Mitgefühl handelt mit Einsicht

Es braucht das Erleben von Verbundenheit, um Mitgefühl zu praktizieren, betont der Arzt und Dharmalehrer Wilfried Reuter im Gespräch – und erläutert den wichtigen Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl.

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Ein Beitrag von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2020/04 Mitgefühl unter der Rubrik SCHWERPUNKT Mitgefühl

Susanne Billig: Was ist das – Mitgefühl?

Wilfried Reuter: Mitgefühl ist die fühlende Verbindung nach innen und die Verbindung nach außen zu anderen Menschen und zu anderen Lebewesen. Verbindung entsteht immer über Fühlen. Neben der Gefühlsqualität hat das Mitgefühl auch eine tätige Qualität. Es ist gewissermaßen „Gefühl in Aktion“ und berührt somit ein zentrales Anliegen des Dharma. Im Mitgefühl erkennen und erfahren wir die Verbindung, die wir zueinander haben, unser Bezogensein aufeinander. Mitgefühl bedeutet, angesichts von Schwierigkeiten und Leiden nicht die Augen zu verschließen, zu verdrängen oder schönzureden, sondern zu fragen: Welchen Beitrag kann ich leisten, um die Situation zu erleichtern, zu verbessern und zum Guten zu wenden? Mitgefühl trägt also sowohl Berührbarkeit in sich als auch die Weisheit, welche Verhaltensweise in der vorliegenden Situation angemessen und hilfreich sein kann.

 

Was ist der Unterschied zum Mitleid?

Wir lassen uns oft leichter ins Mitleid ziehen, statt Mitgefühl zu praktizieren. Das passiert, wenn wir uns nur allzu gern berühren lassen von dem Leiden anderer und mit hineinziehen lassen in ihren Schmerz. Daraus entwickeln sich Verhaltensweisen, die nicht hilfreich sind. 

 

Als junger Arzt habe ich in einer Klinik gearbeitet, in der Frauen unterschiedlicher Kulturkreise entbunden haben. Es war für mich ungemein schwer, ihre Schreie auszuhalten. Wir haben ihnen Schmerzmittel angeboten, und ab einem bestimmten Punkt während des Geburtsvorgangs akzeptiert eine Frau alles, was ihr Erleichterung verspricht. Damals hatten wir keine besonders guten Schmerzmittel; sie erzeugten Übelkeit und Dumpfheit. Und dann sagte mir eine der Frauen bei einer Nachbehandlung, ihr habe etwas Wichtiges gefehlt, weil sie gern mehr im Kontakt gewesen wäre mit ihrem Kind. Die Wahrheit ist also: Weil ich in meinem Mitleid ihren Schmerz nicht ausgehalten habe, habe ich die Frau manipuliert und zu einem Schmerzmittel überredet. Mit etwas mehr Einfühlungsvermögen hätte ich mich jedoch anders verhalten können. Für mich ist das ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich sich Mitleid und Mitgefühl ausdrücken. 

 

Im Mitleid sind wir vom Leiden besetzt … 

.... und gefangen in unseren eigenen Gefühlen. Dann können wir oft nicht erkennen, was die momentane Situation von uns braucht, welche Antwort angemessen und heilsam wäre. Mitgefühl dagegen handelt in Verbindung mit einer tieferen Einsicht, und daraus ergeben sich andere Reaktionen und ein anderes Verhalten. Wenn ich einem leidenden Menschen helfen möchte, ist es darum wichtig, immer auch die eigene Motivation, die eigenen Stimmungen und Gefühle anzuschauen. Wie viel Abwehrbewegung gegen das Unangenehme schwingt zum Beispiel mit? Wie kann es mir gelingen, das Unangenehme anzunehmen und zu einem tieferen Verständnis der Lage des anderen Menschen zu gelangen, um dann angemessen zu reagieren?

 

Menschen verschließen sich aber auch und spüren weder Mitleid noch Mitgefühl. Was geht dabei vor sich? 

