Die Wippe des Samsara

Anlässlich der Präsentation seines Buches „Der Weg beginnt unter deinen Füßen“ kam der Zen-Meister Jeff Shore für Vorträge und Sesshins im Frühjahr 2018 nach Deutschland und beantwortete bei dieser Gelegenheit unsere Fragen. Das Interview führte und übersetzte Bernhard Kleinschmidt.

Nashville Tennessee 1897 | Foto: Snapshots of the Past, Flickr, CC

Ein Beitrag von Jeff Shore veröffentlicht in der Ausgabe 2018/4 "wohin?" unter der Rubrik Gespräche

BUDDHISMUS aktuell: Du bist 1953 in Philadelphia in den USA geboren. Seit vielen Jahren lebst du in Kyoto in Japan. Was waren für dich entscheidende Weichenstellungen auf deinem Weg, der ja auch ein Weg in eine ganz andere Kultur ist?

Jeff Shore: Entscheidende Weichenstellungen? Seit ich mich erinnern kann, habe ich ein spirituelles Bedürfnis, einen unstillbaren Durst, die Wahrheit zu finden und zu leben. Als ich über die Suche von Buddha Gautama las, war es erstaunlicherweise so, als würde ich meinen eigenen tiefsten Fragen begegnen. Das bestätigte mir, dass ich meine fundamentalen Zweifel ernst nehmen musste und sie durch buddhistische Praxis gelöst werden konnten. Als ich in den 1960erJahren in Philadelphia aufwuchs, war viel von ZenBuddhismus die Rede. Auf dem College begegnete ich Richard DeMartino, der in Kyoto Zen studiert und praktiziert hatte, und das hat mich auf diesen Weg gebracht.

Du bist Zen-Meister in der Rinzai-Tradition. Welche Unterschiede siehst du zwischen dem Zen, wie es in Japan gelehrt und praktiziert wird, und dem hier bei uns im Westen?

In Japan, aber auch in Korea, China und der übrigen Welt gibt es viele Zen-Lehren und Übungsformen. Das wesentliche Merkmal im Westen ist wohl, dass sich Rinzai und andere Formen des Zen als Laienbewegung ausbreiten. Lehre und Übung wurzeln also im Alltag statt im klösterlichen Leben. Man hat zwar versucht, die monastische Rinzai-Praxis im Westen nachzuahmen, aber mit geringem Erfolg. Wer ernsthaft interessiert ist, kann freilich durchaus in ein seriöses Kloster im Fernen Osten eintreten. Ich habe das selbst getan und bin für immer dankbar dafür. Falls möglich, kann man also eine Weile in Japan, Korea oder China praktizieren, um zu schauen, was es mit der dortigen Tradition auf sich hat. Aber dann muss man darüber hinausgehen, indem man in die Welt zurückkehrt und es hier lebendig werden lässt. So ist es doch, oder?

Foto: Daniel Pietzsch, Flickr, CC

Welchen Missverständnissen über Zen begegnest du bei uns am häufigsten?

Denselben, denen ich in mir selbst begegnet bin! Wie etwa: „Wenn ich endlich erleuchtet bin, sind alle meine Probleme gelöst.“ Das ist das Ego/Selbst, das sich als spirituelle Praxis kostümiert; es ist eine Flucht vor den tatsächlichen Problemen, mit denen wir uns im Alltag auseinandersetzen müssen. Nach Erleuchtung zu gieren, um all unsere Probleme zu lösen, ist selbst ein gewaltiges Problem. Der eigentliche Weg ist eine aufrichtige, demütige Praxis, unterstützt durch kompetente Anleitung.


Im Zen wird oft stolz auf die Übertragungslinie hingewiesen, die ja bis zurück zum Buddha führen soll, als er bei einer Versammlung eine Blume hob und nur einer, Mahakassapa, dies verstand und lächelte. Sind diese Übertragungslinien historische Wirklichkeit oder sind sie Fiktionen, ein Narrativ? Wenn Letzteres, zu welchem Zweck?

Übertragungslinien und dergleichen haben einen historischen, keinen religiösen Charakter und sind großteils fiktiv. Wer so etwas für real hält und sich daran klammert, offenbart ein naives Bedürfnis nach von außen kommender Bestätigung und einen Mangel an echter Einsicht. Woher kommt denn die eigentliche „Übertragung“? Die Frage nach dem Zweck ist daher völlig berechtigt: Es geht darum zu bestätigen, was bereits verwirklicht worden ist. Damit hat es sich.

