Der Buddha-Dharma in einem säkularen Zeitalter

Bhikkhu Bodhi, seit 45 Jahren buddhistischer Mönch, gehört zu den bekanntesten westlichen Übersetzern und Gelehrten der Theravada-Tradition. Auf Einladung der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg eröffnete er im Juni die internationale Konferenz „Buddhism in Dialogue with Contemporary Societies“ mit dem Vortrag „Manifesting the Buddha Dharma in a Secular Age“. Zum gleichen Thema hielt er einige Tage später einen Vortrag vor der Suttanta-Gemeinschaft. Nachfolgend die Zusammenfassung und Übersetzung einiger zentraler Aspekte von Jinavaro Hopf. Eine längere Fassung des Vortrags wird in einer Anthologie zu der Konferenz erhältlich sein.

Foto: Jason Cooper auf unsplash

Ein Beitrag von Bhikkhu Bodhi veröffentlicht in der Ausgabe 2018/4 "wohin?" unter der Rubrik SCHWERPUNKT wohin?

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Der Buddhismus erlebte in den 1960er-Jahren seine erste Blütezeit im Westen. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, die vor allem in den gesellschaftlich-kulturellen Veränderungen dieser Jahre zu finden sind: der Verlust eines Glaubens an die etablierten Religionen des Westens, die zunehmende Popularität psychotherapeutischer Ansätze, Geist und Bewusstsein wurden zunehmend zu Objekten wissenschaftlicher Forschung.


In diesem Kontext entwickelte sich mehr und mehr die Vorstellung, dass der Schlüssel zu persönlichem Glück eine Veränderung des menschlichen Geistes erfordert, eine Veränderung in der Tiefe des Erlebens, und diese Transformation wurde durch psychedelische Drogen, Therapie, aber dann auch durch Meditation zu erreichen versucht.

Das damit einhergehende wachsende Interesse am Buddhismus galt dabei weniger dem Streben nach transzendenter Befreiung als der Bewältigung existenzieller und psychologischer Fragen, war also von Beginn an sehr säkular geprägt. Der Buddhismus bot eine klare Analyse des menschlichen Leidens und das Programm eines mentalen Trainings, das Ziele wie Selbsterkenntnis, inneren Frieden, Glück und tiefere Bewusstseinszustände zu ermöglichen schien.

In der Anfangsphase wurde der säkulare Ansatz – die Art und Weise, wie viele im Westen ihren eigenen Verständnishorizont in ihre Begegnung mit dem Dharma einbrachten – kaum wahrgenommen. Doch entwickelte sich dann eine Version des Dharma, die sich säkularer Buddhismus nennt. Ihr bekanntester Vertreter ist Stephen Batchelor.

 

 

Persönliches Glück erfordert eine Veränderung des menschlichen Geistes | Foto: Mitchell Griest auf unsplah

 

Traditioneller, säkularer und immanenter Buddhismus

Der traditionelle Buddhismus sieht das menschliche Leben eingebettet in eine anfangslose Kette von Wiedergeburten, samsara genannt, die nicht nur vergangene und zukünftige Leben beinhaltet, sondern auch mehrere Ebenen der Existenz oberhalb und unterhalb der menschlichen Ebene. Das Leben in all diesen Daseinsbereichen ist dukkha, Leiden. Der Buddha hat einen Weg gelehrt, der zum Nirvana führt. Nirvana ist nicht lediglich ein Zustand von erhabenem Frieden und Glückseligkeit, sondern ein nicht bedingter Zustand jenseits der Wiedergeburtskette. Praktizierende aller klassischen buddhistischen Schulen teilen ein Grundverständnis von Wiedergeburt und Karma, das als moralische Kraft Konsequenzen hat, die weit über das gegenwärtige Leben hinausgehen.


