Buddhistische Inspirationen in Zeiten der Krise

Reflexionen zur Pandemie. Mit Beiträgen von: Fred von Almen, Tenzin Metok, Sylvia Wetzel, Doris Myoen Zölls, Marie Mannschatz, Yudo J. Seggelke, Tsunma Konchok Jinpa Chodron, Ayya Agganyani, Yesche U. Regel, Lily Besilly, Stefan Matthias, Wilfried Reuter

Ein Beitrag von Redaktion BUDDHISMUS aktuell veröffentlicht in der Ausgabe 2020/03 Transformation unter der Rubrik Inspirationen

FRED VON ALMEN

Sangha in Zeiten der Krise   

Seit 20 Jahren leite ich eine geschlossene Studien- und Praxisgruppe mit mittlerweile fast 50 engagierten Teilnehmenden. Wir treffen uns zweimal jährlich für drei Tage. Drei Wochen vor unserem nächsten Treffen war klar, dass es nicht stattfinden würde.

Spannend aus der Warte der Dharma-Praxis war, dass plötzlich eine wesentliche Gesetzmäßigkeit des Daseins, die oft etwas theoretisch bleibt, unübersehbar geworden war: bedingtes, abhängiges  Entstehen in Reinform. Eine Ursache in einer fernen Stadt hat in rasender Geschwindigkeit das Leben auf dem ganzen Planeten in dramatischer Weise verändert.

Bedingtes Entstehen ist eines der zentralen buddhistischen Praxisthemen, weil es ‒ wenn wirklich im Leben angewandt ‒ das Anhaften an den scheinbar soliden Realitäten des Daseins zu lockern vermag und dadurch die Ungewissheit und Zerbrechlichkeit des Lebens spürbarer werden und tiefere gegenseitige Verbundenheit geschaffen werden kann.

Unserer Gruppe wurde schnell klar, dass wir gerade jetzt die Lehren, die uns die Krise aufdrängte, vertiefen sollten und dazu noch dringender gegenseitige Unterstützung brauchen würden. Trotz unseren Vorbehalten gegenüber großen Internetkonzernen haben wir eine WhatsApp-Gruppe gebildet, damit wir regelmäßig Dharma austauschen können und uns dabei auch hören und sehen. Anstelle des Wochenendtreffens wurde viermal ein zweistündiges virtuelles Meeting eingerichtet, um uns weiterhin über die dringenden Themen der Zeit auszutauschen. So  unterstützt uns selbst eine virtuelle Sangha darin, befreiende Erkenntnis und engagiertes Mitgefühl auch in schwierigen Zeiten zu vertiefen und so zum Wohle vieler beizutragen.

 

Fred von Allmen ist Zentrumslehrer des Meditationszentrums Beatenberg (fredvonallmen.ch).

 


TENZIN METOK

Vertrauen behalten

Das Krisenmanagement und die vorausschauende Planung der verantwortlichen Politiker beeindrucken mich sehr. Auch die grundsätzlich solidarische Einstellung, die Akzeptanz der getroffenen Maßnahmen durch die Bevölkerung empfinde ich als sehr ermutigend.  Der Präsident des Robert-Koch-Institutes hat den Jugendlichen zugerufen: „Seid nicht zu übermütig. Auch ihr könnt krank werden, auch ihr könnt an dem Virus sterben.“ Buddhistischer könnte es nicht sein. Wir haben ein wunderbares Anschauungsmaterial. Gerade hatten wir noch die besten Bedingungen – und urplötzlich ist alles anders. Die Fragilität nicht nur unseres eigenen Lebens, sondern unserer gesamten geschaffenen Welt wird nicht nur in 2 500 Jahre alten Schriften an die Wand gemalt, sondern es gibt sie tatsächlich.

Der Finanzminister bläst die Backen auf … für diese Krise gibt es kein Drehbuch … alles dreht sich … ist unsicher … es gibt nicht mehr genügend Pfleger für die ambulante Pflege älterer Menschen … was wird da noch auf uns zukommen … wir wissen nicht, wie es uns am Ende der Krise gehen wird … wir wissen nicht, wie lange die Pandemie anhalten wird … 

Es ist wie mit dem Tod: Wir wissen zwar, dass wir eines Tages sterben müssen, aber der Zeitpunkt des Todes ist ungewiss. Behalten wir das Vertrauen in den Dharma und nutzen wir die gewonnene Zeit für die Dharmapraxis, dann kann die Krise ein Gewinn für uns sein.

