„Liebe heißt sehen, dass auch der Meister fehlbar ist“

Buddhistische Lehrerinnen und Lehrer brauchen zu ihrem eigenen Schutz eine starke Gemeinschaft, die sie immer wieder in ihre Schranken verweist, unterstreicht Professor Werner Vogd – ein Gespräch über heilsame und unheilsame Dynamiken der Lehrer-Schüler-Beziehung aus soziologischer Perspektive.

Ein Beitrag von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2019/3 jung & alt unter der Rubrik Buddhismus Heute

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BUDDHISMUS aktuell: Herr Professor Vogd, seit 2013 untersuchen Sie die spirituelle Entwicklung von Buddhistinnen und Buddhisten in sechs verschiedenen Gemeinschaften, die im Westen vertreten sind. Inwiefern gehören auch die aktuellen Missbrauchsdebatten zu Ihrem Forschungsfeld?

Werner Vogd: Das Thema spirituelle Entwicklung interessiert mich nicht zuletzt aus persönlichen Gründen schon lange. Glücklicherweise haben wir von der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine Finanzierung für dieses recht große Projekt bekommen. Wir haben eine Vielzahl von Gesprächen mit Anfängern, Fortgeschrittenen, Langzeitpraktizierenden und Lehrern geführt. Neben Vipassana und zwei Zen-Schulen haben wir auch Rigpa als eine der erfolgreichsten Gruppen des tibetischen Buddhismus in unsere Untersuchung aufgenommen. Missbrauch war eigentlich nicht unser Thema, doch da sich zeigte, dass einige unserer Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner von Rigpa stark unter ihren Erfahrungen leiden, sahen wir uns in der Verantwortung, das Thema ernsthaft aufzuarbeiten.

 

Sie führen im Rahmen Ihres Forschungsprojektes viele Interviews. Doch die sozialen Vorgänge in großen Gemeinschaften sind sehr komplex. Wie können Sie sich sicher sein, ausreichend Einblick für eine zuverlässige wissenschaftliche Analyse zu haben?

Aus den Interviews ist uns klar geworden, dass Heilung  und Befreiung nur möglich sind, wenn es einem Menschen gelingt, auf der tiefsten Ebene zur eigenen menschlichen Natur Ja zu sagen. Sowohl Befreiung wie auch das Verhaftetbleiben in Illusionen drücken sich im gesamten Selbst- und Weltverhältnis eines Menschen aus – sozusagen in seinem ganzen System. Sobald ein Mensch hinreichend Raum erhält, sich zu offenbaren, zeigt er auch, wo er steht. Die Gefühle und Ambivalenzen, die er sich selbst gegenüber hat, treten für seine Mitwelt – und in diesem Fall für uns Forscherinnen und Forscher – unverschleiert zutage. In der Analyse der Gesprächsprotokolle haben wir darum besonders darauf geachtet, wo in den Erzählungen Brüche und Dissonanzen auftreten. Mit recht komplexen Werkzeugen – sprachwissenschaftlichen und sogenannten phänomenologischen Methoden – lässt sich dies heutzutage recht präzise herausarbeiten, wenngleich wir uns in der Interpretation mancher Details auch mal geirrt haben mögen.

 

 

Foto: Banter Snaps auf unsplash
Foto: Banter Snaps auf unsplash

Ihr neues Buch „Der ermächtigte Meister“ befasst sich mit der Rigpa-Gemeinschaft. Sie beschreiben darin sehr anspruchsvoll die vielen Ebenen, auch die inneren Widersprüche, die in der Lehrer-Schüler-Beziehung mitschwingen können. Können Sie das an Beispielen anschaulich machen?

