Achtsamkeit: Mit Abstand nahe dran sein

Harald Tichy ist Psychotherapeut, Psychotherapiewissenschaftler und buddhistischer Meditationslehrer. Als Leiter des Achtsamkeitslehrgangs an der Wiener Sigmund Freud-Privatuniversität hat er eine 300 Seiten starke Studie zum Thema Achtsamkeit, Sammlung und Meditation im traditionellen buddhistischen und im therapeutischen Kontext vorgelegt. Im Interview mit Dagmar Weidinger erklärt er, worin die Gefahren der modernen Achtsamkeitsbewegung liegen, zeigt Alternativen auf und erzählt, wie man auch mit Hornissen gut unter einem Dach leben kann.

Ein Beitrag von Harald Erik Tichy veröffentlicht in der Ausgabe 2019/1 "wachsen" unter der Rubrik Gespräche

 

Herr Tichy, Sie haben eben das Buch „Die Kunst präsent zu sein“ publiziert. Da geht es unter anderem um Achtsamkeit, ein Begriff, der heute allgegenwärtig ist. Können Sie uns etwas über seinen Ursprung sagen? 

Achtsamkeit ist die mittlerweile etablierte Übersetzung des Pali-Begriffs sati. Sati taucht bereits in den Veden auf, den autoritativen heiligen Schriften, die Buddha vor 2500 Jahren vorfand. Hier bedeutet sati „sich erinnern“. Buddha gebrauchte diesen Begriff nun allerdings auf eine neue Weise. Nämlich, sich daran zu erinnern, heilsame Geisteseigenschaften zu kultivieren und unheilsame aufzugeben. Und dafür braucht es Sati im Sinn eines „Gewahrseins“ der gegenwärtigen Erfahrung. Eine der einfachsten Arten Achtsamkeit zu definieren ist, zu wissen, was geschieht, während es geschieht. Dabei bin ich in meinem Erleben ganz nahe an meiner Erfahrung und habe gleichzeitig einen Abstand zu ihr. 

 

Bedeutet achtsam sein also, alles, was mir widerfährt, sprich jede Erfahrung, anzunehmen?

Nein, das scheint mir tendenziell eines der großen Missverständnisse in der säkularen Anwendung der Achtsamkeitsmeditation, also in den Achtsamkeits-basierten Methoden wie MBSR, MBCT etc. zu sein. Wenn wir nämlich einer jeden Erfahrung gänzlich vorurteilslos begegnen im Sinne von „bedingungslos bei ihr bleiben“, dann ist das eine der sichersten Möglichkeiten, uns selber zu schaden. Buddha vergleicht Achtsamkeit unter anderem mit einem Torhüter am Eingangstor einer Stadt. Seine Aufgabe ist es, nur jene Menschen hereinzulassen, die keine Gefahr für die Stadt und ihre Bewohner darstellen. Alle anderen soll er draußen halten. Dieses Bild veranschaulicht, dass wir beim Praktizieren von Achtsamkeit zwar jeder Erfahrung zuerst vorurteilsfrei begegnen sollen. In einem zweiten Schritt sollen wir jedoch eine genaue Prüfung vornehmen, indem wir uns fragen: Ist es heilsam, bei dieser Erfahrung zu bleiben? Und zwar nicht nur heilsam für mich, sondern heilsam für alle Lebewesen! Erachten wir eine Erfahrung tatsächlich als nicht heilsam, so sollten wir wie der Torhüter auch sagen: Nein, du bleibst draußen. Hier spießt sich das traditionelle Verständnis mit dem modernen Verständnis von Achtsamkeit, wie es im säkularen Kontext der Achtsamkeitsbewegung selbstverständlich geworden ist – nämlich wenn Achtsamkeit als eine Haltung verstanden wird, die zur Gänze auswahllos ist.

 

Können Sie uns ein Beispiel geben, wann Ihnen dieses Missverständnis in der Praxis bei einem Klienten begegnet ist?

