Sexualität, Erleuchtung und der buddhistische Weg

Der Indologe Peter Gäng zeigt, welch unterschiedliche Sichtweisen es in Bezug auf die rolle und Bedeutung der Sexualität auf dem buddhistischen Weg gibt, und verdeutlicht, dass nicht alles, was sich in 2500 Jahren innerhalb des Buddhismus entwickelt hat, für uns heute wertvoll und nachahmenswert sein kann.

Vajrasattva

Ein Beitrag von Peter Gäng veröffentlicht in der Ausgabe 2017/4 unter der Rubrik SCHWERPUNKT Erleuchtung

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Einige Bemerkungen vorweg: Man hört des Öfteren, in einzelnen Zweigen der tibetischen tantrischen Tradition sei es nicht unüblich, dass ein spiritueller Meister eine sexuelle Beziehung mit Schülerinnen habe. Diese Beziehung diene nicht zuletzt auch der spirituellen Entwicklung dieser Schülerinnen. Tatsächlich sind sexuelle Beziehungen spiritueller Meister im tantrischen Buddhismus ein Thema; davon, dass sie den Frauen oder Mädchen über das gute Karma, das sie sich damit angeblich schaffen, hinaus nützen würden, kann allerdings keine Rede sein. Vielmehr diente die sexuelle Aktivität (wenn sie denn überhaupt eine spirituelle Dimension hatte) eher dem Erwerb magischer Kräfte durch den Meister. Im indischen Kontext ist in der Überlieferung von möglichst jungen Mädchen aus den niedersten Schichten die Rede. Ähnliches gilt wohl auch für die tibetische Feudalgesellschaft. Dass dies kein Vorbild für buddhistische Gruppierungen in abendländischen Gesellschaften sein kann, ist offensichtlich. Gleichwohl lassen sich unter „sexual abuse buddhism“ und „sexual abuse tantric buddhism“ (oder entsprechend „sexueller Missbrauch [tantrischer] Buddhismus“) im Internet beliebig viele Beispiele dafür finden, dass auch der westliche Buddhismus nicht frei von sexuellem Missbrauch ist. Es gibt aber im tantrischen Buddhismus auch eine Tradition, in der sexuelle Beziehungen zwischen Yoginis und Yogis auf einer gleichberechtigten Ebene wichtig sind. Hierzu später mehr.

Welche Rolle Sexualität auf dem Weg des Erwachens spielt oder spielen kann, ist im Buddhismus keineswegs eindeutig. Grob lassen sich mehrere Überlieferungsstränge unterscheiden:

1. Für Mönche (und Nonnen) gilt prinzipiell, dass ihnen sexuelle Aktivitäten untersagt sind. Was damit genau gemeint ist, wird in den Ordensregeln definiert, und ernste Verstöße werden mit dem Ausschluss geahndet.

2. Für Yoginis und Yogis (die vorwiegend dem Mahayana angehören) gilt diese Einschränkung nicht. Hier gibt es sowohl Traditionen, in denen die Sexualität ignoriert wird oder als zu überwinden gilt, als auch solche, in denen sie in die spirituelle Praxis einbezogen wird.

3. Der tantrische Buddhismus sieht die Sexualität als ein wichtiges Element der spirituellen Praxis an. Dabei gibt es auch wieder mehrere Zweige, die sich als partnerschaftlich, magisch und instrumentell charakterisieren lassen.

 

 

Auf die Qualität der Meditation kommt es an | © andrewscater

 

Wenn wir den Palikanon als die älteste Überlieferung der Lehren des Buddha nehmen, dann scheint es so, dass sexuelles Verlangen oder Lustverlangen (raga oder lobha, meist mit „Gier“ übersetzt) als die Hauptquelle allen Leidens gilt (neben Abneigung und Verblendung). Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn wir uns die Achtsamkeitspraxis, wie sie in den Lehrreden beschrieben wird, anschauen und dabei erkennen, dass schon die Körperachtsamkeit die Betrachtung der Ekelhaftigkeit wichtiger Teile und Bereiche des Körpers beinhaltet und dass die Interpretation, es gehe zentral um die Überwindung des sexuellen Begehrens, bis in die Gegenwart lebendig ist. Unterstützt wird dies durch wichtige Zweige der Überlieferung von den Pali-Kommentaren über Texte, die aus anderen Zweigen der alten Überlieferung stammen, bis hin zu Mahayana-Texten. So gibt es in einem Sanskrittext, der sich ausdrücklich auf eine Lehrrede zur Achtsamkeit beruft, ein Kapitel über die Ekelhaftigkeit berauschender Getränke, gefolgt von einem Kapitel über die Ekelhaftigkeit von Frauen. Und ein Lehrbuch des im Mahayana hoch geehrten Shantideva hebt die Wichtigkeit der Körperachtsamkeit ausdrücklich hervor, weist eindringlich darauf hin, dass sie nicht zuletzt der Realisierung der Ekelhaftigkeit des Körpers dient, und widmet der Verteufelung (im Wortsinn) der Sexualität eine ausführliche Darstellung, in der darauf hingewiesen wird, dass jegliche sexuelle Aktivität unweigerlich zur Wiedergeburt in einer der zahlreichen buddhistischen Höllen führe. Es sei daran erinnert, dass auch in der christlichen Tradition die Körper- und Frauenfeindlichkeit immer wieder eng verknüpft war mit dem Missbrauch von Frauen und Mädchen.

