Unsere Verschiedenheit wertschätzen lernen

„Andersheit als eine Herausforderung für den Buddhismus“ hieß der Vortrag, den Sallie B. King auf dem Kongress „Buddhism in Dialogue with Contemporary Societies“ in Hamburg hielt. Im Anschluss hatte Ursula Richard die Gelegenheit, mit ihr über einen Ansatz zu sprechen, der nicht wie der Buddhismus unser aller Verbundenheit betont, sondern unsere radikale Getrenntheit und Verschiedenheit, und bei dem die Sorge und Verantwortung für den anderen Menschen dennoch eine zentrale Bedeutung hat.

Viele Leute wollen eins mit anderen sein, aber ihre Idee des Einsseins ist: Du solltest so sein wie ich. | Foto: Antonio Molinari auf unsplash

Ein Beitrag von Sallie B. King veröffentlicht in der Ausgabe 2018/4 "wohin?" unter der Rubrik Gespräche

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Ursula Richard: Buddhistische Ethik wird gemeinhin mit der Vorstellung von Verbundenheit, wechselseitiger Abhängigkeit und Einssein begründet, was mir auch ein sehr einleuchtendes Konzept für mitfühlendes, engagiertes Handeln erscheint. Da verblüfft es zunächst, dass Sie in Ihrem Vortrag „Andersheit“ als für den Buddhismus herausfordernde, aber auch inspirierende Sicht vorgestellt haben. Wie ist Ihnen die Andersheit begegnet?


Sallie B. King: Vor einigen Jahren habe ich auf einer Tagung in Taiwan über engagierten Buddhismus einen Vortrag gehalten zu den Grundlagen buddhistischer Ethik und dabei immer wieder Verbindungslinien zu Aspekten wechselseitiger Abhängigkeit gezogen. Am Ende kam ein junger Mann zu mir, ein Christ aus Hongkong, und fragte mich, ob ich denn an Verbundenheit und Interdependenz glaube. Ich war irritiert, denn mir schien dies nicht eine Frage des Glaubens zu sein, sondern etwas, das einfach wirklich und wahr ist. Aber er sagte: Nein, nein, ich glaube an Andersheit und Unterschiedlichkeit; das sind die Ausgangspunkte für ethisches Verhalten.

Seine Aussage hat mich sehr beschäftigt und jedes Mal, wenn ich etwas über Andersheit hörte, sperrte ich meine Ohren auf. Als ich dann zu dieser Konferenz  hier in Hamburg eingeladen wurde, war für mich die Zeit für eine intensive Beschäftigung mit dieser Sicht gekommen. Auf den ersten Blick unterscheidet sie sich sehr von buddhistischen Auffassungen. Es geht zentral darum, den anderen Menschen so zu respektieren, wie er ist. Er ist mir nicht gleich, und das ist der Ausgangspunkt für eine ethische Beziehung zu ihm. Das erschien mir sehr kraftvoll und gewichtig, und ich überlegte, ob eine solche Sicht für den Buddhismus wichtig sein könnte. Und so begann ich mich mit dem Philosophen Emmanuel Levinas sowie mit soziologischen Ansätzen, in denen es um Andersheit geht, näher zu beschäftigen.

Vielfalt gibt es nur, wo Unterschiede sein dürfen | Foto: Rawpixel auf unsplash

Um die Verschiedenheit beider Ansätze besser verstehen zu können, wäre es gut, Sie würden in aller Kürze das buddhistische Konzept der Verbundenheit beschreiben, damit wir dann sehen können, wo sich beide möglicherweise treffen oder in einen fruchtbaren Dialog bringen lassen.

