Der ökologische Fußabdruck des Buddha war sehr klein

Wir leben in einer Zeit schwerwiegender Krisen, die uns persönlich und kollektiv herausfordern. Neben politischen und sozialen Umbrüchen ist es die ökologische Krise, die das Überleben der Menschheit auf weiten Teilen der Erde selbst bedroht, ein Szenario, das noch vor wenigen Generationen undenkbar gewesen wäre. Wie sollen und wie können wir als Dharmapraktizierende darauf antworten? Ein Beitrag von Yuka Nakamura.

Ein Beitrag von Yuka Nakamura veröffentlicht in der Ausgabe 2019/04 Mut unter der Rubrik Buddhismus Heute

Wenn wir die ökologische Krise und ihre Ursachen tiefer verstehen und einen angemessenen Umgang damit möchten, müssen wir zunächst erkennen, dass es hier um dukkha geht, um Leidhaftigkeit und Unzulänglichkeit, und das in einem riesigen Maßstab. Können wir das praktizieren, was der Buddha in seiner ersten Edlen Wahrheit gelehrt hat? Können wir die Bereitschaft und die Fähigkeit entwickeln, das Leid- und Schmerzhafte zu sehen, ohne davon überwältigt und gelähmt zu werden? Können wir, im Wissen um die Bedingtheit aller Phänomene, erkennen, dass es Möglichkeiten gibt, die Ursachen dieser globale Krise freizulegen und von diesem tiefsten Punkt aus positive Veränderungen in Gang zu setzen?

 

Krisen und Ungleichgewicht

Rufen wir uns zunächst ein paar Fakten in Erinnerung, wie sie täglich in den Medien zu lesen sind. Viele Studien und Daten deuten darauf hin, dass wir als Menschheit dabei sind, unsere Lebensgrundlage – die Erde – unwiederbringlich zu verwüsten und die fein austarierten Ökosysteme mit ihren komplexen Wechselbeziehungen zwischen Lebensbedingungen, Pflanzen und Tieren so zu zerstören, dass bereits in wenigen Jahrzehnten riesige Landstriche unbewohnbar werden könnten. Nicht nur unzählige Tiere, sondern auch Menschen werden dann von einem noch größeren Leid betroffen sein, als Millionen es heute schon sind.

 

Ob Klimaerwärmung, Insektensterben, Plastikmüll oder Massentierhaltung: Angesichts der Schreckensmeldungen rund um diese und viele weitere ökologische Themen müssen wir anerkennen: Die Welt ist aus den Fugen und das gesamte Ökosystem droht massiv aus dem Gleichgewicht zu geraten.

 

Die Reaktionen des Geistes

Diese Feststellung kann in uns verschiedene Gefühle und Gedanken auslösen: vielleicht Angst, Trauer, Wut, vielleicht aber auch Gleichgültigkeit oder Zynismus. Wenn wir aufmerksam schauen, können wir in unserem Geist die gleichen Reaktionen auf das globale Leiden erkennen wie auf unser persönliches Leiden. Sie sind geprägt von unseren grundlegenden Gewohnheitstendenzen:

 

Verlangen:

Wenn wir die Leidhaftigkeit einer Situation nicht aushalten, sucht der Geist oft nach Ablenkung in etwas Angenehmem. Dieses Verlangen wird von unserer Konsumkultur bedient. Wir suchen Zuflucht in angenehmen Erfahrungen, statt uns mit der Klimaerwärmung zu beschäftigen.

 

Aversion:

Wir reagieren mit Ärger oder Zorn auf die Probleme, empören uns über die tatsächlichen oder vermeintlichen Schuldigen, lassen die Wut an Sündenböcken aus oder werden depressiv und verzweifelt.

 

Ignoranz:

Eine weitere Möglichkeit ist das Abstumpfen, indem wir den Ernst der Lage einfach verleugnen oder verdrängen oder uns mit Medikamenten oder Alkohol betäuben, auf Kosten unserer Sensibilität.

Es ist wichtig, all diese Reflexe achtsam wahrzunehmen und uns dafür nicht zu verurteilen, sondern sie als normale Reaktionen des ungeschulten Geistes zu erkennen. Es sind die Reaktionen eines Geistes, der die Größe eines Schmerzes nicht erträgt und sich nicht anders zu helfen weiß.