Sexualität und Achtsamkeit

Aber schon die Pali-Überlieferung ist keineswegs so eindeutig, wie sie erscheint. Zum einen heißt es in einer Darstellung der drei Hauptursachen des Leidens (Lustverlangen, Hass/Abneigung und Verblendung), dass Lustverlangen am schwersten zu überwinden, aber auch am wenigsten schlimm sei; darüber hinaus ist öfter davon die Rede, dass auch Frauen und Männer (natürlich nicht Nonnen und Mönche!), die sich der Erotik/Sinnlichkeit hingeben, auf dem Weg zur Erleuchtung eine Stufe erreichen können, von der aus sie nicht mehr zurückfallen werden. Und noch ein weiterer Punkt erscheint mir hier wichtig. Bei der Darstellung der Körperachtsamkeit im Rahmen der Achtsamkeitspraxis als der zentralen buddhistischen Methode ist schon in der Pali-Überlieferung eine Überschrift „Betrachtung der Ekelhaftigkeit des Körpers“ eingefügt worden (sie ist in den Textausgaben auch als Einschub kenntlich gemacht), bevor dann alle möglichen Bestandteile des Körpers in die Achtsamkeit einbezogen werden (unter anderem Haare, Zähne, Fleisch Knochen, Magen, Kot, Urin). Zur Erläuterung wird dann ein Gleichnis angeführt:

„Gleichwie als wäre da ein auf beiden Seiten offener Korb, gefüllt mit verschiedenen Arten von Korn, wie Hülsenreis des Hoch- und Tieflands, verschiedenen Bohnen, Sesamkörnern und enthülstem Reis. Den öffnet ein scharfsichtiger Mann und betrachtet alles gründlich: ‚Dies ist Hülsenreis des Hoch- und Tieflands, dies sind verschiedene Bohnen, Sesamkörner und enthülster Reis.‘“

Es werden hier also zum Vergleich lebenswichtige Dinge angeführt, die man nun wahrlich nicht als ekelhaft ansehen kann. Noch wichtiger scheint mir, dass in der Lehrrede auch die alltäglichen körperlichen Aktivitäten in die Praxis der Achtsamkeit einbezogen werden:

„Beim Gehen und Kommen handelt ein Mönch klar erkennend; beim Hinsehen und Wegsehen handelt er klar erkennend; beim Beugen und Strecken handelt er klar erkennend; beim Tragen der Gewänder und der Schale handelt er klar erkennend; beim Essen, Trinken, Kauen und Schmecken handelt er klar erkennend; beim Ausscheiden von Kot und Urin handelt er klar erkennend; beim Gehen, Stehen, Sitzen, Schlafen, Wachen, Reden und Schweigen handelt er klar erkennend.“

Da sich diese Lehrrede in ihrer überlieferten Form an Mönche richtet, überrascht es nicht, dass in der Aufzählung viele Aktivitäten nicht vorkommen, unter anderem auch sexuelle Handlungen. Es liegt aber nahe, dass dies bei praktizierenden Yoginis und Yogis anders war. Sofern sie sexuelle Beziehungen hatten, spricht alles dafür, dass sie diese in die Achtsamkeit einbezogen haben.

 

ENDE DER LESEPROBE

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Peter Gäng

Peter Gäng, studierte Indologie, Philosophie und Sozialwissenschaften, promovierte in Philosophie über buddhistische Hermeneutik. Mitbegründer der Buddhistischen Akademie Berlin Brandenburg. Lebt und arbeitet als Autor und Lektor in Berlin. Kontakt über den Buddhistischen Studienverlag.
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