Grundlage der buddhistischen Sicht ist das abhängige Entstehen (pratitya samutpada). Kurz gesagt: Dies ist, weil jenes ist, dies ist nicht, weil jenes nicht ist. Diese Vorstellung fokussiert auf unsere und die Verbundenheit aller Dinge. Selbst und andere sind grundlegend miteinander verbunden. Und weil wir so zutiefst miteinander verbunden und abhängig voneinander sind, ergeben sich daraus ethische Implikationen des FüreinanderSorge-Tragens auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene. Besonders im Mahayana-Buddhismus ist die Vorstellung eines selbstlosen Sich-um-andere-Kümmerns, weil es letztlich keinen Unterschied gibt zwischen anderen und mir, als Handlungsmaxime sehr wichtig. Wir alle – und damit sind alle Wesen gemeint – wollen glücklich sein und frei von Leid, und aus dieser Gemeinsamkeit ergibt sich, dass wir anderen kein Leid zufügen wollen.

Welche Perspektive kann das Konzept der Andersheit dem denn hinzufügen?

Mich hat, wie bereits erwähnt, die Frage des jungen Mannes angeregt, mich dieser Idee der Andersheit zuzuwenden und sie eingehender zu betrachten. Im Bereich der Philosophie ist es Levinas, dessen Bücher ich daraufhin gelesen habe. Für ihn sind das Ich und der Andere radikal getrennt. Wenn das Ich mit dem „Antlitz“ des Anderen konfrontiert wird und in diesem Moment die Andersheit des Anderen erkennt, realisiert es, dass der Andere alle Vorstellungen und alles Wissen des Ichs über ihn transzendiert. Der Andere erscheint in einer absoluten Andersheit, die das Ich nie vollkommen verstehen wird, denn das würde bedeuten, ihn in seiner Andersheit zu zerstören. Die Trennung zwischen Ich und dem Anderen ist nicht aufhebbar, sondern absolut.

Doch das Ich ist auch verantwortlich für den Anderen und diese Verantwortung ist grenzenlos und nicht übertragbar. Das könnte unterschiedlicher nicht sein zu der buddhistischen Vorstellung von Verbundenheit und abhängigem Entstehen – denken Sie nur an Thich Nhat Hanhs Worte „Das Ich besteht nur aus Nicht-Ich-Elementen“. Aber auch diese Vorstellung von absoluter Getrenntheit und Andersheit hat sehr zwingende ethische Konsequenzen, für den Anderen Sorge zu tragen und sich verantwortlich zu fühlen. In der konkreten Praxis treffen sich beide Sichtweisen also wieder, auch wenn ihre Ausgangspunkte nicht verschiedener sein könnten.

Wertschätzung von Differenzen | Foto: Brittani Burns auf unsplash

 

Aber reicht dann denn die buddhistische Sicht nicht aus als ethische Grundlage für mein Denken, Sprechen und Handeln, wenn sich diese Perspektiven in den ethischen Konsequenzen wieder sehr ähneln?

Ich erinnere mich an den amerikanischen Zen-Meister Bernie Glassman, der einmal sinngemäß sagte: „Viele Leute wollen eins mit anderen sein, aber ihre Idee des Einsseins ist: ‚Du solltest so sein wie ich.‘“ Ich kann nicht eins mit jemandem sein, der so anders ist, das kann ich mir nicht vorstellen. Diese Vorstellungen sind sehr in unserer Psyche verankert. Und das ist genau der Ort, wo sich Levinas und der Buddhismus treffen, da beide die in unserem Ich so stark vorhandene Tendenz kennen, den Anderen zu kontrollieren.

Levinas und der Buddhismus – ich habe da vor allem das Yogacara im Sinn – sehen deutlich, dass wir zwar meist glauben, den Anderen zu kennen, aber dies im Allgemeinen nur unsere Ideen und Vorstellungen über den Anderen sind und wir ihn in diesen Rahmen einpassen und das, was da nicht passt, einfach nicht sehen oder ablehnen. 

 

ENDE DER LESEPROBE

Natürliche Vielfalt | Foto: Karolina Badzmierowska auf unsplash

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Sallie B. King

Sallie B. King ist emeritierte Professorin für Philosophie und Religion an der Madison University, USA. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören interreligiöser Dialog, sozial engagierter Buddhismus, interkulturelle Philosophie der Religionen sowie der Bereich „Frauen und Religion“. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher.
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