Visualisierung und die Magie der Wirklichkeit

Wer mit der Vajrayana- Praxis des Visualisierens nicht vertraut ist, mag sich fragen: Warum die Meditation damit verbringen, Gottheiten und Paläste über die Alltagswelt zu stülpen? In ihrem Beitrag arbeitet Heidi Köppl heraus, dass auch die gewöhnliche Alltagswahrnehmung nichts anderes tut, als Illusionen zu erzeugen. Die Praxis des Visualisierens hilft, die Leerheit und den grenzenlosen Reichtum des gegenwärtigen Moments zu erfahren

Ein Beitrag von Heidi Köppl veröffentlicht in der Ausgabe 2019/04 Mut unter der Rubrik Buddhismus Heute

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Als Rechungpa, Schüler des berühmten tibetischen Yogi Milarepa, von seinen Studien in Indien nach Hause zurückkehrte, ging ihm sein Meister entgegen, um ihn willkommen zu heißen. Es fing an zu regnen und in Wind und Nebel verlor Rechungpa seinen Guru aus den Augen. Im Sturm konnte er ihn zwar noch singen hören, aber nicht mehr sehen. Als er ihn schließlich wieder erspähte, saß Milarepa lachend und singend im Inneren eines Yakhorns, in das er sich zum Schutz vor der Witterung geflüchtet hatte. Rechungpa stand vor einem Rätsel: Milarepa passte in das Yakhorn, ohne seinen Körper kleiner oder das Yakhorn größer gemacht zu haben.

 

Auch uns mag es unmöglich sein, uns bildlich vorzustellen, wie der große Milarepa in ein kleines Yakhorn passen konnte. Es sprengt den Rahmen unseres konzeptuellen Denkens. Laut Gendun Chopel, einem Mönchsgelehrten des frühen 20. Jahrhunderts, hat nicht Milarepa die Gesetze der Realität auf den Kopf gestellt, sondern wir gewöhnlichen, verwirrten Menschen sind die eigentlichen Magier. Warum? Alles, was wir erleben – das gewohnheitsmäßige Konkretisieren und Verdinglichen unserer jeweiligen momentanen Erfahrung – ist laut Buddha unwirklich, nichts als Illusion, so vergänglich und ohne Substanz wie die Spiegelung des Mondes auf einer Wasserfläche. Trotzdem machen wir es „wirklich“, indem wir die Scheinphänomene unserer Welt beständig als konkrete Realität behandeln. Indem Milarepa sich über die Gesetze unserer „Wirklichkeit“ hinwegsetzte, enthüllte er uns die wahre Natur der Realität.

 

Mit Visualisierung starre Konzepte aufbrechen

Die Sutren und Tantren sind voller geheimnisvoller Aussagen, die etwas beschreiben, das nach konventionellen Standards unvorstellbar ist – zum Beispiel, dass ein einziges Atom ganze Universen enthält. Das Kontemplieren derartiger Mysterien ist eine der vielen Methoden, die der Buddha lehrte, um uns dabei zu helfen, den magischen Tricks entgegenzuwirken, mit denen unser Geist uns täuscht. Im Vajrayana-Buddhismus stellt die Praxis des Visualisierens eine der Hauptmethoden dar, mit deren Hilfe wir unsere starren Konzepte über das aufbrechen können, was möglich ist und was nicht. Praktizierende des Vajrayana visualisieren eindrucksvolle Szenen und Wesen, zum Beispiel farbenprächtige Gottheiten mit vielen Köpfen und Armen, einige friedvoll, andere zornig. Sie stellen sich ihren eigenen Wohnplatz als himmlischen Palast vor und verwandeln ihre Alltagswelt in ein göttliches Mandala.

 

Doch warum solche Erscheinungen in uns erzeugen? Sollten wir als gute Buddhistinnen und Buddhisten nicht eher danach trachten, uns mehr in der Realität zu verankern, statt in eine imaginäre Welt zu driften? Welchen praktischen Nutzen hat es, die Alltagswelt mit Gottheiten und Palästen zu überlagern? Betrachten wir durch die Praxis des Visualisierens die Welt naiv durch eine rosarote Brille? Vielleicht befürchten wir sogar, unzurechnungsfähig zu werden, wenn wir die Grenzen zwischen Realem und Nicht-Realem verwischen.

 

Solche Bedenken sind ganz natürlich und die Tradition des Vajrayana gibt selbst zu, dass all dies tatsächlich im Bereich des Möglichen liegt. Aber wenn wir in unseren Befürchtungen steckenbleiben, übersehen wir: Unsere alltägliche Erfahrung der Realität ist kein bisschen realer als das, was wir uns in der Praxis des Visualisierens vorstellen. Dinge erscheinen uns nur als real und solide, weil es uns Magiern bereits gelungen ist, ausgefeilte Illusionen zu kreieren. Von dem Moment an, in dem wir morgens die Augen öffnen oder mit einem beliebigen anderen Sinn wahrnehmen, sind wir bereits intensiv darin vertieft, eine entstellte Realität zu erschaffen. Unsere Erfahrung des gegenwärtigen Moments ist nicht weniger eine Visualisierung als es eine Gottheit oder ein Mandala ist.

