„Freundschaft heißt sich zu verbinden“

Das buddhistische Zentrum Lotos-Vihara mit seinem großen Garten und den freundlichen, hellen Meditationsräumen liegt in Berlin-Mitte, umgeben von hohen Plattenbauten. Wer möchte, kann hier ein breites Spektrum buddhistischer Meditationsformen kennenlernen und praktizieren – und sich einer Gemeinschaft anschließen, die den guten Weg sucht zwischen Verbindlichkeit und Wärme auf der einen Seite, Freiheit und Raum für Individualität auf der anderen. Im Gespräch mit BUDDHISMUS aktuell erläutert der spirituelle Leiter des Zentrums, der Arzt Wilfried Reuter, den Wert, die Möglichkeiten und die Grenzen spiritueller Freundschaften im Buddhismus.

Ein Interview mit Wilfried Reuter geführt von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2019/2 Freundschaft unter der Rubrik SCHWERPUNKT Freundschaft

BUDDHISMUS aktuell: Warum ist es wichtig, Buddhismus gemeinsam zu praktizieren?

 

Wilfried Reuter: Als Menschen können wir gar nicht leben ohne Beziehungen und werden deshalb in unserem Alltag immer wieder in Beziehung treten. Dabei werden wir oft verletzt, auch das ist vermutlich nicht zu vermeiden. Es gehört aus meiner Sicht zum spirituellen Weg, dass wir uns unseren Verletzungen stellen – mit den dazugehörigen Gefühlen. Um nun aber nicht zu verdrängen oder in alte Muster zu verfallen, sondern um zu heilen, braucht es Ressourcen – und da können spirituelle Freundinnen und Freunde eine ganz wichtige sein.

 

Und wenn ich allein praktiziere?

 

Dann kann es passieren, dass ich mich in Alltagssituationen oder in einer Partnerschaft leicht besetzen lasse von Gefühlen der Verletzlichkeit. Oder aber ich verdränge sie, mogle mich möglicherweise um schwierige Gefühle herum oder flüchte mich in ein scheinheiliges Bild von mir selbst.

 

Spirituelle Freundinnen und Freunde gehen nicht weg. Sie bleiben da und geben uns im Idealfall so etwas wie einen Raum von Geborgenheit, in dem sich unsere Verletzlichkeiten zeigen können, um schließlich aufgelöst und geheilt zu werden.

 

Welcher Mechanismus genau bewirkt das? Geht es darum, einander vorbehaltlose Akzeptanz zu geben im Sinne von: „Du bist okay, ich bin okay“? Oder konfrontieren mich spirituelle Freundinnen und Freunde mit Schattenseiten, die ich sonst verdränge?

 

Den Satz, den du zitierst, schätze ich in der Abwandlung der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross: „Du bist nicht okay, ich bin nicht okay – und das ist okay.“ Es geht darum, dass wir uns in unserer Unvollkommenheit akzeptieren. Damit geben wir uns den Raum, sie zu verändern. Denn natürlich wollen wir nicht in Unvollkommenheit und Mustern, die Schwierigkeiten schaffen, verharren.

 

Auch in der spirituellen Freundschaft werden Erwartungen enttäuscht und Verletzlichkeiten berührt. Auf diese Weise kommen wir mit dem Unvollkommenen und den nicht verheilten Wunden in uns in Verbindung. Vielleicht hat unser spiritueller Freund noch weitere spirituelle Freunde; dann kommen möglicherweise Eifersucht und Neid auf und das ungeliebte Kind in uns meldet sich wieder. In dem geschützten Rahmen der spirituellen Freundschaft – ich idealisiere jetzt ein bisschen – ist es dann möglich, sich auszusprechen und erste Schritte in Richtung Heilung zu gehen. Eine spirituelle Freundschaft ersetzt keine Therapie, aber sie öffnet möglicherweise in diese Richtung.

 

 


Nehmen wir an, ich bin neu im Buddhismus und besuche erstmals ein Zentrum oder eine Gemeinschaft. Wie entstehen spirituelle Freundschaften? Es sind ja nicht alle Menschen dort automatisch meine Freundinnen und Freunde.

