{Warum}... die neuen virtuellen Räume den Buddhismus weiter demokratisieren werden

Neuerdings sitze ich morgens mit Menschen aus einer buddhistischen Gemeinschaft, deren Zentrum in der Mitte Deutschlands liegt. Abends meditiere ich mit Menschen aus dem Umfeld einer Lehrerin, die seit Monaten in einem Retreat auf Mallorca ist. Außerdem höre ich Vorträge und nehme an Austauschrunden teil – alles im virtuellen Raum und ohne mich selbst vom Fleck zu bewegen.

Ein Beitrag von Ursula Richard veröffentlicht in der Ausgabe 2020/03 Transformation unter der Rubrik Aktuell

„Nie war es so wichtig, gemeinsam allein zu sein“ – so der Titel eines ZEIT-Magazins im März dieses Jahres. Nie war es so wichtig wie jetzt, in diesen Zeiten eingeschränkter Begegnungsmöglichkeiten, auch neue Formen von Gemeinschaftlichkeit zu finden. Diesen Weckruf haben viele buddhistische Lehrende, Gemeinschaften und Zentren in den letzten Wochen gehört und ihre Meditationen, Vorträge, Seminare weitgehend in den virtuellen Raum verlegt. Die Angebote ersetzen sicher keine „realen“ Begegnungen – Körper, die sich gemeinsam in einem dreidimensionalen Raum befinden, die zusammen sitzen, atmen, sich bewegen, einander spüren, ansehen, riechen, vielleicht sogar berühren. Aber sie eröffnen neue Erfahrungsdimensionen, denn auch im Virtuellen kann es ein inspirierendes Miteinandersein geben; neue, bislang unbekannte Möglichkeiten gemeinsamen Alleinseins und Verbundenseins werden erfahrbar. Auch wenn wir uns wieder vermehrt im „realen“ Leben treffen, werden virtuelle Begegnungsräume künftig ein wichtiger Bestandteil gemeinsamer Praxis, gemeinschaftlichen Lernens und Studierens bleiben. 

 

Dieser Modernisierungsschub beschleunigt eine Bewegung, die durch die Digitalisierung vieler Lebensbereiche ohnehin schon in Gang war und unumkehrbar ist. Sie wird die Demokratisierung und Enthierarchisierung des westlichen Buddhismus weiter voranbringen helfen und traditionsübergreifende Sichtweisen fördern. Die Wahlmöglichkeiten für Einzelne vergrößern sich – wir werden häufiger als früher entscheiden, was wir mit wem praktizieren und lernen. Hierarchische Guru-Inszenierungen sind, so glaube ich, im virtuellen Raum lange nicht so wirkmächtig wie im dreidimensionalen. 

Und es ergeben sich hoffentlich auch mehr Möglichkeiten des Austauschs über unsere buddhistische Praxis, auch über das Teilen meditativer Erfahrungen und emotionaler Befindlichkeiten hinaus. Die momentane Situation führt uns einmal mehr vor Augen, dass alles mit allem zusammenhängt und einander bedingt; sie zeigt uns unsere Sterblichkeit und Verletzlichkeit und lädt ein, Ideen zu entwickeln, wie wir „mit und nach Corona“ leben wollen: 

Was bedeutet für uns ein menschwürdiges, gutes Leben und Sterben? Für welche Werte setzen wir uns ein? Wie können Mitgefühl, Achtsamkeit und Weisheit unser Handeln nachhaltig prägen? Wie können wir Formen solidarischen Handelns und Miteinanders entwickeln, erkennend, dass „das wahre Selbst die anderen sind“, wie ich einen Zen-Lehrer kürzlich sagen hörte? Wie können wir Notleidenden wirksam helfen? Welche Art von Arbeit, Produktion und Konsum wünschen wir uns, welchen Umgang mit der Natur, den Tieren? Und was können wir aktiv tun, um unsere Anliegen zu verwirklichen? Wie können wir als Bodhisattvas in der Welt wirken mit freudiger Beharrlichkeit und ohne unser Wohlergehen vom Erfolg unserer Bemühungen abhängig zu machen? 

 

Ich wünsche mir einen (westlichen) Buddhismus, der sich diesen Fragen mehr öffnet und einen Raum bietet, in dem die Weisheiten der Traditionen mit den existenziellen Fragen von heute in einen fruchtbaren Dialog treten. Wenn wir dies tun mit einem offenen, wachen, hinterfragenden Geist, einem mitfühlenden Herzen und einer „Liebe zur Welt“ (Hannah Arendt), dann können daraus Orientierungen erwachsen für ein im umfassenden Sinne gutes Leben hier auf unserer Mutter Erde – nicht nur für uns Menschen, sondern für alle Wesen. 

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Ursula Richard

ist Verlegerin der edition steinrich, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin. Seit mehr als 30 Jahren ist sie spirituell unterwegs, vor allem auf dem Zen-Weg, und an einer zeitgemäßen Vermittlung und Praxis traditioneller Weisheitslehren interessiert.
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