RAPPER CURSE: Die ultimative Antwort auf die ultimative Frage

Curse, Jahrgang 1978, prägt und gestaltet als Rapper seit über 20 Jahren die deutsche Hip-Hop-Kultur mit. Alben wie „Feuerwasser“ oder „Von innen nach außen“ sind Klassiker des deutschsprachigen Rap. Seit einigen Jahren arbeitet er auch als systemischer Coach und betreibt einen sehr erfolgreichen Podcast. Sein 2018 erschienenes Buch „Stell dir vor, du wachst auf“ schaffte es auf Platz 7 der Spiegel-Bestsellerliste. Auf seinem neuen Album „Die Farbe von Wasser“ rappt er auch über Meditationspraxis und sein Verhältnis zum Buddhismus. Das Interview führte Robert Paschmann.

Foto: © Robert Eikelpoth

Ein Beitrag von Robert Paschmann veröffentlicht in der Ausgabe 2018/3 lebendig unter der Rubrik Gespräche

Curse, du machst seit über 20 Jahren Musik. Spiritualität hat in deinen Texten von Anfang an eine zentrale Rolle gespielt. Wer oder was hat dich in dieser Hinsicht schon in so frühen Jahren geprägt?

 

Ich vermute, ich bin schon auf die Welt gekommen mit der Veranlagung zu fragen: Wieso? Warum sind wir Menschen, wie wir sind? Warum sind wir so oft so unglücklich? Die ersten Antworten auf diese Sinnfragen habe ich aufgrund meiner Sozialisation durch den christlichen Glauben bekommen. Eines meiner beiden liebsten „Was ist was“-Bücher war das über die Weltreligionen. Später hab ich dann viel in die psychologische Richtung geschaut und habe da nach Erklärungen gesucht. Dann hab ich viel Marx gelesen, denn auch da geht’s um die Frage: Warum funktioniert die Welt so, wie sie funktioniert? Und in der Musik, die ich gehört habe, ging es auch darum. Ich hab Public Enemy und Ice Cube gehört, Musik von Künstlern, die sich Sinnfragen zu ihrer eigenen Realität gestellt haben: Schwarze Menschen in Amerika, struktureller Rassismus, warum ist das so? Amerikanische Geschichte, wie wirkt sich das auf die Gegenwart aus? Martin Luther King, Malcolm X ... Dieser Themenbereich war schon immer mein Ding. Und als ich dann angefangen habe, Musik zu machen, so mit zwölf, dreizehn Jahren, war es dann auch das, was ich ausdrücken wollte.

 

2003 hast Du gerappt: „Ich bin weder Moslem noch Christ und auch nicht Buddhist / Ich glaub nur für mich, weiß, dass es Gott gibt und er bei mir ist.“ Auf deinem aktuellen Album sprichst du von dir leicht ironisch als „Rapper, Coach und Buddhist / meditieren und so’n Mist“. Was ist passiert, dass sich dein Verhältnis zum Buddhismus so gewandelt hat?

 

Ich habe mir irgendwann schlicht die Frage gestellt: Glaube ich wirklich daran, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist, der auf die Erde gekommen und für uns gestorben ist. Ich habe lange drüber nachgedacht und irgendwann festgestellt: Ich glaube das eigentlich gar nicht! Ich glaube das nur, weil ich, seit ich denken kann, so sozialisiert worden bin, aber ich erfahre das nicht in mir! Also bin ich überhaupt kein Christ. Per definitionem nicht. Dann kam die nächste Stufe: Glaube ich eigentlich überhaupt an einen Gott? Auf diese Frage habe ich keine Antwort gefunden und gedacht: Vielleicht ist die Frage auch gar nicht so wichtig! Vielleicht sind andere Sachen viel wichtiger. So um 2010 herum hatte ich dann das Glück, dass ich jemanden getroffen habe, der mir eine Übung aus dem Mahamudra gezeigt hat.

