Freundschaft schließen mit sich selbst

Viele Menschen kennen das permanente beunruhigende Gefühl, irgendetwas sei mit ihnen nicht in Ordnung. Die Dharmalehrerin Tara Brach setzt radikale Selbstakzeptanz dagegen, denn laut Buddhismus sind achtsame Wachheit und Liebe jedem Menschen angeboren – und sie erläutert einfache Übungen, wie man Freundschaft schließen kann mit sich selbst.

Ein Beitrag von Tara Brach veröffentlicht in der Ausgabe 2019/2 Freundschaft unter der Rubrik SCHWERPUNKT Freundschaft

Dies ist eine Leseprobe. Möchten Sie mehr lesen?

Hier können Sie BUDDHISMUS aktuell als Magazin bestellen:

www.janando.de

Während meiner Collegezeit fuhr ich einmal mit einer älteren und klügeren Freundin von zweiundzwanzig Jahren übers Wochenende zum Wandern in die Berge. Nachdem wir unser Zelt aufgestellt hatten, saßen wir am Bach, schauten zu, wie das Wasser ums Felsgestein wirbelte, und sprachen über unser Leben. Irgendwann schilderte meine Freundin, wie sie gelernt hatte, „ihre eigene beste Freundin“ zu sein. Da stürzte eine gewaltige Woge der Traurigkeit über mich herein, und ich brach schluchzend zusammen. Ich war extrem weit davon entfernt, meine eigene beste Freundin zu sein. Ständig wurde ich von einer inneren Richterin schikaniert, einer erbarmungslosen, unnachgiebigen, nörgelnden, mich permanent antreibenden, oft unsichtbaren, doch immer aktiven Richterin. Ich wusste, dass ich eine Freundin nie so behandeln würde, wie ich mit mir selbst umging, so ohne jede Gnade oder Freundlichkeit.

 

Das Gefühl, nicht okay zu sein, verband sich mit einer tiefen Einsamkeit. In meinen frühen Teenagerjahren hatte ich manchmal die Vorstellung, in einer durchsichtigen Blase zu leben, die mich von den Leuten und dem Leben um mich herum getrennt hielt.

 

Als wir Sonntagabend von den Bergen zurückfuhren, war mir leichter ums Herz, aber es schmerzte noch immer. Ich sehnte mich danach, zu mir selbst freundlich sein zu können. Ich wünschte, mit meiner inneren Erfahrungswelt Freundschaft schließen und gegenüber den Menschen in meinem Leben mehr Nähe und Zwanglosigkeit empfinden zu können.

 

 

 

Der buddhistische Pfad zeigte Wege auf

Als mich diese Sehnsüchte einige Jahre später zum buddhistischen Pfad hinzogen, fand ich dort die Lehren und Praxisübungen, die es mir möglich machten, mich meinen Gefühlen von Unwürdigkeit und Unsicherheit direkt zu stellen. Sie gaben mir ein Mittel an die Hand, das, was ich erlebte und durchmachte, klar zu sehen, und zeigten mir, wie ich mich in Mitgefühl auf mein Leben beziehen konnte. Auch halfen mir die Lehren des Buddha, mich von der schmerzlichen und irrigen Vorstellung zu verabschieden, dass ich in meinem Leiden allein, dass es ein ganz persönliches Problem und irgendwie meine Schuld sei.

 

Im Verlauf der letzten Jahre habe ich als Psychologin und buddhistische Lehrerin mit Tausenden von männlichen und weiblichen Klienten und Schülern gearbeitet, die mir offenbarten, was für eine schmerzliche Bürde dieses Gefühl, nicht gut genug zu sein, für sie ist. Ob unsere Unterhaltung inmitten eines zehntägigen Meditations-Retreats oder während einer regulären wöchentlichen Therapiesitzung statt-fand: Das Leiden – die Angst, mit Mängeln behaftet und nichts wert zu sein – ist im Grunde immer das gleiche. Bei vielen von uns lauern diese Gefühle von Unzulänglichkeit und Minderwertigkeit gleich um die Ecke. Es braucht nicht viel, um in uns das Gefühl auszulösen, nicht okay zu sein: Wir hören etwas über die Leistungen eines anderen, werden kritisiert, geraten in Streit, machen einen Fehler bei der Arbeit. Wie eine Freundin es formulierte: „Das Gefühl, dass mit mir irgendetwas nicht stimmt, ist das unsichtbare und giftige Gas, das ich ständig atme.“ Nehmen wir unser Leben durch diese Linse der persönlichen Unzulänglichkeit wahr, sind wir in dem gefangen, was ich die „Trance des geringen Selbstwertgefühls“ nenne. Und sitzen wir in dieser Falle, sind wir unfähig, die ganze Wahrheit dessen, wer wir wirklich sind, zu erkennen.

