Naikan: Die transformierende Kraft der Dankbarkeit

Die Justizvollzugsanstalt Sehnde liegt im Großraum Hannover. Seit 2010 befindet sich dort das Naikan-Zentrum des niedersächsischen Strafvollzugs. Viele Jahre war der evangelische Pastor Gerhard Dierks dort als Seelsorger und Naikan-Begleiter tätig. Hier beschreibt er, wie Naikan Menschen im Strafvollzug hilft, sich mit ihrer Lebensgeschichte und mitunter auch mit ihrer Familie auszusöhnen.

Ein Beitrag von Gerhard Dierks veröffentlicht in der Ausgabe 2021/1 Gemeinwohl unter der Rubrik Weg des Naikan

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Mehrere Gebäude aus rotem Klinker liegen hinter einer sechseinhalb Meter hohen, stacheldrahtbewährten Mauern. Die meisten Fenster sind vergittert. Bis zu 534 Männer können dahinter leben. Das ist die Kapazität der Justizvollzugsanstalt (JVA) Sehnde im Großraum Hannover, einer der modernsten im Land Niedersachsen. Seit 2010 befindet sich dort auch das Naikan-Zentrum des niedersächsischen Strafvollzugs. Die Anstaltsleiterin, selbst Naikan-erfahren, hat sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass ein Flur mit zehn Hafträumen nur für Naikan-Seminare freigehalten wird. Als evangelischer Seelsorger habe ich zehn Jahren hinter Gittern gearbeitet und in fünf davon bis zu viermal jährlich ein Naikan-Seminar für Inhaftierte angeboten. 

 

Naikan kommt aus Japan und wurde eigens für den Strafvollzug konzipiert. Das Wort lässt sich mit „Innenschau“ übersetzen – nai bedeutet „innen“ und kan „betrachten“. Ishin Yoshimoto-Sensei, sein Erfinder oder besser: Entdecker, stellte Naikan erstmals 1954 mehreren Inhaftierten im Gefängnis von Nara, einer Großstadt auf der japanischen Hauptinsel Honshu, vor. Ein Jahr später begannen die ersten Inhaftierten Naikan zu üben. Die Auswirkungen waren so deutlich spürbar, dass Naikan im Laufe der Jahre zu einer festen Einrichtung im gesamten japanischen Strafvollzug wurde. Seit 1996 gehören Naikan-Seminare auch in vielen JVAs in Deutschland zum Angebot für Inhaftierte; selbstverständlich gibt es solche Seminar auch außerhalb des Strafvollzugs. Zu verdanken ist das dem deutschen Naikan-Begründer Gerald Steinke. Nachdem er Naikan in Japan kennengelernt hatte, gründete 1995 er zusammen mit seiner Frau Dorle das Naikan-Zentrum in Tarmstedt bei Bremen und stellte später auch den Kontakt zum niedersächsischen Justizministerium her. Gerald Steinke ist inzwischen leider verstorben. Bei ihm habe ich mein erstes Naikan-Seminar besucht und bin unter seiner Anleitung in die Rolle eines Naikan-Leiters hineingewachsen.

 

Reisetage und Rastplätze

Wer sich auf Naikan einlässt, begibt sich auf eine Reise. Sie dauert in der Regel eine Woche. Jeder Reisetag nimmt 15 Stunden in Anspruch. Er beginnt um 6 Uhr am Morgen und endet abends um 21 Uhr. Unterwegs gibt es natürlich auch „Rastplätze“. Dort ist Zeit für Frühstück, Mittag- und Abendessen sowie eine mit Kaffeetrinken verbundene Duschzeit. Diese intensive Reise ist notwendig, weil sie in ein Land führt, in dem sich die Teilnehmenden Schritt für Schritt umsehen und zurechtfinden müssen. Naikan ist eine Reise nach innen. Sie führt in die Welt der eigenen Erinnerungen, Gedanken und Gefühle. Damit diese Innenschau auch gelingt, werden alle Außenreize reduziert. Auf dem Naikan-Weg herrscht durchgehend Schweigen. Die Teilnehmenden verweilen die meiste Zeit hinter Wandschirmen, ihr Raum ist mit Matten, Kissen und Kniebänken ausgestattet. Zeitschriften, Bücher oder ein Fernseher sind nicht an Bord. Es wird auch nicht telefoniert und keine Post empfangen. Wer sich auf diese Reise macht, soll bei sich selber bleiben und sich ausschließlich den Zielen widmen, die mit ihr angesteuert werden: die Menschen, die für den je eigenen Lebensweg von besonderer Bedeutung gewesen sind.  Sinnvollerweise beginnt die Reise am Abfahrtsort, dort, wo alles begann: bei den eigenen Eltern. Ihnen sind die ersten Reisetage gewidmet. Dann treten andere Personen dazu: Verwandte, Partnerinnen und Partner, Kinder, Freundinnen und Freunde. 