 

Indem wir alles mit äußerster Sorgfalt als reines und vollkommenes Mandala visualisieren, lenken wir unseren Geist paradoxerweise in eine Erfahrung, die der Realität viel mehr entspricht. Denn alles ist Leerheit, so lautet die grundlegende Aussage der Buddhalehre: Dinge treten in Erscheinung, obwohl sie substanzlos sind wie die Erscheinungen in einem Traum. Obwohl wir das wieder und wieder hören, steht unsere hartnäckige Wahrnehmung, dass wir in soliden Körpern in einer Welt mit soliden, konkreten Objekten leben, dazu in einem massiven Widerspruch. Wir können Leerheit weder sehen noch fühlen, und nur abstrakt zu hören, alles sei eine Illusion, hilft uns nicht, Leerheit tatsächlich zu erfahren: Unsere alternden Körper, der Holztisch, auf den wir uns stützen, das Kopfsteinpflaster, über das wir gehen – es fühlt sich so solide an wie immer.

 

 

Offener Bereich, alles möglich

Die Praxis des Visualisierens möchte uns dabei helfen zu verstehen, dass mit Leerheit nicht nur eine Negation realer Dinge gemeint ist, sondern ein offener Bereich, in dem alles möglich ist. Die Praxis des Visualisierens ist tatsächlich ein spielerischer Umgang mit Leerheit, der uns ermöglichen soll, Leerheit in gelebte Erfahrung umzusetzen, anstatt sie nur als eine rein akademische Prämisse oder Theorie anzusehen. Durch wiederholtes Visualisieren gelingt es uns, langsam die solide Realität aufzuweichen, unsere Wahrnehmung aus ihrer Starre zu lösen und sie damit aus den Klauen unserer eingefleischten Vorstellung über das, was möglich oder real ist und was nicht, zu befreien.

 

In dieser Praxis lassen wir die Naturgesetze der gewöhnlichen physischen Welt hinter uns, in der Raum und Zeit oder Objekte und ihre Ausdehnung zu einem Hindernis werden können. In unserer Visualisierung wird nichts durch etwas anderes behindert. Alle Erscheinungen sind wahrhaftig leer und transparent. Und obwohl es in unserer Visualisierung Größe und Richtung gibt, stellen wir uns diese in einem dimensionslosen Raum ohne Zeit vor. Mithilfe dieser Übung können wir auf direkte Weise erfahren, was der Buddha gelehrt hat: dass die Welt jenseits der Beschränkungen von Raum und Zeit liegt. Sobald tantrische Praktizierende beginnen, weniger an den Konzepten dessen, was die Wissenschaft Naturgesetze nennt, festzuhalten, kann sie nichts mehr daran hindern, das gesamte Universum in einem Atom wahrzunehmen. Es ist für sie auch kein Problem mehr, dass Milarepa in ein Yakhorn passt oder im freien Raum Pirouetten dreht, wenn ihm danach ist.

 

Betont werden muss aber auch: Der Buddhismus misst dem Mitgefühl eine besondere Bedeutung bei. Deshalb erlaubt er es Praktizierenden nicht, die illusionäre Welt zu vergessen oder das Leiden derjenigen zu ignorieren, die in dieser Welt gefangen sind. Auf diese Weise gelingt es der Tradition, zwischen ihren Versionen der Monster Skylla (Psychose durch das Anhaften an der Visualisierung) und Charybdis (Neurose durch Anhaften an der Alltagswelt) hindurchzunavigieren.

 

Der Briefträger ein Siddha, der streunende Hund eine Gottheit

Diese scheinbar so unvollkommene Welt ist von ihrer Natur her schon vollkommen rein und perfekt, doch das können wir nicht erkennen, so sehr sind wir im Netz der Illusion gefangen. Der Briefträger, der die Post zustellt, könnte ein verwirklichter Siddha sein, ein streunender Hund eine mächtige Gottheit und die laute, überfüllte Straße ein von Buddhas und Bodhisattvas bevölkerter Bereich. Gemäß den Vajrayana-Lehren trifft alles das wirklich zu, denn es heißt, dass jeder kleinste Partikel Milliarden von Universen vollkommenen Erwachens enthält. Um diese Realität wahrzunehmen, benötigen wir einen Geist, der vollkommen offen ist und erfüllt von Ehrfurcht und Staunen angesichts der schier unendlichen Möglichkeiten. Eine solche, vollkommen offene Geisteshaltung ist sowohl Ausgangspunkt einer ernsthaften Praxis wie auch das Ziel des Vajrayana-Trainings. 

 

Den Beweis dafür, dass diese radikale Perspektive richtig ist, sehen wir in ihrer befreienden Wirkung. Der Nyingma-Meister Longchenpa (14. Jahrhundert) führte dazu das Beispiel von zwei Männern an, die von Reichtum umgeben in einem Palast feiern. Wenn einer der beiden einschläft und einen Alptraum hat, wird der andere, noch wach und bei vollem Bewusstsein, den stöhnenden Freund sanft aus seinem Traum wecken. Die Freunde werden einander anblicken und lachen.

 

Was hält uns davon ab, die makellose Vollkommenheit der Welt direkt zu erfahren? Wir nehmen das Prinzip der Leerheit nicht wirklich ernst, sondern gehen damit um wie mit einer Theorie, einer interessanten Lehre, anstatt unser Leben darauf aufzubauen. Wir entscheiden uns immer wieder dafür, die magischen Kräfte des Anhaftens und des Fixierens zu nähren und fortlaufend eine Welt zu erschaffen, in der alles statisch, solide, verschmutzt und somit „real“ zu sein scheint. Doch Leerheit ist die Natur, das Wesen unserer Realität.

 

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Heidi Köppl

Heidi Köppl praktiziert seit 1989 tibetischen Buddhismus unter der Leitung von Chökyi Nyima Rinpoche. Sie ist Autorin des Buches „Establishing Apearances as Divine“, Übersetzerin und Tibetisch-Dolmetscherin. Seit 2010 leitet sie das Online-Meditationsprogramm „Tara’s Triple Excellence“, das auch auf Deutsch angeboten wird. dharmasun.org
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