Die Dynamik des Zweifels hat sich bei einem Kursleiter gezeigt, der seit mehr als zehn Jahren bei Rigpa engagiert ist. Seine Haltung ließe sich so zusammenfassen: „Ich weiß, da sind objektiv Sachen bei Sogyal gelaufen, aber ich möchte den Zweifel nicht haben, deshalb schiebe ich ihn weg. Ich möchte Sogyal weiterhin lieben können, denn er ist ja mein Meister. Zudem möchte ich die buddhistischen Lehren um nichts preisgeben.“ Da dieser Kursleiter seinen Zweifel abgespalten hat und auch seine eigenen Wahrnehmungen wegschiebt, kann es ihm nicht gelingen, für seinen eigenen ambivalenten Zustand Mitgefühl zu entwickeln. Entsprechend kann er, wie im Interview recht deutlich wurde, auch anderen Schülerinnen und Schülern, die an Sogyal zweifeln, kein Mitgefühl entgegenbringen. Er kann nicht anders, als sie emotional abzuwehren. Da das Gleiche mit ihm geschieht – er wird seinerseits von für ihn wichtigen Mitgliedern Rigpas ermutigt wegzuschauen –, entsteht ein System der kollektiven Kultivierung von Unwissenheit. Zudem offenbart sich hier ein nur formales Verständnis der Liebe zum Lehrer. Er wird nur in seiner Rolle geliebt, jedoch nicht als ganzer Mensch – der wie jeder andere Mensch fehlbar ist. Wir haben aber auch mit einem sehr engagierten Schüler gesprochen, der sich, als er vom Ausmaß des Fehlverhaltens erfuhr, von Sogyal abgewendet hat. Er musste schließlich sogar seine spirituelle Praxis abbrechen, weil er den Schmerz über den Vertrauensbruch nicht ertragen konnte. Nach drei Jahren haben wir nochmals mit ihm gesprochen. Es zeigte sich, dass er durchaus bereit war, Sogyal seine sexuellen und anderen Eskapaden zu vergeben, wenn er sie offen zugeben würde. Dies ist ein wichtiger, wenn nicht gar der zentrale Punkt, denn hier entscheidet sich, ob die Enttäuschung geheilt werden kann oder sich das spirituelle Trauma vertieft. Aufgrund des leider auch von Sogyal Rinpoche und anderen hohen Lamas gepflegten Tabus, über die Vorfälle nicht offen zu reden, wurde den Schülerinnen und Schülern von Rigpa genau das Gegenteil von dem eingeimpft, was die Grundbedingung eines jeden ernsthaften spirituellen Weges ist: bereit sein, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Dies ist gerade deshalb so fatal, weil es verhindert, Mitgefühl für sich selbst und andere zu entwickeln.

 

Wenn realistische Vorwürfe gegen einen Dharmalehrer laut werden, gibt es immer auch Schülerinnen und Schüler, die sich verweigern. Entweder sie stellen das kritikwürdige Verhalten ganz in Abrede oder aber sie bestätigen zwar die Fakten, weisen aber jede kritische Einschätzung weit von sich. Was geschieht da aus Ihrer Sicht psychologisch?

Es ist verständlich, dass man mit etwas Unangenehmem, etwas Traumatischem nichts zu tun haben möchte. Da es nahezu allen in der Gruppe so geht, entsteht eine systemische Dynamik: Gerade die Menschen, die wegschauen oder vorgeben, souverän mit der Sache umzugehen, erfahren von den anderen Bestätigung. Wer die Sache wirklich an sich heranlässt, wird tief erschüttert sein. Möglicherweise wird er tagelang über das Geschehene weinen und für lange Zeit zwischen Wut und Verzweiflung pendeln, bevor er wieder Mitgefühl für sich und andere entwickeln kann. Es wundert deshalb kaum, dass viele Schülerinnen und Schüler diesen großen Schmerz nicht wahrnehmen möchten und stattdessen zu Rationalisierungen und Scheinbegründungen Zuflucht nehmen. Dazu kommt die Angst vor der Einsicht, dass man möglicherweise selbst zu dem Leid beigetragen hat, da man das System aus Tabus und Täuschungen ja persönlich mit aufrechterhalten hat.

 

Foto: Ricardo Gomez Angel auf unsplash
Foto: Ricardo Gomez Angel auf unsplash

Wenn realistische Vorwürfe gegen einen Dharmalehrer laut werden, gibt es immer auch Schülerinnen und Schüler, die sich verweigern. Entweder sie stellen das kritikwürdige Verhalten ganz in Abrede oder aber sie bestätigen zwar die Fakten, weisen aber jede kritische Einschätzung weit von sich. Was geschieht da aus Ihrer Sicht psychologisch?