 

Wer immer auch besucht wird, die Begegnung hat einen vorher verabredeten Ablauf. Er besteht aus mehreren Bestandteilen.        

 

Zeitzonen

Der Naikan-Leiter teilt die gesamte Zeit, in der eine Beziehung schon besteht oder in der sie bestanden hat, in überschaubare Zeitabschnitte, zum Beispiel 0-6 Jahre, 6-10 Jahre und so weiter. Diese Konzentration hilft beim Erinnern.

 

Drei Fragen

In Hinsicht auf jeden Zeitabschnitt stellt der Naikan-Begleiter drei Fragen:

Was hat die betreffende Person für mich getan?
Was habe ich für diese Person getan?
Womit habe ich dieser Person Schwierigkeiten bereitet?

 

Jeder Reiseteilnehmer hat etwa 90 Minuten Zeit, um sich an Begebenheiten aus seinem Leben zu erinnern, die sich in diesem Zeitabschnitt ereignet haben. Danach wird er vom Naikan-Leiter zu seinen Erinnerungen und Eindrücken befragt. Dabei geht es ihm nie um umfassende Auskünfte oder einen langen Bericht, sondern um kurze, exemplarische Mitteilungen. Entscheidend ist nicht, was der Naikan-Leiter erfährt, sondern was der Naikan-Reisende für sich persönlich erinnert und empfindet. Die mitgeteilten Erfahrungen werden weder besprochen noch kommentiert oder bewertet. Der Leiter hört einfach in gesammelter Aufmerksamkeit zu und stellt die nächste Aufgabe. Das hat mit der Atmosphäre des Vertrauens zu tun, die die Naikan-Reise von Anfang bestimmt. Dem Teilnehmer wird zugetraut, dass er mithilfe seines Erinnerungsvermögens von sich aus die Entdeckungen macht, auf die es in der Beziehung zu den Menschen, die er besucht, ankommt.

 

 

Schweres Gelände

Hin und wieder muss ich als Naikan-Leiter allerdings doch korrigierend eingreifen. Dann nämlich, wenn jemand die verabredete Reiseroute zu verlassen droht. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn er sich bei der dritten Fragen nach den Schwierigkeiten, die er der anderen Person bereitet hat, entzieht und stattdessen von Schwierigkeiten berichtet, die sie ihm bereitet hat. Das passiert in den Gesprächen immer wieder und hat sehr nachvollziehbare Gründe. Häufig sind Inhaftierte in einem Lebensumfeld aufgewachsen, in denen ihnen zum Teil sehr schmerzliche Erfahrungen zugemutet wurden. Bevor sie gewalttätig wurden, waren sie selbst Opfer von Gewalt. Sie haben eine Opferrolle angenommen, die ihr Selbstbild geprägt hat. Sie haben den Eindruck, ihr Herkommen sei dafür verantwortlich, dass „alles so gekommen ist“. 

