„Ganz zugehörig und doch ganz wir selbst“

In seinen literarischen Sachbüchern fordert der Biologe und Philosoph Andreas Weber ein Ende der mechanistischen Vorstellung vom Leben. Denn, so erklärt er im Gespräch mit Ursula Richard: Das abendländische Experiment der Trennung und Beherrschung scheitert an der ökologischen Wirklichkeit und der Tatsache, dass wir zutiefst miteinander verbunden sind.

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Ein Beitrag von Dr. Andreas Weber veröffentlicht in der Ausgabe 2018/3 lebendig unter der Rubrik SCHWERPUNKT Lebendig Gespräche

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Ursula Richard: Sie haben einmal gesagt, dass all Ihre Bücher letztlich Bücher über die Liebe sind. Aus den Titeln wird das nicht unmittelbar erkennbar. Inwiefern schreiben Sie immer über die Liebe? 


Andreas Weber: Ich schreibe immer über die Liebe, weil die Quelle meines Schreibens immer so etwas wie ein Glück über das Sein ist. Ein ganz und gar selbst erlebtes Glück zu sein, anderes zu berühren, im Abendlicht glitzern zu sehen, in einer Geste der Lebendigkeit aus sich herauszutreten, sich zu verströmen, um anderes zu berühren, sich zu verwandeln. Ich erfahre die sinnliche Welt oft als ein großes Geliebtsein. Und ihre Schönheiten als ein Geschenk dieser Liebe. Oder als Sehnsucht, einen Funken weiterzugeben, die in mir wiederum eine spiegelbildliche Sehnsucht auslöst.

Ich möchte diese Konstellation verstehen und zugleich an ihr teilhaben. Ich glaube, dass sich in der Welt ein Begehrensprozess verwirklicht, ein Prozess des Begehrens, etwas zu geben: Erfahrung, Tiefe, Begegnung, Vollständigkeit, vermittelt durch das Tal der Trennung und der Individuation. Das klingt für mich sehr danach, wie auch Liebe sich entfaltet. Was ist Liebe für Sie? Lieben heißt für mich, auf je eigene Art und Weise in dieser Welt zu existieren.

Lieben heißt, Teil dieser Welt zu sein und sich derart als ihren Teil zu erfahren, dass wir zugleich produktiv Welt und produktiv Einzelner sein können. Und nur wenn wir diese Liebe verstehen, so glaube ich, können wir verstehen, wie die Liebe zu einem anderen Menschen gelingen kann. Das Rätsel der Liebe zu verstehen heißt also zu verstehen, wie es gelingen kann, ein eigenständiges Individuum zu sein, das sich zugleich ganz als Welt erfährt.

Wenn Sie davon sprechen, dass wir uns auch als eigenständige Individuen begreifen müssen, so sind wir doch gleichzeitig immer auch bedingt durch alles andere. Wie sehen Sie die Beziehung zwischen Eigenständigkeit und eben dieser Bedingtheit?

Die Beziehung zwischen dem Selbstsein und dem Sein, in dem ich durch alles andere bedingt bin oder dem Sein-als-Anderer, wie ich sagen würde, ist der springende Punkt. Ich möchte auf die Widersprüchlicheit hinweisen, die unserer Existenz zugrunde liegt und aus der wir unsere Lebensessenz beziehen – und mit der wir uns abquälen müssen. Wir können zugleich ganz wir selbst sein, in unserer einzigartigen Wahrheit und Individuation, und zugleich ist dieses Sein nur möglich, wenn wir es fundamental mit anderen teilen: mit den Wesen, die wir essen, mit den Wesen, deren liebender Blick uns unsere eigene psychologische Identität geschenkt hat. 


Ich möchte sogar sagen, dass ganzes, echtes, vollständiges Sein unmittelbar ins Teilen überfließt, in das Bedürfnis zu geben, Leben zu spenden, und dass umgekehrt dieses Teilen anderen Sein ermöglicht – und damit dem Ganzen, an dem wir alle teilnehmen. Was mir wichtig ist: In den meisten Systemen gibt es entweder das eine oder das andere – im Westen das Individuum, das evolutionär sich gegenüber anderen einzelnen behaupten muss, im Osten die große Leere des Ganzen. Das jeweilige Gegenteil wird dann als Illusion abgetan – hier die Verbundenheit, dort die Individualität und die mit ihr verbundene Lust und die dazugehörigen Schmerzen.


Wo siedeln Sie da Freiheit an? Inwiefern sind wir als Menschen frei und wo sehen Sie die Grenzen unserer Freiheit?


In meinen Augen ist Leben ein Freiheitsprozess – Organismen erschaffen ein Selbst, das sie in gewissen Grenzen unabhängig von den Regeln der Materie macht, aus der dieses Selbst aufgebaut ist. Lebewesen akzentuieren so den Drang zur Individuation und Autonomie, der jedoch vielleicht schon die einfachste Organisation von Materie und Energie kennzeichnet. Wenn wir nach der Freiheit fragen, müssen wir immer sehen, dass damit eher eine Sehnsucht als ein Faktum gemeint ist. 