 

Tenzin Metok ist Bhiksuni und lebt in Semkye Ling (tibet.de/das-zentrum/meditationshaus/semkye-ling).

 


SYLVIA WETZEL

Es kann gut gehen

Umbruchzeiten sind schwierig. Etwas Altes geht zu Ende und wir wissen nicht, wie das Neue wird. Die tibetische Tradition rät: Lerne aus Leiden, sonst leidest du bloß. Was können wir lernen, wenn eine oder mehrere der fünf Säulen unseres Lebens wanken oder ganz wegbrechen? Dazu gehören  Beziehungen, Wohnen, Beruf, Gesundheit und Orientierung, und im Weiteren auch Nachbarn und regionale Zugehörigkeit, Einkommen und religiöse oder weltanschauliche Sinnzusammenhänge. Sie prägen unsere Identität, und wanken mehr als zwei Säulen des Lebens, werden wir unsicher. Meine Lebenserfahrung sagt mir: Pflegen Sie die fünf Säulen des Lebens so gut es geht. Die Trauma-Forschung betont drei zentrale Ressourcen, die uns helfen, schwierige Erfahrungen zu verarbeiten: Freude, Beziehungen und Sinn. Wir können in guten Zeiten lernen, uns über die kleinen Dinge des Lebens zu freuen und sie nicht für selbstverständlich zu halten. Wer langfristige Beziehungen pflegt, fühlt sich auch im Leid nie völlig allein. Und Nietzsche weiß: Wer ein Warum hat, erträgt ein jedes Wie. Gute Erklärungen müssen nicht objektiv richtig sein, es reicht, wenn sie „stimmen“, also uns beruhigen und niemandem schaden. All das fördert Zuversicht, die kleine Schwester der Hoffnung, und die weiß: Es kann gut gehen. Oder mit Oscar Wilde: Ende gut, alles gut, und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht zu Ende.

 

Sylvia Wetzel ist buddhistische Meditationslehrerin (sylvia-wetzel.de)

  


DORIS MYOEN ZÖLLS

Jeder Moment des Lebens ist Übung

Es gibt nichts im Leben eines Menschen, das er, wenn er es können möchte, nicht üben müsste. Das beginnt schon in jungen Jahren mit dem für uns Selbstverständlichsten, etwa dem Gehen. Ein kleines Kind steht auf, fällt hin, unzählige Male übt es sich, bis es die ersten Schritte bewältigen kann. So ist es mit allem. Ob wir schreiben, lesen oder musizieren wollen, alles muss geübt werden; lassen wir in der Übung nach, verlernen wir das Gekonnte wieder. Leben ist Übung.

Sich dem Leben hinzugeben, es zuzulassen, es sich in und durch uns leben zu lassen, auch das will geübt sein. Das verlangt von uns: die innere Abwehr gegenüber dem, was sich gerade lebt, zu spüren und uns nicht im Widerstand zu verzehren. Es ist das Leben selbst, das sich in und durch mich lebt. Meine Übung ist es daher, „inniglich“ zu leben, frei von der Angst, was kommen könnte, frei von den Vorstellungen, wie es anders sein sollte, und auch frei von eingefleischten Mustern, wie es immer schon war. Sogar wenn dieses Einssein zwischen mir und dem Leben nicht immer gelingen mag, ich strauchle und falle sogar, so ist auch dieses Scheitern meine Übung: es anzunehmen, und wie ein Kind wieder aufzustehen und weiterzuüben.

Genau dieses Sicheinlassen auf das, was ist, dieses Sichhingeben schließt ein Festhalten aus. Ich bin dieser Augenblick. Meine Zukunft ist hier und jetzt, nicht in meinen Befürchtungen oder meinen Träumen. Kann ich nicht hier und jetzt leben – wo und wann könnte ich es sonst?

 

Doris Myoen Zölls ist evangelische Theologin und Zen-Meisterin (benediktushof-holzkirchen.de). 