Säkular buddhistische Ansätze beschränken sich dagegen auf unsere unmittelbare existenzielle Situation, ohne sich auf Annahmen über vergangene und zukünftige Leben zu stützen. Sie betonen, dass durch die buddhistische Praxis eine relative Freiheit von Gier, Hass und Verblendung erreicht werden kann. Die meisten von ihnen sehen in der Vorstellung von Wiedergeburt lediglich einen Überrest altindischer Metaphysik, die aus der buddhistischen Lehre herausgenommen werden sollte, damit diese mit der heutigen naturalistischen Weltsicht kompatibel ist. Batchelor vertritt zum Beispiel, dass der Dharma in der Mainstreamkultur lediglich eine marginale Bedeutung haben wird, geeignet nur für jene, die bereit sind, die Weltsicht des alten Indien anzunehmen, wenn er nicht seinen doktrinären Rahmen, vor allem in Bezug auf die Karma- und Wiedergeburtslehren, aufzugeben bereit ist, der für Menschen in einer säkularen modernen Welt nicht mehr relevant ist.

Samsara im traditionellen Buddhismus – eine anfangslose Kette von Wiedergeburten | Foto: Wikimedia Commons

 

Buddhistische Meditation – erklärt in Begrifflichkeiten aus der Psychotherapie

Am häufigsten begegnet uns der Dharma heute aber in Form eines immanenten Buddhismus. Er beschränkt sich fast ausschließlich auf existenzielle und psychologische Ziele und sieht den Buddhismus als ein geeignetes Mittel für innere Wandlung, die Heilung unserer Verletzungen und unserer Beziehungen, das Finden innerer Tiefe und Verbundenheit mit anderen Menschen und der natürlichen Welt. Lehnen die Befürworter des säkularen Buddhismus ausdrücklich bestimmte traditionelle buddhistische Ansichten ab, sind diese Überzeugungen den Anhängern des immanenten Buddhismus zufolge einfach nur irrelevant. Während die Säkularisten die Texte des klassischen Buddhismus studieren und neu zu interpretieren versuchen, beziehen die Immanenten nur das ein, was ihrer Sicht entspricht. Dabei wird buddhistische Meditation in Begrifflichkeiten humanistischer Modelle von Psychotherapie erklärt.

Am deutlichsten kommt diese Richtung in einem westlichen Ableger der Theravada-Tradition zum Ausdruck: dem Vipassana-Buddhismus. Die Übertragung der Vipassana-Meditation von Ost nach West hat zu mehr als nur einer einfachen Neuverpackung der Praxis in amerikanischen Kulturformen geführt. Sie hat das Ziel der Praxis selbst verändert und vom Bereich der transzendenten Erkenntnis auf den Bereich rein immanenter Ziele übertragen. Der traditionelle Theravada zielt auf vimutti, die Befreiung von den Befleckungen des Geistes und aus dem Kreislauf wiederholter Geburt. Demgegenüber betonen die Lehrerinnen und Lehrer des immanenten Buddhismus (wie Jack Kornfield, Sharon Salzberg, Tara Brach) die Freiheit, sich aktiver, freudiger und spontaner auf die Welt einzulassen, am Tanz des Lebens mit ruhigem und klarem Bewusstsein teilzunehmen.

ENDE DER LESEPROBE

 

 

Was eint, was unterscheidet buddhistische Meditation und Psychotherapie? | Foto: Jacalyn Beales auf unsplash

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Bhikkhu Bodhi

BHIKKHU BODHI ist buddhistischer Mönch US-amerikanischer Nationalität, geboren in New York City im Jahre 1944. Nach Promotion im Fach Philosophie an der Claremont Graduate School ging er nach Sri Lanka um dem Saṅgha beizutreten. Sein Noviziat begann 1972, 1973 wurde ihm die höhere Ordination zu teil. Beides geschah unter dem bekannten Mönchsgelehrten, dem ehrwürdigen Balangoda Ānanda Maitreya, mit dem er Pāli und den Dhamma studierte. 1975 zog er zu Nyānaponika Mahāthera in die Forest Hermitage bei Kandy. 2002 kehrte er in die USA zurück und lebt und lehrt seither im Bodhi Monastery und Chuang Yen Monastery. Er ist Autor mehrerer Arbeiten über den Theravāda-Buddhismus, darunter Neu-Übersetzungen großer Teile des Suttapiṭaka und der zugehörigen Kommentare. Er war langjährig Redakteur und Präsident der Buddhist Publication Society. Bhikkhu Bodhi ist Gründer und Vorsitzender des Buddhist Global Relief.
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