„Wir wissen zu wenig über gute Kommunikation“

Die Religionswissenschaftlerin und Mediatorin Kerstin Lück spricht im Interview über misslingende und gelingende Kommunikation – und warum Kinder in der Schule lernen sollten, sich mit anderen auseinanderzusetzen.

Friedensteppich: Ausbildung von Schülermediator*innen

Ein Interview mit Kerstin Lück geführt von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2021/1 Gemeinwohl unter der Rubrik SCHWERPUNKT Gemeinwohl

Dies ist eine Leseprobe. Möchten Sie mehr lesen?

Hier können Sie BUDDHISMUS aktuell als Magazin bestellen:

www.janando.de

BUDDHISMUS aktuell: Wir alle kennen misslingende Kommunikation. Wie geraten wir in solche frustrierenden Situationen?

Kerstin Lück: Indem wir die anderen unterbrechen, laut werden, ungeduldig – als Vorstufe zum Ärger. Ein aktuelles Beispiel: Eine Frau, die ich wenig kenne, erklärt mir, sie habe gehört, dass Ärzte in Deutschland gegen Bezahlung als Todesursache schnell „Corona“ aufschreiben. Ich frage nach ihrer Quelle. Sie sagt: „Soziale Medien.“ Schon werde ich ungeduldig, weil ich denke, das reicht doch nicht aus, um solche Gerüchte in die Welt zu setzen. Ich frage sie nach dem möglichen Motiv der Ärzte, und während sie mir antwortet, kann ich nur mit Mühe zuhören, möchte sie am liebsten unterbrechen. Vollends ärgerlich werde ich, wenn sie sagt, die Pharmalobby bezahle die Ärzte dafür. „Das halte ich für Fake News!“, entgegne ich. Doch: Statt meinerseits Schlagworte in die Runde zu werfen, wäre es besser gewesen, sie genauer zu fragen, woher sie ihre Informationen bezieht. Ich hätte ihr auch in Ruhe erklären können, dass ich falsche Diagnosen im Einzelfall nicht ausschließen möchte, aber in der Verallgemeinerung für nicht glaubhaft halte.

 

Letztlich geht es um Verbindung. Diese Frau kannte ich wenig. Ein ähnliches Gespräch mit einer vertrauten Kollegin verlief ganz anders. Bevor wir in den Zustand der Ungeduld gerieten, beschlossen wir, das Thema zu beenden und uns beide zunächst gründlicher zu informieren, weil wir beide Wissenslücken hatten. Dann haben wir das Thema gewechselt. Unsere Beziehung war uns wichtiger als ein fruchtloser Streit. Das heißt auch, ein Streit kann klären und Früchte tragen, indem wir uns besser kennenlernen.

 

Was sind wichtige Tugenden oder Mittel einer gelingenden Kommunikation?

Geduld. Selbstreflexion. Hinterfragen eigener Selbstverständlichkeiten. In der Mitte bleiben zwischen Streitenden. Out of the box denken. Statt „entweder/oder“ „sowohl als auch“. Den Perspektivwechsel versuchen. Auch: ungesunden Stress vermeiden. Persönliche Quellen für Kreativität und Ruhe kennenlernen. Ich persönlich war schon immer sehr kreativ, für mich war es aber wichtig, viele Seminare zur Stressbewältigung zu besuchen, um meine Stressmuster kennenzulernen und Methoden zu finden, die mir helfen. Bei mir sind das vor allem Atemtechniken. Ein simples Beispiel: Heute weiß ich, dass ich, wenn ich aus der Wohnung gehe, absolute Konzentration brauche, damit ich nichts vergesse. In diesem Abschiedsritual darf ich nicht gestört werden, denn sonst laufe ich gestresst aus der Wohnung und habe die Hälfte vergessen. Das ist nur ein kleiner Punkt – doch darum zu wissen, erleichtert meinen Alltag sehr und macht mich kommunikationsfähiger, wenn ich dann draußen anderen Menschen begegne.

 

Warum ist Kommunikation oft so schwierig? Wissen wir zu wenig über Konfliktbewältigung und Kommunikation? Sind wir zu unbegabt im Umgang mit Emotionen?

