bildband „Heilige Stätten des Buddhismus“ von Christoph Mohr und Oliver Fülling erscheinen, teNeues Verlag, 192 Seiten, 39,90 Euro.

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Thanissaro Bhikkhu

ist ein US-amerikanischer Mönch der thailändischen Waldtradition. Nach seinem College-Abschluss studierte er Meditation in Thailand, wurde 1976 zum Mönch geweiht, half ab 1991 beim Aufbau des Metta-Forest-Klosters in Kalifornien, dessen Abt er ist. Zahlreiche Publikationen als Autor und Übersetzer.
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