Fragen an einen buddhistischen Mönch zum Thema Ethik

Tenzin Peljor beschäftigt sich mit der Frage nach der Bedeutung von ethischem Verhalten für den Buddhismus. Ist Ethik im Buddhismus relativ oder absolut? Und wie kann es einem gelingen, sich im Alltag ethisch zu verhalten?

Ein Beitrag von Bhikshu Tenzin Peljor veröffentlicht in der Ausgabe 2019/2 Freundschaft unter der Rubrik Buddhismus Heute

Frage: Wie ist das mit der Ethik im Buddhismus? Ist sie wichtig – und wenn ja, warum?

 

Tenzin Peljor: Das ist eine interessante Frage. Sie führt uns zurück an die Anfänge des Buddhismus. In der ersten Lehrrede des Buddha nach seinem Erwachen, dem Dhammacakkappavattana-Sutta, lehrte er die Vier Edlen Wahrheiten. Hier ist auch vom Edlen Achtfachen Pfad die Rede – unter seinen Gliedern findet man Rechte Rede, Rechte Handlung und Rechte Lebensführung. Schon hier wird das Thema Ethik also deutlich betont.

 

Ein zweites Beispiel aus der buddhistischen Frühzeit: Das Sikkha-Sutta gehört zum Palikanon, der ältesten zusammenhängend überlieferten Sammlung von Lehrreden des Buddha. Dieses Sutta beschreibt, wie man sich und anderen nutzt, wenn man nicht mehr tötet, stiehlt, lügt, kein sexuelles Fehlverhalten mehr ausübt und keine Rauschmittel mehr nimmt. Mehr noch: Man soll andere sogar ermutigen, sich ebenso zu verhalten.

 

Im Tibetischen Buddhismus ist Ethik das zweite sogenannte „Paramita-Training“ für Bodhisattvas, also für Wesen, die nach dem vollen Erwachen des Buddha streben. Je Tsongkhapa war in Tibet ein großer Reformator, aus dessen Lehrdarlegung später die Gelug-Schulrichtung hervorging. Er lebte von 1357 bis 1419 und definierte Ethik in seiner Schrift Lamrim Chen Mo wie folgt:

„Ethische Disziplin ist eine innere Haltung der Enthaltung, die den Geist abhält, andere zu schädigen, und von den Quellen solcher Schäden.“

 

Im tibetischen Buddhismus wird die Bodhisattva-Ethik dreifach unterteilt: 1. Aufgeben des Unheilsamen, 2. Sammlung heilsamer Qualitäten, 3. anderen helfen. Interessant ist die Reihenfolge: Bevor man anderen hilft, soll man es zunächst einmal aufgeben, anderen oder sich selbst zu schaden. Außerdem soll man eine Fülle heilsamer Qualitäten ansammeln. Der Drikung-Kagyü-Meister Jigten Gönpo (1143–1217) lehrte, dass alle drei Arten der Gelübde – Shravaka, Bodhisattva und Vajrayana – denselben wichtigen Punkt enthalten: die zehn unheilsamen Handlungen aufzugeben.

 

Abschließend noch ein weiteres Beispiel: Gewaltlosigkeit und Nicht-Schädigen gehören zur grundlegenden Ethik des Buddhismus. Im Buddhismus bedeutet das Prinzip der Gewaltlosigkeit (Sanskrit: ahimsa), frei von der Absicht zu sein, anderen Wesen schaden zu wollen. Diese Ethik steht in Einklang mit der Realität, denn niemand wünscht sich Schaden oder Leid und alle Lebewesen streben nach Wohlergehen und Glück. Ein Verhaltenskodex, der in Einklang damit steht, wie die Dinge wirklich sind – das ist die eigentliche Bedeutung von Ethik beziehungsweise ethischer Disziplin. All das zeigt, dass Ethik eine zentrale Rolle im Buddhismus spielt.

Wie kann es mir denn im Alltag gelingen, mich ethisch verantwortlich zu verhalten, auch wenn ich heftige Gefühle wie Zorn oder Neid erlebe?