 


MARIE MANNSCHATZ

Ein Impuls zum Aufwachen

Pandemie. Erzwungenes Innehalten. Weltweite existenzielle Bedrohung, grenzenloses Leiden. Buddha hat nach der Begegnung mit Alter, Krankheit und Tod seine königliche Rolle losgelassen und sich auf den Weg gemacht, die Urgründe menschlicher Existenz zu erforschen. Werden wir ähnlich reagieren und diese gigantische Krise zum Aufwachen nutzen? Was braucht es, um aus diesem unerbetenen Umwandlungsprozess gereinigt und gestärkt hervorzugehen? Gerade werden wir massiv auf die Wirksamkeit des eigenen Handelns verwiesen. Doch unsere Verantwortung ist keinesfalls verflogen, wenn das Virus besiegt ist. Dann muss sich jede und jeder erinnern, dass es möglich ist, ökonomische Strukturen mehr am Gemeinwohl zu orientieren, bevor wir sie wieder auf den alten Stand hochfahren. Wir können auf Vielfliegerei und Luftverschmutzung verzichten. Wir müssen uns nicht dauernd neu einkleiden. Überdeutlich erfahren wir gerade, dass wir alle Teil eines zusammenhängenden Ganzen sind. Dazu gehören auch die Tiere, mit denen wir immer noch so gedankenlos umgehen, dass sie uns ein Virus nach dem anderen zum Erwachen schenken. Wir füttern sie mit Antibiotika und machen uns selbst damit schutzlos, weil wir den natürlichen Kreislauf nicht respektieren, die Grenzen nicht einhalten, die ein gesunder globaler Organismus braucht. Auch diese Pandemie wurde durch den unachtsamen Umgang mit Tieren ausgelöst. Kann diese Erkenntnis uns dazu bringen, endlich mit „Nutztieren“ mitfühlender und respektvoller umzugehen und das Leiden aller fühlenden Wesen zu achten? 

 

Marie Mannschatz ist Meditationslehrerin (mariemannschatz.de).  

 


YUDO J. SEGGELKE

Klar handeln – in diesem Augenblick

Auch eine schwere Krise geht vorbei – das lehrte Buddha aus eigener existenzieller Erfahrung. Der Buddhismus ist in Krisen entstanden und hat sich darin bewährt, in Indien, China, Japan und jetzt bei uns im Westen. Mein Lehrer erlebte den Zweiten Weltkrieg in Japan und ist beim Zen geblieben. Nicht zuletzt deswegen hatte ich großes Vertrauen zu ihm. Auf diese Lehre und Praxis kann man sich seit 2 500 Jahren verlassen. „Gibt es überhaupt eine Wirklichkeit?“ – um solche intellektuellen Gedankenspielchen geht es nicht, sondern es geht darum zu handeln: hier und jetzt, mit der Kraft unserer klaren Mitte.

Ich selbst habe als junger Informatiker im Beruf eine harte Krise mit großen Versagensängsten erlebt. Dann habe ich die Zazen-Meditation gefunden, erlernt und morgens und abends praktiziert. Ich konnte wieder ruhig schlafen, der Angstdruck löste sich auf und mein berufliches Können kehrte zurück. Angst macht dumm, wie die Gehirnforschung
weiß – und Dummheit kann man in Krisen am wenigsten gebrauchen.

Jede Krise entsteht, hat ihre Zeit und kommt zur Ruhe. So wird es auch mit der Coronakrise sein: Sie wird zu Ende gehen, wenn ein neuer wirksamer Impfstoff produziert und eingesetzt werden wird. Dann wird sich auch die Wirtschaft erholen. Gerade in solchen Schwierigkeiten gilt die zentrale Lehre Buddhas: aktiv, verantwortungsvoll und klar mit anderen handeln, jetzt im Augenblick. Der bewährte Buddhaweg ist dabei der Achtfache Pfad; er beinhaltet Klarheit, Handeln, Entscheidungskraft, Ausdauer, Achtsamkeit und Meditation. Buddhismus ist eine positive Lebensphilosophie, um Leiden zu überwinden. Krisen sollte man nutzen, um sich vom Ballast des Lebens zu befreien, sich auf das wirklich Wichtige im Leben zu besinnen und kreative neue Wege für die eigene Entwicklung zu finden und zu gehen.