 

Das stimmt, und es ist auch wichtig zu wissen: Auch in einer buddhistischen Gemeinschaft gibt es ähnliche Konflikte, Reibereien, Eifersüchteleien wie in anderen Zusammenhängen, beispielsweise an Arbeitsplätzen. Eine tiefere spirituelle Freundschaft ergibt sich auf eine Weise, die man vielleicht als mystisch bezeichnen könnte, als geheimnisvoll. Auch in einer Liebesbeziehung lässt sich ja nicht wirklich erklären, warum sich zwei Menschen auf einmal ineinander verlieben. Dafür gibt es keine rationale Erklärung, und es ist auch gut so, dass man nicht alles mit dem Verstand erklären kann. Aus buddhistischer Sicht spielen da möglicherweise karmische Verbindungen eine Rolle, ohne dass ich darüber spekulieren möchte.

 

Wie wächst eine spirituelle Freundschaft? Indem man sich füreinander öffnet, sich angezogen fühlt und Sympathie empfindet – und indem man etwas miteinander erlebt. In einer Freundschaft braucht es wie in einer Liebesbeziehung Vertrauen, und Vertrauen braucht Erfahrung. Darum ist es gut, wenn Menschen etwas zusammen tun, um sich gegenseitig zu erfahren. Das kann etwas ganz Einfaches sein wie das gemeinsame Wandern: Der eine geht schneller, der andere langsamer, die eine ist müde, die andere möchte weiterlaufen – wie gehen wir damit um? Wie üben wir Verständnis und Rücksichtnahme, wie stellen wir uns aufeinander ein? Damit solche Prozesse passieren können, gibt es hier bei uns im Lotos-Vihara-Zentrum immer wieder gemeinsame Aktivitäten: zusammen den Büchertisch organisieren oder das Café öffnen, den Garten pflegen, Fahrradtouren machen oder sogar tanzen gehen.

 

Ist es sinnvoll, vor allem die Begegnung mit Menschen zu suchen, die im Buddhismus mehr Erfahrungen haben und weiter sind als wir selbst?

 

Ach, ich würde das nicht so kompliziert machen und in solche Konzepte fassen. „Du bist weiter als ich“ – das schafft nur unnötige Distanz. Dabei geht es doch gerade darum, sich auf einer menschlichen Ebene erst einmal berühren zu lassen. Wir haben alle unterschiedliche Erfahrungen! Ältere können von Jüngeren lernen und umgekehrt. Die Einteilung „spirituell weiter“ oder „spirituell noch nicht so weit“ halte für nicht sehr hilfreich. Ich habe Menschen erlebt, die vierzig Jahre auf dem Meditationskissen gesessen haben und scheinbar sehr weit waren – doch in bestimmten Situationen wurden sie sehr eng. Und ich habe junge Menschen erlebt, die eine bewundernswerte Großzügigkeit und offene Weite besaßen. Zu bestimmten Zeiten – und zu anderen Zeiten wieder nicht.

 

 


Um anderen Menschen näher zu kommen, k
önnte ich doch auch einem Kleingarten- oder Sportverein beitreten. Was macht eine spirituelle Freundschaft anders als andere menschliche Beziehungen?

 

Den Unterschied muss man gar nicht so groß ansetzen. Wichtig ist doch, dass Menschen sich miteinander verbinden und sich gegenseitig fördern – in Richtung mehr Herzlichkeit, Herzensgüte und Klarheit – und dass sie einen guten, heilsamen Umgang mit den eigenen Verletzlichkeiten unterstützen. Das kann man bei guten Umständen auch in einem Sportverein erleben.

 

Allerdings richten wir uns in einem spirituellen Zusammenhang auf ein gemeinsames Ziel aus oder besser gesagt: auf eine gemeinsame Vision. Das Wort Ziel beinhaltet „erreichen“ und „erreichen“ wiederum beinhaltet „scheitern“. Eine Vision aber muss ich nicht erreichen, sondern die ist ein Richtungsgeber – so wie für Seeleute die Sonne oder die Sterne Richtungsgeber waren. Die spirituelle Vision hat zu tun mit dem Leben des Buddha, mit Befreiung, Nirvana. Da gibt es außerdem bestimmte Begriffe, die wir verinnerlicht haben und deren Wert wir einander nicht groß erklären müssen, wie Achtsamkeit, Metta, Herzensgüte. Das macht den Unterschied aus, aber ich möchte da keine Wertung hineinbringen. Das eine ist nicht hochwertiger als das andere; es ist ein bisschen anders.

 

Könnte man es so sagen: Wenn ich ein spirituelles Leben zu führen versuche, dann werden mir die Begegnungen spirituell, die ich habe – ganz gleich, wo sie stattfinden?