 

Wörtlich bedeutet der Sanskrit-Begriff für Ethik, shila, „Kühle“. In der tibetisch-buddhistischen Kommentartradition wird erklärt, dass Ethik die Hitze der Verblendungen, der kleshas, kühlt. Wie funktioniert das? Zunächst geht es darum, in der Hitze des Ärgers oder des Hasses die zerstörerischen und zwanghaften Impulse in sich selbst wahrzunehmen. Diese selbstbeobachtende Wahrnehmung ist ein enorm wichtiger mentaler Faktor. Auf Sanskrit heißt er samprajanya, was unterschiedlich als Aufmerksamkeit, Selbstbeobachtung, Wachsamkeit oder Gewahrsein übersetzt wird. Mit Achtsamkeit, Sanskrit: smrti, vergegenwärtigt man sich dann die furchtbaren Folgen des Hasses. Hat man innerlich genügend geistige Kraft, Entschlossenheit, Geschick und Einsicht aufgebaut, kann man die destruktiven Impulse schließlich loslassen.

 

Sich in dieser Weise bewusst „abzukühlen“, hat große Vorteile, sowohl für andere als auch für die eigene Person. Ich muss meinen aufwallenden Emotionen dann nicht wie ein Sklave Taten folgen lassen, was ja auch bedeuten würde, dass ich die volle Wucht der Folgen erfahren müsste. Statt dessen kühle ich die „hitzige“ Energie von konflikterzeugenden Emotionen wie Hass, Gier, Neid, Aufregung oder Geiz durch Selbstbeobachtung ab oder indem ich mir die Folgen vergegenwärtige – zumindest übe ich mich fortwährend darin. Mit meinem weniger erregten Geist fällt es mir dann wesentlich leichter, Konzentration und Weisheit zu kultivieren und spirituelle Ziele zu verwirklichen, seien sie vorübergehender oder endgültiger Natur.

 

Dieser letzte Punkt führt zu einer wichtigen Einsicht: Ethik ist das Fundament für die spirituelle Entwicklung im Buddhismus. Das gilt selbstverständlich auch für das Vajrayana und seine Gelübde, die wiederum in der Bodhisattva- und Shravaka-Ethik verwurzelt sind. Der Nyingma-Yogi und Dzogchen-Meister Longchen Rabjampa (1308–1363) schrieb:

 

Die Wurzel der Lehre ist bekannt als moralische Disziplin,
Und die moralische Disziplin nicht zu beachten führt zum Übel.
Ohne den Schutz und die Zügelung sich zu beschützen,
Wird die Wurzel der Dharmapraxis nicht wachsen.

Moralische Disziplin wird als die Basis jeder guten Qualität verstanden,
Als Leiter, die zu höheren Daseinsformen führt,
Als Reittier, mit welchem man zur Befreiung reiten kann.
Deshalb mache alle Anstrengung,

Das Bewachen der Disziplin zu schätzen.

 

Im „Tantra, das von Subahu erbeten wurde“ (Subahupariprecha-Tantra) heißt es:

So wie jede Ernte ohne Fehler
In Abhängigkeit von der Erde wächst,

Genauso hängen die höchsten Tugenden von ethischer Disziplin ab,
Und wachsen, indem sie mit dem Wasser des Mitgefühls gewässert werden.

 

Um es kurz und einfach zusammenzufassen: Indem ich Ethik übe und bewahre, kann ich meine Geistesgifte (kleshas) bemerken und lernen, ihnen zu widerstehen und sie schrittweise zu vermindern. Mithilfe von Konzentration und Weisheit kann ich sie schließlich ganz überwinden und Nirvana erreichen.



Oft hört man, im Buddhismus sei Ethik relativ und nicht absolut. Was soll das heißen und stimmt denn das?

