„Frauen müssen radikaler werden!“

Sakyadhita heißt wörtlich „Töchter des Buddha“. Die internationale Vereinigung buddhistischer Frauen setzt sich seit 1987 für Frauenrechte, die Zusammenarbeit und das Wohl buddhistischer Frauen ein. Alle zwei Jahre gibt es eine große Konferenz. 2019 fand sie unter dem Motto „Neue Horizonte im Buddhismus“ in den australischen Blue Mountains statt. Ayya Yeshe, Nonne in der tibetisch-buddhistischen Tradition, Dharmalehrerin, Frauenrechtsaktivistin und Sozialarbeiterin stellt kritische Fragen.

Foto: Olivier Adam

Ein Beitrag von Ayya Yeshe veröffentlicht in der Ausgabe 2020/01 Frauen unter der Rubrik SCHWERPUNKT Frauen

Auf der 16. Sakyadhita-Konferenz kamen 800 Teilnehmerinnen aus 29 Ländern zusammen. Bekannte Dharmalehrerinnen wie Roshi Joan Halifax oder die Ehrwürdige Thubten Chodron hielten inspirierende Dharmavorträge, Workshops behandelten ein breites Spektrum an Themen, bhutanische Nonnen und australische Exnonnen berichteten über sexuellen und spirituellen Missbrauch durch buddhistische Lehrer, LGBTIQ-Menschen über Vorurteile und Ausgrenzung in ihren buddhistischen Gemeinschaften und ein koreanischer Laienchor trat auf. Am Ende der Konferenz verglich die gestandene Nonne und Dharmalehrerin Jetsunma Tenzin Palmo die Sakyadhita-Konferenz mit den – von Männern dominierten – buddhistischen Konferenzen, die sie normalerweise besucht, und stellte fest: Bei Sakyadhita werden Frauen darin unterstützt, sich öffentlich zu äußern, jede Tradition bekommt eine Stimme, Sektierertum gibt es nicht.

 

Ziele erreicht, Ziele verfehlt?

Sakyadhita-Konferenz, (c) Foto Olivier Adam
Sakyadhita-Konferenz, (c) Foto Olivier Adam

Dennoch: Nach 16 Konferenzen mit Tausenden Teilnehmerinnen aus aller Welt frage ich mich: Hat Sakyadhita die selbst gesteckten Ziele wirklich erreicht: buddhistische Frauen zu stärken sowie die Gleichstellung von Männern und Frauen, mitfühlendes soziales Handeln und die buddhistischen Lehren zu fördern? Sicherlich gibt es heute Hunderte ordinierter Nonnen in Thailand und Tausende in Sri Lanka, die durch die Arbeit von Sakyadhita auch unterstützt, gefördert und finanziert werden. Sakyadhita war eine der ersten buddhistischen Organisationen überhaupt, die Bhikkhuni-Ordinationen abhielt. Doch westlichen tibetischen Nonnen beispielsweise fehlt es nach wie vor an Unterstützung, und für Nonnen und Frauen in Entwicklungsländern liegen der Zugang zu Ressourcen und die Gleichstellung noch immer in weiter Ferne. Das heißt: Wir müssen mehr tun, als Reden zu halten und Doktorarbeiten zu präsentieren. Wir müssen in unsere Zentren zurückkehren, die männliche Dominanz infrage stellen und Nonnen und Frauen aus unseren Taschen unterstützen, nicht nur mit unserem Mund.

 

Wie die meisten buddhistischen Organisationen wird Sakyadhita von der Generation der Babyboomer dominiert. Junge Frauen, die Millennials, bilden die Minderheit. Babyboomer sind die wohlhabendste Generation, die je gelebt hat, während viele Millennials einem drohenden sozialen Kollaps aufgrund der Klimakrise entgegensehen. Durch den rücksichtslosen Verbrauch der Ressourcen und die Schädigung der Umwelt stehen wir vor der Frage, ob unsere Zivilisation über die nächsten 20 bis 30 Jahre hinaus Bestand haben wird. Angesichts dieser düsteren Aussichten werde ich ungeduldig mit denen, die über ihre vegane Ernährung und effizientere Glühbirnen sprechen, während es darum geht, als Kollektiv etwas viel Radikaleres zu tun. So sehr ich die Arbeit der Frauen früherer Generationen schätze, bin ich doch frustriert, weil Frauen im Buddhismus, während die Welt in Flammen steht, Männern gegenüber immer noch weitgehend unterwürfig sind.

Jetsunma Tenzin Palmo, (c) Foto Olivier Adam
Jetsunma Tenzin Palmo
Thubten Chodron, (c) Foto Olivier Adam
Thubten Chodron
Roshi Joan Halifax, (c) Foto Olivier Adam
Roshi Joan Halifax

(c) Fotos Olivier Adam

 

Männliche Autorität in Frage stellen – noch immer tabu?

Warum unterstützen wir weiterhin Männer, deren einzige Aufgabe es ist, die Macht anderer Männer aufrechtzuerhalten? Warum ist es nach all dem Missbrauch und all den ausgebeuteten und vergewaltigten Frauen immer noch tabu, männliche Autorität infrage zu stellen? Sollte man nicht die Wirksamkeit eines Systems infrage stellen, das auf völliger Hingabe an fehlbare Menschen beruht? Warum werden diejenigen, die es wagen, sich zu Wort zu melden, als „zu radikal“ und „ungläubig“ angesehen und ausgegrenzt? Wo waren denn die männlichen Führer, die behaupten, alle Wesen gleich zu lieben, auf der Sakyadhita-Konferenz? Auf dieser internationalen Konferenz zum Wohl der Hälfte der buddhistischen Bevölkerung waren die Mächtigsten im Buddhismus, so die traurige Tatsache, auf auffällige Weise abwesend.


Wenn es um „Neue Horizonte im Buddhismus“ geht, kann ich nur sagen: Wir müssen viel radikaler werden, wenn wir das Patriarchat beenden und den Planeten retten wollen. Ich kann nur hoffen, dass meine Generation und die nach uns kommende noch eine Zukunft haben werden.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Petra Geist und Susanne Billig

 

Weitere Informationen

Quelle:
Der Text erschien in etwas längerer Fassung im Juli 2019 unter dem Titel „For the Times They Are a-Changin’: Sakyadhita and the Radicalism We Need to Save the World“ auf dem Webportal „global buddhistdoor“,
www.buddhistdoor.net | tinyurl.com/sakyadhita-2019-ayya-yeshe


Website von Sakyadhita International:
sakyadhita.org

 

 

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Ayya Yeshe

Ayya Yeshe stammt aus Australien und wurde 2001 mit 23 Jahren als Nonne ordiniert. Sie praktiziert in tibetisch-buddhistischer Tradition, arbeitet als Sozialarbeiterin, ist Direktorin der Hilfsorganisation Bodhicitta Foundation und Gründerin von Bodhicitta Vihara, einem buddhistischen Tempel, der sich für arme und marginalisierte Menschen in Nagpur, Zentralindien einsetzt.
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