„Wir sind da glücklich, wo wir alle wertschätzen“

Imke Herder unterrichtet Biologie und Deutsch an einem Osnabrücker Gymnasium – das volle Programm: Klassenlehrerin, Klassenfahrten, Elternarbeit, dazu Aufgaben als Schulmediatorin, Beratungslehrerin und früher auch als Frauenbeauftragte. Die Zen-Praktizierende bringt auch die Erfahrung von Stille an ihre Schule – und ihre Schülerinnen und Schüler sind davon ganz angetan. Für ihre Lebensführung hat Imke Herder ein Team von Assistentinnen und Assistenten angestellt. Als 15-Jährige erlitt sie einen Badeunfall und ist seitdem von der Halswirbelsäule an querschnittsgelähmt.

Imke Herder mit Ihrem Lehrer Christoph Rei Ho Hatlapa Roshi

Ein Beitrag von Imke Herder veröffentlicht in der Ausgabe 2020/02 Diversity unter der Rubrik SCHWERPUNKT Diversity

BUDDHISMUS aktuell: Wie trat der Zen-Buddhismus in Ihr Leben?

Imke Herder: Das ist über 15 Jahre her. Ich hatte mir damals ein Bein gebrochen und lernte im Zuge dessen eine buddhistische Physiotherapeutin kennen – das war mein erster persönlicher Kontakt, denn theoretisch hatte ich mich schon lange für den Buddhismus interessiert. Es kam dann so, dass irgendwann auf einmal gleich vier Buddhisten bei mir als Assistenten beschäftigt waren, aus den unterschiedlichsten Traditionen. Der eine kam von Lama Ole Nydahl, der andere von Thich Nhat Hanh und zwei saßen bei Christoph Rei Ho Hatlapa Roshi, der dann auch mein Zen-Lehrer geworden ist. Es wurde über buddhistische Themen gesprochen und anfangs musste ich erst einmal verarbeiten, was da an unterschiedlichen buddhistischen Perspektiven auf mich zukam. Stark angesprochen hat mich dann die Klarheit der Rinzai-Zen-Meditation. Also besuchte ich ein erstes Sesshin und lernte Christoph kennen. Ich sah ihn und dachte: Das ist mein Lehrer.

 

In den ersten Jahren habe ich dann fast jedes Sesshin mitgesessen, war alle zwei Wochen bei den Dokusan-Abenden und intensiv mit den Übungen beschäftigt. Zen ist genau mein Weg. Auf der einen Seite erlebe ich, wie konzentriert ich von Sesshins zurückkomme, wie mir das bei der Lebensbewältigung hilft und mich entspannt. Andererseits habe ich einen Weg gefunden, zu spüren, dass ich einfach Teil des Ganzen bin. Damit meine ich nicht, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Damit hatte ich noch nie ein grundsätzliches Problem. Ich meine dieses Verbundensein mit dem Leben als solches – Zen ist genau das, was mich in dieser Wahrnehmung unterstützt.

 

Sie haben mir im Vorgespräch gesagt, dass Sie es im Grunde seltsam finden, hier exemplarisch für das Thema „Vielfalt“ zu stehen. Was befremdet Sie daran?

Zum Thema Vielfalt kann man jede und jeden fragen, weil jeder Mensch vielfältig und ein Repräsentant der Vielfalt ist. Ärgerlich finde ich, wenn die Schublade aufgemacht wird: „Da sitzt eine Frau im Rollstuhl und das ist etwas Besonderes.“ Von außen betrachtet kann ich es sogar nachvollziehen, aber in mir und von mir aus betrachtet überhaupt nicht – weil ich kein „Behindertenbewusstsein“ habe. Das heißt nicht, dass ich mich nicht mit meinen Einschränkungen beschäftige, das ist ja mein Alltag, seit ich 15 Jahre alt war. Ich habe mir, denke ich, viel Reflexionsvermögen erarbeitet, viele Möglichkeiten, wie ich meinen Alltag gestalten kann. Trotzdem geht es mir manchmal auf die Nerven, zum Beispiel wenn ich Stress damit habe, Leute zu finden, die bei mir Assistenz machen. Es geht mir auch zeitweise auf die Nerven, wenn ich für manche alltäglichen Verrichtungen erheblich mehr Zeit brauche als viele andere. Das sind tägliche Übungen und da unterscheidet sich das Leben von Fußgängern und Rollstuhlfahrern mit meiner Lähmung auf jeden Fall erheblich.

 

 

ToGenJi-Zentrum
ToGenJi-Zentrum

Sie legen den Fokus weniger auf das, was Sie nicht können ...

... sondern ich bin eher auf der Seite von: Das geht. Das ist eine Grundhaltung, die nichts mit Rollstuhl oder Nichtrollstuhl zu tun hat. Barrierefreiheit zum Beispiel ist für mich kein Kriterium bei der Wahl des Urlaubsortes, das fände ich langweilig. In Ländern, die überhaupt nicht barrierefrei sind, kann die Barrierefreiheit im Kopf der Leute viel größer sein als bei uns. Wenn es eine Selbstverständlichkeit wäre, dass wir uns alle gegenseitig Unterstützung geben, wäre das alles ja kein Thema. Damit meine ich nicht explizit Rollstuhlfahrer, sondern ganz grundsätzlich: Wie gehen wir insgesamt miteinander um? Im Spanien der 1980er-Jahre war gar nichts barrierefrei. Es gab in Barcelona auf dem Flughafen eine einzige barrierefreie Toilette, sonst nichts. Trotzdem habe ich dort Urlaub mit meinem Bulli gemacht, mit einer Freundin und einem Zivi. Der Zivi hat im Zelt geschlafen und wir im Auto. Das würde man nicht als barrierefreien Urlaub betrachten. Mir geht es darum, mit dem umzugehen, was da ist. Ich erwarte nicht, dass die Welt sich auf mich einstellt. Mit dieser Haltung hätte ich sonst nach meinem Unfall niemals Abitur gemacht oder studiert oder als Lehrerin arbeiten können.