 

Ja natürlich. Es gibt im südlichen Buddhismus, im Theravada, den Begriff des kalyana mitta. Mitta heißt übersetzt Freund, kalyana heißt vorzüglich – also der „vorzügliche Freund“. Vor vielen Jahren hatte ich einen wunderbaren Schulfreund, mit dem ich oft in den Bergen geklettert bin. Wir haben nachts zusammen biwakiert, viele Nächte in Hütten zusammen verbracht, Gespräche geführt, haben uns in Angstphasen gegenseitig unterstützt, uns miteinander angestrengt und dem anderen geholfen, wann immer er das brauchte. Unsere Beziehung hatte alle Elemente eines kalyana mitta. Wir waren einander vorzügliche Freunde.

 

Da sein, unterstützen – ist das meine Verantwortung, wenn mich jemand als spirituelle Freundin, als spirituellen Freund ansieht?

 

Das Wort Verantwortung klingt oft sehr schwer und moralisierend. Für mich ist Verantwortung schlicht „die Fähigkeit zu antworten“ – aus dem Herzen heraus. Wie antworte ich einem anderen Menschen? Wenn er traurig ist, nehme ich ihn in den Arm. Wenn er unsicher ist, versuche ich ihn zu bestärken. Gleichzeitig bleibe ich natürlich und spiele mich nicht auf, als wüsste ich in allem besser Bescheid und könnte jetzt mal sagen, wo es lang geht. Das wäre eine gefährliche Haltung, die Distanz schafft.

 

Ist die Lehrer-Schüler-Beziehung auch eine spirituelle Freundschaft?

 

Es gibt immer wieder Menschen, die wünschen sich von mir eine Begegnung „auf Augenhöhe“. Das macht mich ein wenig skeptisch, denn sicherlich befinden wir uns in gewisser Weise auf Augenhöhe, dennoch würde ich die Beziehung zu einem Schüler oder einer Schülerin nicht als spirituelle Freundschaft betrachten, sondern es ist schon eine Lehrer-Schüler-Beziehung. Meine Aufgabe als Lehrer ist es, einen Schüler zu stabilisieren und zu fördern. Um zu veranschaulichen, inwiefern sich das unterscheidet: Wenn ich eine Phase der Mutlosigkeit habe, dann werde ich meinen Schülerinnen und Schülern zwar davon erzählen, aber erst danach, nicht mittendrin. Denn wenn ich mich da vorne hinsetze und sage: „Tja, ich weiß auch nicht, ob es Sinn macht zu meditieren und ob spirituelle Entwicklung überhaupt möglich ist“ – gehen wir einmal von solch einer extremen Verdunklung aus –, dann würde ich Schaden anrichten. Ich kann aber im Nachhinein sagen: „Ja, solche Phasen gibt es, die kenne ich, die gehören dazu und der Weg hinaus sieht folgendermaßen aus.“

 

Mit einem spirituellen Freund aber würde ich mich austauschen, wenn ich mitten in der Mutlosigkeit bin, und davon ausgehen, dass er das aushält und sich nicht mit hineinziehen lässt in meinen Nebel.

 

 


Manchmal liest man, auch große Schwierigkeiten oder Krankheiten k
önnten ein „spiritueller Freund“ sein, weil sie uns lehren und wachsen lassen. Ist es sinnvoll, den Begriff so stark zu erweitern?

 

Das denke ich nicht. Ein Element von Freundschaft ist die Gegenseitigkeit. Wir bestärken uns gegenseitig, machen uns aufmerksam, geben uns Geborgenheit. Mit einer Krankheit kann ich mich nicht austauschen, sondern die ist ein Phänomen des Körpers, das nach Heilung ruft. Eine Krankheit wird mich auch nicht bestärken, sondern erst einmal in die Bedürftigkeit treiben. Wenn jeder Stein, an dem ich mich stoße, als spiritueller Freund gilt, wird es beliebig. Das passt zwar in den Zeitgeist, der alles verwässert und bis zur Undeutlichkeit erweitert, aber dann wissen wir leider nicht mehr, worüber wir sprechen. Darum sollten wir auf der menschlichen Ebene bleiben – und für Gegenseitigkeit braucht es zwei Menschen.

