Alle sind willkommen

Eine Begegnung mit der deutschen Nonne Shifu Simplicity im Miao Fa Zentrum für Meditation und Chan-Buddhismus in Berlin-Spandau.

Shifu Simplicity | © Shifu Simplicity

Ein Beitrag von Ursula Richard veröffentlicht in der Ausgabe 2019/1 "wachsen" unter der Rubrik Porträt

Die Tür ist nur angelehnt. Durch das große Schaufenster sehe ich einen langen Tisch, an dessen Ende eine Frau mit geschorenem Kopf und brauner Robe in einer aufrechten meditativen Haltung sitzt, auf dem Tisch vor ihr eine Kanne Tee, zwei Schalen und etwas Gebäck. Als ich Shifu Simplicity, wie sie sich jetzt nennt, das letzte Mal vor circa sechzehn Jahren in Berlin sah, war sie noch Nonne in der Plum-Village-Tradition von Thich Nhat Hanh, aber bereits auf dem Sprung nach Taiwan, um sich dort in der chinesischen Chan-Tradition weiter zu schulen. Simplicity hieß sie schon damals, das Shifu ist jetzt hinzugekommen. Es ist eine Respektbezeichnung für Ordinierte.

Anfang Juni 2018 ist sie nach Deutschland zurückgekehrt und hat in Berlin ihr eigenes Zentrum eröffnet – das Miao Fa Zentrum für Meditation und Chan-Buddhismus, wie auf einer Leuchtreklame über der Fensterfront zu lesen ist. Gelegen ist es ganz im Westen der Stadt, in Spandau-Hakenfelde. Es wird gerade viel gebaut hier, ganze Viertel werden aus dem Boden gestampft; bisher leben viele Migranten hier, Rentner, Arbeiter, Hartz-IV-Empfänger. Ein ungewöhnlicher Ort für ein buddhistisches Zentrum in Deutschland. Früher war hier eine Bäckerei, dann standen die Räumlichkeiten längere Zeit leer und wurden schließlich renoviert, da die Besitzer hofften, sie als Büros vermieten zu können. Shifu Simplicity fand sie im Internet, als sie sich Ende 2017 entschieden hatte, aus Taiwan nach Deutschland zurückzukehren. Berlin als Ort ihres künftigen Wirkens hat sie gewählt, weil ihre Eltern hier leben und Berlin zudem eine so große, weltoffene Stadt ist. Und ihre Eltern waren es auch, die die unterschiedlichsten Mietangebote für sie besichtigten, ihr Fotos schickten und dann mit dem Vermieter alles klarmachten.

Shifu Simplicty | © Shifu Simplicity

 

Buddhastatuen und Meditationsmatten hat Shifu von Taiwan nach Berlin verschiffen lassen. Einige Möbel hat sie gebraucht erstanden und dann das kleine Zentrum kurz nach ihrer Ankunft in Berlin eröffnet. Während wir Tee trinken und uns unterhalten, ist der Verkehrslärm als stete Geräuschkulisse sehr präsent, das Zentrum liegt an einer viel befahrenen Durchgangsstraße. Dass die Tür nur angelehnt ist, ist Shifu sehr wichtig. Es lädt die Menschen ein, hereinzukommen, sagt sie, nimmt ihnen die Berührungsängste. Und es kommen täglich Leute, wie sie berichtet, einige einfach nur neugierig, was das für ein Ort ist, andere, weil sie sich für Meditation oder auch Buddhismus interessieren. Ein junger Mann kommt und holt ein Postpaket ab, das hier für ihn abgegeben wurde. Eine Frau mittleren Alters steht plötzlich in der Tür, die, so bekomme ich mit, zur sich gerade bildenden Sangha gehört. Sie ist aus Bulgarien und zurzeit in Berlin, um ihre Schwiegertochter mit ihrem kleinen Kind zu unterstützen. Sie erzählt vom Sprachunterricht und ihren Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Shifu ermutigt sie durchzuhalten und überlegt laut, ob man nicht im Zentrum auch Deutschunterricht anbieten solle und sich dafür nicht manche Bücher von Thich Nhat Hanh eigneten. Einige entdecke ich in den noch halbleeren Bücherregalen und nehme mir vor, etwas zur Füllung der Bibliothek beizutragen. Eine Art Nachbarschaftshilfe findet hier statt, wie sie vielleicht ganz traditionell zum Service vieler Tempel in asiatischen Ländern gehört. Menschen kommen mit ihren alltäglichen Sorgen und Anliegen und erfahren Unterstützung und Beistand. Es geht nicht nur um Buddhismus und Meditation. Aber darum natürlich auch und in erster Linie. 