Weil ich es transparent mache, dass ich als Psychotherapeut und als buddhistischer Meditationslehrer arbeite, kommen immer wieder Menschen zu mir, die genau diese Doppelkompetenz suchen. In der Vergangenheit hatte ich einige Klienten, die auf Zehn-Tage-Meditationsretreats in massive Schwierigkeiten gerieten. Am leichtesten verständlich wird das vielleicht am Beispiel von unserem Umgang mit körperlichen Schmerzen. Es kann sehr gefährlich sein, auf eine unachtsame Weise mit der Aufmerksamkeit kontinuierlich bei schmerzenden Stellen zu bleiben, da sich der Schmerz dann im Nervensystem verselbständigen kann. Alles, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken, wird in unserem subjektiven Erleben gewissermaßen „größer“. Und das kann fatalerweise dazu führen, dass ein Schmerz chronisch wird.

 

Wie sähe ein besserer Umgang mit dem Schmerz in der Praxis aus? Ich vermute, es lässt sich nicht so einfach willentlich entscheiden, nicht bei einer Erfahrung zu bleiben, da vor allem starke körperliche Schmerzen wie ein Magnet auf unsere Aufmerksamkeit wirken.

Genau, und das Gleiche gilt auch für leidvolle Emotionen. Wenn wir einen körperlichen oder seelischen Schmerz spüren, wird unsere Aufmerksamkeit leicht von ihm absorbiert. Dann verlieren wir leicht die Bewusstheit und das Erleben von Weite, die mit Achtsamkeit einhergehen; und wir verlieren uns in unseren blinden automatischen Reaktionen. Deshalb ist eine regelmäßige Meditationspraxis so wichtig. Wenn wir Achtsamkeit praktizieren, üben wir uns im Grunde genommen in einer Kunst. Wenn wir ein Musikinstrument lernen, ist uns völlig klar, dass wir ohne regelmäßiges Üben nicht sehr weit kommen. Mit der Achtsamkeit ist es genau das Gleiche. Nur, wenn wir sie regelmäßig üben, idealerweise wirklich von ganzem Herzen, wird sie allmählich eine Lebenshaltung, die wir verkörpern. Und dann steht uns diese Fähigkeit, auch bei einem seelischen oder körperlichen Schmerz ACHTSAM zu sein und zu bleiben, leichter als Kompetenz zur Verfügung. Auf dem Weg zum Entwickeln dieser Kompetenz ist es wichtig, sich immer wieder zu fragen: Begegne ich dieser Erfahrung wirklich achtsam? Oder gibt es bei dieser Erfahrung ein Festhalten an ihr beziehungsweise an meinen automatischen Reaktionen auf sie? Am Beispiel eines körperlichen Schmerzes können wir uns etwa fragen: Ist es mir möglich, auf eine achtsame Art und Weise bei diesem Schmerz zu bleiben – ohne dass ich mich in seine Eigendynamik hineinziehen lasse? Sobald ich merke, dass meine aufrichtigen Bemühungen, achtsam zu bleiben, erfolglos sind, fehlt mir der angemessene Abstand, und es wäre besser, die Aufmerksamkeit von der schmerzenden Stelle zu lösen und wieder auf das direkte Erleben zum Beispiel des Atems zu lenken. Der achtsame Umgang mit der Erfahrung ist paradoxerweise beides: ein ganz nahes Dranbleiben an ihr UND ein angemessener Abstand zu ihr. Ist eines der beiden nicht gegeben, können wir nicht von Achtsamkeit, zumindest nicht im traditionellen buddhistischen Sinn, sprechen. Um diese Qualität von Sati zu kultivieren, braucht es viel Übung. So etwas lässt sich nicht alleine aus einem Buch erlernen, wie es viele moderne Ratgeber suggerieren. Dazu gehört auch der regelmäßige Austausch mit einem Lehrer oder einer Lehrerin.

 

 

 

Ihre Schilderungen erinnern mich an eine Stelle in dem Buch Achtsam Elternsein. Die Autorin Amber Hatch beschreibt darin ihre Geburtswehen, denen sie sich zu Beginn komplett ausgeliefert fühlt. Erst als es ihr gelingt, von den verurteilenden Gedanken, den Schmerz nicht haben zu wollen, loszulassen, kann sie sich auf den Geburtsvorgang einlassen. Ist es dieser Widerstand, der hier gemeint ist?

