Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung

Eine Begegnung mit Arnulf Conradi

Ein Beitrag von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2019/04 Mut unter der Rubrik Porträt

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Wir treffen uns auf einem Parkplatz am Rande des Berliner Grunewalds. Dort hinten steht er im Nieselregen – robuste Hose, Wanderschuhe, die Riesenschnauzerhündin Lolla an seiner Seite, ein zurückhaltendes Lächeln im Gesicht. Als Lektor und Verlagsleiter beim Claassen-Verlag hat Arnulf Conradi seine berufliche Laufbahn begonnen, ging danach als Cheflektor und Programmgeschäftsführer zu S. Fischer und gründete schließlich zusammen mit Siegfried Unseld den Berlin Verlag. Seit mehr als sechzig Jahren befasst er sich außerdem mit dem Birdwatching und hat darüber jüngst ein wunderschönes Buch geschrieben: „Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung“. Der Weg durch den Grunewald ist Arnulf Conradis „Patch“. So nennen Vogelbeobachter ihre Heimatstrecke, die sie möglichst oft abwandern. Wir sind kaum fünfzig Meter in den Wald gelaufen, als er stehenbleibt. „Hören Sie das?“, fragt er leise. Vogelgezwitscher höre ich, irgendwo eine Amsel. Er zeigt in das dichte grüne Blattwerk und sagt: „Zaunkönig. Tannenmeise. Kohlmeise. Mönchsgrasmücke. Amsel. Waldlaubsänger.“

 

Zen besteht keineswegs nur aus „Satori“, der Erleuchtung, sondern aus einer aufmerksamen, wachen Wahrnehmung der Umgebung, anderer Menschen und vor allem der Natur, und aus der Meditation, die jeden belohnt, der sie einübt, und die sehr viel an kreativer Energie freisetzt. An dieser Stelle trifft sich Zen mit der Praxis der Vogelbeobachtung und ihrer Beziehung zum Ganzen der Natur. Die Aufmerksamkeit, mit der man Vögel wahrnimmt, hat zugleich etwas Waches (die Vögel sind so lebhaft und schnell) und Meditatives an sich. In dem Wald, in dem ich fast täglich mit Hund und Fernglas spazieren gehe, gibt es ein „Fließ“, einen Kanal, der durch ein paar Schleusen reguliert wird und dazu dient, den Wasserstand zweier Seen auszugleichen. Dieses Fließ – es ist etwa drei Meter breit – liegt im Sommer im tiefen Schatten der Schwarzerlen und Birken und der hohen Ulmen, die an seinen Ufern wachsen und ihn überwölben. Eines Tages flog ein Graureiher bei wolkenlosem Himmel mit seinen langsamen Flügelschlägen lautlos dieses Fließ hinunter, er war über der dunklen Oberfläche des stehenden Wassers im Schatten der Bäume kaum zu sehen, aber wann immer er durch eine Schneise des Sonnenlichts glitt, leuchtete das unvergleichliche Grau seines Federkleides geradezu auf. Solche Momente, wenn man stehen bleibt und diesem fantastischen Bild nachhängt, erschließen einem nicht nur die Ästhetik des fliegenden Reihers, das Dunkelgrau der Deckfedern auf dem Rücken des Vogels und das Lichtgrau seines zum S gebogenen, zurückgelegten Halses, sondern die ganze Schönheit der Natur. Der Anblick trifft einen geradezu, und er trifft einen im ganzen Wesen, nicht nur im Denken. Das ist natürlich keine Erleuchtung im Sinne des Zen-Buddhismus, aber es ist ein tiefer Eindruck. Man ist plötzlich hellwach für diese Empfindung, sie erfüllt einen ganz, und man wird sie nicht leicht wieder vergessen. Auf kaum erklärliche Weise stärkt sie einen und verändert die Art, wie man die Umgebung sieht. (Arnulf Conradi, Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung)

 

