Mutig ins kalte Wasser springen

So freudvoll und lebensbereichernd der buddhistische Weg ist – ihn ernsthaft zu beschreiten bedeutet, große Schwierigkeiten auf sich zu nehmen. Es braucht Mut und Tapferkeit, trotz Hindernissen stetig vorwärtszugehen, betont die Nonne Shifu Simplicity.

Foto von Amy Lister auf unsplash

Ein Beitrag von Shifu Simplicity veröffentlicht in der Ausgabe 2019/04 Mut unter der Rubrik SCHWERPUNKT MUT

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„Jemand, der den Weg praktiziert, ist wie jemand, der alleine in eine Schlacht gegen zehntausend Feinde zieht. Es kann sein, dass er den Mut verliert und auf halbem Wege umkehrt, in der Schlacht umkommt oder als Sieger zurückkehrt. Mönche, die dem Weg folgen, sollten entschlossen und eifrig bemüht, tapfer und kampfbereit sein. So werden sie alle Dämonen zerstören und den Weg verwirklichen.“
(Sutra der 42 Kapitel, Vers 33)

 

Der oben stehende Vers des Buddha ist an Mönche gerichtet, doch können wir seine Lehre auch auf uns anwenden, wenn wir den buddhistischen Weg mit der Motivation praktizieren, samsara, den Kreislauf des Leidens, zu transzendieren und Erleuchtung zu erlangen. Der Weg zur Erleuchtung ist mit Schwierigkeiten verbunden und wir müssen uns aufrichtig bemühen, wenn wir nicht nur an der Oberfläche bleiben wollen.

 

Wir ziehen in den Kampf. Die Feinde sind zahlreich: Ego, Gedanken, Gier, Ärger, Unwissenheit, Stolz, Zweifel, fehlerhafte Ansichten und die vielen unheilsamen Gefühle und Verhaltensweisen, die sich daraus ableiten, halten uns von unserer Bewusstheit ab und von der Klarheit des Geistes. Es gibt aber auch eine Rüstung, die wir anlegen können: die drei Zufluchten zu Buddha, Dharma, Sangha. Die fünf Silas – nicht zu töten, nicht zu stehlen, sexuelles Fehlverhalten zu unterlassen, nicht zu lügen und sich nicht zu berauschen. Hinzu kommen Weisheit, Mitgefühl, Achtsamkeit und Bewusstheit. Mit ihnen gut gewappnet ziehen wir nun los und bemühen uns um die Praxis.

 

Doch schon bald beginnen die Schwierigkeiten, zum Beispiel als Verführungen durch die sechs Sinne: Schöne Eindrücke von Menschen, Landschaften, Elektronik, Klänge, Gerüche, Geschmackserlebnisse, Berührungen und sogar Gedanken erscheinen so angenehm, dass es uns nun doch zu bedauerlich erscheint, sie aufzugeben. In der Meditation werden wir überwältigt von einer Flut von Gedanken, im Alltag vergessen wir die Achtsamkeit, Stolz und unser Ego nehmen uns in Beschlag, Ärger überwältigt uns, Sorgen bauen sich vor uns auf wie riesige Monster.

 

Wir fangen an, zu ahnen, wie schwierig und herausfordernd unser großes Unterfangen ist. So kann es passieren, dass uns schon kurze Zeit, nachdem wir unsere Praxis so hoffnungsvoll begonnen haben, der Mut verlässt. Denn ein weiterer Feind sind unsere Gewohnheiten, die aus den vielen kleshas, den Störfaktoren in unserem Geist hervorgehen. Auf einmal erscheint es leichter, uns wieder ganz in die alten Gewohnheiten zurückzuziehen – über das Display des Smartphones zu wischen, den Fernseher einzuschalten, einkaufen zu gehen. Anstatt uns der Arbeit des buddhistischen Weges zu stellen, verschieben wir die Praxis auf einen unbestimmten späteren Zeitpunkt. So verlieren wir allmählich unser bodhicitta, den Geist der Erleuchtung – und mit ihm unser Dharmaleben.

 

 

Foto von Chirag K auf unsplash

Mit der Lampe der Weisheit

Um den Weg nicht zu verlieren, brauchen wir den Mut, uns den Spiegel vorzuhalten und genau hinzuschauen. Ausgestattet mit Bewusstheit beleuchten wir uns selbst mit der Lampe der Weisheit. Wenn wir tief schauen, werden wir viele Fehlbarkeiten sehen; das kann schmerzhaft sein. Doch wir müssen den Sprung ins kalte Wasser wagen, denn das ist der erste Schritt. Wenn wir den auslassen, kann unsere gesamte buddhistische Praxis leicht im „spiritual bypassing“, im spirituellen Vermeiden enden.

 

Wir schauen uns also mutig an. Was genau passiert in mir und was sind meine Motive? Tapfer halten wir aus, was wir sehen, ohne zu reagieren und uns selbst zu verurteilen: Ich sehe mich, wie ich anderen gern von meinen Erfolgen berichte. Das ist Stolz in mir, mein Ego. Ich sehe mich, wie ich immer etwas Negatives denke oder zu bemerken habe. Das ist Ärger, der sich in Negativität äußert. Ich schaue meine Motivation an, vegetarisch zu leben. Bewegen mich überwiegend gesundheitliche Gründe, ist es also die Anhaftung an den Körper? Oder ist es Mitgefühl mit anderen Wesen, das im Einklang steht mit meinem reinen Geist? Ich lasse den Moment eines Wutausbruchs noch einmal Revue passieren. Ich sehe, wie Gier aufkommt, nach Konsumgütern, Essen, nach Ruhm und Anerkennung, nach Sex , nach Schlaf. Tapfer ertrage ich diese Gier, ohne ihr nachzugeben – und spüre: Auch dieser Moment ist vergänglich und die Gier verschwindet nach einiger Zeit von allein.

 

Mit jedem Moment des tapferen Aushaltens wird ein kleiner Sieg, eine kleine Transformation errungen, die uns stärken und ermutigen. Wir lernen: Wer sich den Feinden mutig, entschlossen und beharrlich stellt, kann den Kampf gewinnen.

 

ENDE DER LESEPROBE

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Shifu Simplicity

Shifu Simplicity war früher Ärztin und ist seit 21 Jahren buddhistische Nonne. Sie verbrachte sechs Jahre in Plum Village und 14 Jahre im Chan-Kloster Chung Tai in Taiwan und leitet seit einem Jahr das Miao Fa Zentrum für Meditation und Chan-Buddhismus in Berlin. www.miao-fa.de
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