 

Yudo J. Seggelke ist Zen-Meister (yudoblog-b.blogspot.com). 

 


TSUNMA KONCHOK JINPA CHODRON

Die Krise spirituell begreifen

Könnte die Coronakrise eine spirituelle Krise sein, die uns, indem wir sie überwinden, tiefere Einsichten und Erfahrungen eröffnet? Viel hängt davon ab, wie wir mit ihr umgehen. Wenn wir, individuell und als Gemeinschaft, an dem Krankheitsbild „Coronavirus/COVID-19“ festhalten, werden wir diese Gelegenheit sicher verpassen. Doch wenn wir unsere eigentliche Krankheit erkennen – einen Zustand, in dem wir von Angst blockiert und gefangen sind in einem Kreislauf angstvoller Gedanken und unheilsamer Gewohnheiten – können wir als spirituell Lernende neue Ebenen auf dem spirituellen Pfad erlangen, mit dem Virus als Katalysator.

Fürsorge lässt uns in der Krise wachsen. Sie hat viele Namen: Liebe, Mitgefühl, Freundlichkeit, Aufmerksamkeit, Achtsamkeit. Fürsorge löst die Blockade. Statt mich als Opfer ungewollter Umstände zu fühlen, kann ich neue Fähigkeiten und Wege der Kommunikation entfalten. Aus alten Gewohnheiten werden neue Möglichkeiten. Wir sind alle dazu aufgerufen, unsere Komfortzone zu verlassen und Pioniere in diesem Neuland zu werden.

Zudem stellt sich die Frage: „Wenn die Welt nach Corona nie wieder so aussehen wird wie zuvor, wie viele sagen, wie möchte ich denn, dass sie zukünftig aussieht? Was ist meine Vision von Gesundheit?“ Im tantrischen Buddhismus visualisieren und identifizieren wir uns mit der Erscheinung von Gottheiten mit all ihren erleuchteten Qualitäten und Aktivitäten. Indem wir das Ziel vorwegnehmen und aus dieser Perspektive heraus praktizieren, erwecken und vervollkommnen wir unser eigenes Potenzial bis hin zur vollständigen Erleuchtung. Eine dieser Gottheiten, Parnashavari, ist zuständig für alle Krankheiten und Epidemien. Ihre farbig dargestellten Gesichter – weiß, gelb und blau – symbolisieren drei der Buddha-Aktivitäten: befrieden, ausdehnen, vernichten. Durch die Praxis mit ihr erhalten wir Zugang zu einer Ur- und Heilkraft, die wir in alle oben erwähnten Aktivitäten einfließen lassen können. Unser gelbes Gesicht auf die Vision ausgerichtet, Erleuchtung zu erlangen zum Wohle aller Lebewesen, unser weißes Gesicht voller Mitgefühl auf alle Wesen schauend und unser blaues Gesicht in die Weite des Raumes der Egolosigkeit. Gesünder geht es nicht. Mit solch einer umfassenden Sicht ist alles möglich.

 

Tsunma Konchok Jinpa Chodron ist Nonne in der tibetischen Tradition und im Vorstand der Deutschen Buddhistischen Ordensgemeinschaft (buddhistische-ordensgemeinschaft.de).

 


AYYA AGGANYANI

Lasst es uns tun!

In dieser schwierigen Zeit möchte ich anregen, die „göttlichen Verweilzustände“ (brahmaviharas) zu praktizieren: Liebe (metta), Mitgefühl (karuna) und Verständnis mit den Erkrankten, Leidenden, Trauernden, Verängstigten, Verunsicherten, Isolierten, Gelangweilten, Leichtsinnigen, ungläubigen Draufgängern, Kritikern und Kritisierten, den Ärzten, Sanitätern, dem Kranken- und Pflegepersonal, alle den Menschen, die weiterhin arbeiten, um der Gemeinschaft zu dienen, auch den notleidenden, ausgesetzten, vernachlässigten, getöteten Haus- und Nutztieren. Es gibt so viel Leid in dieser Zeit. Aber wenn wir genau hinschauen, sehen oder hören wir auch von Glück und Erfolg, etwa derjenigen, die COVID-19 überstanden haben und genesen sind – und hier haben wir die wunderbare Möglichkeit, Mitfreude (mudita) zu praktizieren, genauso wie mit all den Menschen, die in dieser Situation selbstlos und furchtlos Gutes tun, Verantwortung übernehmen und helfen.