Diese Erfahrung hat mich so beeindruckt, dass sie mich für Wochen nicht mehr losgelassen hat. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass ich weiß, wo es langgeht. Ich habe im Anschluss alles Mögliche ausprobiert: Zen, Theravada, MBSR, Osho ... Ich habe einfach viel praktiziert und vor allem schnell gelernt, dass es nichts bringt, wenn man sich nur intellektuell damit beschäftigt. Selber machen und immer wieder kritisch überprüfen. Ich habe dann die ersten zehn Dinge, die der Buddha gesagt hat, für mich überprüft und gemerkt: Ja, das stimmt alles für mich. Dann kamen die nächsten zehn dran. Und dann wuchs das Vertrauen, dass vielleicht die nächsten 70 Dinge, die für mich vielleicht gerade noch abstrakt sind, auch stimmen könnten. So habe ich Stück für Stück Vertrauen in den Dharma gewonnen und konnte dann für mich auch sagen: Okay, ich bin Buddhist. Ein paar Jahre später habe ich dann offiziell Zuflucht bei meinem Lehrer aus der tibetischen Nyingma-Linie genommen.

 

Du bist erfolgreicher Musiker, Coach, Autor und du hast eine Familie. Wie schaffst du in diesem vollen Alltag Raum für eine regelmäßige Meditation?

 

Man muss ja nicht jeden Tag drei Stunden meditieren. Du kannst dir einzelne kleine Praxisoasen schaffen. Es gibt immer kleine Fenster im Alltag, selbst wenn es nur drei Minuten samatha sind. Oder du kannst praktizieren, wenn du sprichst, wenn du mit anderen Menschen interagierst. Achtsamkeitspraxis! Der Dharma ist immer da, auch in einem vollen Alltag. Ich habe mich davon verabschiedet, mir jeden Tag ein bestimmtes Praxisprogramm zur Pflicht zu machen. Für Menschen, die einen sehr geregelten Tagesablauf haben, ist so ein festes Programm bestimmt sehr hilfreich, für mich ist das eher schwierig. Einfach, weil jeder Tag nach einem anderen Plan verläuft. Ein Tour-Alltag ist kein geregelter Arbeitstag. Da muss ich mich einfach locker und flexibel machen und mich fragen: Wie kann mich der Dharma bei dem, was ich gerade tue, so oft wie möglich streifen?

 

 

Foto: © Robert Eikelpoth


Du warst und bist eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Hip-Hop. Hip-Hop ist eine Kultur, die auf der Straße entstand ist, ihre Sprache ist dementsprechend oftmals konfrontativ und hart. Das Gegeneinander-Antreten im „battle“* ist einer ihrer integralen Bestandteile. Inwieweit sind die buddhistische Lehre und die Hip-Hop-Kultur da miteinander vereinbar?

 

Vielleicht habe ich alles ganz falsch verstanden und mein Lehrer kommt gleich um die Ecke und knallt mir eine, aber: Buddhist sein bedeutet ja nicht, dass man auf einmal nichts mehr erreichen will und nichts mehr erreichen darf. Dass alles egal ist. Gleichmut ist ja nicht Gleichgültigkeit. Im tibetischen Buddhismus gibt es die Sechs Paramitas, die sechs befreienden Handlungen. Freudige Anstrengung ist eine von ihnen. Natürlich strenge ich mich mit meinem neuen Album an und schreibe von morgens bis abends und stelle mich dem Wettbewerb um das bestmögliche Album. Für mich und für die Leute da draußen. Aber ich mache mein Glück nicht davon abhängig. Ich gebe mein Bestes, aber ich bin gelöst vom Ergebnis. Wenn du in deinem Tun nur dann einen Sinn entdeckst, wenn das Ergebnis so ist, wie du es dir ausmalst, dann steckst du knietief in samsara. Dann bist du immer wieder unglücklich. Und im Battle mit einem anderen MC ist es auch so. Genau wie ein Hundertmeterläufer sich vornimmt, schneller als alle anderen zu laufen, kann ich mir vornehmen: Den MC nehme ich jetzt am Mikro richtig auseinander. Und wenn das klappt ist es schön – aber ich kann dann meinen Gegner trotzdem umarmen. Und wenn’s nicht klappt, kann ich mich genauso freuen.