 

Wie sieht es aus mit gegenseitiger Kritik? In spirituellen Gemeinschaften kann es leicht passieren, dass man einander gerne auf blinde Flecken hinweist und so etwas wie eine Kultur des gegenseitigen Belehrens entsteht. Gehört es zur spirituellen Freundschaft, solche Kritik zu üben und zu ertragen? Was ist das gesunde Maß?

 

Du sprichst da einen empfindlichen Punkt an. Ich kenne das natürlich auch von Gemeinschaften, dass man versucht sich gegenseitig zu belehren – und das kann sich sehr trennend und entmutigend auswirken. Freundschaft ist aber auf Verbindung aus, nicht auf Trennung. Wenn wir aus unserem konzeptionellen Verstand heraus versuchen, jemand anders zu belehren, wird der vermutlich in den Widerstand gehen. Oder er wird nicht zuhören und wir werden das Gegenteil dessen erreichen, was wir erreichen wollten. Wir können einen anderen Menschen nur dann fördern, wenn wir an „belehren“ gar nicht mehr denken, sondern zunächst einmal eine fühlende Verbindung zu diesem Menschen herstellen. Deshalb ist eine gute Gelegenheit, ein möglicherweise schwieriges Thema anzusprechen, nach der gemeinsamen Gartenarbeit oder nachdem wir zusammen Musik gehört oder in einem netten Lokal etwas zusammen gegessen haben. Ich stelle zuerst eine fühlende Verbindung her, erst dann bringe ich mein Anliegen vor und achte gleichzeitig darauf, ob der andere meine Anmerkung gerade wirklich hören kann oder nicht. Hier geht es um rechte Rede und rechtes Zuhören, wichtige Aspekte unserer spirituellen Praxis, die allerdings oft schwierig zu verwirklichen sind; da läuft nicht immer alles ideal.

 

Wenn es nun nicht ideal läuft, wenn ich vielleicht enttäuscht bin von den Menschen, die ich als meine spirituellen Freundinnen und Freunde angesehen habe, vielleicht auch enttäuscht von der Gemeinschaft, der ich mich angeschlossen habe – wie lässt sich weise damit umgehen?

 

Es wäre schön, wenn ich dafür ein Rezept hätte, aber das habe ich nicht. Unser Lotos-Vihara gibt es jetzt seit mehr als 21 Jahren, und wir machen uns immer wieder Gedanken darüber, wie wir mit Enttäuschungen umgehen können. Die entstehen unvermeidlich, wenn Menschen zu uns kommen und die Gemeinschaft hier idealisieren, also Vorstellungen aufbauen, die nicht zu erfüllen sind. Darum betone ich oft, dass wir hier die Gemeinschaft der Unvollkommenen sind – aber Unvollkommene reichen. Wir brauchen nicht auf die Gemeinschaft der Vollkommenen zu warten, denn da können wir lange warten.

 

Wo unvollkommene Menschen zusammenkommen, sind Enttäuschungen unvermeidlich, gleichzeitig können wir uns aber darauf vorbereiten. Wir können verabreden, dass wir eigentlich nur einen wirklichen Fehler machen können, und der besteht darin, zu schnell wegzugehen, wenn wir enttäuscht sind – denn dann haben wir keine Möglichkeit mehr, unseren Konflikt aufzulösen. Denn Enttäuschungen, auch wenn sie mit unangenehmen und schwierigen Gefühlen einhergehen, bergen ja immer auch große Chancen, wenn man konstruktiv damit umgeht. Deshalb wäre gut sich zu verabreden: „Wir bleiben vor allen Dingen dann, wenn es schwierig wird, und kümmern uns um eine Auflösung.“ Das wäre für mich ein erstrebenswerter Verhaltenskodex in einer spirituellen Gemeinschaft, der aber schwer zu verwirklichen ist.

 

 


Es ist ja auch ein Zeichen von Offenheit, dass man Menschen wieder ziehen lässt – sonst wäre es eine fragwürdige Struktur.

 

Sicherlich. Wir möchten Geborgenheit schaffen, aber Geborgenheit, die sich mit Unfreiheit und Abhängigkeit verbindet, wäre keine mehr. Da braucht es ein feines Hinspüren. Ich persönlich bin natürlich enttäuscht, auch traurig, wenn Menschen, die uns eine Zeit lang begleitet haben, enttäuscht weiterziehen.

 

Ich bin ja auch ein Mensch, der reagiert. Darum sehe ich eine meiner Aufgaben darin, mein eigenes Verhalten immer wieder auch zu überprüfen und zu läutern. Das ist ein Weg, der immer weitergeht und nicht an einen Endpunkt kommt.