Allmählich hört es auf zu nieseln, so dass mir das Hantieren mit Aufnahmegerät und Fotokameras leichter fällt. Lolla, die Riesenschnauzerhündin, trabt mit großen Schritten vor uns her. Als stille, unaufdringliche Begleiterin ist sie Arnulf Conradi wichtig, darüber schreibt er viel in seinem Buch. „Lolla hilft mir, von mir selbst abzusehen, denn man hat ja immer noch ein anderes Wesen im Auge.“

 

 

Wasserralle (Rallus aquaticus)
Wasserralle (Rallus aquaticus)

Jetzt stehen wir genau dort, wo Arnulf Conradi am Fließ den Graureiher sah. Er lauscht. „Hier lebt auch eine Wasserralle“, erklärt er. „Die hat einen hellen Ton, wie ein kleiner bellender Hund. Ich höre sie oft – aber ich habe sie in meinem Leben noch nie gesehen. Ich habe überhaupt noch nie eine Wasserralle gesehen.“

 

Geduld gehört dazu. Die Augen öffnen. Suchen. Nicht suchen. Sich von Erwartungen lösen. Angefangen hat alles mit einem Opernglas. Er wuchs in Kiel auf, in der Nähe eines Parkteichs mit vielen Enten, in deren Anblick er sich vertiefte. „Als ich acht oder neun Jahre alt war, hatte mir jemand ein altes Opernglas geschenkt, das war mein größter Schatz.“ Gerne hätte er einen Vogelführer besessen, mochte seinen Vater aber nicht danach fragen. „Wir Kinder der Nachkriegszeit wussten, dass die Eltern kein Geld hatten. Sie um etwas zu bitten, hätte nur Traurigkeit und Verlegenheit ausgelöst.“

 

Warum gerade Vögel beobachten? Warum nicht Mäuse oder Hirsche? Arnulf Conradi lacht. Hirsche gebe es in Deutschland nur zwei Arten – und Mäuse könnten nicht fliegen. „Vögel haben etwas Poetisches, darum begegnen sie uns ja auch überall in der Dichtung. Als Jugendlicher bin ich auf der Ostsee in einer kleinen Jolle gesegelt, ganz allein, ich war schon immer ein ziemlicher Einzelgänger. Abends habe ich das Boot an Land gezogen, darin geschlafen und im ersten Morgenlicht die Seevögel beobachtet.“

 

Als Kind kam es mir so vor, als holte das Fernglas nicht die Vögel zu mir heran, sondern als versetzte es mich direkt unter sie. Ich habe später diese merkwürdige Wirkung des Fernglases immer wieder überprüfen können. Die Ränder des Glases bilden einen Rahmen, der wie bei einem Gemälde alles andere ausschließt, sodass der Blick sich wie von selbst konzentriert und beruhigt. Zum anderen sieht man im Glas die Größenverhältnisse anders – sozusagen aus dem Blickwinkel des Vogels. Es wird plötzlich klar, wie groß die Büsche und selbst die Dünengräser für den kleinen Steinschmätzer sind, wie sehr sie ihn überragen und umgeben. Seine Welt ist eine ganz andere als unsere, er kann nicht anders, als sie an sich selbst zu messen, und unsere Singvögel sind klein. Ein Baum ist eine riesige Wildnis, und ein Knick für ihn das, was für uns ein ganzer Wald ist. Die Scheu der Vögel hat natürlich auch etwas mit der Angst vor der Größe des Menschen zu tun, und umso rührender ist es, wenn ein Rotkehlchen sich nach langer Bekanntschaft auf mein Knie stellt, oder Blaumeisen aus der Hand fressen. Wann immer mir das passiert, habe ich das Gefühl, dass die Hand leichter wird, wenn ein kleiner Vogel darauf landet. Vögel sind freie Geschöpfe, und in der Begegnung mit ihnen sollten wir auch frei sein, nicht getrieben von dem Ehrgeiz, so viele Vögel wie möglich zu sehen. Im Zen-Buddhismus gilt der Vogel als Symbol einer hohen Tugend: der Tugend, keine Spuren zu hinter lassen. So wie der Vogel die Welt nur leicht und flüchtig bewohnt, sollte auch der Mensch im Umgang mit der Natur so wenig Spuren wie möglich hinterlassen. Als Birdwatcher geht man spazieren oder wandert, immer mit dem Fernglas um den Hals, und die Vogelbeobachtung fügt diesem Spazierengehen oder Wandern etwas hinzu, mehr nicht. Wenn wir uns den grenzenlosen ursprünglichen Geist bewahren, zu uns selbst wahrhaftig sind, dann, so sagt Daisetz T. Suzuki, „fühlen wir mit allen Wesen“. Das ist ein großartiger Gedanke: Solange wir uns selbst nicht verengen, sind wir in der Lage, andere Wesen aufzunehmen, mit ihnen zu fühlen.