 

 

Foto: Lindsey Kone, Flickr, CC


Zen ist traditionell ja sehr hierarchisch strukturiert und der Meister-Schüler-Beziehung kommt ein hoher Wert zu. Wie wichtig ist diese Beziehung in deinen Augen und kannst du dir auch andere Lernformen im Zen vorstellen?

Du meinst vermutlich die moderne japanische ZenPraxis. Die Tradition des Chan, des chinesischen Zen, aus dem sich die japanische Praxis entwickelt hat, unterscheidet sich erheblich davon. Natürlich ist die Anleitung durch einen Lehrer wertvoll, aber echtes Chan oder Zen haben nichts mit Guru-Verehrung, blindem Glauben oder törichtem Gehorsam zu tun. „Eine Verwirklichung, die der des Lehrers gleichkommt, ist nur die Hälfte wert; allein eine Verwirklichung, die jene des Lehrers übertrifft, ist es wert, die Linie fortzusetzen.“ Diese Worte des chinesischen Lehrers Baizhang Huaihai (720–814) werden im Zen dafür gerühmt, auszudrücken, was von einem würdigen Schüler – und von einem würdigen Lehrer – verlangt wird. Sie klären auch die Frage der „Übertragung“, die du vorher angesprochen hast. Jedenfalls brauchen wir heute eine kritische Haltung, vor allem gegenüber falschen Lehrern, die ihre Waren verkaufen.

In den letzten Jahren gab es ja vor allem in den USA große Skandale um Zen-Meister und ihre missbräuchlichen Beziehungen zu Schülerinnen (Eido Shimano, Sasaki Roshi et cetera) inklusive des jahrelangen Schweigens der entsprechenden Sanghas. Was begünstigt im Zen solches Verhalten? Durch welche strukturellen Veränderungen kann man es vielleicht verhindern?

Ich glaube, du siehst, wie blinder Gehorsam und die Gier nach Übertragungslinien und irgendeiner Form von Autorisierung eng mit den heutigen Problemen verbunden sind, nicht nur in den USA, sondern auch hier in Deutschland. Was man dagegen tun kann? Anfangen könnte man mit der lockeren Art, in der praktisch jeder als Mönch oder Nonne bezeichnet, als Priester bestätigt und auf zweifelhafte Weise autorisiert werden kann. Damit verbunden sind feudalistische Relikte im heutigen japanischen Zen und die Herauslösung von Zen aus seinem buddhistischen Kontext. Mit den Übertragungslinien wird herumgewedelt wie mit einem Zauberstab, und die Koan-Schulung wird so angewendet, dass sie eine echte Suche behindert. Dazu kommt ein Missbrauch des geschützten Raums, in dem Sanzen/Dokusan stattfinden muss. 

Was ist zu tun? An Sektenführer und Leute, die von ihnen praktisch einer Gehirnwäsche unterzogen worden sind, kommt man kaum heran. Manche, die am dringendsten Hilfe bräuchten, meinen, darüber wären sie erhaben. Schon diese Haltung verrät sie. Einige der Lehrer sind verstorben, aber wer noch am Leben ist, kann einen echten Sinneswandel erleben, die Farce aufgeben und den Schaden wiedergutmachen. Wir müssen demütig und mit offenem Herzen unsere Hilfe anbieten, nicht nur den Betrogenen, sondern auch den Tätern – und dabei immer im Blick behalten, was unter unseren eigenen Füßen ist.


Foto Nilesh Bhange, Flickr, CC


In deinem Buch findet sich das schöne Bild von der Wippe des Samsara. Was ist damit gemeint?

Das steht im Kontext von Selbst und Nicht-Selbst und kommt daher, dass ich als Kind mit meiner Schwester Jean im Park oft auf der Wippe gesessen habe. Im Buch ist damit unser Leben gemeint, in dem wir auf der  Wippe des Samsara auf- und niederhüpfen. Wenn wir das damit verbundene Missbehagen erkennen, kommen wir womöglich auf die schlaue Idee, uns in die Mitte der Wippe zu stellen, um sie mit einem Bein auf jeder Seite auszubalancieren. Das ist natürlich ebenfalls von Grund auf instabil. Den Zugang zu einem wahrhaft religiösen oder spirituellen Leben finden wir dann, wenn wir die grundsätzliche Instabilität der gesamten Lage erkennen, egal, ob wir gerade oben oder unten sitzen – oder dazwischen.

