Editorial der neuen Ausgabe von "BUDDHISMUS aktuell"

Gemeinwohl ist der Schwerpunkt der neuen Ausgabe von BUDDHISMUS aktuell. Das Gemeinwohl ist untrennbar mit dem Eigenwohl verwoben, schreibt Susanne Billig in ihrem Editorial, denn wir Menschen sind als soziale Lebewesen existenziell auf Unterstützung, Fürsorge und den Austausch mit anderen angewiesen.

Ein Beitrag von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2021/1 Gemeinwohl unter der Rubrik Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Eigenwohl und Gemeinwohl gehören zusammen. Das lässt sich auf vielfache Weise zeigen und ist auch nicht erstaunlich. Menschen sind soziale Lebewesen und als solche existenziell darauf angewiesen, mit anderen Unterstützung, Fürsorge, Zuneigung, Aufmerksamkeit, Konfliktbereitschaft, Dank, Entgegenkommen auszutauschen. Und wie alles, was es gibt, sind auch wir mit dem Ganzen des Universums verwoben, dem Himmel, der Erde, den Steinen, der Luft, Bakterien, Pilzen, Pflanzen, Tieren. Wer diese Zusammenhänge in sich und der Welt ausführlich betrachtet, wird beginnen, ein Fließen wahrzunehmen, wo vorher Dinge waren und Individuen mit Partikularinteressen. Der Unterschied zwischen Außen und Innen, zwischen „denen dort“ und „mir hier“ wird verblassen. Statt sich in einen vermeintlichen Eigennutz zurückzuziehen, wird es naheliegend werden, spontan hilfsbereit zu handeln und im besten Sinne politisch zu empfinden, für das Wohlergehen aller.

 

Und wer braucht das Coronavirus? Auch wenn die aktuellen Zoonosen viel mit der weltweiten Vernichtung ungestörter Wildnis zu tun haben, gehört es wohl zu den Schattenseiten unserer Netzwerk-Existenz, von einem Krankheitserreger bewohnt werden zu können. Das ernüchtert, zeigt aber auch: Die buddhistische Sichtweise zielt nicht primär auf Moral und gute Gefühle, sondern nimmt die Realität in den Blick. Ja, wir sind Netzwerk. Nein, das ist nicht immer einfach oder angenehm. Die kanadisch-koreanische Bildungswissenschaftlerin Heesoon Bai findet in ihrem Beitrag für diese Ausgabe von BUDDHISMUS aktuell ein kluges Bild für den Umstand, dass es so schwierig ist, sich dem anzunähern, was man am liebsten von sich schieben würde – dem Unangenehmen, Überfordernden, Belastenden. Meditation sei, so sagt sie, einem Verdauungsvorgang vergleichbar: Etwas, das außerhalb war, wird allmählich in den Körper aufgenommen. Es wird so lange darauf herumgekaut und mit Verdauungssäften vermengt, bis das System es allmählich in einen Teil seiner selbst verwandeln kann. Das ist, sagt sie, der große Beitrag des Buddhismus zu einer Gemeinwohlkultur des Friedens: Er bietet Methoden der Kontemplation an, die es Menschen möglich machen, sich mit dem, was sie nicht sein und nicht haben möchten, auseinanderzusetzen. Friedlich auf einem Kissen. 

 

Und dann? Dann könnte man aufstehen und etwas tun – wie die Hilfsorganisation Karuna, gegründet von der buddhistischen Gemeinschaft Triratna. Sie arbeitet mit benachteiligten Menschen in Indien und Nepal. Wir beschreiben die sozialen Hintergründe dieser Arbeit und führen ein Interview. Ein weiteres Beispiel für aktives Gemeinwohl-Handeln kommt von einem Soto-Zen-Priester aus Wien. Er teilt seine buddhistische Praxis als Seelsorger in Gefängnissen und einer Obdachloseneinrichtung und erzählt von einem geplanten Projekt mit dem schönen Namen „1 000 Hände – gelebte Verbundenheit“, das er vor dem Hintergrund der Corona-Krise gemeinsam mit anderen organisiert. Es soll gebacken werden! 

 

Buddhistische Seelsorge in Justizvollzugsanstalten gibt es hierzulande selten. Inhaftierte wünschen sich davon viel mehr, wie wir von einem Interviewpartner erfuhren, der auf eigenen Wunsch anonym bleiben möchte. Zu einer hohen Haftstrafe verurteilt, hat er hinter Gefängnismauern nicht nur angefangen, Buddhismus und Yoga zu praktizieren, sondern sich auch einer achttägigen Naikan-Zeit unterzogen, sich also unter den schwierigen Bedingungen der Haft intensiv mit seinen Beziehungen zu anderen Menschen auseinandergesetzt. „Wie ein Kranich bin ich über hohe Berge geflogen“, erklärt er rückblickend im Gespräch. 

 

Das und viel mehr finden Sie in der vorliegenden Ausgabe von BUDDHISMUS aktuell. Wir vom Redaktionsteam wünschen Ihnen viel Freude bei der Lektüre und eine gute Weihnachtszeit in diesen komplizierten Zeiten der Pandemie. 

 

Haben Sie frohe Tage mit Menschen, die Ihnen etwas bedeuten, oder mit sich allein. Achten Sie auf die Gesundheit. Ihre eigene. Die der anderen. Es macht keinen Unterschied. 

Unterschrift Susanne Billig

Susanne Billig,

Chefredakteurin

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Susanne Billig

Susanne Billig ist Biologin, Buchautorin, Rundfunkjournalistin (Wissenschaft, Gesellschaft) und Sachbuchkritikerin. Sie ist seit 1988 in Praxis und Theorie mit Buddhismus und interreligiösem Dialog befasst, Kuratoriumsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell.
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