Auch ich habe schon erlebt, dass sich mein Herz verschlossen hat und ich kein Mitgefühl empfand. Dasselbe konnte ich bei anderen Menschen beobachten. Früher kam ich mitunter als Notarzt an einen Unfallort, wo ein Verletzter auf dem Boden lag. Um ihn herum ein Pulk von Menschen – und niemand unternahm etwas. Ich denke nicht, dass dieses Verhalten sie zu schlechteren Menschen machte. Etwas in ihnen war blockiert. Das hinderte sie daran, eine Decke unter den Verletzten zu legen oder ihn mit einem Mantel zu wärmen. 

 

Was hilft, wenn das Herz verschlossen ist? Der erste Schritt besteht sicherlich darin, mir einzugestehen, dass es so ist, und dazu braucht es ein Sichverlangsamen, ein Hineinspüren in die eigene, innere Atmosphäre. Die evangelische Theologin Dorothee Sölle hat dafür das wunderbare Wort „noch“ verwendet: „Noch ist mein Herz zu.“ Das deutet bereits an, dass es ein Licht am Horizont gibt. Allein indem ich mir das eingestehe, verändert und erweitert sich schon etwas. Dann brauche ich eine Verbindung, eine Nähe – und zwar zu mir selbst. Ich suche mir einen inneren Wohlfühlort, einen Bereich, in dem ich das Leben spüre. Das kann über eine Chakren-Meditation passieren, wenn Menschen in dieser Weise praktizieren möchten. Ich persönlich habe immer eine buddhistische Gebetskette, eine Mala, in der Hand, um die Verbindung zum Spüren zu halten. Man kann aber auch einfach die Hände aneinanderreiben oder ein Fußbad nehmen. Ohne eine gefühlte Nähe zunächst zu mir selbst bleibe ich im Bereich der gedanklichen Konzepte – und auf diese Weise wird sich ein verschlossenes Herz nicht öffnen lassen.

 

 

Frau mit Schirmmütze, Aufschrift: love your neighbour
Love your Neighbour, © Nina Strehl auf unsplash.com

Wie passt die formale buddhistische Metta-Meditation dazu? 

Durch die Metta-Meditation wollen wir uns auf das Menschliche im Menschen jenseits der Merkmale „angenehm“, „unangenehm“ oder „neutral“ ausrichten. Die klassische Metta-Meditation beginnt bei mir selbst, umfasst dann nacheinander einen geliebten, einen neutralen, einen schwierigen Menschen und schließlich alle Menschen und alle Wesen. 

 

Doch da gehen die Schwierigkeiten schon los – denn ich muss bei mir anfangen! Säßen wir hier mit Meditierenden zusammen, würde der Großteil von ihnen sagen: „Metta funktioniert für mich nicht. Ich kann die ganze Welt lieben, aber mich nicht.“ Dann ist es aber kein Metta, weil Metta jenseits der Merkmale wirkt und jenseits der Unterscheidung von „ich“ und „andere“. 

 

Wie kommt es zu dieser Unfähigkeit, sich selbst zu lieben? 

Wir alle tragen Wunden mit uns, die noch nicht verheilt sind. Wenn ich mich auf der körperlichen Ebene verletze, ich steche mir zum Beispiel ins Bein, zieht sich der Muskel rund um die verletzte Stelle zusammen, um einen möglichen weiteren Stich abzuwehren. Wenn ich nun eine Verkrampfung über längere Zeit zulasse, entsteht daraus eine Spastik; dann kann ich gar nicht mehr entkrampfen. Das gleiche passiert auch auf der seelischen Ebene. 

 

Es gibt Menschen, bei denen wiegen traumatische Erlebnisse so schwer, dass sie kaum noch spüren. Solche Traumata zu überwinden, erfordert sehr viel Behutsamkeit, Geduld und auch fachliche psychologische und psychotherapeutische Kompetenz. Die betroffenen Bereiche müssen wieder spürbar gemacht werden, ohne eine Retraumatisierung zu riskieren. Wenn wir das nicht berücksichtigen, scheitern wir gleich am ersten Schritt der Metta-Praxis. So viele Buddhistinnen und Buddhisten verbeugen sich und sagen: „Mögen alle Wesen glücklich sein“, selbst wenn sie es gar nicht spüren. Wenn ich mir selbst gegenüber keine Güte empfinden kann – dann ist das, was ich nach außen trage, auch nicht authentisch. 