 

Bleiben wir bei dem Stichwort fragwürdige Strukturen in buddhistischen Gemeinschaften: Wenn meine Gemeinschaft, die spirituellen Freundinnen und Freunde dort mich zu einem Denken und Verhalten bewegen möchten, das ich eigentlich nicht ganz in Ordnung finde – welche Kriterien helfen mir, klar zu bleiben?

 

Hier möchte ich an den gesunden Menschenverstand appellieren, zu dem auch das intuitive Bewusstsein gehört. In einer spirituellen Gemeinschaft gebe ich meine Eigenverantwortung nicht ab, sondern überprüfe, wie stimmig es ist, wenn mich jemand zu einer Verhaltensweise überreden will. Mahnt mich die innere Lehrerin, der innere Lehrer, das intuitive Bewusstsein – wie immer man es nennen möchte – zur Vorsicht? Dann sollte ich dieser Stimme Raum geben. Möglicherweise kann ich mich mit Menschen besprechen, die außerhalb dieses Kontextes stehen. In jeder erwachsenen Beziehung, ob freundschaftlich oder partnerschaftlich, sollten wir nicht in ein kindliches Ich gehen, sondern die Verantwortung bleibt bei uns. Der Buddha hat in einer Lehrrede darauf hingewiesen, dass wir anderen sehr wohl zuhören, aber dann für uns prüfen sollen, inwieweit es stimmig ist – und danach selbst entscheiden.

 

Dazu kann auch die Entscheidung gehören, eine Gemeinschaft zu verlassen?

 

Es ist natürlich traurig, wenn etwas, das auf längere Zeit angelegt war, zu Ende geht. Wenn man merkt, dass sich eine Enttäuschung oder Entfremdung ausbreitet, wäre es dennoch schade, aus dem ersten Impuls heraus wegzugehen, denn dann fehlt dieser wichtige Klärungsprozess. Wenn ich beispielsweise merke, dass in meiner Gemeinschaft ein politisch rechtsgerichtetes Denken um sich greift, dann kann es Zeit sein, diese Gemeinschaft zu verlassen. Dennoch würde ich vorher versuchen, das Gespräch zu suchen und meine Gemeinschaft darauf hinzuweisen. Die Lehre des Buddha ist auf Verbindung ausgerichtet. Rechte Strukturen sind auf Trennung ausgerichtet – sie diffamieren andere, ziehen Zäune und schaffen Gräben. Das sieht man überall in der Welt und aus meiner Sicht ist das nicht in Einklang zu bringen mit der Lehre des Buddha. Diese Grundsatzdiskussion würde ich zu führen versuchen und würde fragen, warum die Gemeinschaft einen solchen Weg der Abgrenzung geht.

 

Ob es eine solche Rechtslastigkeit ist, ob es andere Aspekte sind, die mir nicht im Einklang erscheinen mit der Lehre des Buddha: Wenn ich erkenne, dass ich die Gemeinschaft entweder nicht verstehen kann oder sie verstehen, aber nicht billigen kann – dann muss ich gehen. Davor liegt ein Prozess der Klärung und des Gesprächs, doch wenn die Trennung unvermeidlich ist, muss ich gehen und mich um meine Gefühle von Enttäuschung, Schmerz, Traurigkeit, Zweifel und Selbstzweifel kümmern. Wenn mir dieser Prozess gelungen ist, muss ich die ehemaligen spirituellen Freunde und die Gemeinschaft später nicht bekämpfen. Obwohl ich durch schwierige Gefühle gehen musste, sind sie nicht zu meinen Feinden geworden. Im Idealfall gelingt es mir zu verzeihen und mich zu versöhnen. Ich kann sagen: Ja, ich habe versucht euch zu verstehen. Das ist mir bis zu einem gewissen Grad gelungen, aber mein Weg ist ein anderer und ich wünsche euch für euern Weg viel Glück. 

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Susanne Billig

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Wilfried Reuter

Wilfried Reuter war Schüler von Ayya Khema und eng mit ihr verbunden, leitet seit 1997 Meditierende an und ist spiritueller Leiter des Lotos-Vihara-Meditationszentrums in Berlin. Er arbeitet als niedergelassener Frauenarzt, verfügt über langjährige Erfahrung in der Geburtshilfe und Sterbebegleitung und ist Autor mehrerer Bücher.
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