Zu den Grenzen von Toleranz

Martin Ramstedt ist Koordinator für den interreligiösen und interkulturellen Dialog im Rat der Deutschen Buddhistischen Union. In diesem Beitrag sagt er: Die Kultivierung von Mitgefühl und echter Mitmenschlichkeit ist lebenswichtig für uns alle und erfordert mehr, als nur zu leben und leben zu lassen, mehr als bloße Toleranz, die oft nichts weiter von uns zu fordern scheint, als das aktive Ignorieren anderer Menschen. Ein Plädoyer für Mitgefühl und Mitmenschlichkeit im Umgang mit Fremden.

Ein Beitrag von Dr. Martin Ramstedt veröffentlicht in der Ausgabe 2018/3 lebendig unter der Rubrik Debatte

Als Koordinator für den interreligiösen und interkulturellen Dialog im Rat der DBU möchte ich folgenden konkreten Vorfall zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen nehmen. Auf der abschließenden Podiumsdiskussion der von mir mit vorbereiteten christlich-buddhistischen Dialog-Tagung zum Thema „Glück“, die vom 23. bis 24. Februar 2018 im Stephansstift in Hannover stattfand, rief einer der Teilnehmer, nämlich Dr. Klaus Kaltenbrunner, österreichischer Dharma-Lehrer des Diamantweg-Buddhismus, unvermittelt zur „Wehrhaftigkeit gegen den Islam“ auf.  Denn zu viele Muslime würden in unser Land strömen, sodass wir jetzt unsere europäischen Werte verteidigen müssten.

Bevor ich mit meinem Nachsinnen über das, was Kaltenbrunner wohl mit „Wehrhaftigkeit“ meinen könnte, zum Ende kam, sprach er ein deutliches Lob über die christlichen Waffengänge gegen Muslime in früheren Jahrhunderten aus. Ziel der Podiumsdiskussion war es eigentlich, dass sich Christen und Buddhisten darüber austauschten, ob und wie man sich in gemeinsamen Projekten zusammenschließen könne, um das Leid in unserer Gesellschaft lindern zu helfen. Dazu gehört ohne Frage auch das Leid der vielen, meist stark traumatisierten Flüchtlinge aus Ländern mit ganz anderen Wertvorstellungen, politischen Ordnungen und Rechtssystemen. Ungeachtet dessen, ob der deutsche Staat ihnen dauerhaft Asyl gewähren wird beziehungsweise soll oder nicht – dies liegt angesichts der bei uns herrschenden Trennung von Staat und Religion nicht im Ermessen von Religionsvertretern –, kann doch der Beitrag der Religionen zu unserer Gesellschaft gerade darin begründet sein, sie menschlicher zu machen.

Dazu bedarf es, dass wir auf Menschen, die aus welchen Gründen auch immer am Rande unserer Gesellschaft, Gemeinschaft oder Gruppe stehen, zugehen, um uns für ihre Erfahrungen, Blickwinkel und Gefühle zu öffnen und auch unsererseits mit ihnen unsere Gefühle, Gedanken, Sorgen und Werte zu teilen – auf Augenhöhe, von Mensch zu Mensch. Nicht nur baut ein solches Vorgehen gegenseitige Ängste und Stereotype ab. Es bietet auch einen wirksamen Schutz gegen das Entstehen von „Parallelgesellschaften“, die sich immer mehr gegeneinander abzuschotten drohen. Drücken wir dagegen beispielsweise Menschen aus muslimischen Ländern einfach das plakative Label „Muslim“ oder „Muslima“ auf, so löschen wir dadurch in unserem Geist ihre individuellen Züge aus. Der Verlust des eigenen Gesichts, der eigenen Stimme dieser Menschen ist wiederum gleichbedeutend mit dem Verlust ihrer Menschlichkeit.

Sprechen wir aber anderen Menschen erst einmal ihre Menschlichkeit ab, droht ihnen immer auch schon physische Gewalt. Der jüdische Holocaust-Überlebende und Philologe Victor Klemperer hat diesen Wirkungszusammenhang eindrücklich in seinem berühmten Buch über die Sprache des Dritten Reichs, LTI (1), beschrieben.

 

 

Foto: Nina Strehl | Unsplash

Mehr als bloße Toleranz

Die Kultivierung von Mitgefühl und echter Mitmenschlichkeit ist lebenswichtig für uns alle. Natürlich lässt sich eine solche Kultivierung, oder wenigstens der Wille dazu, nicht so ohne Weiteres von heute auf morgen in unserer Gesellschaft verankern. Selbst religiösen Menschen, einschließlich uns Buddhistinnen und Buddhisten, fällt es schwer, sich beziehungsweise uns konsequent und beständig in echter Mitmenschlichkeit und Mitgefühl zu üben. Die Verschanzungen in unserem Geist, in unserem Herzen, in unserer Alltagsroutine, die uns immer wieder in dualistisches Denken und Handeln zurückfallen lassen, können wir nur durch unentwegtes Überwinden unseres ängstlichen Zögerns, durch beharrliches Unsherauswagen aus unseren Komfortgrenzen langsam aufgeben. Dies erfordert deutlich mehr, als nur zu leben und leben zu lassen, mehr als bloße Toleranz, die oft nichts weiter von uns zu fordern scheint, als das aktive Ignorieren anderer Menschen.