Rechte Rede ist Teil des Achtfachen Pfades. Deutschland hat im Zuge der Echo-Verleihung ja sehr aufgeregt darüber diskutiert, was in Songtexten gesagt werden darf, was im Battle-Rap erlaubt ist und was nicht. Kann man sich achtsam battlen?*

Ich glaube, dass es dabei um die Intention geht. Die grundlegende Motivation. Wenn es meine grundlegende Motivation ist, einen anderen Menschen in seinen Grundfesten zu erschüttern und auf Kosten der körperlichen, geistigen oder spirituellen Gesundheit meines Gegenübers Profit zu machen, dann ist das nicht mit dem Dharma vereinbar. Das muss aber nicht so sein. Ich habe für mich selbst gemerkt, dass ich durch das Verwenden bestimmter Worte und Begriffe ein bestimmtes Echo erzeuge. Dass es Menschen gibt, die sich dadurch sehr verletzt fühlen. Da kann ich natürlich den Standpunkt beziehen: Das ist mir scheißegal, Kunstfreiheit, leckt mich am Arsch! Ich kann mich aber auch fragen: Geht meine Kunst wirklich dadurch kaputt, dass ich ein Wort nicht sage? Zerstöre ich meine gesamte künstlerische Freiheit dadurch, dass ich ein bestimmtes Wort, mit dem ich ganze Bevölkerungsgruppen diskriminiere, im Battle nicht als Beleidigung benutze? Sehr wahrscheinlich nicht! Mir fehlt nichts, wenn ich andere Metaphern, andere Witze finde, aber für euch bedeutet es die Welt – das ist doch ein guter Deal. Ich verstehe nicht, warum man diesen Deal nicht eingeht. Das hat nichts mit Gegenkultur zu tun, nichts mit Punkrock und Zensur. Das hat mit Ego zu tun. Wie wichtig man seinen eigenen dummen Spruch nimmt und ob man seinen eigenen Einfall über das Wohlergehen anderer stellt. 


Betrachtest du deine Texte als ein Mittel, um gerade für jüngere Leute einen Zugang zur Spiritualität zu schaffen?

 

Nein, ich hab da keinen Missionsgedanken. Meine Musik soll keinen Zweck erfüllen. Sie soll vielleicht ein Gefühl transportieren. Ich mache meine Musik nicht nur für mich, ich mache sie natürlich auch für andere. Damit Menschen durch sie irgendwie mit sich oder der Welt in Kontakt kommen. Das muss man aber nicht unter Spiritualität fassen. Wenn du auf meine Konzerte gehst, stehen da auch keine 15-Jährigen. Da stehen Menschen von Anfang 20 bis 40. Ich bin ja nicht das Sprachrohr der Jugend, da bin ich schon wieder raus. Wenn jemand durch meine Musik einen Zugang zur Spiritualität findet, ist das natürlich toll, aber ich führe das dann nicht auf mich zurück. Ich bin dann nur der Kanal, der für den Menschen gerade passend war. Das liegt aber nicht an mir, das liegt an der Person. Ich mach nur, was ich mache.

 

„Die erste Welt hat zu viel Zweifel und zu wenig siebten Sinn“, sagst du im Track „Aufgeben“. Was brauchen wir als Menschen in der sogenannten ersten Welt denn in diesen Zeiten am meisten?

 

Krasse Frage ... (denkt lange nach). Vielleicht brauchen wir am meisten, uns nicht immer diese Frage zu stellen. Vielleicht fragen wir besser: Was kann ich genau jetzt tun? Was ist jetzt gerade gut für mich und meine Umwelt? Wie ist mein Geist jetzt? Und vielleicht ergibt sich dann auch die ultimative Antwort auf die ultimative Frage. Wenn wir uns anschauen, was jetzt gerade ist.

 

* Unter dem Begriff „Battle“ (von engl. battle: deutsch „Kampf“) versteht man im HipHop das Gegeneinander-Antreten in einem quasi sportlichen Wettstreit. Battles finden in allen Teilen der HipHop-kultur (Breakdance, Rap, Graffiti etc.) statt. Im Rap-Battle treten zwei MCs (Rapper) gegeneinander an und versuchen, sich durch musikalisches Können sowie durch möglichst einfallsreiche Beleidigungen des gegnerischen MCs zu übertrumpfen. Wie weit diese Beleidigungen gehen dürfen, ist auch szeneintern immer wieder Gegenstand hitziger Diskussionen.

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Robert Paschmann

Robert Paschmann ist Kulturwissenschaftler, hat als Dokumentarfilmemacher gearbeitet und berät heute Menschen in beruflichen und privaten Veränderungsprozessen und ist Trainer in der politischen Bildung und in Ausbildung zum Supervisor. Die buddhistische Lehre und Meditationspraxis ist wichtiger Bestandteil seines Lebens. Ihn interessiert die Verknüpfung von Kultur, Politik und Spiritualität. Seine Liebe für HipHop begleitet ihn dabei schon über 20 Jahre.
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