Lebenslinien einer buddhistischen Nonne

Es gibt viele Gelegenheiten, Tsunma Konchok Jinpa Chodron kennenzulernen: Wenn sie in roten Roben durch die Gassen ihres Wohnorts Radolfzell am Bodensee spaziert. Wenn sie im alten Kapuzinerkloster zu Dialogabenden und Meditationstagen einlädt. Auch in buddhistischen Dachverbänden ist sie aktiv. Sich für ein gutes Miteinander einsetzen und unterschiedliche Menschen im Dialog zusammenführen, das begreift sie als ihre Lebensaufgabe. Ein Porträt von Susanne Billig.

Tsunma Konchok Jinpa Chodron

Ein Beitrag von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2020/01 Frauen unter der Rubrik SCHWERPUNKT Frauen

Jinpa Chodron ist eine freundlich-zurückhaltende Frau, die geduldig für das eintritt, was ihr am Herzen liegt. „Wichtig ist der Prozess“, sagt sie in Gesprächen über schwierige Themen gern, macht eine kleine  Pause und lächelt. Wichtig ist, das Denken und Fühlen immer wieder zu öffnen und sich auf den Weg nach guten, gemeinsamen Lösungen zu machen.

 

Ein Leben im Prozess, in Umwegen und Suchbewegungen hat sie auch selbst geführt. Katholisch aufgewachsen, geht sie als junge Frau nach England, wo sie Ende der 1990er-Jahre den Buddhismus kennenlernt. Sie ist damals Psychotherapeutin mit eigener Praxis. „Der Beruf war mir wichtig, aber ich spürte auch: Das ist es noch nicht ganz. Ich hatte mich intensiv mit dem Schamanismus befasst, reiste in die USA und bekam dort Kontakt zu Native Americans und ihren religiösen Lehren.“ Doch die Native Americans schicken sie wieder nach Hause. Sie solle keine „Freizeitindianerin“ werden, sondern Spiritualität vor ihrer eigenen Haustür finden und leben. So kommt sie, auf Umwegen, zum Soto-Zen. „Relativ schnell habe ich mich dann entschlossen: Das ist es. Also habe ich meine therapeutische Praxis abgegeben, meine weltlichen Angelegenheiten abgeschlossen, mein Haus verkauft und bin ins Kloster gegangen.“ Nach einer Probezeit wird sie 2002 in der Zen-Tradition ordiniert und die geborene Jutta Gassner erhält den Dharmanamen Beatrice.

 

Warum der Weg der Nonne? Jinpa Chodron zögert mit der Antwort. „Ich glaube, ich bin schon immer den Spuren gefolgt, die in meinem Leben auftauchten. Mich zog etwas dorthin und ich habe mich ziehen lassen, weil ich spürte, hier öffnet sich eine Weite und etwas Unerschöpfliches. Als ich dann mehr in die Lehre eingetaucht bin, hat mich der Bodhisattva-Weg sehr inspiriert.“ Sich für die Heilung und das Glück anderer Wesen einzusetzen – an dieses Ethos konnte die Psychotherapeutin anknüpf

 

Eine schwere Entscheidung

Das Leben im Kloster ist spartanisch. „Es war ein gemischtgeschlechtliches Kloster, aber wir wurden alle als Mönche bezeichnet, auch die Frauen. Weil es mit katholischen Nonnen in Irland so viele Skandale wegen Gewalt gegen Kinder gab, hatte das Wort Nonne in Großbritannien einen schlechten Beigeschmack.“ Mönch Beatrice Jutta Gassner meditiert tagsüber in der Zen-Halle, die sich nachts in ein Schlaflager verwandelt. Ein kleiner Schrank nimmt das Bettzeug auf, eine Kiste persönliche Gegenstände. „Die Einfachheit hat mich sehr angesprochen. Weil sich der Geist nicht mit so vielen oberflächlichen Sachen beschäftigt, kann er sich schnell vertiefen und wird dabei gehalten durch die monastische Disziplin.“

 