 

 

Foto Markus Spiske auf unsplash

Eingewoben in ein Netz

Doch es gibt eine Alternative zu reflexhaften Verhaltensweisen. Der Buddha hat sie gezeigt, und möglicherweise war seine Lehre noch nie so wichtig wie heute: Die Praxis des Achtfachen Pfads kann Frieden und Harmonie schaffen – nicht nur im eigenen Geist, sondern auch in der Welt, denn Innen und Außen sind weit weniger voneinander getrennt, als sich die meisten Menschen in ihrem Alltagsbewusstsein gewahr sind.

 

Wir sind eingewoben in ein Netz von Ursachen und Wirkungen und alles, was wir denken, sagen oder tun, hat gemäß der karmischen Gesetzmäßigkeiten Konsequenzen. Als offene Systeme stehen wir mit mit anderen offenen Systemen in ständiger Wechselwirkung. Dass in dieser Welt der gegenseitigen Bedingtheiten nichts stabil ist, bedeutet, dass auch die Probleme, in die wir uns als Menschheit hineinmanövriert haben, bedingt und vergänglich sind. Selbst die schlimmste Katastrophe ist aufgrund von Ursachen und Bedingungen entstanden und wird sich verändern, sobald sich die Ursachen und Bedingungen verändern.

 

Der Buddha lehrt, die Ursachen dieses Geschehens im Geist zu suchen. Die oben beschriebenen drei Gewohnheitstendenzen erzeugen nicht nur in unserem Geist, sondern auch in der Welt Leiden. Wenn wir den Ursachen für die Zerstörung und Ausbeutung der Erde auf den Grund gehen, werden wir feststellen, dass auf der tiefsten Ebene die Kräfte von Verlangen, Aversion und Unwissenheit am Werk sind.

 

Es ist die Gier und das Verlangen nach angenehmen Sinneserfahrungen, die unsere heutige Konsumwelt antreiben. Die Kräfte der Aversion, des Hasses zeigen sich in dem Bemühen, alles, was uns stört und bedroht oder unseren Erwartungen und Wünschen nicht entspricht, wegzuspritzen, wegzuschneiden, zu vergiften, zu zerstören und zu planieren. Unwissenheit finden wir in Desinformation und Lügen, etwa der systematischen Leugnung des Klimawandels, aber auch in der Tendenz, unangenehme Nachrichten nicht wahrhaben zu wollen, sie lieber wegzuklicken, als sie zu lesen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

 

 

Bild Ian Schneider auf unsplash

Die Objektivierung der Welt

Auf der tiefsten Ebene besteht die Unwissenheit allerdings in der fundamentalen Täuschung und Illusion eines unabhängig existierenden soliden Selbst. Dies bildet die Wurzel aller anderen Leid schaffenden Tendenzen. Leid entsteht also durch die Art, wie wir in Beziehung zur Welt treten. Sobald wir uns in der Ich-Illusion als Subjekt konstruieren, konstruieren wir auch die Objekte der Welt, weil sich beide Pole gegenseitig bedingen. Betrachten wir die Welt durch die Brille des Ich, reduzieren wir Lebewesen und Dinge um uns herum darauf, ob sie uns nützen oder schaden. Das Ich bildet den Referenzpunkt, auf den wir alles andere beziehen und an dessen Wünschen und Abneigungen wir es bemessen. In diesem Konstruktions- und Wahrnehmungsprozess verwandeln wir eine fließende komplexe Erfahrung durch Ergreifen und Fixieren in die Starrheit von Subjekt und Objekt und reagieren auf die scheinbaren Objekte gewohnheitsmäßig mit Verlangen, Aversion oder Unwissenheit.

 

Ständig sind wir bestrebt, die Ich-Illusion durch die Aneignung von Objekten abzusichern und zu vergrößern – so drehen wir uns in einer Spirale des Verlangens. Indem wir unsere Ich- Konstruktion durch Abgrenzung und Aggression zu beschützen versuchen, wird die Aversion zu einer maßgeblichen Triebfeder unseres Verhaltens. Und die Unwissenheit? Sie zeigt sich darin, dass uns in diesem Prozess die tiefe, multidimensionale und letztlich unfassbare Erfahrung dessen verloren geht, was ein Gegenüber eigentlich ausmacht. Würden wir beispielsweise einen Baum voller Achtsamkeit erleben und erspüren, dann könnten wir erkennen, dass man ihn nie auf etwas Bestimmtes reduzieren und festlegen kann und dass seine wahre Natur jenseits aller Instrumentalisierung und Bewertung liegt.