Es ist verständlich, dass man mit etwas Unangenehmem, etwas Traumatischem nichts zu tun haben möchte. Da es nahezu allen in der Gruppe so geht, entsteht eine systemische Dynamik: Gerade die Menschen, die wegschauen oder vorgeben, souverän mit der Sache umzugehen, erfahren von den anderen Bestätigung. Wer die Sache wirklich an sich heranlässt, wird tief erschüttert sein. Möglicherweise wird er tagelang über das Geschehene weinen und für lange Zeit zwischen Wut und Verzweiflung pendeln, bevor er wieder Mitgefühl für sich und andere entwickeln kann. Es wundert deshalb kaum, dass viele Schülerinnen und Schüler diesen großen Schmerz nicht wahrnehmen möchten und stattdessen zu Rationalisierungen und Scheinbegründungen Zuflucht nehmen. Dazu kommt die Angst vor der Einsicht, dass man möglicherweise selbst zu dem Leid beigetragen hat, da man das System aus Tabus und Täuschungen ja persönlich mit aufrechterhalten hat.

 

Sie haben gerade den Begriff „systemisch“ verwendet. Was meinen Sie damit und warum ist eine solche Betrachtungsweise an dieser Stelle wichtig?

Systemisch heißt, auf Beziehungen zu schauen, die sich dann zu Strukturen verhärten können. Es heißt, davon Abstand zu nehmen, einem Einzelnen allein die Schuld zu geben oder nur bei ihm die Ursache zu suchen. Eine solche Haltung steht der buddhistischen Perspektive recht nahe. Das Gesetz des bedingten Entstehens (paticcasamuppada) besagt ja, dass es keinen festen Persönlichkeitskern gibt, sondern ein komplexes Geflecht von Ursachen und Wirkungen, aus dem auch all die uns bekannten Verstrickungen und Leiden erwachsen. Die systemische Perspektive macht deutlich, dass auch der Lehrer ein Opfer der Verhältnisse ist: Die Schülerinnen und Schüler verehren ihn. Sie glauben, dass er über übernatürliche Fähigkeiten verfüge, und überschütten ihn mit Liebe. Jedem Menschen würde so etwas zu Kopfe steigen. Auch in den einschlägigen buddhistischen Schriften wird ja deutlich formuliert, dass Eitelkeit und Dünkel die Fessel ist, die sich am schwersten überwinden lässt. Wer zudem psychisch verletzlich ist und keine guten Freundinnen und Freunde hat, die ihn bremsen, beginnt unweigerlich seinem eigenen Narzissmus aufzusitzen. Er wird selbst glauben, dass er ein allmächtiges Bodhisattva-Wesen sei. Je mächtiger ein spiritueller Meister wird, desto mehr braucht er Menschen, die ihm begreiflich machen, dass die mit dem Lehreramt einhergehende Erhabenheit nicht seine eigene ist, sondern sich einem Rollengefüge verdankt, das er nicht selbst ist. Für mich besteht eine der wichtigsten Einsichten unserer Studie darin, dass man Lehrerinnen und Lehrer nicht alleine lassen darf, sondern dass es zu ihrem eigenen Schutz starker Akteure bedarf, die sie immer wieder in ihre Schranken verweisen.

 

ENDE DER LESEPROBE

 

 

Werner Vogd ist Professor für Soziologie an der Fakultät für Kulturreflexion der Universität Witten/Herdecke. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Systemtheorie, rekonstruktive (früher: qualitative) Sozialforschung, Organisation und Entscheidungsprozesse, naturwissenschaftliche Denkformen, Religionssoziologie, insbesondere des Buddhismus. Sein neues Buch und das Gespräch beziehen sich auf seine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Studie „Buddhismus im Westen“.

 

Buchtipp:

Werner Vogd: „Der ermächtigte Meister. Eine systemische Rekonstruktion am Beispiel des Skandals um Sogyal Rinpoche“, Carl-Auer Verlag 2019

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Susanne Billig

Susanne Billig ist Biologin, Buchautorin, Rundfunkjournalistin (Wissenschaft, Gesellschaft) und Sachbuchkritikerin. Sie ist seit 1988 in Praxis und Theorie mit Buddhismus und interreligiösem Dialog befasst, Kuratoriumsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell.
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