Sollten wir trotz aller Vorsichtsmaßnahmen selbst an COVID-19 erkranken, so lasst uns versuchen, unserer Situation mit unerschütterlichem Gleichmut (upekkha) und Ruhe zu begegnen. Nehmen wir unseren kranken, fiebrigen Körper, Husten und Atembeschwerden achtsam wahr, beachten und beobachten wir auch unseren Geisteszustand und unsere Emotionen und akzeptieren sie. Werden wir uns unseres und des ganzen Leidens im Samsara bewusst, lassen wir von unserem Ego los und von dem Wahn, alles kontrollieren zu wollen, allzeit gesund, mächtig und glücklich sein zu können oder gar zu müssen. Versuchen wir, mit Corona in Frieden zu sein. Gleichmut bedeutet auch Unparteilichkeit. Bitte, lasst uns einander helfen, ohne Vorlieben, Zu- und Abneigungen. Jede, jeder, jedes ist es wert. Helfen und unterstützen wir einander, selbstlos, getragen von Mitgefühl und Weisheit – ganz konkret in ganz praktischen Dingen wie Einkaufen, aber auch mit spirituellem Rat und Trost sowie der Aufnahme in unsere Dhamma-Praxis. Wir könnten für andere atmen (symbolisch, geistig), inneren Frieden entwickeln und ihnen schicken, für sie chanten (oder beten, wer mag), unsere Verdienste mit ihnen teilen, spirituelle Telefon- oder E-Mail-Betreuung anbieten. Nicht „könnten“ – lasst es uns tun!

Wir brauchen Kreativität, Weisheit, Mut, Gleichmut – und nicht Gleichgültigkeit und Ignoranz. Wir brauchen Verantwortungsbewusstsein und nicht Egoismus.

„Sich selbst schützend, schützt man die anderen. Andere schützend, schützt man sich selbst.“ (Quintessenz aus dem Sedaka Sutta, Samyutta Nikaya 47,19)

 

Ayya Agganyani ist deutsche Nonne (Samaneri) in der Theravada-Tradition von Myanmar (Burma).

 


YESCHE U. REGEL

Strahlen – auch wenn das Herz manchmal weint

Mitgefühlsmeditationen wie Tonglen können in Krisenzeiten ihre volle Bedeutung und Wirksamkeit entfalten. Dabei kommt es nicht nur auf die Meditationsmethode an – das Leidvolle annehmend einatmen, dadurch bodhichitta, Weisheit und Mitgefühl, wecken und ausatmen –, sondern auch auf das dahinterliegende Prinzip: das Unerwünschte bewusst anschauen, sich damit verbinden und im Vertrauen auf innere spirituelle Ressourcen, Kräfte des Heilsamen freisetzen. Dies geschieht gerade in vieler Hinsicht, mit und ohne Meditation. Viele Menschen vollbringen im Angesicht von Leidvollem Erstaunliches: in der Pflege und Medizin, als Dienstleister, als Personen, die durch das Wort wirken, und überall im zwischenmenschlichen Bereich. Es gibt einen erfreulichen Mut zu einem großzügigen und selbstlosen Engagement.

Wichtig scheint mir, den Unterschied von Mitgefühl und empathischem Mitleid zu verstehen. Für das Mitgefühl ist es wichtig, die eigenen inneren, geistigen Kräfte und auch das Körperliche gut zu pflegen und sich im Kontakt mit dem Unerwünschten nicht nur zu erschöpfen und zu verbrauchen. Das Mitgefühl eines Bodhisattva hat eine ausstrahlende Qualität, auch wenn das Herz manchmal weinen muss.

 

Yesche U. Regel war viele Jahre buddhistischer Mönch und ist nun buddhistischer Lehrer (yesche.de). 