Toleranz wird heute jedenfalls nicht nur von Pluralismus-Gegnern abgelehnt, sondern gerade auch – wenn auch aus ganz anderen Gründen – von so manchem ihrer Befürworter. Rainer Forst (Professor für Politikwissenschaft und Philosophie an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität) zeigt in seinen Arbeiten zum Toleranzbegriff, wie umstritten diese Tugend mittlerweile ist. Forst unterscheidet zwischen vier Formen der Toleranz. (2)

Die erste bezieht sich auf eine Situation, in der eine Mehrheit einer Minderheit sozusagen die Erlaubnis erteilt, im Territorium der Mehrheit zu verweilen. Solange sich die Minderheit in die gegebene Ordnung fügt und den Vorstellungen der Mehrheit unterwirft, wird die Tatsache, dass sie in mancherlei Hinsicht von der Norm abweicht bis zu einem gewissen Grad toleriert. Sobald jedoch Mitglieder einer bloß tolerierten Minderheit mehr Rechte fordern, schlägt ihre Duldung in Ablehnung und Gewalt um. Bei der zweiten Form der Toleranz geht es um die gegenseitige Anerkennung der Koexistenz zweier etwa gleichstarker Gruppen. Sie gleicht allerdings eher einem Waffenstillstand als einer wirklichen Anerkennung der Anderen als Mitmenschen. Denn kaum ändert sich das Kräfteverhältnis zugunsten einer der beiden Parteien, verkehrt sich dieser eher pragmatische Modus von Toleranz, in der ein kräftiges Maß an Misstrauen mitschwingt, entweder in reine Duldung oder gar in fühlbare Feindschaft und Unterdrückung.

Es ist hoffentlich deutlich geworden, dass sich diese beiden Toleranzbegriffe gar nicht dafür eignen, eine Kultur des Mitgefühls und der Mitmenschlichkeit in unserer Gesellschaft zu fördern. Nur die letzten beiden von Forsts vier Toleranzkonzeptionen können wir eventuell als erste Schritte auf diesem Weg gelten lassen. Denn erst die dritte Form von Toleranz gründet auf wirklichem Respekt vor der Andersartigkeit uns fremder Menschen. Das bedeutet nicht, so verstehe ich Forst, dass wir hier bereits imstande sind, mit ihnen wirkliche Gemeinschaft zu entwickeln. Dazu überwiegt die Fremdheit ihres Andersseins noch zu sehr. Nichtsdestoweniger können wir in ihren so anders gearteten Vorstellungen und in ihrer sich von unserer so stark unterscheidenden Lebensweise Moralität und ethisches Verhalten erkennen, was uns Respekt abringt. Dies wiederum setzt ein gewisses Maß gegenseitigen Kennenlernens voraus. Hier beschäftigen sich die betreffenden Menschen also bereits miteinander.

 

Wertschätzung für das Anderssein

Die ethisch vielversprechendste Form von Toleranz ist aus meiner Sicht Forsts letzte Toleranzkonzeption. Hier hat sich nämlich zwischen verschiedenen Gruppen oder Gemeinschaften auf Basis gegenseitigen Respekts Wertschätzung für das Anderssein der anderen entwickelt. Und erst, wenn wir andere Menschen auch wertschätzen, können wir wirkliches Interesse und Mitgefühl für sie entwickeln. Immer wieder und überall auf der Welt gibt es Menschen, denen es gelingt, selbst ihnen feindlich Gesinnten authentisches Mitgefühl entgegenzubringen. Auch in unseren buddhistischen Traditionen gibt es viele Vorbilder dafür. Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama, Zen-Meister Thich Nath Hanh oder der Vidyadhara Chögyam Trungpa Rinpoche, um nur einige zu nennen, haben gezeigt, dass es möglich ist, uns selbst unter widrigsten Umständen von Flucht und Exil auch unseren Feinden gegenüber als Menschen zu zeigen und Mitgefühl auszustrahlen. Sie riefen eben nicht zur Gewalt gegen ihre Verfolger und Widersacher auf. (3)

Darüber hinaus stehen uns erprobte Übungswege zur Verfügung, um in uns selbst den Mut, die Bereitschaft und die Fähigkeit zu Mitmenschlichkeit und Mitgefühl zu kultivieren, um schließlich über die Grenzen der Toleranz hinauszugehen und uns aktiv für ein menschlicheres Gesicht unserer Gesellschaft einzusetzen, zum Wohle aller Wesen.

Anmerkungen

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Dr. Martin Ramstedt

Martin Ramstedt, Dr., lehrt als Privatdozent an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und als Gastprofessor am International Institute for the Sociology of Law in Oñati, Spanien. Zudem ist er Mediator, Mindfulness-Communication-Trainer und Dharmalehrer. Er engagiert sich im interreligiösen Dialog, ist Ratsmitglied der Deutschen Buddhistischen Union und Delegierter von Shambhala Europa in der Europäischen Buddhistischen Union.
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