„Der Dialog ist für mich ein spiritueller Akt“

Sylvia Kolk gehört zu den bekanntesten Dharmalehrerinnen in Deutschland. Seit Langem lehrt sie Ruhe- und Einsichtsmeditation. Das von ihr gegründete „Buddhistische Stadt-Zentrum Liebe-Kraft-Weisheit“ in Hamburg ist zu einer wichtigen Praxis- und Begegnungsstätte herangewachsen und seit einigen Jahren finden dort auch ausgesprochen politische Themen Platz. Warum innere und äußere Transformation zusammengehören und wie sich Spiritualität und politische Teilhabe verschränken lassen – ein Gespräch.

Sylvia Kolk

Ein Beitrag von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2020/03 Transformation unter der Rubrik SCHWERPUNKT Transformation

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BUDDHISMUS aktuell: Du bist Dharmalehrerin und machst in deinem Zentrum vermehrt auch gesellschaftliche Fragen zu einem wichtigen Thema. Kommt es da nicht manchmal vor, dass Menschen sagen: Jetzt wird’s mir aber zu politisch? 

Sylvia Kolk: Wenn jemand an mich herantreten und sagen würde: „Du machst mir zu viel Politik und es bleibt zu wenig Zeit für Dharma“, dann würde ich das auf jeden Fall ernst nehmen und Fragen stellen: „Was genau ist zu viel oder zu wenig? Wie kommt es dazu? Was brauchst du?“ Es geht immer um Balance, den mittleren Weg. Wenn man im Politischen den inneren Ort verliert und anfängt, eng zu werden, dann muss man umsteuern. Dasselbe gilt, wenn man auf dem Kissen in sich versinkt und nur noch auf die persönliche Erleuchtung wartet. Wir sind soziale Wesen. Erwachen reift und findet im Alltag statt, wenn du hinausgehst und deine Verantwortung übernimmst, in deinem Beruf, deinen Beziehungen, der Gesellschaft, in der du lebst. 

 

Warst du auch früher schon an politischen Fragen interessiert? 

Schon als ich ein Kind war, haben wir in meiner Familie immer viel über Politik gesprochen. Mit siebzehn habe ich in meiner Ausbildung in einem Reisebüro Machtmissbrauch und Ausbeutung erlebt. Mit meinem Vater, der Gewerkschaftsobmann war, ging ich zur Gewerkschaft und merkte auf einmal: Ich kann mich für meine Rechte engagieren! Bald wurde ich Schulsprecherin der Reisebürokaufleute an der Berufsschule. Meine Chefs versuchten, mich zu isolieren, und ich lernte, dass man für Widerstand einen Preis zahlen muss. Gleichzeitig fühlte ich mich aber nicht als Opfer, weil ich ja auch Solidarität und Unterstützung erfuhr. Das war eine einschneidende Erfahrung: Es gibt Ungerechtigkeit, aber du kannst etwas dagegen tun; du lernst, Verantwortung für die Folgen deines Engagements zu übernehmen, und du brauchst Verbündete. 

 

Du warst dann viele Jahre in der Frauenbildungsarbeit tätig. 

Ja, Lernräume öffnen – das ist seit Langem mein Anliegen. Zunächst habe ich über den zweiten Bildungsweg studiert, saß im Studentenparlament und wurde natürlich auch in der neuen Frauenbewegung aktiv, half an der Universität, Frauenseminare durchzusetzen, gründete mit anderen Frauen zusammen einen Frauenbuchladen und arbeitete 16 Jahre im Leitungsteam des Frauenbildungshauses Zülpich. All das löste aber auch bohrende Fragen in mir aus, wie zum Beispiel: Warum gab es auch in selbstverwalteten Projekten von Frauen für Frauen so oft keinen Frieden miteinander? Es war die Zeit von Fritjof Capra, Francisco Varela und vielen anderen, deren Werke mich inspirierten. Es ging um ein neues Weltbild. Ich ahnte, dass ein Teil unserer Konflikte an der Art und Weise liegen musste, wie wir denken und wahrnehmen. Das wollte ich genauer ergründen und habe darum über das Thema „Von der Selbsterfahrung zur Selbsterkenntnis, zur Einsicht“ promoviert. 