 

 

Aktive Schulung von Herz und Geist

Weil die Gewohnheit unseres Unzulänglichkeitsgefühls so stark ist, erfordert das Erwachen aus dieser Trance nicht nur innere Entschlusskraft, sondern auch die aktive Schulung von Herz und Geist. Mithilfe buddhistischer Achtsamkeitsübungen befreien wir uns vom Leiden der Trance, indem wir erkennen lernen, was im gegenwärtigen Augenblick wahr ist, und mit offenem und liebevollem Herzen annehmen, was immer wir sehen. Dieses Kultivieren von Achtsamkeit und Mitgefühl nenne ich „Radikale Akzeptanz“.

 

Radikale Akzeptanz kehrt unsere Gewohnheit um, mit unvertrauten, erschreckenden oder intensiven Erfahrungen im Kriegszustand zu leben. Sie ist das Gegenmittel zu all den Jahren der Selbstvernachlässigung, der Selbstverurteilung und des harten Umgangs mit sich selbst, zu den Jahren, in denen wir die Erfahrung des Augenblicks abgelehnt und zurückgewiesen haben. Sie ist die Bereitschaft, sich selbst und das eigene Leben so wahrzunehmen und zu erfahren, wie es ist. Ein Augenblick Radikaler Akzeptanz ist ein Augenblick echter Freiheit. Wenn wir Radikale Akzeptanz üben, fangen wir bei den Ängsten und Wunden unseres eigenen Lebens an und entdecken, dass unser mitfühlendes Herz unendlich weit wird. Indem wir uns in Mitgefühl selbst umarmen und halten, werden wir frei, diese lebendige Welt zu lieben. Das ist der Segen der Radikalen Akzeptanz: In dem Maße, wie ich mich von dem Leiden befreie, „dass mit mir irgendetwas nicht stimmt“, vertraue ich auf die ganze Fülle dessen, wer ich wirklich bin, und lasse sie zum Ausdruck kommen.

 

Der Buddha lehrte, dass unsere Essenz, unsere Buddhanatur, rein und unbefleckt ist, ganz gleich wie sehr wir uns in der Täuschung und Illusion verloren haben. Wie der tibetische Meditationsmeister Chögyam Trungpa schrieb, „besitzt jedes menschliche Wesen eine Grundnatur des Gutseins“. Grundlegendes Gutsein ist die Ausstrahlung unserer Buddhanatur – es ist die uns angeborene achtsame Wachheit und Liebe. Das heißt nicht, dass wir nichts Falsches oder Unrechtes tun können. Wenn wir uns selbst oder anderen Leid oder Schaden zufügen, dann nicht, weil wir schlecht sind, sondern weil wir unwissend sind. Unwissend sein heißt, die Wahrheit zu ignorieren, dass wir mit allem Leben verbunden sind und dass das Greifen und Hassen noch mehr Trennung und Leiden schaffen.

 

Aus buddhistischer Sicht geben wir, wenn wir unsere Fehler und Fehltritte mit den Augen des Mitgefühls betrachten können, die Unwissenheit auf, die uns in Hass und Selbstvorwürfen gefangen hält. Wir sehen, dass unsere Unvollkommenheiten unser grundlegendes Gutsein nicht verderben. Wir sind uns unserer wahren Natur gewahr.

 

ENDE DER LESEPROBE

 

 

Twitter Off Image Facebook Off Image0 Google Plus Off Image

Tara Brach

Weitere Artikel in dieser Ausgabe