Im Zen, scheint mir, ist oft vom Selbst die Rede. Kannst du erläutern, was damit gemeint ist? Wie unterscheidet sich dieses Konzept von einer psychologischen Sicht?

Stimmt, das ist ein Missverständnis. Im traditionellen Chan-/Zen-Buddhismus geht es viel eher um das Nicht-Selbst oder genauer darum, ohne Selbst zu sein. Das hat profunde psychologische Konsequenzen, ist jedoch nicht nur psychologischer Natur.

Deine Website heißt beingwithoutself. Kann man das, ohne Selbst sein?

Verzeihung, aber um Können oder Nichtkönnen geht es da nicht. Sobald es zur Notwendigkeit wird, geschieht es. Dann ist man bereit. Solange man noch über verschiedene Möglichkeiten nachgrübelt, ist es in gewissem Sinne wirklich unmöglich, aber wenn wir aufrichtig und demütig unter die eigenen Füße schauen, haben wir keine andere Wahl, oder? Begriffe wie „ohne Selbst“ oder „Nicht-Selbst“ sind ja nur Ausdrücke für anatman, das Fundament des Buddhismus.

In den USA, aber auch hier, scheint es die Neigung zu geben, Zen sehr psychologisch zu deuten beziehungsweise in psychologischen Begriffen zu vermitteln. Siehst du das auch so? Geht dabei etwas verloren?

Der Zen-Buddhismus ermöglicht uns einen durchdringenden psychologischen Einblick in das menschliche Befinden. Nicht umsonst war der Psychoanalytiker Erich Fromm fasziniert von den Schriften D. T. Suzukis. Aber können die Tiefen des Zen auf diese Weise ausgelotet werden? Deine Frage trifft ins Schwarze, denn wenn man Zen psychologisch interpretiert, wird daraus oft ein reiner Abklatsch. Offen gesagt begehen die meisten sogenannten Zen-Lehrer heute den gleichen Fehler.

Foto simpleinsomnia, Flickr, CC


In Anlehnung an den Theologen Paul Tillich, der wie Erich Fromm in den 1930er-Jahren aus Deutschland in die USA emigriert ist, könnte man sagen: Die grundlegende religiöse Frage läuft nicht darauf hinaus, ob das Ego/Selbst verschiedene psychologische Probleme hat oder nicht hat, sondern darauf, dass das Ego/Selbst das Problem ist. Wenn das populäre Zen der heutigen Zeit das nur erkennen würde ...

Was empfiehlst du Menschen, die sich für Zen interessieren? Was können erste Schritte sein?

Fangt damit an, aufrichtig und demütig in euer eigenes Herz zu schauen. Dort ist alles schon vorhanden. Was muss in eurem Leben wirklich gelöst werden? Was muss wirklich geklärt werden, bevor ihr sterbt? Fangt da an, dann könnt ihr nicht in die Irre gehen. Kommt nicht auf die Idee, auf der Baustelle von jemand anderem zu arbeiten!

Hast du eine Vision des Zen in sagen wir mal fünfzig Jahren?

Was mich angeht, versuche ich nach Kräften, mich verzichtbar und überflüssig zu machen. Im echten Zen-Buddhismus ist das ebenso natürlich wie unerlässlich. Ich hoffe, dass mein Name in fünfzig Jahren schon lange vergessen ist und die Leute ihre Energie darauf verwenden, es selbst zu verwirklichen.

Vielen Dank!

Sehr gern geschehen!


Bernhard Kleinschmidt ist literarischer Übersetzer und Mitglied im Leitungsteam von zen in münchen (www.zen-in-muenchen.de).

 

Lektüreempfehlung

Jeff Shore, Der Weg beginnt unter deinen Füßen. Zen für das moderne Leben. O. W. Barth 2018

 

 

 

 

 

 

Foto Laura Bernhardt, Flickr, CC

Twitter Off Image Facebook Off Image0 Google Plus Off Image

Jeff Shore

Jeff Shore stammt aus Philadelphia, lebt seit 1981 in Japan und ist Professor für Zen in der modernen Welt an der Hanazono-Universität Kyoto. Als Dharma-Erbe von Keido Fukushima vom Tofuku-ji, unter dem er die Koan-Ausbildung der Rinzai-Schule abgeschlossen hat, leitet er regelmäßig Sesshin in Europa und Nordamerika. www.beingwithoutself.org (Foto: Leo Chiprout)
Weitere Artikel in dieser Ausgabe