 

Allmählich hört es auf zu nieseln, so dass mir das Hantieren mit Aufnahmegerät und Fotokameras leichter fällt. Lolla, die Riesenschnauzerhündin, trabt mit großen Schritten vor uns her. Als stille, unaufdringliche Begleiterin ist sie Arnulf Conradi wichtig, darüber schreibt er viel in seinem Buch. „Lolla hilft mir, von mir selbst abzusehen, denn man hat ja immer noch ein anderes Wesen im Auge.“

 

 

Amselei, zerbrochen

Auf dem Weg vor uns liegt wie ein uneingelöstes Versprechen ein zerbrochenes Amselei, türkisblau mit schwarzen Punkten. Ein Buntspecht fliegt in Wellen auf einen Baum zu, dockt an, schlägt seinen Schnabel in die Rinde. Direkt vor uns landet plötzlich ein Mäusebussard in einer Buche. Arnulf Conradi reicht mir sein Fernglas. Durch die Gläser sehe ich nun auch einen Waldbaumläufer, seine Tarnung hatte ihn am Baumstamm fast unsichtbar gemacht. Gleichzeitig quillt aus den Baumkronen ein schwirrendes Lied hervor, das in einem klagenden Düdü- dü ausklingt. „Das ist der Waldlaubsänger“, erklärt Arnulf Conradi. „Vögel haben eine Art Blasebalg in der Kehle. Ihnen kommt das Atemholen nicht in die Quere. Darum kann eine Gartengrasmücke eine halbe Stunde ohne Pause singen.“

 

Ein Viertel der Engländer und ein Fünftel der US-Amerikaner bezeichnen sich als Birdwatcher. Was sagt es über die Deutschen aus, dass sie sich kaum für die Vogelbeobachtung interessieren, nicht für die Stille, nicht für die Zurückhaltung und Konzentration? „Das Stehenbleiben ist für einen Vogelbeobachter ganz wichtig“, betont Arnulf Conradi. „In solchen Momenten öffnet sich der Blick und man nimmt auf einmal die Schönheit dieser Baumrinde hier wahr. Oder dort – das Chaos der Zweige und des Laubs am Boden.“

 

Umgestürzte Baumstämme liegen kreuz und quer im schwarzen Sumpf. Tiefgrüne Moosteppiche breiten sich darauf aus und Baumpilze dringen durch die Rinde. Hinter einem erdigen Abhang verstreut sich das fahle Sonnenlicht auf dem Fließ. Vögel lieben Unordnung.

 

ENDE DER LESEPROBE

 

 

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Susanne Billig

Susanne Billig ist Biologin, Buchautorin, Rundfunkjournalistin (Wissenschaft, Gesellschaft) und Sachbuchkritikerin. Sie ist seit 1988 in Praxis und Theorie mit Buddhismus und interreligiösem Dialog befasst, Kuratoriumsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell.
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