 

Es lässt sich gar nicht verhindern, dass Inhaftierte auf Ihrem Naikan-Weg auch diesen Menschen begegnen. Nicht selten sind es die eigenen Eltern, die ihnen sehr kränkende Erfahrungen zugemutet haben. Und nun konfrontiert sie der Reiseleiter mit der Frage, womit sie selbst diesen Menschen Schwierigkeiten bereitet haben. Das ist für manche eine große Zumutung. Instinktiv spüren sie, dass damit ihr mitgebrachtes Selbstbild infrage gestellt sein könnte. Die dritte Frage nimmt sie nicht als Opfer, sondern als für ihr Handeln verantwortliche Täter in den Blick. Sie möchte dem Teilnehmenden die Einsicht vermitteln, dass er weit mehr ist als das Ergebnis seines Herkommens. Der eine oder andere hat sich dieser Zumutung schon vorher entzogen und die Reise abgebrochen. Dabei wird auf dem Naikan-Weg nicht geleugnet oder kleingeredet, dass Menschen zu Opfern anderer werden. Naikan ergänzt diese Erfahrung durch den Hinweis auf die eigene Verantwortlichkeit und nimmt sich dafür eine Woche Zeit.

 

Reiseerfahrungen

Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erleben. Das gilt auch für die Reise nach innen. Von einigen wichtigen Erfahrungen, die sich unterwegs einstellen, möchte ich hier erzählen.

 

„Für mich war das immer selbstverständlich“

Wenn Inhaftierte die dritte Frage zulassen und sich fragen, welche Schwierigkeiten sie anderen Menschen bereitet haben, dann wird immer wieder eine Erfahrung genannt: „Ich habe viel zu wenig Danke gesagt.“ Die vielen Wohltaten, die ihnen zugute gekommen sind, waren nicht der Rede wert, wurden kaum registriert. Ein Teilnehmer sagte: „Wenn ich jetzt daran denke, wie oft meine Mutter hinter mir hergeräumt hat. Ich hab das immer für selbstverständlich gehalten und gedacht, die räumt ja sowieso hinter mir her. Ich habe mich dafür nie bedankt. Für mich war das irgendwie selbstverständlich.“ 

 

Wenn ich Naikan-Reisende begleite, kann ich diese Erfahrung häufig machen. In den sieben Tagen entwickelt sich ein größeres Einfühlungsvermögen für das, was sie anderen verdanken. Sie beginnen, bestimmte Begebenheiten ihres Lebens „mit den Augen des anderen“ zu sehen. Was vorher selbstverständlich war, wird nun ein Grund zur Dankbarkeit. 

 

„Ich bin geliebter, als ich dachte“

Aus Vorgesprächen wusste ich, dass S. sich als Kind von seinen Eltern abgelehnt gefühlt hatte. Bei heftigen Auseinandersetzungen hatte sein Vater damit gedroht, ihn in ein Kinderheim zu stecken. Und seine Mutter hatte ihm gesagt: „Du bist eigentlich ein Betriebsunfall von Papa und mir.“ Im Naikan hatte er schwer zu kämpfen mit der ersten Frage. Einmal platzte es aus ihm heraus: „Was mein Vater für mich getan hat? Das will ich Ihnen sagen: Zum Bierholen hat er mich geschickt.“

 

Aber dann auch dies: Tränen flossen. Ein Bild aus den ersten Jahren war auf einmal in der Erinnerung sichtbar geworden. „Ich sehe meine Mutter. Sie strahlt, ihre Arme sind weit geöffnet. Sie schließt mich in ihre Arme und drückt mich an ihr Herz. Das hat sie oft gemacht. Jetzt erinnere ich mich wieder. Eigentlich war ich geliebter, als ich dachte.“ Unter dem Eindruck dieser Erfahrung hat S. nach dem Seminar wieder den Kontakt zu seinen Eltern gesucht. Elf Jahre hatte er nichts von sich hören lassen, jede Begegnung verweigert. Nach der Rückkehr von seiner siebentägigen Reise wurde möglich, was vorher undenkbar schien.

 

Als Reisebegleiter durfte ich das wiederholt erleben. Kostbare Begegnungen waren jahrelang unter dem Schutt schmerzlicher Erfahrungen verschwunden. Unter dem Eindruck der ersten Frage wurden sie allmählich freigelegt und veränderten das mitgebrachte Selbstbild.

 

ENDE DER LESEPROBE

 

 

Quelle

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift „Psychotherapie & Seelsorge“ 4/2015.

 

 

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Gerhard Dierks

Gerhard Dierks, geboren 1953, ist evangelischer Pastor. Von 2004 bis 2014 war er Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt Sehnde bei Hannover. Von 2014 bis 2018 leitete er das Haus der Stille im Kloster Wülfinghausen.
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