Young People: Wir möchten uns selbst und die Welt verändern

Tobias Thamm und Mirko Meyer gehören zum Team der „Young People“-Gruppe im Buddhistischen Tor Berlin, einem Zentrum der Triratna-Gemeinschaft. Im Gespräch erzählen sie, was ihnen der Buddhismus bedeutet und warum es ihnen wichtig ist, den Dharma mit anderen jungen Menschen zusammen zu praktizieren.

Ein Beitrag von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2019/3 jung & alt unter der Rubrik SCHWERPUNKT jung & alt

BUDDHISMUS aktuell: Was habt ihr für einen Hintergrund und wie seid ihr zum Buddhismus gekommen? 

TOBIAS: Ich bin 24 Jahre alt und studiere derzeit Japanologie und Religionswissenschaft an der Freien Universität in Berlin. Vor meinem Studium war ich ein Jahr in Südjapan, ansonsten bin ich sozusagen Urberliner, groß geworden in Berlin-Lichtenberg, komplett ohne Religion. In Japan war ich fasziniert von der Atmosphäre in den buddhistischen Tempeln und spürte auf einer intuitiven Ebene: Damit möchte ich etwas zu tun haben. Zurück in Berlin, mit 19, kam ich dann zum Buddhistischen Tor von Triratna und spürte: Das passt für mich. Da gibt es einen Weg, man kann konkrete Schritte gehen, es gibt einen Orden und eine Gemeinschaft, die gemeinsam praktiziert. Mir gefällt besonders, dass man sich nicht einer einzigen Tradition verpflichtet fühlt. Wir wollen für den westlichen Kulturrahmen einen Zugang zum Buddhismus schaffen, der sich auf die grundlegende buddhistische Lehre stützt und unserer Kultur angemessen ist. 

MIRKO: Ich bin 28 Jahre alt und am Niederrhein aufgewachsen. Nach dem Abitur war ich für 15 Monate in Neuseeland, Südostasien und Bangladesch unterwegs und habe dann in Hamburg angefangen Indologie und Tibetologie zu studieren. Vor vier Jahren bin ich dann nach Berlin gezogen und studiere hier jetzt Asienwissenschaften an der Humboldt-Universität. Auf meinen Reisen und in meinem Studium habe ich einige Eindrücke vom Buddhismus bekommen, wirklich berührt war ich aber erst, als ich das erste Mal ins Buddhistische Tor gegangen bin. Dort habe ich mich gleich wie zu Hause gefühlt. Mein Gefühl war: Genau so denke und fühle ich seit Langem, nur dass mir nicht bewusst war, dass schon vor 2 500 Jahren jemand diese Gedanken in einen größeren Kontext gebracht hat.

 

Gab es skeptische Reaktionen in euren Familien, als ihr euch dem Buddhismus zugewandt habt?

TOBIAS: Meine Eltern waren am Anfang tatsächlich skeptisch, zumal ich nicht viel darüber gesprochen habe. Sie haben sich im Internet bei Sektenberatungsstellen informiert. Als meine Praxis ernster wurde, konnte ich mich ihnen gegenüber mehr öffnen und besser kommunizieren. Dadurch hat sich mein Verhältnis zu meinen Eltern sehr verbessert. Sie sehen nun, dass ich gelassener geworden bin und mehr Gewahrsein für andere habe.

MIRKO: Auch meine Mutter war, obwohl ich sehr offen mit ihr gesprochen habe, am Anfang sehr skeptisch. Nach vielen Gesprächen, konnte sie mich besser verstehen, doch als ich dann für sechs Monate nach England in ein Retreat-Zentrum zu einem intensiven Dharmakurs ging, wurde ihre Skepsis wieder stärker. Sie hat wohl Angst, dass ich mich von der Familie abkehren möchte, und nimmt nicht immer wahr, dass wir heute ein viel besseres Verhältnis haben als früher.

 

 

Schrein beim Young People Retreat im
Februar 2019 in Strodehne

Erzählt mir von der „Young People“-Gruppe – was ist das?