 

In der 13. Klasse ist sie selbst erstmals mit dem Buddhismus in Berührung gekommen und zwar durch die Lektüre von Ernst Friedrich Schumachers Buch Small is beautiful. Dessen Ethik der Bescheidenheit und des Minimierens von Wünschen und Bedürfnissen als Alternative zur kapitalistischen Gierwirtschaft spricht sie sehr an. Nach dem Abitur studiert sie Medizin und im Nebenfach Sinologie und beginnt, sich für die chinesische Kultur und damit auch für den Buddhismus in der chinesischen Tradition zu interessieren. Während eines Auslandssemesters zum Sprachunterricht in Taiwan fährt sie 1992 mit einer taiwanesischen Freundin in das von Meister Wei Chueh geleitete Ling-Quan-Kloster. Zwölf Jahre später wird sie als Nonne dorthin zurückkehren, Schülerin des Meisters werden und insgesamt vierzehn Jahre bleiben. Ihre Freundin bleibt direkt im Kloster und lässt sich als Nonne ordinieren, während sie selbst nach dem Semester wieder nach Deutschland zurückfliegt. 

 

 

© Shifu Simplicity

 

Doch die Chan-Lehre, dass alle gedanklichen Konzepte fallen gelassen werden müssen und nur die direkte Erfahrung, die durch Meditation entdeckt werden kann, zur Wahrheit führt, inspiriert sie mehr und mehr. 1996 reist sie erneut nach Taiwan und besucht das Kloster. Der Wunsch, Nonne zu werden, wird immer stärker in ihr, aber sie merkt, dass sie für ein Studium des Buddhismus die chinesische Sprache noch zu wenig beherrscht. Eines Tages, mittlerweile arbeitet sie bereits als Ärztin, entdeckt sie ein Buch aus der Plum-Village-Tradition, auf dem Umschlag Nonnen und Mönche, und sie erkennt, dass man auch in Europa als buddhistische Nonne leben kann. 1997 fährt sie zum ersten Mal in das Zentrum nach Südfrankreich und trifft dort auf eine im Westen lebende buddhistische Gemeinschaft von Ordinierten. Ihr Traum aber ist ein abgeschiedenes Kloster in den Bergen, wo viel meditiert wird und der erleuchtete Meister vielleicht 20 oder 30 Schüler und Schülerinnen um sich geschart hat. Plum Village, mit seinen drei Weilern und einer viel größeren monastischen Gemeinschaft, ist weit von diesem Traum entfernt; doch wissend, dass sie, um Fortschritte zu machen, einen Lehrer und förderliche Bedingungen für ihre spirituelle Praxis braucht, kehrt sie ein Jahr später nach Plum Village zurück, wird im August 1998 ordiniert und Schülerin von Thich Nhat Hanh.

 

Mit ihm und etlichen Mönchen, Nonnen und Laien reist sie in den folgenden Jahren dreimal nach China und spürt einmal mehr, wie zu Hause sie sich in der chinesischen Chan-Tradition fühlt. Alles kommt ihr in den Klöstern bekannt und vertraut vor, das Design der Hallen, die Rituale, die Retreats, an denen die ausländischen Gäste teilnehmen können. Und ihr Wunsch meldet sich machtvoll zurück, tief in die klassische Chan-buddhistische Tradition einzutauchen, die Grundlagen des Buddhismus in Originalschriften zu studieren und so zu meditieren wie dort. 2004 verlässt sie Thich Nhat Hanh und seine Gemeinschaft und geht nach Taiwan zu Meister Wei Chueh. Der schickt sie ins Chung-Tau-Chan-Kloster in Zentraltaiwan, wo sie im angeschlossenen buddhistischen Institut den Unterricht erhält, den sie sich immer gewünscht hat – alles auf Chinesisch, was vor allem anfangs eine große Herausforderung für sie darstellt und den engen Tagesablauf für sie noch enger macht, da sie für die Lektüre und das Schreiben viel länger braucht als die anderen Nonnen. Im Kloster leben Mönche und Nonnen, aber es gibt jeweils ein Institut für Nonnen und eins für Mönche. 

© Shifu Simplicity

 

Sechs Jahre wird sie am Institut studieren. Es ist kein abgehobenes, rein intellektuelles Studium, was sie absolviert, der Alltagsbezug, die Anwendung der Sutren im alltäglichen Leben spielen eine große Rolle. Danach lebt sie zwei Jahre im Kloster, arbeitet an der Rezeption und macht vor allem für Westler Führungen durch die der Öffentlichkeit zugänglichen Räumlichkeiten. Ihr Meister hat insgesamt 1 600 Mönche und Nonnen ordiniert, heute sind es noch 1 200, davon 200 Mönche und 1 000 Nonnen. 800 leben auf dem Hauptcampus, 400 verstreut in anderen Klöstern in Taiwan und Zweigstellen in Übersee. Viele Klöster werden von Nonnen geleitet, wie überhaupt Nonnen in allen verantwortlichen Positionen zu finden sind.