Die Zeit im Zen-Kloster, obwohl „für immer“ geplant, endet nach drei Jahren. Die ersehnte Gemeinschaftlichkeit erweist sich als schwierig. Die passenden Worte für diesen Bruch zu finden, fällt Jinpa Chodron nicht leicht. „Bei mir gibt es so ein Quereinsteigersyndrom“, erklärt sie. „Mir geht es im Leben öfter so, dass ich schon mit viel Erfahrung in einen neuen Zusammenhang komme. Ich bin dann weder Anfängerin noch richtig eingebettet in das Neue.“ Langsam sagt sie: „Wegzugehen war eine der schwersten Entscheidungen meines Lebens.“

 

Weil es noch etwas Geld aus dem Hausverkauf gibt – den größten Teil hat sie an das Kloster gegeben – kann Beatrice Gassner ein eigenständiges Leben finanzieren. Jobs in der Pflege alter, kranker und sterbender Menschen helfen ihr dabei. „Ich wollte nicht mehr regulär zurück in meinen Beruf, denn das weltliche Leben war für mich vorbei.“ Gemeinsam mit anderen engagierten Frauen hilft sie, einen britischen und schließlich einen europäischen Zweig des internationalen buddhistischen Frauennetzwerkes Sakyadhita aufzubauen. „Vor allem für die Nonnen wollte ich etwas tun, denn mir wurde mehr und mehr bewusst, wie benachteiligt sie sind. Damals wohnte ich in Norwich und lud einmal im Monat Frauen aus verschiedenen buddhistischen Traditionen zu Meditation und Dialog ein.“ Der europäische Sakyadhita-Zweig muss leider aufgrund von organisationspolitischen Erwägungen auf internationaler Ebene aufgelöst werden, den britischen Zweig gibt sie ab, als sie zurück nach Deutschland geht.

Dialog im Alten Kloster

Auf Besuchen lernt sie in München das Drikung Garchen Institut kennen, ein Zentrum zur Förderung des Tibetischen Buddhismus. Dort trifft sie ihren tibetischen Wurzellehrer, Drikung Kyabgön Chetsang – der Funke springt sofort über. „Ich habe ihn angesehen und wusste: Das ist mein nächster Lehrer.“ So wird sie 2009 in Nepal erneut ordiniert  – dieses Mal in der tibetischen Tradition. Wie orientiert sich ein Mensch, der wandert zwischen Ländern, Religionen, Traditionen? Jinpa Chodron sagt: „Die entscheidende Frage für mich ist immer: Bin ich auf Kurs? Dabei hilft auch die Beziehung zum Lehrer. Es ist wichtig, den Horizont so weit wie möglich zu spannen. Wenn deine Ausrichtung schon eine Handbreit vor deiner Nase aufhört, wirst du sehr eng. Mein Ziel ist immerhin die Erleuchtung, zum Wohl der Wesen.“



Nach einigen Jahren als Nonne im Münchner Drikung-Zentrum lebt Jinpa Chodron heute im ehemaligen Kapuzinerkloster von Radolfzell in einer Einzimmerwohnung. Das weiß getünchte Kloster mit den dicken Mauern und den hölzernen Fensterläden wurde im 17. Jahrhundert errichtet und gehört nun der Stadt. Jinpa Chodron engagiert sich in der Buddhistischen Gemeinschaft Maitreya Mandala in der Vorstandsarbeit und mit Meditationskursen und hat vor Kurzem einen eigenen Verein gegründet, „Gelebter Dialog im alten Kloster“. In diesem Rahmen entfaltet sie in Radolfzell eine Vielzahl von Aktivitäten. Im September 2019 organisierte sie, eingebettet in eine interkulturelle Woche, die Veranstaltung „Radolfzell meditiert für den Frieden“. An einem herrlichen Sommertag konnten Menschen im Stadtgarten von morgens bis nachmittags gemeinsam meditieren. Ein offener Pavillon hielt Matten und Stühle bereit, am Anfang und am Ende läuteten die Glocken des Radolfzeller Münsters, alle halbe Stunde gaben Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionen einen Wortimpuls. Ende Oktober 2019 lud sie zu einem interreligiösen Dialog zum Thema Mystik ein – diesmal im Münster und im katholischen Gemeindesaal. Auch im Kellergewölbe des alten Klosters finden Dialogabende statt. „Außergewöhnliche Frauen in verschiedenen religiösen Traditionen“ heißt eine aktuelle Veranstaltungsreihe. Religiöse Frauen aus verschiedenen Traditionen erzählen von Hildegard von Bingen und Edith Stein, Rabia von Basra und Hatice, der ersten Ehefrau des Propheten Mohammed. „Ich habe Amrapali vorgestellt, eine legendäre Schülerin des Buddha, die in alten Palitexten beschrieben wird. Sie spendete dem Buddha einen Mangohain. Darin predigte er das berühmte Ambapalika-Sutta.“