TOBIAS: Als ich mit 19 mit dem Buddhismus anfing, war ich bei Weitem der Jüngste. Wenige andere in der Gemeinschaft waren Mitte 30, die große Mehrheit 40 oder 50 und aufwärts. Das hat den Zugang für mich schwierig gemacht, weil die Lebenswelten so unterschiedlich waren. Im Triratna-Zentrum in Essen habe ich dann eine „Young People“-Gruppe kennengelernt, und zum ersten Mal fühlte ich mehr als nur ein intellektuelles Interesse am Buddhismus, weil ich merkte: Hier kann ich auch Freunde im gleichen Lebensabschnitt haben, die den gleichen Weg gehen, sich nicht nur über Partys, Clubs oder die Uni unterhalten, sondern auch über den Dharma. Mit der „Young People“-Gruppe wollen wir den Dharma auch für junge Menschen zugänglich machen.

MIRKO: Wenn man Anfang oder Mitte 20 ist, dann bewegen einen bestimmte Fragen: Was fange ich mit meinem Leben an? In welche berufliche Richtung möchte ich gehen? Wir sind in einer Umbruchphase. Unsere „Young People“-Gruppe bietet einen Raum, in dem man diese Fragen stellen und diese Erfahrungen teilen kann. Gleichzeitig entsteht auch ein Kontakt zum größeren Sangha, denn wir möchten einen Zugang zu Triratna bieten, keine separate Gruppe.

TOBIAS: Hier in Berlin bieten wir einmal im Monat freitags einen offenen Abend an, den wir gemeinschaftlich vorbereiten. Momentan laufen die Abende in etwa so ab: Wir meditieren eine Zeit lang, vielleicht mit einer kleinen Körperdurchleitung. Danach sprechen wir über das Thema des Abends und teilen uns anschließend zu einem Austausch in kleinere Gruppen auf. Auch kleine Rituale lassen wir einfließen, zum Beispiel eine Schrein-Begrüßung und eine Mantrarezitation am Ende. Der letzte Teil des Abends ist offen und wir sitzen einfach entspannt zusammen und quatschen bei Tee und Knabberzeug und freuen uns, wenn auf diese Weise Verbindungen und langfristig auch Freundschaften entstehen. Wichtig ist auch, dass unsere Angebote auf Spendenbasis stattfinden. Die Vision von Triratna ist, dass sich alles auf Spendenbasis finanziert – eine Gemeinschaft auf der Grundlage von Großzügigkeit.

 

 

Worin besteht für euch die Herausforderung, wenn ihr Meditationsabende und Retreats leitet?

TOBIAS: Als ich anfing, die Abende zu leiten, habe ich gemerkt: Man muss für die Leute da sein, aufmerksam sein, braucht eine ganz andere Präsenz. Es hat mir in meiner Persönlichkeitsentwicklung viel gebracht, über meinen eigenen Tellerrand zu schauen und mich zu fragen: Welche Menschen sind heute gekommen und wie kann ich für sie ein guter, freundlicher Ansprechpartner sein? Man muss lernen, Dynamiken in der Gruppe einzuschätzen und gut zu moderieren. Es hilft sehr, dass wir unsere Veranstaltungen teambasiert organisieren und Fortbildungsangebote für die Leitung der Gruppe erhalten.

MIRKO: Wenn ich die Gruppe leite, ist es mir besonders wichtig, mich selbst zurückzunehmen, empfänglich zu sein, eigene Ansichten zurückstellen, um eine Plattform für alle zu schaffen und Vermittler zu sein – ohne mich dabei selbst zu überfordern.

 

 

Ritual und Hingabe „Mainland Europe Young Buddhist Convention 2017“ im Buddhistischen Tor Berlin

Spielten bei eurer Hinwendung zum Buddhismus auch idealistische Gründe eine Rolle – vielleicht so etwas wie der Wunsch nach einer ganz anderen Art zu leben?

