Editorial der neuen Ausgabe von "BUDDHISMUS aktuell"

"Jung & alt" lautet das Schwerpunktthema der neuen Ausgabe von BUDDHISMUS aktuell. Darin geht es um das Miteinander der Generationen in buddhistischen Gemeinschaften, um die Weitergabe der Lehre und um den offensiven Umgang mit dem eigenen Jungsein und dem eigenen Altern. Auch die "Freiheit" spielt in Susanne Billigs Editorial eine Rolle – wann darf sie als gutes Argument dienen, wann gilt es, sich an ihre buddhistische Begründung zu erinnern?

Ein Beitrag von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2019/3 jung & alt unter der Rubrik Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

 

während diese Ausgabe von BUDDHISMUS aktuell entsteht, finden die Europawahlen statt. Darüber schwebt die bange Frage: Wie stark wird der Stimmenzuwachs rechtspopulistischer und rechtsradikaler Parteien ausfallen? Erleichterung stellt sich ein, als es nicht so schlimm kommt, wie es hätte kommen können. In Österreich stolpert der Kanzler über seine Koalition mit einer Partei, die sich den Beinamen „die Freiheitlichen“ gegeben hat. Er stürzt – und plant umgehend seine Rückkehr ins Amt. Eine erneute Koalition mit den Freiheitlichen schließt er nicht aus.

 

Freiheit ist ein im Buddhismus hoch geschätzter Geisteszustand. Im Achtfachen Pfad wird er allerdings eng verwoben mit Tugenden, die der Buddha zudem in die Aufforderung einbettet, die Feinjustierung, das rechte Maß stets im Auge zu behalten: Wie leben wir? Wie sprechen wir? Wie denken wir? Wie bemühen wir uns? Wie gehen wir in uns? Was motiviert uns?

 

Diese Zeitschrift wird herausgegeben von der Deutschen Buddhistischen Union. Auch wenn sie redaktionell unabhängig arbeitet, ist die Verbindung doch eng. Darum war die Redaktion auch dabei, als auf der jährlichen DBU-Mitgliederversammlung Ende April nicht weniger als sieben Stunden lang um die Frage gerungen wurde, ob eine Gemeinschaft aus den Reihen des Dachverbandes ausgeschlossen werden soll, deren wichtigster Lehrer sich über den Islam, über Muslime und Flüchtlinge in einer Weise äußert, die für viele andere buddhistische Gemeinschaften eine rote Linie überschreitet. In den Gegenreden zum Ausschlussverfahren tauchte immer wieder der Begriff der Freiheit auf – Meinungsfreiheit, Lehrfreiheit, keine Gängelung durch den Dachverband, keine Vorschriften, wie ein korrekter Buddhismus hierzulande auszusehen habe. Von der schmerzhaften menschlichen Seite eines solchen Ausschlussverfahrens einmal abgesehen, sind das gewichtige Argumente, die man nicht leichtfertig beiseite schieben darf. Ihnen gegenüber steht der Wunsch, und möglicherweise eben auch das buddhistische Erfordernis, in der Zusammenarbeit der Gemeinschaften die Ganzheitlichkeit des Dharma nicht preiszugeben: Die buddhistische Freiheit steht nicht bedingungslos am Anfang der Praxis, sondern stellt sich ein als deren Frucht – als Frucht des ernsthaften, täglichen Bemühens darum, so zu sprechen, zu denken, zu leben, zu handeln, zu meditieren, dass es dem Wohle aller Wesen dient, ohne Ausnahme, ohne Diskriminierung. Mehr zur DBU-Mitgliederversammlung können Sie im Magazinteil dieser Ausgabe lesen.

 

Im Schwerpunkt „jung & alt“ geht es um das Miteinander der Generationen in buddhistischen Gemeinschaften, um das Jungsein und Altwerden als Lernfeld und Dharmapraxis. „Wir möchten uns selbst und die Welt verändern“, erklären Tobias Thamm und Mirko Meyer von den Young Buddhists der Triratna-Gemeinschaft. Vom jährlichen Winter Youth Retreat berichtet Nadja Gebhardt und sprach für BUDDHISMUS aktuell mit der Initiatorin und langjährigen Organisatorin des Treffens. Die Dharmalehrerin Sylvia Wetzel beschreibt, welche Überlegungen sie leiten bei der Weitergabe von Lehre und Lehrbefugnissen an Menschen der jüngeren Generation. Ken Jones, inzwischen verstorbener Dichter und Zen-Lehrer, plädiert für einen offensiven Umgang mit dem Altern in der Dharmapraxis – Ängste freilegen und transzendieren ist sein Rat. „Die Zeit ist ein großer Lehrer“, betont auch Lewis Richmond, der in Harvard Theologie studierte und nun Zen unterrichtet. Er bietet zwei Übungen an, sich diesem Lehrer anzuvertrauen.

 

Dazu kommen Themen außerhalb des Schwerpunkts – darunter Einsichtsdialog im Kontext des Theravada- Buddhismus, buddhistisches Friedensengagement, die Lage spiritueller Buchläden, eine kritische Untersuchung des Begriffs einer buddhistischen Ethik und ein Interview mit dem Soziologieprofessor Werner Vogd über sein neues Buch „Der ermächtigte Meister“. Mit all dem wünsche ich Ihnen eine wertvolle und bereichernde Lektüre,

Unterschrift Susanne Billig

 Susanne Billig,

Chefredakteurin

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Susanne Billig

Susanne Billig ist Biologin, Buchautorin, Rundfunkjournalistin (Wissenschaft, Gesellschaft) und Sachbuchkritikerin. Sie ist seit 1988 in Praxis und Theorie mit Buddhismus und interreligiösem Dialog befasst, Kuratoriumsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell.
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