Rechtes Verständnis

In Zeiten zunehmender sozialer Konflikte, Intoleranz und Verunsicherung erhalten die Lehren des Buddha zu sozialen, harmonischen Gesellschaftsformen eine neue Aktualität. Der buddhistische Mönch und Gelehrte Bhikkhu Bodhi beschreibt die Bedeutung von rechtem Verständnis oder rechter Anschauung als grundlegend für ein ethisches Verhalten und ein vertrauensvolles Miteinander.

© Ursula Baatz

Ein Beitrag von Bhikkhu Bodhi veröffentlicht in der Ausgabe 2018/02 Freiheit unter der Rubrik Buddhismus Heute

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Der Buddha lehrte, dass die „rechte Anschauung“ oder das rechte Verständnis Voraussetzung für den Weg der Befreiung ist. Er wies der „rechten Anschauung“ die Position des ersten Gliedes des edlen achtgliedrigen Heilsweges zu und erklärte, dass alle anderen Glieder des Heilsweges von der rechten Anschauung zum Ziel seiner Lehre, zur Auflösung allen Leidens, geführt werden. Doch für den Buddha ist die rechte Anschauung nicht nur auf dem Weg zur Befreiung die entscheidende Voraussetzung, sondern auch innerhalb des Kreislaufes der Wiedergeburten, wo es um Wohlbefinden und Glück geht. Denn es ist die rechte Anschauung, die die Notwendigkeit eines ethischen Verhaltens fordert. Die Art von rechter Anschauung, die für das moralische Leben wesentlich ist, wird manchmal „weltliche rechte Anschauung (lokiya-sammaditthi) oder die „rechte Betrachtung über die Verantwortung für seine Taten“ (kammassakata sammaditthi) genannt. Sie stützt sich auf die Prämisse, dass es eine objektive, transzendentale Grundlage für die Moral gibt, die unabhängig von menschlichen Urteilen und Meinungen ist. Während seines Erwachens entdeckte der Buddha dieses grundlegende Moralgesetz und leitete daraus die besonderen ethischen Leitlinien seiner Lehre ab. Auf der Basis dieser Entdeckung zeigte er, dass die Gültigkeit moralischer Wertungen Teil des kosmischen Geschehens ist. Urteile können demzufolge als richtig oder falsch, Handlungen als gut oder böse erkannt werden, da es ein moralisches Gesetz gibt, das genauso wirksam, genauso universell anwendbar ist, wie die Gesetze der Physik oder der Chemie. Als moralisch Handelnde können wir deshalb unsere Taten nicht einfach mit dem Hinweis auf unsere Vorlieben rechtfertigen, noch können wir unser Wohlbefinden sichern, indem wir uns von unseren Vorlieben leiten lassen. Im Gegenteil, um wahres Wohlbefinden zu erreichen, müssen wir uns im Einklang mit dem moralischen Gesetz befinden, welches der Dhamma selbst ist, das fundamentale Prinzip von Wahrheit und Güte, das gültig ist, egal, ob es von einem Buddha entdeckt und verkündet wird. 

 

Unsere Taten erschaffen unser Kamma 

Die rechte Anschauung bestätigt, dass unsere absichtlichen, moralischen Handlungen Konsequenzen haben, die uns entweder Glück oder Leid bescheren. Unsere Taten erschaffen unser Kamma (karma), eine Kraft, die das Potenzial hat, Resultate hervorzubringen, die der ethischen Qualität der ursprünglichen Handlung entsprechen. Das Kamma bringt „Früchte“ zur Reife, die die Vergeltung der Taten sind, aus denen sie hervorgegangen sind. Es ist das Grundprinzip von Kamma, dass gute Taten erstrebenswerte Früchte hervorbringen, die zu Wohlstand und Glück führen, während schlechte Taten unerwünschte Früchte hervorbringen, die zu Unglück und Leiden führen. So gesehen sind die Ergebnisse unserer willentlichen Taten keineswegs auf ihre sichtbaren Konsequenzen, auf die lebensnahen Ketten von Ursache und Wirkung beschränkt. Es gibt ein unsichtbares Prinzip der moralischen Ursachen, das sich hinter dem sichtbaren Geschehen abspielt und das im Laufe der Zeit, über kurz oder lang, unsere Handlungen auf uns zurückfallen lässt und unser Schicksal entscheidet, in diesem oder in zukünftigen Leben. 