 

 

Eine Lebensweise des Nichtschädigens

Wie wäre es, wenn wir alles, was uns umgibt – Flüsse, Berge, Meere, Pflanzen, Tiere und Menschen – achtsam wahrnähmen, ohne sie als Objekt, als Ware oder Konsumgut zu objektivieren? Einen Eindruck von einer solchen Lebensweise bekommen wir, wenn wir sehen, wie der Buddha und die Bhikkhus und Bhikkhunis seiner Zeit lebten. Der Buddha selbst verbrachte die meiste Zeit seines Lebens im Freien, in Wäldern und Hainen. Wie so viele kontemplative und spirituelle Meisterinnen und Meister zog er die Abgeschiedenheit der Natur der Betriebsamkeit der Dörfer und Städte vor. Praktizierende wie der Arhant Maha Kassapa, ein Zeitgenosse Buddhas, preisen die Schönheit der Natur in Gedichten und Liedern:

 

Mit Girlanden von blühenden Reben geschmückt,

Erfreut dieses Stück Erde den Geist;

Die schönen Rufe der Elefanten ertönen –

Diese felsigen Klippen gefallen mir so sehr!

 

Der schimmernde Farbton der verdunkelnden Wolken,

Kaltes Wasser in reinen Strömen fließt;

Umhüllt von Indras Marienkäfern –

Diese felsigen Klippen gefallen mir so sehr!

 

Die Weisheit und das Mitgefühl des Buddha zeigten sich an seiner engen und liebevollen Beziehung zu den Bäumen, zu den Baumgeistern, zu den Tieren und Pflanzen, für deren Wohl er sich einsetzte. Seine Lebensweise war von Gewaltlosigkeit, Empathie und Entsagung geprägt, denn, wie er es ausdrückte:

 

Alle Wesen zittern vor der Gewalt,

alle Wesen fürchten den Tod.

Sieh dich selbst in anderen,

und töte nicht, verletze nicht.

(Dhammapada 129–132)

 

Diese Haltung des Nicht-Schadens zeigte sich auch in einem achtsamen und sparsamen Umgang mit den Ressourcen. Der ökologische Fußabdruck von Buddhas Sangha war sehr, sehr klein.

 

 

Drei Vorschläge für einen Weg

 

Als Inspiration dazu, mehr Weisheit und persönliche Konsequenz im Umgang mit der ökologischen Krise zu entwickeln, können drei Vorschläge von Ajahn Sucitto dienen.

 

I. Meditieren Sie mehr

Wenn Sie Meditation kultivieren, werden Ihre Ruhe, Zufriedenheit und Konzentrationsfähigkeit wachsen. Diese Ressourcen helfen, Ihre Bedürfnisse zu reduzieren, Ihre Aufmerksamkeit zu stärken und Sie in Kontakt mit Ihren Werten zu halten: So werden Sie wahrscheinlich mehr Verantwortung übernehmen.

Eigentlich sollte es uns nicht wundern, dass ausgerechnet das Meditieren an erster Stelle genannt wird, denn: Die Meditationspraxis hilft Ruhe und Weisheit zu entwickeln in einer Zeit kollektiver Unsicherheit und Angst – sodass wir immer wieder zurückkehren zur Klarheit des Moments hier und jetzt und uns darin erden, um für andere da zu sein und angemessen zu handeln.

Darüber hinaus trägt Meditation auch zu einer Abnahme unserer Bedürfnisse bei und wir bleiben im Kontakt mit unseren tiefsten Werten und Anliegen. Das hilft uns, weise Entscheidungen zu fällen – im Kleinen wie im Großen.