 

Durch die modernen Medien erfahren wir heute täglich von den Leiden von Millionen Lebewesen auf der ganzen Erde. Das kann lähmen – was ist dein Rat?

Wir sollten tatsächlich unsere Sinnestore mehr beschützen und ein Gewahrsein entwickeln, was bestimmte Eindrücke in uns auslösen und wie wir in der Balance bleiben können. Wir sind nicht dazu geschaffen, das ganze Leid der Welt in Bildern, die uns überfordern, aufzunehmen. Das führt zu einer Unempfindlichkeit. Natürlich brauche ich Informationen, um mich in der globalisierten Welt zurechtzufinden und nicht in meiner Komfortzone zu verkriechen. Gleichzeitig muss ich erkennen, wann sich mein Herz verschließt und ich nur noch Fakten sammle. 

 

Es braucht das Erleben von Verbundenheit, um Mitgefühl zu praktizieren. Darum ist es einfacher, beispielsweise in der Nachbarschaft zu helfen. Mitgefühl kennt zwei Fragen: „Was wird gebraucht?“ und „Was kann ich tun?“. Ich kann vielleicht nicht die Welt retten, aber ich kann damit anfangen, mich für meine Familie oder an meinem Arbeitsplatz zu engagieren, und zwar an einer Stelle, an der ich entsprechend meinen Kompetenzen effektiv sein kann. 

 

Dazu fällt mir eine Geschichte ein: Die Alzheimer-Gesellschaft in Deutschland hat einmal einen Spendenaufruf gestartet, mit dürftigem Ergebnis. Aber dann hat sie Menschen von Haus zu Haus geschickt, die um Spenden gebeten haben für die Alzheimerpatienten in der eigenen Straße und plötzlich waren die Spendendosen ganz anders gefüllt. Warum? Weil da alle jemanden kannten – vielleicht Frau Müller, die man jahrelang beim Bäcker gesehen hat und die immer wunderlicher wurde und jetzt im Heim ist. Natürlich spende ich für die Unterbringung, die sie braucht. 

 

Manchmal ist es schwer, bestimmten Personen gegenüber Mitgefühl aufzubringen. Ich denke an Diktatoren, die ihr Volk drangsalieren. Oder an Familienmitglieder, die einem das Leben schwermachen …

Das ist ohne Frage eine große Herausforderung. Der Dalai Lama wurde einmal gefragt, ob er noch wütend wird, und er hat sinngemäß geantwortet: Ja, und zwar vor allem auf die Menschen, die ihm am nächsten stehen. Er versucht dann, das Problem schnellstmöglich durch ein Gespräch aus der Welt zu schaffen.

 

Wieder beginne ich also bei mir selbst. Ich erkenne, welche Gefühle die andere Person in mir auslöst, Entrüstung vielleicht oder Wut, und wieder brauche ich Mitgefühl für mich selbst, um damit umzugehen. Im nächsten Schritt kann ich mir klarmachen: Hinter der Verhaltensweise steht ein Mensch mit Prägungen. Gerne rege ich dazu an, einen solchen Menschen als kleines Kind zu visualisieren, das mit weit aufgerissenen Augen fassungslos das dukkha seiner Kindheit erleidet. Wenn ich innerlich an das verletzte Kind ankoppele, kann ich zu dem erwachsenen Menschen eine fühlende Verbindung aufbauen. Gleichzeitig ist wichtig: Gegenüber nicht akzeptablen Verhaltensweisen sage ich mit Nachdruck und mit allen Mitteln, die ich zur Verfügung habe: „Stopp!“

 

 

Menschen auf einer langen Bank, die Schultern verschränkt
© Duy Pham auf unsplash.com

Mitgefühl hat also auch eine feurige, energiegeladene Qualität. 

Ich besitze selbst sehr viel Temperament und kann mich furchtbar entrüsten und manchmal setze ich diese Energie ein, um etwas zu verändern. Dabei ist es wichtig, dass ich diese Energie in den Dienst des Mitgefühls stelle und nicht für ichbezogene Ansichten und Handlungen nutze. Aber es wäre naiv zu glauben, dass wir Diktatoren sanft lächelnd von ihren Verhaltensweisen abbringen könnten. Es braucht die rechten Mittel, um bestimmten Handlungen etwas entgegenzusetzen. Ich würde mir von Buddhistinnen und Buddhisten tatsächlich mitunter ein lauteres Entgegenstellen wünschen, anstatt an diesem falschen Bild des ewigen Lächelns festzuhalten.