© Ursula Baatz

Drei irreführende Anschauungen 

Der Buddha stellt der rechten Anschauung über die Wirksamkeit von Kamma drei Arten von falscher Anschauung gegenüber, die von ikonoklastischen Denkern seiner Zeit vertreten wurden. Eine Art falscher Anschauung, die so genannte Doktrin des moralischen Nihilismus (natthikavada), leugnet jegliches Weiterleben nach dem Tod und behauptet, es gäbe keine Früchte unserer guten oder schlechten Taten. Mit dem Tod werden sowohl die Törichten als auch die Weisen ausgelöscht und es bleibt lediglich ein physischer Leichnam zurück. Eine zweite Art von falscher Anschauung, die Doktrin des Nichthandelns (akiriyavada), leugnet jegliche Basis für moralische Unterscheidungen. Von denen, die entsetzliche Taten begehen, wie Abschlachten und Foltern von Menschen, kann nicht behauptet werden, dass sie etwas Falsches tun. Von den anderen, die großzügig geben und die Hilflo- sen beschützen, kann ebenso wenig behauptet werden, dass sie richtig handeln. Die Unterscheidung von bösen und verdienstvollen Taten ist ein völlig subjektives menschliches Denkkonstrukt, folglich sind moralische Beurteilungen reine Projektionen persönlicher Meinungen. Die dritte Art falscher Anschauung, die sogenannte Doktrin der nicht existenten Kausalität (ahetukavada), behauptet, dass es keine Ursache, keinen Grund für die Unreinheit der Wesen gibt, ebenso wenig wie es eine Ursache, einen Grund für die Läuterung der Wesen gibt. Wesen werden ohne Grund unrein oder rein. Sie haben keinen moralischen Handlungsspielraum, der es ihnen ermöglicht, ihr eigenes Los in die Hand zu nehmen, sondern sie werden vom Schicksal, den Umständen oder der Natur zu ihren Handlungen gezwungen. 

 

Moralische Urteile sind nicht willkürlich 

Die Antwort des Buddha auf diese drei Arten falscher Anschauung war die ausführliche Darlegung der rechten Anschauung. Er lehrte, dass die persönliche Identität den körperlichen Tod überlebt und dass die Gestalt, die wir in jeder Existenz annehmen, von unserem Kamma bestimmt wird. Die Lebewesen durchlaufen eine anfangslose Kette von Wiedergeburten und ernten jeweils die Früchte ihrer guten und schlechten Taten. Die Tatsache, dass unsere Handlungen auf uns zurückfallen, ist ein starker Ansporn, Böses zu lassen und Gutes zu tun. 

 

Auszüge aus: Die Lehren des Buddha zu einer sozialen und harmonischen Gesellschaft, eine Lehrreden-Anthologie aus dem Pali-Kanon, Herausgegeben und vorgestellt von Bhikkhu Bodhi. Verlag Beyerlein & Steinschulte, 2018. 



ENDE DER LESEPROBE

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Bhikkhu Bodhi

BHIKKHU BODHI ist buddhistischer Mönch US-amerikanischer Nationalität, geboren in New York City im Jahre 1944. Nach Promotion im Fach Philosophie an der Claremont Graduate School ging er nach Sri Lanka um dem Saṅgha beizutreten. Sein Noviziat begann 1972, 1973 wurde ihm die höhere Ordination zu teil. Beides geschah unter dem bekannten Mönchsgelehrten, dem ehrwürdigen Balangoda Ānanda Maitreya, mit dem er Pāli und den Dhamma studierte. 1975 zog er zu Nyānaponika Mahāthera in die Forest Hermitage bei Kandy. 2002 kehrte er in die USA zurück und lebt und lehrt seither im Bodhi Monastery und Chuang Yen Monastery. Er ist Autor mehrerer Arbeiten über den Theravāda-Buddhismus, darunter Neu-Übersetzungen großer Teile des Suttapiṭaka und der zugehörigen Kommentare. Er war langjährig Redakteur und Präsident der Buddhist Publication Society. Bhikkhu Bodhi ist Gründer und Vorsitzender des Buddhist Global Relief.
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