 


LILY BESILLY

Zeit der Geschenke

Ostern 2020 war eine besondere Zeit. Ein großes gemeinsames Experiment wurde gewagt. Eine gemeinsame Haltung der Rücksichtnahme wurde ausgerufen. Gemeinsam wurden alte Muster aufgegeben. Geschichten von materiellem Gewinn und Sicherheit losgelassen. Nicht nur diejenigen, die sich sorgen mussten um die eigene Gesundheit, sondern alle blieben zu Hause. Da, wo es sinnvoll war für das gemeinsame Wohl. Eine magische Zeit, in der wir lernten, eine Umarmung über zwei Meter Entfernung mit den Blicken auszudrücken und mit dem Herzen zu spüren. Neue Formen des Miteinanders entstanden schnell und leicht. Onlinekurse und digitale Verbindungen linderten die Verunsicherung. Weil alle etwas dazugaben. Manche gaben ihre Arbeit, manche mussten die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes loslassen. Manche schenkten ihre Geschäftigkeit und machten Platz für Ruhe, manche überwanden die Angst um ihre Gesundheit und sorgten für das Funktionieren der Einkäufe, der Pflege und der Krankenhäuser. Die äußere Unruhe löste sich auf, auch wenn die innere viele noch trieb. Es war so leicht, sich vorschnell die „richtige“ Meinung zu bilden. Die Rücksicht machte keinen Lärm. Es blieb so wenig, für das wir Applaus erwarten konnten.

Was wird bleiben davon? Wird diese neue Kultur der Rücksichtnahme Früchte tragen? Trotz der Macht des Geldhabens und Rechthabens? Können wir uns Rücksichtnahme und Achtsamkeit miteinander leisten? Wird sich die Rücksichtnahme weiter ausdehnen über Grenzen hinweg wie das Virus, das sie scheinbar notwendig machte? Wird dieser Versuch der Rücksichtnahme wieder untergehen, oder wird etwas bleiben und helfen, die frühere „Normalität“ zu bereichern – um eine Bewusstheit darum, wie sehr wir verantwortlich sind gegenüber der Verletzlichkeit von Menschen, Wesen und dem ganzen Planeten? Ich wünsche es uns.

 

Lily Besilly ist Meditationslehrerin und Heilpraktikerin für Psychotherapie (www.besilly.de).

 


STEFAN MATTHIAS

Unterbrechung als Zen-Praxis

Wir sind es gewohnt, bei Unterbrechungen die Kontrolle zu haben: Urlaub, Meditation. Durch die Coronakrise verlieren wir diese Kontrolle. Wir werden unterbrochen.

Eine Unterbrechung ermöglicht es uns, auf das, was unterbrochen wurde, nun aus einer anderen Perspektive zu schauen. Wir können heraustreten aus dem, worin wir involviert sind, und mit Distanz auf das schauen, was unser Leben ausmacht. Wir können den Geist, der nirgends anhaftet, hervortreten lassen.

Das ist normalerweise unsere Grundhaltung in der Meditation: In der Offenheit des Sitzens zeigen sich die Phänomene im freien Fluss. Idealerweise nehmen wir einfach wahr und verzichten auf Bewertungen. Diese Haltung der Offenheit können wir auch in unserem Alltag einnehmen.

In der Unterbrechung beginnt uns das, womit wir gerade noch so hautnah verbunden waren, überhaupt erst bewusst zu werden. Es entsteht die Möglichkeit, unsere unmittelbare Reaktion auf die Umstände in den Blick zu bekommen. Was machen diese Umstände mit mir? Was lösen die Einschränkungen und Veränderungen in mir aus? Wir lernen uns kennen.

Können wir uns annehmen in dem, was wir bei uns wahrnehmen? Oder melden sich gleich Stimmen in uns, die Ängste verleugnen oder beschwichtigen wollen oder, weil sie Angst vor der Angst haben, eine sofortige Flucht vorschlagen? Können wir dann noch einmal unterbrechen? Zurücktreten und die Dynamik der inneren Impulse wahrnehmen, der unterschiedlichen Seiten, die in uns miteinander sprechen oder streiten? Können wir immer wieder in eine solche Offenheit eintreten, in der alles vollständig in Ordnung ist – genau so, wie es jetzt gerade ist?