 

Einige Jahre verbringt sie dann im Ling-Quan-Kloster in den Bergen in der Nähe von Taipeh. Es ist ein kleines Kloster, nur 25 Nonnen leben hier, und vier Jahre lang arbeitet sie hauptsächlich in der Küche. Daneben übersetzt sie Vorträge, kümmert sich um die Westler, die es dorthin verschlägt, auf den Retreats im Hauptkloster fungiert sie als Simultanübersetzerin ihres Meisters, ebenso übersetzt sie bei Empfängen oder anderen offiziellen Anlässen.

 

Ihr wird aber immer deutlicher, dass sie irgendwann nach Deutschland zurückkehren will, um das weiterzugeben, was sie hier viele Jahre lang gelernt hat. Sie hofft darauf, dass der Meister in Deutschland eine Zweigstelle eröffnen und sie mit der Leitung betrauen wird. Doch sie hofft vergebens. Nach vierzehn Jahren monastischen Lebens in Taiwan ist sie sicher, dass sie so weit ist, Meditation und Chan-Buddhismus in Deutschland zu lehren, und sie entscheidet sich, den großen Sprung zu wagen. Sie muss es spirituell alleine stemmen, wie sie sagt, hat kein Kloster im Hintergrund, in das sie Leute zum Retreat schicken kann oder wo sich Menschen mit dem Chan-Buddhismus in einem klösterlichen Kontext vertraut machen können. Und sie muss es auch finanziell alleine stemmen, bekommt keinerlei Unterstützung von einem Mutterkloster. Der buddhistischen Tradition folgend will sie alles auf Spendenbasis anbieten und ist zuversichtlich, dass das funktioniert, auch in einer Gegend wie dieser, wo die meisten Menschen nicht viel Geld haben.

 

 

© Shifu Simplicity

 

Hinter dem ehemaligen Verkaufsraum der Bäckerei, der jetzt zur Bibliothek und zum Empfangs- und Aufenthaltsraum geworden ist, führt ein schmaler Gang zu einem circa 40 Quadratmeter großen Meditationsraum. Hier ist es ganz still. Dort werden wir am Abend gemeinsam mit 15 anderen Menschen sitzen, zwei von ihnen, ein Paar, sind zum ersten Mal hier und kommen etwas früher zur Einführung. Sie leben in der Gegend, die Frau hat noch nie meditiert, sie möchte lernen, alles bewusster zu tun. Nach und nach trudeln die anderen ein, Männer und Frauen allen Alters und vieler Nationalitäten. Menschen aus Bulgarien, Ungarn, Kroatien, Polen, England, Sri Lanka, China, Taiwan und den Philippinen meditieren hier. Die gemeinsame Sprache ist Deutsch. Nach der Meditation im Sitzen und Gehen gibt es noch Unterricht in Buddhismus. Heute geht es um die dritte Edle Wahrheit. Shifu erklärt, was damit gemeint ist, und fragt ab, was von der letzten Stunde, die der zweiten Wahrheit gewidmet war, noch hängen geblieben ist. Alle sind eifrig dabei, die Atmosphäre ist lebendig, freundlich und locker.

Mich berührt das alles sehr. Shifu Simplicity, die ihre spirituelle Sehnsucht vor vielen Jahren nach Asien geführt hat und die sich nun in diesem kleinen Zentrum zur Verfügung stellt, da ist für die Menschen, die es hierher führt, aus welcher Sehnsucht auch immer. Der nach Gemeinschaft, nach mehr Ruhe, nach einem anderen Leben, nach Erleuchtung? Shifu, die ihre Tür geöffnet hält, auch wenn der Verkehrslärm und die Autoabgase hereindringen. Das ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass es andere zum Eintreten einlädt, ein Willkommen verheißt. Und willkommen fühlt man sich wirklich an diesem Ort.


Kontakt:

www.miao-fa.de | info(at)miao-fa(dot)de

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Ursula Richard

Ursula Richard, Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell, ist seit mehr als zwanzig Jahren auf dem spirituellen Weg. Sie übt Zen und ist vertraut mit buddhistischer Psychologie und Praxis. Sie war langjährige Programmleiterin eines spirituellen Verlags, ist Gründerin der Literaturmanufaktur, einer Autoren- und Verlagsagentur für Spiritualität und Lebenskunst, ist Herausgeberin spiritueller Bücher und Übersetzerin u.a. von Thich Nhat Hanh sowie Verlegerin des Verlags edition steinrich.
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