Ja, wir wissen zu wenig darüber, und ja, wir wissen zu wenig, dass wir zu wenig wissen! Erst in der Krise sind die meisten motiviert, darüber zu lesen oder zu lernen; das ist nicht der günstigste Moment. Für mich gehört das zur Persönlichkeitsbildung und die sollte schon Teil des Lernens in der Grundschule sein. Darum wünsche ich mir mehr Raum in der Kita, in der Schule, dass junge Menschen ihre Persönlichkeit entwickeln können. Da braucht es natürlich auch geschultes Fachpersonal. Wer es einmal ausprobiert hat: Grundschulkinder genießen Entspannungs- und Stilleübungen. Gleichzeitig machen sie gern Krach. Sie bringen das problemlos zusammen, doch es mangelt an Angeboten.

 

Mit welchen Methoden arbeitest du als Konfliktberaterin und Mediatorin? 

Die Konfliktbearbeitung selbst ist vertraulich. Deswegen nur als Überblick: Ich vermittle gern und zeitnah in Arbeitskonflikten aller Größenordnung, vor allem in Verwaltung, Bildung, Vereinen und Chören. Ich bilde auch Menschen zu Mediatorinnen und Mediatoren aus – sehr junge, die noch zur Schule gehen, aber auch Senior*innen oder Polizist*innen. 

 

Meine Hauptmethode ist die Mediation. Für mich heißt das, nicht Partei zu ergreifen und Perspektivwechsel zu initiieren. Wenn durch Stress, schwierige Gefühle wie Wut, Scham oder Schuld der Raum eng geworden ist, versuche ich, den Raum zu erweitern. Zu sich selbst in Distanz gehen, ist eine Kunst, die auch im Stress geübt sein will. Manchmal kann es vorkommen, dass auch ich Unterstützung brauche. Darum hole ich mir in meinen eigenen Konflikten mitunter selbst Hilfe – es ist ein lebenslanges Lernen.

 

 

Leben wir in einer besonders konfliktträchtigen Gesellschaft? Müsste sich strukturell an unserem Zusammenleben etwas ändern?

Konflikte wird es immer geben, sie gehören zum Leben. Wenn jemand denkt, sich durch Mediation oder gewaltfreie Kommunikation Konflikte zu ersparen, ist er oder sie auf dem falschen Dampfer. Konflikte bieten Chancen, zu einer intensiveren tieferen Beziehung zu gelangen – wenn sie gut bearbeitet werden. Wenn dies nicht geschieht, eskalieren sie oder wirken unterirdisch weiter. Wir müssen uns also bemühen, die Eskalation zu vermeiden.

 

Ich arbeite gern mit Bildern von Eskalationsstufen, an denen man sehr schön sehen kann, ab wann ein Konflikt Schaden anrichtet. Konfliktträchtigkeit hat meines Erachtens nicht unbedingt mit Hierarchien zu tun. Eher geht es um Rollenklarheit – also deutlich zu machen, für welche Aufgaben die Beteiligten zuständig sind und welche Erwartungen an sie realistisch sind. Und es geht um eine Sensibilität für die eigene Wahrnehmung. Viele nehmen ihre Wahrnehmung für selbstverständlich und setzen sie keinem Realitätscheck aus. Doch viele unserer Wahrnehmungen sind interessegeleitet und darum verzerrt; schon die Intelligenz gebietet es, sie mit der Realität abzugleichen. Wichtig ist auch, sich darüber klar zu sein: Wenn ich etwas stark will oder starke Gefühle habe, bin ich nicht so intelligent wie sonst mit kühlem Kopf. 

 

Gesellschaftlich leben wir momentan gewiss in einer Zeit sichtbar eskalierter Konflikte. Wer hinfühlen und -sehen kann, weiß, dass sich beispielsweise der Einigungsprozess in Deutschland mit sehr vielen Konflikten angereichert hat, die jahrelang nicht zur Kenntnis genommen wurden. Auf dieser Konfliktklaviatur spielt die AfD.

 

Strukturell müsste sich vor allem etwas in der Bildung ändern. Sobald Kinder lesen, schreiben und rechnen können, müsste eine größere Aufmerksamkeit auf das Soziale Lernen, Kreativität, Persönlichkeitsentwicklung, Diskussionsfreude, Konfliktfähigkeit, Resilienz, Glück gelegt werden. Derzeit schnurrt der Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schulen auf die Vermittlung von Mathe und Deutsch zusammen. Das ist zu eng. Schon Kinder und Jugendliche sollten auch üben, in Verhandlungen zu gehen und Debatten zu führen. 

 

Merkst du in deiner Arbeit, dass sich die Gesprächskultur in unserer Gesellschaft ins Aufgeregte verschiebt? Oder ist es andersherum und es öffnen sich immer mehr Menschen für Angebote wie Paarberatung oder Mediation?