In der Lehre des Buddha ist die Unterbrechung die Ermöglichung der Befreiung. Im traditionellen Buddhismus soll der Kreislauf der Wiedergeburten unterbrochen werden, sodass sich der Weg eröffnet, in die Befreiung einzutreten. Befreiung wird hier verstanden als Unterbrechung des Zusammenhangs, der zu einer neuen Wiedergeburt führt. Alle noch wirksamen Impulse verwehen im Nirvana. Stille stellt sich ein.

Ich verstehe dies als eine mythologische Redeweise, deren Relevanz wir allerdings in unserer Meditation und unseren Lebensvollzügen existenziell erfahren können: in den oft genug als quälend und leidvoll erlebten Kreisläufen unserer inneren Aktivitäten, in denen wir in Reaktionsketten auf unsere inneren Zustände, Stimmungen und Befindlichkeiten gefangen sind, und wo ein innerer Impuls die Reaktion eines anderen auslöst, wodurch wiederum ein Gefühl ausgelöst wird, auf das wiederum eine Reaktion erfolgt ... Unterbrechung ermöglicht Befreiung.

Die Tore des Dharma sind ohne Zahl. Ich gelobe in jedes einzutreten.

Jeder Moment ist für uns eine Möglichkeit, in die Freiheit einzutreten.

 

Stefan Matthias ist evangelischer Pfarrer und Zen-Lehrer (offene-weite.org).

 


WILFRIED REUTER

Selbstheilungskräfte stärken

Immunabwehr und Selbstheilungskräfte können wir unterstützen mit einer gesunden, ausgewogenen Lebensführung und indem wir uns um seelische Balance und eine positive Geisteshaltung bemühen. Hoffnungsvolle Menschen werden, das weiß die Wissenschaft schon lange, schneller gesund und sind selbstbewusster und achtsamer als Hoffnungsarme.

Achtsamkeit wird im Buddhismus gelehrt.

Sie lässt uns unsere momentane Geistesverfassung bewusster erleben und erkennen, in welcher Gestimmtheit wir uns durch den Tag schicken.


Mit dem Erleben und Eingestehen auch unserer Unsicherheit und Einsamkeit, unserer Sorgen und Ängste kann eine Suchbewegung beginnen. Bereits hierin liegt in schwierigen Zeiten ein Trost und eventuelle Verzagtheit wird in ersten Schritten gemildert. Der Weg zu einer stabileren inneren Balance und damit einer Stärkung unserer Selbstheilungskräfte führt über größere Nähe zu uns selbst, über die Öffnung einer gefühlten Verbindung nach innen. Wir nutzen dazu die bekannten Methoden der Körpereinfühlung.

Als sehr wirksam hat sich in diesem Zusammenhang die Chakra-Praxis bewährt. Es braucht zu Beginn einen klaren Entschluss und eine gewisse Ausdauer, um in fühlenden Kontakt mit sich selbst auf immer subtileren Ebenen zu kommen. Doch umso gründlicher wir diese Praxis eingeübt haben, umso leichter können wir unsere Perspektive verändern und umso stimmiger und effektiver auf die derzeitige Situation in der Welt reagieren. Mit der gefühlten Verbindung auf einer tieferen Ebene kommen wir in eine Offenheit und Kraft, die uns neue Möglichkeiten eröffnet. Aus der Verbundenheit nach innen werden wir befähigt, uns auf das verbliebene Gute in unserem Leben auszurichten, anschließend widmen wir uns den schwierigen Seiten und Herausforderungen. Dabei bleiben wir mit einem Teil unserer Aufmerksamkeit verankert in unserem feinkörperlichen Schutzraum. So werden wir ein erstes Sichauflösen innerer Blockaden erleben und gleichzeitig ein Anwachsen von Selbstvertrauen und die Stärkung einer gesunden Ich-Identität. Dies wiederum wird unsere Immunabwehr und Selbstheilungskräfte weiter stärken, sodass wir der gegenwärtigen Situation besser gewappnet entgegentreten können.

 

Wilfried Reuter ist Arzt und buddhistischer Lehrer (lotos-vihara.de).

 


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Redaktion BUDDHISMUS aktuell

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