TOBIAS: Vor einigen Jahren war ich sehr unzufrieden mit dem, was unsere Gesellschaft mir an Zukunftsperspektiven anbot. Es kann doch nicht sein, dachte ich, dass ich mich nach dem Studium für den Rest meines Lebens in ein Büro setze. Durch den Buddhismus habe ich gesehen: Ja, ich kann einen alternativen Lebensweg gehen, der sich nicht ausschließlich über Ehe, Familie, Haus, Geld und Job definiert. Ich spüre in meinem Leben heute bestimmte Werte und glaube auch, dass ich gelassener geworden bin, hoffentlich freundlicher und mitfühlender. Außerdem habe ich viele wunderbare Freundschaften geschlossen und kann mich für etwas Sinnvolles engagieren. Und dann gibt es noch etwas, was ich noch nicht so ganz fassen kann, etwa Unbekanntes, Größeres.

MIRKO: Mir geht es so ähnlich. Es ist eine Ahnung davon, was dieser spirituelle Weg vielleicht bedeuten könnte. Aber ich bin auch frei dafür, dass sich diese Vorstellung wieder verändert. Was den Idealismus angeht – ich habe beides, eine idealistische und eine pragmatische Seite. Mit dem Ideal möchte ich in Verbindung stehen, aber gleichzeitig auch realistisch meine aktuelle Situation und meine jetzige Realität sehen und mit dem arbeiten, was gerade da ist.

 

Habt ihr in eurer anfänglichen Begeisterung für den Buddhismus auch so etwas wie einen missionarischen Impuls verspürt?

TOBIAS: Man kann nur Buddhistin oder Buddhist sein, wenn man sich dazu freiwillig entschieden hat. Es gibt auch keinen „Triratna-Weg“, wie man neue Leute anwirbt oder dergleichen. Natürlich möchten wir, dass viele Menschen unser Zentrum besuchen, weshalb wir unsere Veranstaltungen auch bewerben. Aber im persönlichen Freundeskreis lade ich nur Menschen ein, die es wirklich interessieren könnte. Doch wenn jemand auf einem Einführungsabend war, muss auch ein innerer Prozess beginnen, es müssen sich Fragen stellen und die Person muss Erfahrungen machen wollen. Freiwilligkeit steht im Vordergrund, und manchen Menschen bringt es schon total viel, manchmal zur Meditation ins Zentrum zu kommen.

MIRKO: Am Anfang war ich schon sehr enthusiastisch, habe meine beste Freundin eingeladen und war enttäuscht, weil sie es überhaupt nicht ansprechend fand. Mittlerweile bin ich da viel gelassener und hoffe, dass meine eigene Praxis vielleicht auf andere abfärbt. Wenn Menschen ein tiefer gehendes Interesse entwickeln, dann werden sie schon Fragen stellen – und dann kann man immer noch etwas erklären.

 

 

Shakyamuni Buddha Rupa im großen Schreinraum des Buddhistischen Tors Berlin

Sangharakshita ist der Gründer und wichtigste Lehrer eurer Gemeinschaft und inzwischen verstorben. Vor vielen Jahren soll er sich gegenüber jungen Männern sexuell übergriffig verhalten haben. Wie geht ihr mit dieser Debatte um? Kratzt das an seiner Glaubwürdigkeit?

MIRKO: Ich bin ein Kind der Neunziger, ich war also in der Zeit, um die es geht, noch gar nicht auf der Welt. Ich habe, seit ich bei Triratna aktiv bin, solche Erfahrungen nicht gemacht und denke, dass es schwierig ist, die Vorwürfe aus der heutigen Perspektive zu bewerten, und möchte das auch nicht. Meiner Meinung nach ist es naiv, an einen perfekten Lehrer zu glauben, der ein makelloses Leben führt. Mir persönlich ist es wichtig, dass über dieses Thema offen gesprochen wird, aber noch wichtiger, wie ich mich heute verhalte, um andere Menschen so wenig wie möglich zu verletzen und sie so gut wie möglich zu unterstützen.

