Alexander Poraj

Das Willigis-Jahrhundert

Willigis Jäger war im spirituellen Bereich wohl eine der einflussreichsten Personen unserer Zeit. Im März 2020 ist er im Alter von 95 Jahren gestorben. Sein Schüler Alexander Poraj hat eine Würdigung seiner Person als Buch herausgegeben. Dabei geht es dem Autor weniger um die Person, weshalb auch kaum präzise Daten vorkommen, sondern mehr um Willigis Jägers Auseinandersetzung mit einer offenen Spiritualität. In seinem Fall betrifft diese das Christentum, in dem er zeitlebens verankert geblieben ist. Früh in seinem Leben wurde er Benediktinermönch; in seinem Stammkloster, der Abtei Münsterschwarzach, ist er auch beerdigt worden. Der erste Anstoß für seine Suche nach Gott, nicht nur nach seiner Nähe, sondern einer mystischen Vereinigung, war für ihn die Begegnung mit den Schriften des Mystikers Johannes vom Kreuz. Später waren Meister Eckart und Johannes Tauler seine Vorbilder. Willigis Jägers eigener mühevoller Weg führte ihn schließlich als Missionar nach Japan, wo er mit Zazen in Berührung kam. Buddhist ist er nie geworden, und bei seiner Bestätigung als Zen-Meister in China weigerte er sich, das traditionelle chinesische Gewand anzuziehen. Sehr klar arbeitet Alexander Poraj in seinem Buch heraus, dass Willigis Jäger vieles von dem, was wir heute auf dem spirituellen Weg als selbstverständlich annehmen, beispielsweise Kontemplation und Zen-Meditation als gangbaren Weg in die Präsenz des Seins, allein erforschen und sich erarbeiten musste. Oft genug ging es nur gegen den Widerstand der Kirche. Ausführlich schildert der Autor auch deren konservative Haltung, trotz der geistigen Umbrüche der Neuzeit. Ein weiteres Thema ist das Erstarken des Individualismus mit all seinen Auswüchsen, aber auch mit den Vorteilen, dass alle sich ihren Glauben selbst suchen dürfen und nicht mehr an Vorgaben gebunden sind. Vieles davon ist auch Willigis Jäger zu verdanken, nicht nur seinem Charisma, sondern auch seinem Schwanken, seinem tastenden Suchen, seinem immer wieder neuen Ansetzen und seiner Offenheit.

Georg Patzer

Hardcover mit Schutzumschlag, 214 Seiten