 

Was mich regelrecht abstößt ist, wenn Menschen über ihren vermeintlichen Mangel definiert werden. Da tickt unsere Gesellschaft seltsam, das ist in anderen Ländern schon ein bisschen anders. Wenn ich mir diese ganze Debatte um die Inklusion anschaue, finde ich es schlimm, dass die Politik ein Scheitern vorprogrammiert hat, weil sie nicht genügend Geld zur Verfügung gestellt hat. Dabei ist eine Schule dann glücklich, so meine ich, wenn Menschen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten da sind und das auch wertgeschätzt wird. Leider möchten wir immer alles in Gruppen einteilen: Hier sind die geistig, dort die körperlich Behinderten, dort die Normalen – das ist ja auch nur eine kleine Gruppe. Wir teilen ein.

 

Wieviel Schubladendenken begegnet Ihnen in Ihrem beruflichen Alltag?

In der Schule ist das kein Thema mehr. Seit 1999 bin ich jetzt schon Lehrerin. Einer neuen Klasse erzähle ich erst mal, warum ich im Rollstuhl sitze. Je nach Alter ist die Reaktion sehr verschieden. Die Kleinen sind sehr interessiert, die fassen auch schon mal ganz unbefangen mein Knie an und fragen: „Fühlen Sie das?“ Oder sie fragen: „Wie ist das überhaupt: Können Sie alleine ins Bett gehen?!“ – „Nee, kann ich nicht“, antworte ich. Dann denken sie nach und fragen weiter – sie haben wenig Scheu. Schülerinnen und Schüler in dem Alter, als mir der Unfall passierte, sind unglaublich betroffen; selbst in Rabaukenklassen werden sie ganz ruhig und weich. Da kommen keine Fragen, sondern die Art, wie ich es selbst nehme und damit umgehe, überträgt sich auf sie. Ich hatte nur wenige Momente im Leben, in denen ich das Gefühl hatte, ich werde wegen meiner Einschränkung ausgegrenzt. Aber selbstverständlich bin ich da eine Provokation, wo die Strukturen verhärtet sind.

 

ToGenJi-Seminarraum
ToGenJi-Seminarraum

Gehörte diese Haltung – nicht zu erwarten, dass sich die Welt auf Sie einstellt – schon vor dem Unfall zu Ihrer Persönlichkeit?

Das war schon immer so, glaube ich. Selbstverständlich gibt es auch mal Phasen, in denen es mir nicht gutgeht, die gab es vor meinem Unfall, die gab es danach. Doch im Großen und Ganzen bin ich sehr einverstanden mit dem Leben und ein durchaus zufriedener Mensch. Sehr wichtig ist es, Unterstützung annehmen zu können. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie wenig manche Menschen das können. Damit meine ich nicht Menschen mit besonderen Einschränkungen. Es ist eine Einschränkung, wenn man sich nicht helfen lassen kann, glaube ich. Das ist traurig, denn alles immer allein machen zu müssen ist doch unglaublich schwer.

 

Sie tragen die Meditationspraxis in die Schule – können Sie davon erzählen?

Ich habe eine elfte Klasse mit Schülerinnen und Schülern im Alter von 16, 17 Jahren. Mit denen meditiere ich in jeder Doppelstunde. Dabei probiere ich ganz unterschiedliche Methoden aus wie Bodyscan, Atem-Meditation, Fantasiereisen, gute Wünsche. Und das Erstaunliche ist: Die Jugendlichen warten schon darauf, dass es losgeht, wenn ich in den Unterricht komme. In meiner eigenen Klasse machen wir das direkt zu Beginn jeder Doppelstunde Biologie oder Deutsch. Mir ist es wichtig, eine Regelmäßigkeit hineinzubringen. Irgendwann hat mich der Schulleiter gefragt, ob ich mir vorstellen kann, daraus ein Gesamtprogramm für alle 11. Klassen zu entwickeln, um es fest an unserer Schule zu verankern. Daran arbeite ich zurzeit.

 

Hat das Meditieren die Schulatmosphäre geändert?

In meiner elften Klasse – spürbar! Es findet Stille statt. Meine Schülerinnen und Schüler sagen: „Das ist genau das, was wir uns immer gewünscht haben. Es ist das einzige Mal am Tag, wo es mal still ist.“ Durch die Digitalisierung passiert so schnell so viel, die Menschen müssen ständig reagieren, es ist eine Überforderung. Ich biete auch meinen Kolleginnen und Kollegen jetzt an zwei Tagen der Woche eine stille Pause an. Natürlich kein Zen-Training, sondern einfach eine Meditation in der ersten großen Pause.

 

Vielen Dank für Ihr Engagement und für dieses Gespräch.

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Imke Herder

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