Das ist aus meiner Perspektive schwer zu sagen, weil zu mir ja die Einigungswilligen kommen. Aber den Befund des Aufgeregten teile ich. In den Talkshows zum Beispiel sinkt das Bewusstsein dafür, was eine gute Moderation ist. Früher habe ich gerne mal Anne Will geschaut, weil ich ihre Moderation gut fand. Jetzt reden alle durcheinander, was sich noch steigert, wenn die Gefühle stärker werden. Und Anne Will lässt es zu oft geschehen und unterstützt damit passiv die Eskalation. Das finde ich nicht hilfreich. Auch der Ton im Bundestag wird ruppiger. Da sollte mit feinerer Klinge gekämpft werden, denn diese Debatten haben Vorbildfunktion.

 

Wertschätzende Kommunikation ist ganz schön schwierig, oder? Vor allem, wenn man in einer Abwertungsspirale gelandet ist …

Ja, der Rückweg ist nicht leicht. Aber es ist schon wichtig, diese Absicht zu haben! Erst einmal kann ich innerlich einen Perspektivwechsel vornehmen und nach „guten Gründen für irritierendes Verhalten“ schauen. Dann kann ich mich bedanken für die gute Motivation, das Engagement, die Gesprächsbereitschaft oder die Zeit, die sich jemand genommen hat, auch wenn ich in der Sache nicht mit der anderen Person übereinstimme. Oder umgekehrt: Ich kann betonen, wie wichtig es ist, in der Sache übereinzustimmen, nur über die Form müssen wir weiter reden oder verhandeln. Die Trennung von Person und Handlung, Sach- und Formebene ist sehr hilfreich. 

 

Insgesamt finde ich es wichtig, mehr wertzuschätzen, als zu kritisieren. Das scheint für Menschen, die in Deutschland sozialisiert wurden, eine besonders schwierige Übung zu sein. Hierzulande liegt der Fokus der Erziehung häufig darauf, Fehler anzusprechen. In der Mediationsausbildung hingegen betonen wir das, was hilfreich war – eine kleine, aber wirkungsvolle Akzentverschiebung.

 

Gelingende Kommunikation heißt wahrscheinlich nicht: Alle bekommen genau das, was sie von Anfang an wollten. Gehören das Nachgeben und der Kompromiss immer dazu?

Ja. Wir Mediator*innen streben den Konsens als hochwertige Einigung an. Wenn die Zeit knapp ist, gebe ich mich mit der goldenen Mitte, dem Kompromiss zufrieden. Die Bereitschaft, von der Maximallösung Abstand zu nehmen, ist wichtig. Das ist wirkliche persönliche Stärke. Auf Demokratie bezogen, finde ich aber auch ein Vetorecht wichtig. Und man sollte den Zeitfaktor beim Aushandeln nicht vergessen: „Wenn ich heute und morgen nachgebe, wünsche ich mir dafür, dass du im nächsten Monat auf mich zugehst.“ Hilfreich ist auch, sich vor einem Gespräch die Ziele bewusst zu machen – und gleichzeitig Ergebnisoffenheit wertzuschätzen. 

 

ENDE DER LESEPROBE

Das Gespräch führte Susanne Billig.

 

Weitere Informationen: 

konflikte-als-chance.de 

Twitter Off Image Facebook Off Image0 Google Plus Off Image

Kerstin Lück

Kerstin Lück arbeitet seit zwanzig Jahren als zertifizierte Mediatorin und Konfliktberaterin. Davor studierte sie Religionswissenschaften und Germanistik und interessierte sich schon früh für Spiritualität als Ressource und Kraftquelle. Der vielen Streitigkeiten in der damaligen Frauenbewegung überdrüssig, suchte sie nach intelligenteren Lösungen und kam so zur Deeskalation und Mediation. Ihre Ausbildung erhielt sie 1994 von Angela Mickley, die bis 2017 Professorin für Friedenspädagogik, Konfliktbearbeitung, Mediation und Ökologie an der Fachhochschule Potsdam war. Kerstin Lück leitete mehrere Drittmittelprojekte zum Thema Konfliktmanagement an der Fachhochschule Potsdam, durchlief eine weitere Ausbildung zur konfrontativen Pädagogin und gründete den gemeinnützigen Verein Konflikthaus, dessen Vorstand sie seitdem angehört. 2019 publizierte sie die „Handreichung Schulmediation“ für den Senat der Stadt Berlin.
Weitere Artikel in dieser Ausgabe