Ja, genauso verstehe ich es. Ich glaube, wir kennen es alle, dass wir uns gegen einen Schmerz automatisch innerlich wehren, also mit Ablehnung auf ihn reagieren. Unser Leiden wird aber umso größer, je größer der Widerstand dagegen ist. Dafür gibt es übrigens eine ganz einfache Formel: Leiden ist Schmerz mal Widerstand. Ist es uns möglich, den ursprünglichen Schmerz anzunehmen, ohne uns darauf zu fixieren, so wäre das der achtsame Umgang damit. 

 

Buddha erklärt vermeidbaren und unvermeidbaren Schmerz auch anhand des Gleichnisses zweier Pfeile. Der erste Pfeil steht für Schmerzen im Leben, die jeden von uns unvermeidbar treffen. Den zweiten Pfeil, sagt Buddha, fügen wir uns selber zu, indem wir beispielsweise mit Wut, Widerstand, Selbstvorwürfen et cetera auf den ersten reagieren. Wäre dieses Gleichnis in dem Kontext passend?

Ja, um genau diesen Unterschied geht es hier! Immer wieder gibt es im Leben Schmerzen, gegen die wir machtlos sind, hier symbolisiert als Pfeile, die auf uns geschossen werden. Wenn wir uns beispielsweise eine Zehe kräftig anschlagen, dann tut das einfach sehr weh, auch einem Buddha. Oder wenn wir einen großen Verlust im Leben erfahren, dann sind wir traurig. Doch wenn wir darin geübt sind, achtsam unsere blinden Reaktionen auf den ursprünglichen Schmerz zu erkennen, im Gleichnis also die weiteren Pfeile, die wir selbst auf uns schießen, entwickeln wir allmählich die Freiheit, nicht blind auf den ursprünglichen Schmerz zu reagieren und es bei dessen ursprünglichem Erleben zu belassen.

 

Innere Freiheit erreicht man Ihnen zufolge vor allem durch Samadhi. Warum ist Samadhi so wichtig?

Lassen Sie mich zwischen der modernen Achtsamkeitsbewegung in ihrem religiösen – manche bezeichnen das lieber als spirituellen – Kontext und ihrem säkularen Kontext differenzieren. Sonst könnte hier nämlich leicht ein Missverständnis entstehen. Zuvor möchte ich jedoch noch erklären, was samadhi eigentlich bedeutet. Samadhi kann man mit Sammlung übersetzen. Die etablierte Übersetzung im Deutschen ist allerdings Konzentration, bzw. im Englischen concentration. Diese Übersetzung führt jedoch leicht in die Irre, denn unter Konzentration verstehen wir üblicherweise einen Zustand, den wir willentlich herstellen können. Samadhi aber ist im frühbuddhistischen Verständnis eindeutig die WIRKUNG einer starken Ausprägung von Achtsamkeit, nämlich wenn sich die Aufmerksamkeit in keines der sogenannten „Hemmnisse“ für Samadhi verstrickt. Diese Hemmnisse sind Sinnesverlangen, Aversion, Stumpfheit und Mattheit, Aufgeregtheit und Gewissensunruhe und nagender Zweifel. Wenn es uns möglich ist, derart achtsam zu sein, dass sich unsere Aufmerksamkeit in keine dieser schwierigen Emotionen verliert, sind wir KONTINUIERLICH achtsam. Und der Geisteszustand, in dem wir mit einer gewissen Kontinuität achtsam sind, wird im frühbuddhistischen Verständnis von Meditation als Samadhi bezeichnet. Insofern ist Samadhi bzw. Sammlung ein Geisteszustand, in dem wir VERWEILEN können. Das heißt, hier kommt eine gewisse zeitliche Dauer ins Spiel. Das spürt sich ganz anders an, als wenn wir immer wieder nur für ein paar kurze Augenblicke achtsam sind und uns regelmäßig in auftauchenden Gedanken und Gefühlen verlieren. Immer, wenn wir in diesem Zustand der Sammlung verweilen, erleben wir uns in einem hohen Ausmaß als innerlich frei. Wir können also nicht willentlich in Samadhi eintreten – außer wir haben sehr viel Übung in Meditation.