 

Zur Meditation kam ich zunächst nur, um tiefer nachdenken zu können. Ich schrieb gerade an meiner Dissertation. Auf einem Retreat lernte ich die buddhistische Nonne Ayya Khema kennen und sie hat mich sofort begeistert – ein unfassbar klarer Geist. Ihre ganze Art zu lehren war so ungemein frei. „Überprüft alles“, forderte sie uns auf. „Ihr müsst mir nichts glauben.“ Es gab keine Rituale, keine Unterwerfungen, sie hat sich nicht als Guru dargestellt. Acht Jahre studierte ich bei ihr die buddhistische Lehre und Praxis, bis sie starb. In dieser Zeit wurde die Meditation zum neuen Schwerpunkt in meinem Leben. 

 

Was hat sich für dich dadurch verändert? 

Spontan würde ich sagen: Es entstand geistige Klarheit. Der innere Weg macht es möglich, uns als Gefäß ganz von persönlichen Ideen, von Verlangen und Vorstellungen zu leeren. Von dort aus wird es dann möglich, das Gesamte einer Erfahrung zu überblicken. Der Geist wird flüssiger, fließender und es wird möglich, Prozesse immer klarer wahrzunehmen und in Prozessen zu denken, ähnlich wie in systemischen Ansätzen der Wissenschaft. Vorhandenes Potenzial wird ausgebildet und du gründest dich zunehmend ins Vertrauen. Gegenwärtig kannst du nur sein, wenn du vertraust. Du musst bereit sein, dich auf die Ungewissheit des Lebens einzulassen, dich wirklich in die Unsicherheit zu begeben und anzuerkennen, dass du nicht weißt, was als Nächstes passiert. Zu dieser Art von Risiko bin ich bereit, das kann ich wirklich sagen. Was ich durch das Gegenwärtigsein erfahre bis heute, ist ein starker Energiezuwachs. Sich selbst zu kennen, wahrzunehmen und nicht mehr aus den Augen zu verlieren – und trotz permanenter Bewegung immer wieder in Balance zu kommen. 

 

Wenn ich mir deine Arbeit anschaue, fällt mir deine große Offenheit für die Welt auf, für gesellschaftliche Verhältnisse und das Leiden anderer Wesen. Gehört Weltverantwortung für dich zur buddhistischen Praxis? 

Nun, ich unterrichte seit über fünfundzwanzig Jahren, aber erst seit etwa fünf Jahren nehme ich gesellschaftliche Entwicklungen und Verwerfungen unmittelbar mit ins Programm des buddhistischen Stadt-Zentrums. In den ersten Jahren lag mein Schwerpunkt darin, Menschen mit der inneren Arbeit vertraut zu machen, und zwar in Retreats, wo sie sich aus dem Alltag zurückziehen. Später habe ich vermehrt Konzepte entwickelt, wie man die innere Arbeit dann auch im Alltag fortsetzt. Retreats sind für mich wie ein Treibhaus. Man bildet dort geistige Fähigkeiten aus und leitet Prozesse der Heilung von Störungen, Traumata und Blockaden ein. In den Stürmen des Lebens, im Beruf, in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen wird man später schauen müssen: Ist das, was ich im Retreat gelernt habe, jetzt auch in meinem Alltag umsetzbar? Dabei wollte ich Menschen begleiten. 

 

Aus purem Interesse habe ich mich dann vor einigen Jahren mit künstlicher Intelligenz beschäftigt und war schockiert, wie weit die Entwicklung schon fortgeschritten ist. Gleichzeitig erklärten mir viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer meiner Retreats, sie seien durch den inneren Weg und die Meditation so sensibel geworden, dass sie keine Zeitung mehr lesen könnten. Sie fanden das okay! In dieser Situation – hier ein hochbrisantes politisches Thema, dort zunehmende Entpolitisierung – dachte ich: Etwas läuft falsch. 