Das alte Kloster bietet einen neutralen Ort, an dem Menschen zusammenkommen können, ohne sich religiös bedrängt zu fühlen. „Mir macht es eine besondere Freude, wenn sich hier Leute treffen, die normalerweise nie zusammenkommen. Dann sitzen sie einfach mal nebeneinander und merken, wie gut es tut, voneinander zu lernen.“ Gleichzeitig spiegele die Dialogarbeit auch innere Prozesse wider. „Wir müssen den Dialog ja auch in uns selbst fördern. Indem ich mich beispielsweise mit den mystischen christlichen Traditionen befasst habe, konnte ich mich wieder mit dem Christentum versöhnen.“ Buddhistisch missionieren – das liegt ihr fern. Die Radikalität, mit der der Buddhismus die menschliche Wahrnehmung und Wirklichkeitskonstruktion hinterfrage, sei ohnehin schwer vermittelbar. „Über Bedingtheit und Verbundenheit kann man sprechen, das verstehen die Menschen auch. Aber am meisten lehrt man in diesen Zusammenhängen durch die Art und Weise, wie man selbst ist. Wenn ich geistige Freiheit in mir spüre und vorurteilsfrei und offen mit Menschen und Themen umgehe, dann muss ich nicht gleich über Leerheit sprechen.“ Verstecken wolle sie sich aber auch nicht. Schulklassen besuchen sie, um von ihrem buddhistischen Leben zu hören. „Es ist auch hilfreich, dass ich in Roben durch die Stadt gehe. Es trägt zur Akzeptanz bei, wenn eine Stadt in der Lage ist, jemanden wie mich zu integrieren.“    

 

Strukturen des Missbrauchs stürzen ein

Weil das Vernetzen ein Lebensthema ist, engagiert sich Jinpa Chodron auch in den Dachverbänden Deutsche Buddhistische Ordensgemeinschaft und Deutsche Buddhistische Union, in deren Ethik-AG sie ihre langjährigen Erfahrungen als Therapeutin auch in der Krisenintervention für Missbrauchsopfer einfließen lässt. „Die Massivität der Missbrauchsvorfälle im Buddhismus haben mich schon erschreckt. Gleichzeitig spüre ich einen größeren Zusammenhang. Alle Strukturen, die nicht heilsam sind, bröckeln derzeit oder fallen vielleicht sogar in sich zusammen, nicht nur in den Religionen, sondern insgesamt in der Gesellschaft. Was sich darunter befindet, kommt jetzt zum Vorschein und zur Sprache. Das ist wichtig. Ich möchte helfen, Strukturen aufzubauen, die nicht auf ungesunder Hierarchie beruhen, sondern heilsam sind, fördernd und unterstützend.“