Was nun die moderne Achtsamkeitsbewegung anbelangt, so gilt es hier zwei Kontexte zu unterscheiden: Die sogenannte Achtsamkeitsbewegung entstand im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert in Burma als eine Reformbewegung mit einem zutiefst demokratischen Anliegen: Meditation sollte nicht nur Mönchen und Nonnen zugänglich sein, sondern auch Laien. Damit einhergehend kam es zu einer Vereinfachung der Meditationstheorie. In der Fachliteratur wird diese Reformbewegung heute als „Nur-Einsichtsbewegung“ oder „Nur-Achtsamkeitsbewegung“ bezeichnet. In diesem religiösen bzw. spirituellen Kontext gibt es sehr wohl den Begriff Samadhi. Doch er wird anders verstanden als im frühbuddhistischen Meditationsverständnis. Er wird nämlich nicht nur als eine Wirkung von Achtsamkeit im zuvor beschriebenen Sinn aufgefasst, sondern auch als etwas momentan Zugängliches. Und tiefere Ausprägungen von Samadhi, die man mit „Versenkung“ (jhana) übersetzen könnte, werden tendenziell als gefährlich angesehen, weil sie dieser Sichtweise zufolge mit Glücksgefühlen (sukha) einhergehen, an denen man anhaftet. Den Lehrreden im Pali-Kanon zufolge sieht Buddha das anders: Für ihn ist Samadhi eindeutig eine Wirkung, und er sagt: Es ist gerade wichtig, diese Versenkung und das damit einhergehende Wohlgefühl zu kultivieren, weil es sonst so schwer ist, sein Interesse an konventionellen Sinnesfreuden zu verlieren. Die Anfänge der säkularen Anwendung der Achtsamkeitsmeditation datieren nun Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Damals entwickelte Jon Kabat-Zinn die heute so populäre Stressreduktionsmethode MBSR. Diese Methode wurde später von Verhaltenstherapeuten als MBCT zur Rückfallprophylaxe von Depressionen adaptiert. Und aus diesen beiden Methoden entstand eine Vielzahl weiterer Achtsamkeits-basierter Methoden. Und erst in diesem säkularen Kontext wird Samadhi zwar sinngemäß als kontinuierliche Achtsamkeit angestrebt. Aber der Begriff ging verloren. 

 

 


Hier wird Samadhi unter Achtsamkeit subsumiert. Und das finde ich bedauerlich, weil der Begriff leicht verständlich gemacht werden kann und ausdrücklich auf eine ganz bestimmte heilsame Art des Erlebens hinweist. Vor allem gibt es im frühbuddhistischen Meditationsverständnis einen zentralen Bedingungszusammenhang: Dieses Wohlgefühl, das aus einer achtsamen Zuwendung entsteht, ist eine BEDINGUNG für Samadhi, für Sammlung! Deshalb erscheint mir gerade im medizinischen und psychotherapeutischen Kontext das ausdrückliche Hinweisen auf dieses Wohlgefühl als so wichtig, weil das bewusste Erleben dieses Wohlgefühls dem Leidensdruck entgegenwirkt! Und indem wir beim Meditieren ganz bewusst auf dieses Wohlgefühl achten – und weil das angenehm ist, tun wir das gerne –, können wir leichter bei unserem achtsamen Erleben VERWEILEN. Sprich, so entsteht Samadhi. Dieser Zusammenhang ist leicht verständlich zu machen, und deshalb sollte er meiner Auffassung nach unbedingt in die Didaktik des Lehrens der Achtsamkeitsmeditation integriert werden.

Wie lange ist es möglich, in diesem Zustand zu verweilen?

Auf einem Meditationsretreat idealerweise so lange wie möglich. Wir Menschen im Westen haben es damit allerdings oft nicht leicht. Es gibt mittlerweile viele Anekdoten darüber, dass sich die burmesischen Mediationsmeister so schwer damit tun, zu verstehen, warum ihre westlichen Schüler nur so mühsam in die sogenannte „angrenzende Sammlung“ kommen. Die angrenzende Sammlung ist jener Bereich, der unmittelbar vor markanten Vertiefungen des Bewusstseins beginnt. Dort soll man sich aufhalten, um befreiende Erkenntnisse zu ermöglichen.