Die Frage „Ist der Mensch frei?“, ist in meinen Augen ein Missverständnis. Sie ist so eine typische Dualismus-Frage. Sie suggeriert, dass es eine absolute Freiheit gäbe. Aber absolute Freiheit ist auch absolute Abgetrenntheit. Wir sind Teil eines Kosmos, eines Ganzen, des Einen, und stehen diesem nicht gegenüber. Darum sind wir nicht frei. Biologisch sind wir den Regeln unterworfen, nach denen unser Organismus sich gesund erhält. Zugleich aber gibt es unser Begehren nach Autonomie, nach Individuation. Ein Lebewesen zu sein ist dazu schon der erste Schritt: Die Materie fügt sich in Maßen den Regeln, die das Leben aufstellt.

Ein Vogel fliegt, obwohl er stofflich schwerer ist als Luft. Die Autonomie des Lebens ist darum „Notwendigkeit in Freiheit“, wie Friedrich Schiller gesagt hat. Man könnte auch formulieren: Sie ist das Ganze in möglichst vollständiger Individuation. Das war übrigens für Schiller die Erfahrung des Schönen – Notwendigkeit in Freiheit – und des Spiels. Ich denke, auch die Biosphäre spiegelt das wieder: Die Schönheiten der Ökosysteme, in denen Sonnenlicht zu Fleisch wird und Fleisch zur Nahrung der Pflanzen, folgen strengen Notwendigkeiten und sind doch Produkte der Freiheit. Daran teilzunehmen rührt uns – weil wir dann verstehen können, dass wir ganz zugehörig und doch ganz wir selbst zu sein vermögen.

"Wir brauchen eine neue Wirklichkeitssicht"

Ihr neues Buch hat den Titel Sein und Teilen. Der Titel erinnert natürlich an das Buch von Erich Fromm, Sein und Haben. War das beabsichtigt? Und wie verhält es sich denn mit dem Sein und dem Teilen? 


Erich Fromm gehört für mich zu den großen Weisen und Inspiratoren. Er fasst das Streben unserer Psyche als Drang zur Lebendigkeit auf und glaubt daran, dass wir heil sein können, indem wir uns diese Lebendigkeit gestatten – dazu brauchen wir immer andere und deren freie Lebendigkeit. Insofern ist es gut möglich, dass Fromms Buch in meinem eigenen Titel mitschwingt. Ich habe offen gestanden mehr an den Philosophen Martin Heidegger gedacht und dessen Buch Sein und Zeit. Das ist ein sehr einflussreiches Werk. Es machte Furore, weil darin unter anderem die Philosophie, die immer ein bisschen brainy ist, um den Aspekt der existentialistischen Erfahrung, des „Seins zum Tode“, der Begrenztheit, erweitert wurde.

Heidegger warf der Philosophie vor, das Sein vergessen zu haben. Ich wollte auch so eine neue Seite aufschlagen, indem ich sage: Wir reden über das Sein und vergessen, dass es nicht ein Sein ist, sondern ein Ganzes, das immer nur als Geteiltes vorkommt, das primär geteilt ist. Die Welt scheint ja gerade immer mehr aus den Fugen zu geraten. Reicht es da wirklich, mehr ins Sein zu kommen, um dann auch zu teilen und nicht immer nur festhalten und haben zu wollen? Wir brauchen eine ganz neue fundamentale Wirklichkeitssicht.

Wir sind mit unserem Latein am Ende, was wir daran merken, dass wir selbst ein planetarisches Massensterben ausgelöst haben. Wir merken es auch daran, dass eine unglaubliche neue Banalität regiert, aus der heraus sich immer weniger adäquat auf diese Herausforderungen antworten lässt. Diese neue Wirklichkeitssicht besteht darin zu begreifen, dass wir selbst nichts Solides, Monolithisches sind, sondern ein Begehren nach Ganzheit, das sich nur gemeinsam realisieren lässt. Im Grunde sehen wir, dass das abendländische Experiment der Trennung und Beherrschung, das im antiken Griechenland begonnen hat, an der Wirklichkeit scheitert, an der ökologischen Wirklichkeit.

Buchtipps

Andreas Weber: Sein und Teilen, Eine Praxis schöpferischer Existenz, transcript Verlag, Bielefeld 2017

Enlivement, Eine Kultur des Lebens, Versuch einer Poetik für das

Anthropozän, Matthes&Seitz, Berlin 2016

Lebendigkeit, Eine erotische Ökologie, Kösel-Verlag, München 2014


ENDE DER LESEPROBE 

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Dr. Andreas Weber

Andreas Weber ist Biologe und Philosoph Er hat über „Natur als Bedeutung. Versuch einer semiotischen Theorie des Lebendigen“ promoviert. Seit 1994 schreibt er für GEO, Merian, ZEIT, Frankfurter Allgemeine Zeitung, National Geographic mit Preisen ausgezeichnete Reportagen und Essays. Er lebt als Schriftsteller, Journalist, Dozent und Politikberater in Berlin und Italien.
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