Laut dem Buddha sind vier Säulen notwendig, um den Buddhismus gut in einem Land ankommen zu lassen – eine davon sind die buddhistischen Nonnen. Was macht das Besondere aus, das Ordinierte beitragen können? Es passt zu Jinpa Chodron, dass sie nach all den Jahren als Nonne auf diese Frage keine vorgestanzte Antwort hat. „Vielleicht bin ich nicht die ideale Person, um das zu beantworten“, erklärt sie. „Denn ich habe mir diese Frage selbst schon oft gestellt. Wir halten mehr Gelübde, folgen einer bestimmten Disziplin, aber das tun zum Teil auch Nichtordinierte. Haften wir weniger am weltlichen Leben an? Vielleicht. Aber auch im Kloster kann man anhaften – an Regeln, an Konzepten.“ So komme es letztlich mehr auf die Person als auf das Äußere an. Dennoch weiß sie aus persönlicher Erfahrung, dass die Ordination einen großen Unterschied in ihrem Leben gemacht hat. „Es ist so, als ob ein Schalter umgelegt wird. Ein Leben im Kloster hilft, das möglich zu machen. Heute bewege ich mich in der Welt, führe aber kein weltliches Leben. Ich bin Nonne – und die Perspektive, von der aus ich die Dinge betrachte, ist eine grundsätzlich andere geworden.“ Darum wünscht sie sich auch, dass der Westen für junge Frauen gute Möglichkeiten schafft, den Weg der Nonne zu beschreiten.

Tsunma Konchok Jinpa Chodron beim Osterfriedensmarsch in Konstanz, 2019
Tsunma Konchok Jinpa Chodron beim Osterfriedensmarsch in Konstanz, 2019

 

Der Schritt ins Ungewisse

Und die Sicherheiten im Leben? Das tägliche Brot, die Altersvorsorge? Ihre Dharmatätigkeit  bringt ihr ein Minigehalt ein, was auch die Rentenversicherung abdeckt. Sie ignoriere das Thema Sicherheit nicht, aber vertraue in erster Linie dem Dharma und ihrer inneren Stimme. „Selbst in der festen Struktur des Zen-Klosters hieß es: ‚Du bist hier immer nur für einen Tag.‘“ Die Hingabe, die Ernsthaftigkeit der Praxis haben über den nächsten Tag entschieden. Jinpa Chodron betont, dass sie sich immer wieder frage, was das Nonnesein bedeute – jetzt, hier, ganz persönlich. „Sicherlich hat man spirituelle Freundinnen und Begleiter. Aber letztlich geht man den Weg allein. Wenn ich im Leben ins Ungewisse gesprungen ist, habe ich das nie bereut, auch wenn es manchmal schwer war. Doch es sind dann immer auch spirituelle Kräfte gekommen, die das unterstützt haben. Das ist für mich eigentlich die größte Sicherheit! Ich sage jetzt nicht, dass ich nicht auch meine Bequemlichkeiten hätte. Aber wenn es darauf ankommt, bin ich bereit, das alles loszulassen.“


Ein Satz steht unter jeder Mail, die man von Tsunma Konchok Jinpa Chodron erhält:

Im Nicht-Greifen

ist Alles erfasst.

 

 

Weitere Informationen

Im Mai 2018 pilgerte Jinpa Chodron zusammen mit allen, die sich ihr anschließen wollten, 260 Kilometer um den Bodensee und organisierte mit anderen Friedensbewegten in Deutschland, Österreich und der Schweiz kulturelle und religiöse Veranstaltungen zum Frieden – mit anschließender Feier des ersten Vesakh-Festes am Bodensee, in Zusammenarbeit mit dem Maitreya Mandala.

 

Mehr darüber unter:
buddhismus-aktuell.de/meldungen/bodensee-pilgerung-fuer-den-frieden.html


Kontakt:
Gelebter Dialog im alten Kloster e. V.
Obertorstr. 10, 78315 Radolfzell
E-Mail: jinpa-la(at)gmx(dot)net
http://weltkloster.de/

Konto:
Volksbank eG Schwarzwald Baar Hegau
IBAN: DE91 6949 0000 0035 8571 09
BIC:   GENODE61VS1

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Susanne Billig

Susanne Billig ist Biologin, Buchautorin, Rundfunkjournalistin (Wissenschaft, Gesellschaft) und Sachbuchkritikerin. Sie ist seit 1988 in Praxis und Theorie mit Buddhismus und interreligiösem Dialog befasst, Kuratoriumsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell.
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