Woran liegen die Schwierigkeiten der „Westler“?

Das hat wohl hauptsächlich mit Verschiedenheiten im Lebensstil zu tun. Beispielsweise war das Leben bis vor wenigen Jahrzehnten in einem asiatischen Land wie etwa Thailand doch noch um einiges geruhsamer. Man war beziehungsweise ist weniger vom westlichen Kapitalismus beeinflusst. Bei einem einfacheren Lebensstil, wo religiöse Werte mit vollkommener Selbstverständlichkeit hochgehalten werden, ist es schlichtweg leichter, in diese angrenzende Sammlung hineinzukommen, als im ganz normalen stressgeplagten Leben eines westlichen Menschen. Wir erleben, dass die Arbeitswelt immer erbarmungsloser wird, was zu einer gewissen Grundunruhe führt, die man nicht mit dem Lebensgefühl eines Menschen vergleichen kann, der in einem thailändischen Dorf lebt und dort ein relativ ruhiges Leben führt. Doch im Zuge der heutigen Globalisierung ändert sich natürlich auch nach und nach die Grundstimmung der Menschen in traditionellen buddhistischen Ländern.

Sie haben bereits die Säkularisierung der Achtsamkeitsmeditation angesprochen. Gut oder schlecht?

Das ist eine zweischneidige Sache. Das Praktizieren von Achtsamkeit im buddhistischen Sinne mit dem Ziel des endgültigen Verlöschens von Ungenügen und Leid, also Nirvana, beinhaltet immer auch eine ethische Komponente. Das heißt, man kann nicht Nirvana verwirklichen, ohne sich auch in Tugend zu üben. Säkulare Achtsamkeitsprogramme wie MBSR oder MBCT haben ihren Fokus auf ganz weltlichen Anliegen. Und Ethik ist kein expliziter Teil des Curriculums. Die implizite Botschaft scheint zu lauten: Sei glücklich im Hier und Jetzt. Wenn ich glücklicher und mehr im Augenblick lebe, erliege ich selbstverständlich nicht mehr so leicht meinen alten Neigungen, die mich vielleicht etwa in ein schädliches Essverhalten oder eine akute Depression hineinbringen. Dagegen ist nichts zu sagen. Ganz im Gegenteil: Das finde ich gut!

Das Problem ist nur, dass manche Kritiker mittlerweile der gesamten säkularen Achtsamkeitsbewegung vorwerfen, dass Achtsamkeitsmeditation Menschen fit macht für eine kranke Gesellschaft. Meiner Meinung nach ist das tatsächlich eine Gefahr, widerspiegelt aber eine einseitige Sichtweise. Einer meiner ersten Meditationslehrer, Munindra, brachte in diesem Zusammenhang ein sehr gutes Gleichnis: Meditation zu praktizieren, ohne sich gleichzeitig in Tugend zu üben, ist wie in einem Ruderboot zu sitzen und kräftig zu rudern, aber das Boot ist festgebunden an einem Pfahl am Ufer. Das heißt, man kommt nicht sehr weit. Es gibt meines Wissens noch keine Untersuchungen dazu, wie viele Menschen sich nach einem MBSR- oder MBCT-Kurs einem umfassenderen Verständnis von Meditation zuwenden. Tiefer wird die Meditation meiner Meinung nach sicher nur, wenn man sich auch um eine ethische Lebensführung bemüht. Auf der anderen Seite halte ich es allerdings auch für wichtig, zu verstehen, dass eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis ganz sicher etwas mit uns tut. Wenn wir achtsamer werden, werden wir auch empfindsamer, bewusster und haben auf alle Fälle die Chance, vieles in unserem eigenen Lebensstil und wie wir zu dem stehen, was sich in der Welt tut, kritisch zu hinterfragen.

Sie haben es jetzt eher wertfrei formuliert; es gibt aber auch strengere Kritiker, wie den englischen Historiker Theodore Zeldin, der Achtsamkeitspraxis als narzisstisch bzw. mit der Wirkung eines Tranquilizers beschreibt. Was sagen Sie dazu?