 

Im interreligiösen Dialog habe ich von christlicher Seite einmal den Vorbehalt gehört, im Buddhismus ginge es vorrangig um die eigene Selbstbefreiung – das Mitgefühl sei Mittel zum Zweck. Nächstenliebe hingegen basiere auf Selbstlosigkeit. Was sagst du dazu?

Mitgefühl beginnt bei mir, aber dann folgt der zweite Schritt – sich von anderen und deren Leben berühren zu lassen und zu handeln. Deshalb ist das Ziel niemals nur Selbstbefreiung, denn es geht immer um „uns“ und „wir“.

 

Ich verwende mittlerweile den Begriff Mitgefühl gar nicht mehr so häufig, sondern fast lieber den christlichen Begriff Barmherzigkeit, denn Barmherzigkeit bezieht sich auf „uns“. Sicher können wir in dieser Hinsicht einiges von christlich orientierten Menschen lernen. Ich habe als Student in vielen christlichen Krankenhäusern Nachtdienst gehabt und dort viele mitfühlende Menschen erlebt und wunderbare Belehrungen erhalten. Mitgefühl ist weder buddhistisch noch christlich. Es ist eine Herzensqualität, die wir in uns tragen und die wir alle weiterentwickeln können – und auch sollten, im Hinblick auf das Wohlergehen der nächsten Generation. Wenn wir ein Verhalten in die Welt tragen möchten, das für Enkel tauglich ist, spielt es keine besondere Rolle, ob wir das als Christen oder Buddhisten tun – Hauptsache wir tun es.

 

Abschließend würde ich gerne noch eine Geschichte erzählen – haben wir dafür die Zeit?

 

Sehr gerne.

Diese Geschichte hat der bekannte Meditationslehrer Jack Kornfield einmal weitergegeben; sie hat mich sehr berührt. In einem sozial belasteten Stadtviertel in den USA hatten sich Jugendliche zu einer Mutprobe verabredet. Dabei erschoss ein Teenager von 13 oder 14 Jahren einen unbeteiligten Jungen in seinem Alter, der zufällig als Passant vorbeikam. Der Schütze wurde verhaftet und in einer Verhandlung zu einigen Jahren Jugendarrest verurteilt. Die Mutter des Opfers war bei der Verhandlung dabei. Nach der Urteilsverkündung ging sie zu dem Jugendlichen und sagte zu ihm: „Ich werde dich töten.“ 

 

In den Jahren des Arrests besuchte sie ihn immer wieder, brachte ihm Süßigkeiten mit und unterhielt sich mit ihm. Kurz vor seiner Entlassung stellte sich heraus, dass er nicht wusste, wo er künftig wohnen und in welchem Job er arbeiten sollte – er hatte zuvor auf der Straße gelebt. Die Frau besorgte ihm nicht nur einen Job, sie nahm ihn auch bei sich zu Hause auf; das Zimmer ihres Sohnes war ja frei. So vergingen einige Monate und eines Tages rief die Frau den jungen Mann zu sich und fragte ihn, ob er sich erinnern könne, was sie nach der Verhandlung zu ihm gesagt hatte. Natürlich konnte er das. Daraufhin sagte sie: „Genau das habe ich getan, ich habe dich getötet. Denn den Jungen, der meinen Sohn umgebracht hat, gibt es nicht mehr.“ 

 

Das ist für mich eine wunderbare Geschichte über das, was Mitgefühl bedeutet – Weisheit, Fühlen, sich engagieren, Nähe zulassen, geduldig sein.

 

Vielen Dank für deine Zeit und das Gespräch!

 

Das Interview führte Susanne Billig

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Susanne Billig

Susanne Billig ist Biologin, Buchautorin, Rundfunkjournalistin (Wissenschaft, Gesellschaft) und Sachbuchkritikerin. Sie ist seit 1988 in Praxis und Theorie mit Buddhismus und interreligiösem Dialog befasst, Kuratoriumsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell.
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