TOBIAS : Ich habe seine Schriften studiert, ihn auch einige Male persönlich getroffen und wenn ich bedenke, wie viele Leben die von ihm gegründete Gemeinschaft in positiver Weise berührt hat, bewegt mich das sehr. Wir sprechen offen darüber, sind uns der Gefahren von Beziehungen zwischen buddhistischen Lehrern und ihren Schülern sehr bewusst und haben deshalb seit mehreren Jahren in allen Zentren ethische Richtlinien eingeführt. Ich denke, dass es wichtig ist, solche Vorkehrungen zu treffen und gleichzeitig einen Sangha zu schaffen, der von Akzeptanz, Toleranz und Freiheit geprägt ist.

 

 

Das sind spannende Stichworte: Toleranz und Freiheit. Sind größere Visionen – für die Gesellschaft, für die Erde – auch maßgeblich für eure buddhistische Praxis?

TOBIAS: Das war schon immer ein Thema für mich. Es gibt so viel Ungerechtigkeit in der Welt, so viele Probleme – früher habe ich mich davon erschlagen gefühlt. Selbst politisches Engagement ist ja nicht immer zielführend. Jetzt engagiere ich mich in unserem buddhistischen Zentrum, gebe den Dharma weiter und versuche, mich selbst zu verändern, weniger gierig zu sein, weniger Hass zu entwickeln, um dadurch vielleicht auch ein Beispiel für andere zu sein. Auf diese Weise wirke ich nachhaltig in der Gesellschaft. Gleichzeitig denke ich, dass ich mein Potenzial, wirksam zu sein, sicher noch nicht ausgeschöpft habe.

MIRKO: Mir ist wichtig, dass ich mich selbst verändere und ein größeres Gewahrsein für meinen Einfluss auf die Welt entwickle. Dann überlege ich mir zum Beispiel, welche Kleidung ich trage oder wie ich mich ernähre, und dann weiß ich auch, dass es nicht reicht, sich einfach nur vegan zu ernähren, sondern dass man sich auch fragen muss, woher zum Beispiel die ganzen Ersatzprodukte kommen. Mir ist es auch wichtig, dass ich meine Zeit nicht ausschließlich mit Buddhisten verbringe, sondern auch den Kontakt zu anderen Menschen suche – nicht missionarisch, sondern ganz normal im Alltag. Auch dadurch habe ich Einfluss und kann helfen, ein bestimmtes Bewusstsein zu schaffen. So kann ich nachhaltig mehr bewirken, als wenn ich mich beispielsweise politisch engagiere.

 

 

Ihr möchtet nicht missionarisch sein und das ehrt euch, finde ich. Lasst mich euch dennoch um ein Schlussstatement bitten: Was macht es in euren Augen gerade für junge Menschen so wertvoll, sich mit dem Buddhismus zu beschäftigen?

TOBIAS: Es ist das Beste, was man als junger Mensch tun kann, finde ich. Man lernt sich selbst kennen, kann sich weiterentwickeln und ganz viel an die Welt zurückgeben. Es geht um Ideale wie Mitgefühl, Schlichtheit, Weisheit – mir ist bisher noch nichts Besseres begegnet, das man mit seinem Leben anfangen kann.

MIRKO: Der Buddhismus gibt Antworten auf Fragen, die zumindest ich mir immer gestellt habe. Vor allem konnte ich mich ganz genau mit der Frage auseinandersetzen, was in meinem Leben eigentlich Leid erzeugt, wie ich damit umgehen kann und mich vielleicht sogar davon befreie. Und meine Erfahrung ist, dass es funktioniert.

 

Hinweis:

Mehr über die Philosophie, die Struktur und die Angebote von Triratna:

www.triratna-buddhismus.de

Gruppenbild Teilnehmerinnen und Teilnehmer „Mainland Europe Young Buddhist
Convention 2017“ im Buddhistischen Tor Berlin

Twitter Off Image Facebook Off Image0 Google Plus Off Image

Susanne Billig

Susanne Billig ist Biologin, Buchautorin, Rundfunkjournalistin (Wissenschaft, Gesellschaft) und Sachbuchkritikerin. Sie ist seit 1988 in Praxis und Theorie mit Buddhismus und interreligiösem Dialog befasst, Kuratoriumsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell.
Weitere Artikel in dieser Ausgabe