Ich vermute, er hat damit die extremsten Auswüchse der modernen Achtsamkeitsbewegung gemeint. Darüber hinaus frage ich mich aber, wie viel Erfahrung in Achtsamkeitsmeditation Zeldin selber hat. Und ich frage mich, ob er originale buddhistische Texte gelesen hat, eben im Vergleich zu der Verflachung, wie sie in der säkularen Variante der Achtsamkeitsbewegung erkennbar ist. In den frühbuddhistischen Texten selber spielen zwischenmenschliche Beziehungen eine ganz wesentliche Rolle. Und das gilt auch für den spirituellen Kontext der Achtsamkeitsbewegung. Es gibt beispielsweise die sogenannten drei Kleinode; das ist das, wozu ein Buddhist Zuflucht nimmt – Buddha, Dharma und Sangha. Dharma bedeutet in diesem Zusammenhang die Weisheitslehre Buddhas und Sangha die Gemeinschaft der Praktizierenden. Meditation ist also letztlich nie etwas, das man nur für sich alleine macht. Und auch in der Satipatṭhana Sutta, einer der bedeutendsten Lehrreden zur Meditation heißt es, es gilt Achtsamkeit nach innen, außen und innen und außen, sprich in Beziehung mit anderen, zu praktizieren. Ganz zu schweigen von der eminenten Bedeutung, die dem Mitgefühl mit allen Wesen im Buddhismus zukommt. 


Sie haben bereits einen Ihrer Lehrer, Munindra, angesprochen; Ihr wichtigster Lehrer war aber wohl Ajahn Buddhadasa, in dessen Kloster Wat Suan Mokkh in Thailand Sie lange Zeit selbst praktizierten. Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Von zwei Jahren abgesehen lebte ich über einen Zeitraum von 15 Jahren jeweils ein bis drei Monate im Jahr im Waldkloster Wat Suan Mokkh. Als ich den Ort das erste Mal betrat, spürte ich sofort: Das ist die offene und freigeistige Atmosphäre, in der ich mich zu Hause fühle. Mein erster Eindruck hat sich immer wieder bestätigt. Ajahn Buddhadasa war ein Lehrer, der seine Lehrerrolle nie herausstellte. Die Atmosphäre im Kloster war durch ein Miteinander-Lernen geprägt. Was ich dort vor allem gelernt habe, ist, dass das Glück, das ich suche, nicht in einem „Haben“ von irgendetwas, sondern in einem „Lassen“ zu finden ist. Das führte ganz natürlich zu einem Hochhalten von Werten wie Bescheidenheit, Verzicht und einer Art „Rückkehr zum menschlichen Maß“. Ganz besonders bin ich Ajahn Buddhadasa dafür dankbar, dass ich über ihn das frühbuddhistische Meditationsverständnis kennenlernen durfte.


Wie sah Ihr Alltag konkret aus?

Ich wohnte in einer kleinen Hütte in den Ausläufern des Regenwaldes mit einer Mahlzeit pro Tag. Das war anfangs schwierig für mich, später jedoch kein Thema mehr. In der Hütte gab es nur eine Strohmatte, ein Moskitonetz und eine Leine für die Wäsche, die ansonsten feucht geworden wäre, sonst nichts. Doch in der Hütte war ich nur, wenn es besonders stark regnete. Meist lebte ich auf der Veranda, auf der ich auch nachts schlief. Natürlich meditierte ich viel. Ich besuchte fast jeden Tag meine Lehrerin Ajahn Runjuan, eine nahe Schülerin Ajahn Buddhadasas, mit der ich lange Gespräche über Meditation führte. Und ich pflegte wunderschöne Freundschaften mit anderen „Westlern“, die auch im Kloster lebten. Anfangs gab es nur alle drei Monate einen 10 Tage-Meditationsretreat, also eine besonders intensive Zeit der Meditation in Schweigen. In späteren Jahren gab es dann Anfang jeden Monats einen 10 Tage-Meditationsretreat. Was sehr einprägsam war, war das enge Zusammenleben mit der Natur. In buddhistischen Klöstern ist es eine der Regeln, dass man sich wirklich darum bemüht, Lebewesen nicht zu töten; das beinhaltet auch Moskitos. Und in meiner Hütte gab es ein Hornissennest. Durch solche Umstände ist man gezwungen, sich langsamer zu bewegen; so passiert auch nichts. Ich habe meine Angst, was Hornissen anbelangt, vollkommen hinter mir gelassen. Und ich habe gelernt, mit gefährlichen Schlangen wie Cobras oder Vipern zu leben. Oder mit Skorpionen und hochgiftigen Tausendfüßlern. Ich habe gelernt: Wer sich achtsam bewegt, kann lernen, im Einklang mit der Natur zu leben.

