Hat die Natur Buddhanatur?

Die Erkenntnis der letzten „Natur“ aller Phänomene ist buddhistischer Vorstellung zufolge die Erkenntnis ihrer Leerheit, ihres Nicht-Wesens. Von daher kommen den Phänomenen auch keine Eigenschaften zu, die sie „haben“ könnten. Diese Sicht unterscheidet den Buddhismus ganz wesentlich von der großen Linie abendländischer Philosophie, wie Karl-Heinz Brodbeck in seinem Beitrag darlegt.

Ein Beitrag von Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck veröffentlicht in der Ausgabe 2018/3 lebendig unter der Rubrik SCHWERPUNKT Lebendig

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Das Verständnis von „Natur“ in der abendländischen Philosophie

Der Begriff „Natur“ ist in der abendländischen Tradition schillernd. Gewöhnlich denkt man dabei an die äußere, nicht von Menschen gemachte Natur. Die zugehörigen Wissenschaften heißen darum auch „Naturwissenschaften“. „Natur“ hat allerdings noch eine ganz andere, vorwiegend in der Philosophie gebrauchte Bedeutung, und es ist diese Bedeutung, die eine ganze Reihe von Missverständnissen ermöglicht. So ist es im westlichen Buddhismus durchaus gebräuchlich, von der „Natur des Geistes“ zu sprechen, wie ja auch die Buddhanatur verstanden wird als „Natur eines Buddha“. Hier bedeutet „Natur“ so viel wie Wesen. Die Natur einer Sache ist ihr Wesen. Darin verbirgt sich eine lange abendländische Tradition, allerdings eine, die man fast durchgängig auf Platon zurückführen kann. Wie der englische Philosoph Alfred North Whitehead sagte, besteht fast die gesamte abendländische Philosophie „aus Fußnoten zu Platon“.

Platon hat die These vertreten, dass alle erscheinenden Dinge von „innen“ in ihren Formen durch abstrakte Ideen bestimmt sind. Aristoteles und die mittelalterliche Philosophie haben diese Ideen dann als „Formen“ in die Dinge selbst verlegt. Darum heißt Erkennen im Abendland immer auch „abstrahieren“ (das heißt: herausziehen) von Formen aus den Phänomenen. Ideen oder Formen machen das Wesen der Dinge aus, sind also ihre Natur. In der Naturwissenschaft wird dieser Gedanke nur scheinbar nüchtern übersetzt. Dort sagt man: Die Naturphänomene werden durch Naturgesetze regiert. Diese Gesetze sind die „Ideen“ in der Moderne: Sie regieren die Natur von innen, als deren Wesen. Naturgesetze sind meist auch mathematisch-quantitativ formuliert. Auch darin ist noch Platons Spur erkennbar, denn Platon sagte, dass die höchsten Ideen eigentlich Zahlen sind.

Wenn man also von der „Natur des Geistes“ spricht, so bewegt man sich ganz in der platonischen Tradition. Dieses Denkmuster suggeriert: Hinter dem Geist gibt es noch so etwas wie ein „Wesen“, eine „Natur“ als seine Substanz. Das ist nun allerdings das exakte Gegenteil dessen, was im Buddhismus gelehrt wird. Die Madhyamaka-Philosophie von Nagarjuna ist dessen klarster Ausdruck. Sie besagt: Kein Phänomen besitzt eine Identität, eine innere Natur. Alle Phänomene sind leer. Das wird auch so ausgedrückt, dass die Phänomene weder durch eine Identität, ein Wesen, noch durch eine Substanz zu charakterisieren sind. „Substanz“ ist begrifflich in der abendländischen Philosophie fast immer gleichbedeutend mit „Natur“ einer Sache gebraucht worden. Wenn Nagarjuna als Kern des Madhyamaka sagt, dass allen Phänomenen eine Substanz (svabhava) fehlt, dass sie also leer an einem Selbst, einer Wesenheit, einer Identität sind, dann ist dies ein direkter Widerspruch zur großen Linie der abendländischen Philosophie.

 

 

Foto: Annie Spratt auf Unsplash

Der Schöpfergott ist kein Buddha

Es ist relativ leicht zu beobachten, dass alle Phänomene miteinander verschränkt sind, dass sie räumlich, zeitlich und situativ voneinander abhängen. Das „Wesen“ eines Phänomens ist immer seine Abhängigkeit von anderen Phänomenen, die ihrerseits wiederum abhängig sind und so weiter. Aristoteles hat versucht – und das wurde von Thomas von Aquin für das Christentum übernommen –, diese Abhängigkeit auf Kausalität, auf Ursache und Wirkung zu reduzieren, um dann zu sagen: Wenn man die Kette der Ursachen rückwärts durchläuft, also die kosmische oder irdische Evolution als Verkettung von Ursachen betrachtet, dann muss man notwendig bei einer ersten Ursache ankommen. Denn ohne Ursache keine Wirkung. Ginge die Reihe ins Unendliche, so hätte die Kette keinen Anfang und bliebe ohne jede Ursache. Folglich, so der Gedanke, gibt es eine erste Ursache.

Da die verursachten Dinge Formen haben, „Formen“ aber immer auch geistiger Natur sind, ist diese erste Ursache ein Geist: Gott. Die Natur aller Phänomene ist also, so gedeutet, letztlich ein schöpferischer Geist, der aber getrennt von allen Phänomenen, getrennt von der materiellen Natur existiert. Dieser Schöpfergott hat durch seine Ideen alle Phänomene hervorgebracht. Die empirische Welt „da draußen“ hat also letztlich eine göttliche Natur, nämlich „Kreatur“ des Kreators zu sein. Moderner gesagt: Die Natur wird von Naturgesetzen regiert; die Herkunft der Naturgesetze aber bleibt unbekannt – eine Hintertür für theologische Argumente.

Nun ist der Schöpfergott aber kein Buddha. Und die „Natur“ eines Buddha besteht nicht darin, wie ein Handwerker die Welt aus vorgängigen Ideen hervorgebracht zu haben. Die Buddhanatur (Tathagatagarbha) ist keine Substanz, keine Wesenheit, also – platonisch gedacht – gerade keine „Natur“. Die Buddhanatur ist die in allen Lebewesen stets latente Leerheit an einer Selbstsubstanz, ist kein Ich und ungetrennt von anderen Phänomenen. Sie ist weder in einer Kausalkette noch in Raum oder Zeit zu verorten; aber sie ist auch nicht vom Bewusstsein zu trennen, denn nur darin erscheinen die Phänomene: in der Offenheit des Bewusstseins. 

 

ENDE DER LESEPROBE

Foto: Annie Spratt auf Unsplash

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Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck

Karl-Heinz Brodbeck, Prof. Dr., ist Dharma-Praktizierender seit 35 Jahren; Mitglied des wissenschaftlichen Beirats im Tibethaus Frankfurt. Bis 2014 war er Professor für Volkswirtschaftslehre, Statistik und Kreativitätstechniken an der Fachhochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt und an der Hochschule für Politik an der Universität München. Er ist Autor zahlreicher Bücher.
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