 

Relativität heißt zunächst einmal ganz einfach: Nichts ist aus sich heraus heilsam oder schädlich, sondern Phänomene entstehen aus Ursachen und Bedingungen, und auch ihre Folgen hängen von einem komplexen Bedingungsgeflecht ab. Wir alle wissen, dass zwei Menschen, obwohl sie vielleicht äußerlich denselben Schaden erleiden, innerlich doch ganz unterschiedlich darauf reagieren, empfindlicher oder weniger empfindlich, stabiler oder weniger stabil. Möglicherweise hilft dem einen sogar weiter, was den anderen aus der Bahn wirft. All das muss man mit einbeziehen, wenn man erkennen möchte, wie heilsam oder schädlich eine Tat ist – und nichts anderes ist mit „relativ“ gemeint: Nichts existiert absolut, nichts existiert unabhängig.

 

Das heißt aber nicht, dass es keinen Nutzen und Schaden gibt! Der Buddhismus verneint lediglich, dass Phänomene wie heilsam oder unheilsam unabhängig aus sich heraus existieren. Diese Betrachtungsweise hilft auch dabei, Gefühle wie Zorn oder Hass in uns selbst realistisch zu betrachten: Auch Hass, der Wunsch anderen ernsthaft zu schaden, existiert nicht als ein „unabhängiges kleines Monster“ in uns. Und er ist glücklicherweise auch nicht identisch mit uns. Stattdessen entsteht Hass im Geist – in Abhängigkeit von inneren und äußeren Ursachen und in Abhängigkeit von vielen kleinen Geistesmomenten, die Augenblick für Augenblick vergehen. Ohne all die kleinen, immer weiter teilbaren vorhergehenden und nachfolgenden Momente könnte Hass niemals entstehen. Sucht man also nach der endgültigen Seinsweise von Hass, ist da nichts, was als unabhängige Essenz HASS gefunden werden könnte.

 

Heißt das: Hass gibt es nicht? Keineswegs. Denn all die vielen Ursachen und Bedingungen, die vielen Momente des Geistes erzeugen einen Prozess, den wir mit unserem benennenden Bewusstsein schließlich als Hass erkennen und benennen können. Und wenn der Hass erst einmal da ist, hat er natürlich auch Wirkungen – auf uns und auf andere. Die müssen wir und andere dann erleiden, wenn wir uns nicht vorher darin geübt haben, die kleinen Geistesmomente, die zu Hass führen können, loszulassen, damit daraus keine Hasslawine entsteht.

 

Deshalb möchte ich abschließend den Wert des Ethik-Trainings noch einmal unterstreichen: Selbst wenn meine Ethik rein egoistisch motiviert sein sollte, nutzt sie anderen schon und bewahrt sie vor Schaden. Mich bewusst um Ethik zu bemühen hilft mir dabei, Handlungen zu unterlassen, die der Buddha als unheilsam beschreibt, weil sie sich negativ auf uns und andere auswirken – wie Töten, Stehlen, Lügen, sexuelles Fehlverhalten und so weiter. Der Vorteil liegt auf der Hand: Wer sich daran hält, muss die karmischen Folgen seines unheilsamen Tuns nicht erfahren, wie Leid und niedere Wiedergeburt. Stattdessen sammelt man gutes Karma oder positive Kraft und positiven Verdienst an, die wiederum die Grundlage bilden für Glück, höhere Wiedergeburt, Erfolg im eigenen Tun – und letztlich dafür, dass wir Nirvana verwirklichen können und vollständig erwachen.

 

 

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Bhikshu Tenzin Peljor

Bhikshu Tenzin Peljor studiert und praktiziert den Buddhismus seit 1995 und wurde von S. H. dem Dalai Lama 2006 zum Mönch ordiniert. Von 2008 bis 2013 Studium am Istituto Lama Tzong Khapa in Italien. Von Ringu Tulku Rinpoche wurde er 2007 zum Residenzmönch für Bodhicharya Deutschland in Berlin berufen. Er ist Vorstandsmitglied in der Deutschen Buddhistischen Ordensgemeinschaft (DBO).
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