Sollte sich eigentlich jeder Mensch mit Achtsamkeit befassen, oder kann man auch ohne Achtsamkeit glücklich leben? 

Ganz offensichtlich können Menschen auch ohne Achtsamkeit glücklich sein. Wäre das nicht so, wären wohl die meisten Menschen sehr unglücklich. Das Unpraktische konventioneller Glückserfahrungen ist, dass sie so kurzlebig sind. Achtsamkeit ermöglicht es, Bewusstseinsbereiche kennenzulernen, wo wir ein ungleich beständigeres Gefühl von Wohlbefinden erleben können, als es uns das Erfüllen von konventionellen sinnlichen Genüssen erlaubt. Es gibt aber sicherlich Menschen, die dazu intuitiv leichter einen Zugang haben. 


Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Dazu gibt es glaube ich noch keine Studien, aber ich gehe davon aus, dass hier einerseits Sozialisation und Erziehung eine große Rolle spielen. Umso mehr es Kindern erlaubt wird, bei ihrer Erfahrung zu bleiben, und sich dem, was sie interessiert, neugierig und interessiert zuzuwenden, umso leichter fällt es ihnen sicherlich auch später achtsam zu sein. Meine zweite Hypothese wäre, dass auch genetische Faktoren eine Rolle spielen. 

Sie meinen also zum Beispiel, dass man Kinder, die offensichtlich im Flow sind, nicht stören sollte ...?

Genau, dass man ihnen erlaubt, sie selbst zu sein, und sie nicht ständig reglementiert, sodass sie ihr Eigenes finden können. Ungeachtet dessen, dass ich diese beiden Faktoren für wichtig erachte, gibt es in meinem Verständnis aber auch noch einen weiteren Faktor, den wir uns im Rahmen unseres gegenwärtigen wissenschaftlichen Weltbildes nicht erklären können. Man könnte hier vielleicht von einem metaphysischen Faktor sprechen, der je nach Weltbild und religiösem Hintergrund unterschiedlich symbolisiert wird. Im christlichen Bezugssystem kann man wohl sagen, dass das etwas mit Gnade oder einem leichteren Zugang zu Auferstehung zu tun hat. Im buddhistischen und auch im hinduistischen Kontext würde man von einer Wiedergeburt sprechen, bei der man auf dem aufbauen kann, was man bereits in früheren Leben gelernt hat. Achtsamkeit ist ja vom Prinzip her etwas Universales. Die Buddhisten bilden sich vielleicht manchmal viel darauf ein, dass die Achtsamkeit von ihnen kommt, aber damit liegen sie, denke ich, falsch. Es ist wohl eher so, dass es Buddha gelang, eine potenziell in allen Menschen angelegte Fähigkeit besonders gut zu beschreiben und einen tragfähigen Weg zu konzipieren, sich diese Fähigkeit anzueignen – für das eigene Wohl und das Wohl aller Wesen.

Literaturtipp

Harald Erik Tichy: Die Kunst, präsent zu sein. Carl Rogers und das frühbuddhistische Verständnis von Meditation, Waxmann Verlag 2018

Ausführliche Leseprobe aus dem Buch

 

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Harald Erik Tichy

Harald Erik Tichy ist Psychotherapeut, Psychotherapiewissenschaftler, Meditationslehrer, Yoga-Lehrer und Lehrbeauftrager an der Sigmund Freud Privat-Universität Wien (SFU) für personzentrierte Psychotherapie und Achtsamkeitsmeditation. Im Waxmann Verlag erschien kürzlich seine Dissertation "Die Kunst präsent zu sein: Carl Rogers und das frühbuddhistische Verständnis von Meditation". www.waxmann.com/buch3827
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