 

Und was hast du dann unternommen? 

Zufällig las ich gerade das Buch „Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!!“ von Jón Gnarr, einem isländischen Komiker, der davon erzählt, wie er 2010 nach der Finanzkrise mit Freunden eine Partei gründete und Bürgermeister von Reykjavík wurde. Sein Buch war so ermutigend, weil es Lust auf Politik machte und an die Wirkmächtigkeit einer Politik erinnerte, die vom Herzen ausgeht. Mir wurde klar: Menschen wenden sich aus einem Ohnmachtsgefühl von der Politik ab, weil sie meinen, die Globalisierung und die vielen anderen weltumspannenden Themen einfach nicht mehr verarbeiten zu können. 

 

Daraufhin habe ich verschiedene Veranstaltungskonzepte entwickelt. Ein Jahr lang habe ich selbst Vorträge gehalten unter dem Motto „Aufs Kissen gehen und dann die Welt retten“. Es folgte die Abendveranstaltungsreihe „Umdenkprozesse... und wenn es nur ein Flügelschlag wäre“. In diesem Rahmen lade ich bis heute regelmäßig prominente Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik ein, um einen Dialog über aktuelle Themen zu ermöglichen, wie zum Beispiel aktuell die Fragen: Welche Zukunft wünschen wir uns und wie können wir dem Hass und dem Rechtsradikalismus begegnen? 

 

Die Verwerfungen in unserer Gesellschaft sind stark und wir leben in umwälzenden Zeiten. Deshalb möchte ich politisch brennende Themen in das buddhistische Stadt-Zentrum bringen. Auf die Weise, wie ich das kann: Bildung und Lernräume gestalten. Ich möchte mich nicht nur als Dharmalehrerin einbringen, sondern auch als Bürgerin dieses Landes. Deshalb organisieren wir das auch ehrenamtlich, ein kleines Team und ich. 

 

Und kamen die Menschen zu deinen neuen Veranstaltungen? 

Die Resonanz war von Anfang an sehr gut – wir haben regelmäßig zwischen 50 und 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Parallel zu den Vorträgen habe ich nach Möglichkeiten gesucht, diese Lernräume noch lebendiger werden zu lassen, denn ich finde es wichtig, dass wir mit unterschiedlichen anderen Meinungen wirklich umgehen können. Wir sagen zwar gerne, dass Pluralität so wichtig ist – aber wehe, es taucht mal eine abweichende Meinung auf! 

 

Damit ein so großes buddhistisches Zentrum wie unseres in Hamburg gut läuft, ist Kommunikationsfähigkeit ja ein entscheidender Faktor. Aber wie gut ist die ausgebildet? Der Buddha fordert uns zwar zu rechter Rede auf, doch ich habe nach Möglichkeiten gesucht, wie wir unsere Dialogfähigkeit gemeinsam konkret verbessern können. Der Einsichtsdialog nach Gregory Kramer und die Dialog-Konzepte des US-amerikanischen Physikers und Philosophen David Bohm bieten solche Möglichkeiten. Damit hilft man Menschen, überhaupt erst einmal wieder aneinander interessiert zu sein und sich einem Dialog gewachsen zu fühlen. Darum habe ich das bei uns im Zentrum eingeführt.

 

 

ENDE DER LESEPROBE

 

Weitere Informationen: sylvia-kolk.de | blog.sylvia-kolk.de | buddhistisches-stadt-zentrum-hamburg.de

 

 

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Susanne Billig

Susanne Billig ist Biologin, Buchautorin, Rundfunkjournalistin (Wissenschaft, Gesellschaft) und Sachbuchkritikerin. Sie ist seit 1988 in Praxis und Theorie mit Buddhismus und interreligiösem Dialog befasst, Kuratoriumsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell.
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