 

II. Überprüfen Sie Ihre Konsumgewohnheiten

Aus ethischer Sicht sollte es uns ein Anliegen sein, andere Lebewesen durch unseren Konsum so wenig wie möglich zu schädigen. Konkret könnte das heißen: tierische Produkte, insbesondere Fleisch, zu reduzieren oder sogar ganz darauf verzichten; lokal produzierte Nahrungsmittel zu bevorzugen; die Verwendung von Plastik zu reduzieren; das Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen; möglichst nicht zu fliegen; die Hausdämmung zu verbessern – und vieles mehr.

 

III. Beteiligen Sie sich an gemeinschaftlichen politischen Aktionen

Viele Probleme können wir nicht als Individuum angehen, aber sehr wohl in nationalen und internationalen Organisationen. Ein gemeinsames Tätigwerden kann sehr viel Freude und Verbundenheit entstehen lassen und eine mächtige Kraft entwickeln. Auf der ganzen Welt gibt es an vielen Orten Aktionen, wo Menschen sich für die Natur einsetzen. Wer weiß – vielleicht wird die gemeinsame Sorge um unseren Planeten das sein, was uns als Menschheit in einem globalen Maßstab wieder einen kann? 

 

Wie wollen wir leben?

Wir leben heute unter anderen Umständen. Können wir uns von dieser Lebensweise überhaupt noch inspirieren lassen? Das ist eine Frage, mit der sich jede und jeder Einzelne persönlich auseinandersetzen muss. Wir müssen selbst herausfinden, wo wir unseren persönlichen Beitrag leisten können. Als Dharmapraktizierende sind wir allerdings in der glücklichen Lage, einen Weg zu kennen, um die Ursachen der jetzigen Probleme an der Wurzel anzugehen, und es liegt an uns, diesen Weg mit Hingabe zu gehen. Wir können spirituelle Dringlichkeit, samvega, entwickeln – den Entschluss, uns angesichts von Leiden mit ganzem Herzen der Dharmapraxis und dadurch dem Wohl aller Wesen zu widmen.

 

Wie Bhikkhu Bodhi in einem Artikel schreibt:

Während die Angst vor Klimaveränderungen oft zu Verleugnung und Panik oder zu geistiger Lähmung führt, kann sie ebenso gut samvega hervorrufen, ein Gefühl der Dringlichkeit, das zu weisen Entscheidungen zur Abwendung der Krise führt. Alles hängt davon ab, wie wir unsere Angst metabolisieren.

 

Wir haben die Wahl

Die gegenwärtige Situation der Erde konfrontiert uns mit großem Leiden. Bei genauer Betrachtung können wir erkennen, dass die tiefsten Ursachen der gegenwärtigen Krise im Geist zu finden sind und dass es gilt, diese Ursachen anzugehen. Als bewusste Wesen und als Dharmapraktizierende haben wir es in der Hand, einen wichtigen Beitrag zur Heilung der Welt zu leisten. Joanna Macy drückt es so aus: Wir haben ein unschätzbares Geschenk erhalten. Es ist ein Wunder jenseits aller Worte, in diesem wunderbaren, sich selbst organisierenden Universum lebendig zu sein – teilzunehmen am Tanz des Lebens, mit Sinnen, die es wahrnehmen, mit Lungen, die es atmen, mit Organen, die daraus ihre Nahrung beziehen. Es liegt ein außergewöhnliches Privileg darin, ein menschliches Leben mit einem selbstreflexiven Bewusstsein führen zu können, das es uns möglich macht, uns unseres eigenen Handelns bewusst zu sein und Entscheidungen zu treffen. Wir können die Wahl treffen, uns an der Heilung unserer Welt zu beteiligen.

 

 

Literatur

Ajahn Chah: „Buddha-Nature, Human-Nature“, Amaravati Publications 2019

Bhikkhu Bodhi: „Feeling the Touch of the Goad. A Sense of Urgency as a Spur to Climate Action“, Truthout 2014

Macy, Joanna: „World as Lover, World as Self“, Parallax Press 2007

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Yuka Nakamura

Yuka Nakamura ist Vipassana-Lehrerin und MBSRLehrerin. Ursprünglich als Psychologin ausgebildet, ist sie seit über 26 Jahren auf dem buddhistischen Weg, vorwiegend im Theravada- und Vajrayana-Buddhismus. Sie unterrichtet im Meditationszentrum Beatenberg und in anderen Zentren in Europa und den USA sowie am Bodhi College. www.yuka-nakamura.ch
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